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Wissenschaftlicher Konsens: Nein, das biologische Geschlecht ist nicht binär

„Es gibt nur Mann oder Frau. Penis oder Vagina. Alles andere ist Spinnerei oder Mutationen“. Ein Standpunkt, den man so oder ähnlich sehr häufig liest. Doch ist es wirklich so einfach? Nein, denn das biologische Geschlecht ist weitaus komplexer!

Ralf Nowotny, 21. Juli 2022
Wissenschaftlicher Konsens: Nein, das biologische Geschlecht ist nicht binär
Artikelbild: pexels

Erst kürzlich brandete die Geschlechter-Thematik wieder auf, als an der Humboldt-Universität ein Vortrag mit dem Titel „Warum es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt“ aus Sicherheitsgründen abgesagt und später nachgeholt wurde. Die Biologin ist mit ihrer Ansicht nicht alleine, auch der Wissenschaftler James Lyons-Weiler schlägt mit einem seiner jüngsten Artikel namens „Die Biologie des Sex ist digital“ in dieselbe Kerbe: Es gibt nur zwei biologische Geschlechter, basta.
Diese Ansicht ist sehr verbreitet und war vor Jahrzehnten auch mal richtig, doch die Wissenschaft ist seitdem schon sehr viel weiter, denn tatsächlich ist es so: Das biologische Geschlecht ist nicht binär.

Das Geschlecht ist bimodal

Aber es gibt doch nur Penis oder Vagina!“ – Richtig. Es gibt auch Menschen, die mit beiden primären Geschlechtsorganen geboren werden (was wieder ein anderes Thema ist), aber grundsätzlich stimmt es, dass es keinen dritten, sexuellen Archetyp gibt, kein drittes primäres Geschlechtsorgan.

Es gibt also zwei Pole, männlich und weiblich. Die meisten Menschen neigen dazu, sich aufgrund ihres Körperbaus und ihrer Geschlechtsorgane streng zu einem der Pole zu zählen: Mann oder Frau. Oberflächlich betrachtet stimmt also die Behauptung, dass das Geschlecht binär ist: schwarz oder weiß, Null oder Eins, Frau oder Mann.

So einfach ist es allerdings nicht, denn das würde bedeuten, dass die beiden Pole sich nicht überschneiden und absolut eindeutig sind, was allerdings nicht der Fall ist: Es gibt sehr wohl eine Menge Überschneidungen, weswegen das Geschlecht nicht binär, sondern bimodal ist, also eine sehr breite Skala zwischen den beiden Polen ist.

Die geschlechtsrelevanten Merkmale

Um das biologische Geschlecht zu definieren, genügen nicht einfach nur die primären Geschlechtsorgane, da sehr viel mehr Faktoren mitspielen, die eben nicht einfach mit einem Blick erkennen kann. Einige Punkte davon sind eindeutig auch für den Laien biologischer Natur, andere Punkte weniger, doch wir werden auf die einzelnen Punkte noch genauer eingehen.

Die Merkmale sind:

  • Das genetische Geschlecht
  • Das morphologische Geschlecht (Fortpflanzungsorgane, äußere Genitalien, Geschlechtszellen)
  • Die sexuelle Orientierung
  • Die Geschlechtsidentität (wie man das eigene Geschlecht versteht und empfindet)
  • Der Geschlechtsausdruck (wie man das eigene Geschlecht nach außen ausdrückt)
  • Das genetische Geschlecht

Klar, das dürfte für viele einfach sein und wird auch sehr häufig in Diskussionen genannt: Frauen haben XX-Chromosomen, Männer haben XY-Chromosomen. Diskussion beendet, alles klar, es gibt also nur zwei Geschlechter. Oder?

Naja, so einfach ist es dann doch nicht: Es gibt nämlich noch viel mehr Muster, beispielsweise XXY, XYY und XXX, es gibt auch Menschen, die ein ganzes Mosaik dieser Variationen aufweisen, bei denen manche Zellen XX-Chromosomen und andere Zellen XY-Chromosomen haben – würde man versuchen, diese Menschen mit Zellproben zu identifizieren, bekäme man jedes Mal ein anderes Ergebnis.

Es kommt noch hinzu, dass es auch Gene gibt, die gar nicht auf den Geschlechtschromosomen sitzen, aber trotzdem an den Geschlechtsmerkmalen beteiligt sind und sogar im Laufe des Lebens drastisch variieren können. John Achermann, der sich am Institut für Kindergesundheit des University College London mit Geschlechtsentwicklung und Endokrinologie befasst, charakterisiert die Situation folgendermaßen:

„Ich denke, es gibt eine viel größere Vielfalt innerhalb von männlich oder weiblich, und es gibt sicherlich einen Überschneidungsbereich, in dem sich manche Menschen nicht so einfach in die binäre Struktur einordnen können.“

John Achermann: Sex Redefined: The Idea of 2 Sexes Is Overly Simplistic

Aber die Gene alleine bilden nicht das biologische Geschlecht ab, da noch eine Vielzahl epigenetische Faktoren eine Rolle spielen, beispielsweise der Hormonspiegel in verschiedenen Entwicklungsstadien oder die Empfindlichkeit der Hormonrezeptoren.

So gibt es beispielsweise XY-Frauen, die chromosomal männlich sind, sich aber aufgrund einer Androgeninsensitivität überwiegend oder vollständig weiblich entwickeln. Es gibt im Wesentlichen Frauen, die keine Ahnung haben, dass sie XY-Chromosomen haben.

  • Das morphologische Geschlecht (Fortpflanzungsorgane, äußere Genitalien, Geschlechtszellen)

Das sieht auch erstmal nach einem Gewinn für die Vertreter des binären Geschlechts aus: Es gibt nur Eierstöcke, Gebärmutter und Vagina bei Frauen und Hoden, Prostata und Penis bei Männern. Auch die Keimzellen sind streng binär: Eizelle oder Samenzelle. Thema damit also erledigt? Nicht ganz…

Es gibt beispielsweise den echten Hermaphroditismus, der sich durch das Vorhandensein von sowohl testikulärem als auch ovariellem Gewebe charakterisiert, Ovotestis genannt. Bei diesen Menschen ist das äußere Geschlechtsmerkmal tendenziell männlich, oft aber auch weiblich oder gar nicht erkennbar, und sie können sowohl Spermien, als auch Eizellen produzieren, wobei die weibliche Fruchtbarkeit möglich, die männliche Fruchtbarkeit unwahrscheinlich ist.

Davon aber mal abgesehen, sieht alles recht binär aus, oder? Nicht so ganz, und das hängt mit der Entwicklung der Geschlechtsorgane zusammen, denn diese sind nicht so eindeutig binär, wie es erst den Anschein hat, sondern auch bimodal.

In der körperlichen Entwicklung ist der Penis das männliche Gegenstück zur weiblichen Klitoris. Beide variieren erheblich in der Größe, so kann ein Penis sehr klein und eine Klitoris ungewöhnlich groß sein – und es kommt auch gelegentlich vor, dass sie sich während der Entwicklung „in der Mitte“ treffen und als „zweideutige Genitalien“ bezeichnet werden. Andererseits können bei manchen Frauen die Schamlippen teilweise zu einem Hodensack verschmolzen sein.

Und solche Umstände sind gar nicht mal so ungewöhnlich. Erschreckend ist dahingehend eher, dass es dadurch sehr viele „korrigierende Genitaloperationen“ von Säuglingen gab, von denen viele vielleicht gar nichts wissen – die beispielsweise aufgrund einer Zweideutigkeit halt operativ einen Penis bekamen, aber eigentlich eine Frau sind. Welche Eltern erzählen das denn ihren Kindern?
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2000 ergab:

„Wir haben die medizinische Literatur von 1955 bis heute nach Studien über die Häufigkeit von Abweichungen von der idealen männlichen oder weiblichen Form durchsucht. Wir kommen zu dem Schluss, dass diese Häufigkeit bei bis zu 2 % der Lebendgeburten liegen kann. Die Häufigkeit von Personen, die eine „korrigierende“ Genitaloperation erhalten, liegt jedoch wahrscheinlich zwischen 1 und 2 pro 1.000 Lebendgeburten (0,1 – 0,2 %)“

How sexually dimorphic are we? Review and synthesis

0,1 – 0,2 Prozent – das ist doch vernachlässigbar, oder? Vielleicht, wenn es die einzige Untersuchung wäre, doch gemäß einem Bericht aus dem Jahr 2015 wird der Anteil mittlerweile auf 1,7 % geschätzt. Das ist so viel wie der Anteil der Rothaarigen in der Weltbevölkerung (1 – 2 %).

  • Die sexuelle Orientierung

Darüber wird erstaunlicherweise immer noch häufig diskutiert, und immer noch gibt es beispielsweise in den USA religiöse „Umerziehungszentren“, die Homosexualität als Geisteskrankheit ansehen, die mit pseudo-psychologischer Behandlung „geheilt“ werden kann.

Der aktuelle Konsens der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist jedoch, dass Menschen im Allgemeinen mit ihrer sexuellen Orientierung geboren werden, auch wenn diese erst in der Pubertät voll ausgeprägt ist.

„Verschiedene biologische Faktoren – einschließlich pränataler Hormone und spezifischer genetischer Profile – tragen wahrscheinlich zur sexuellen Orientierung bei, auch wenn sie nicht die einzige Ursache sind. Wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass biologische und nicht-soziale Umweltfaktoren die sexuelle Orientierung gemeinsam beeinflussen.

Sexual Orientation, Controversy, and Science

Manche Menschen glauben trotzdem noch, dass Homosexualität eine Wahl oder ein Produkt sozialer Einflüsse, vielleicht sogar eine psychische Störung oder Pathologie sei. Jahrelange Forschung hat zu dem Schluss geführt, dass die sexuelle Orientierung der Menschen einfach fließender ist als die alten, streng binären Konzepte. Menschen sind heterosexuell, homosexuell, bisexuell, pansexuell (romantische Gefühle sind unabhängig von Geschlecht oder Gender), asexuell und alles dazwischen.

Die sexuelle Orientierung ist jedoch eine Gehirnfunktion, die weitgehend von Genen, Hormonen, Rezeptorsensibilität und anderen epigenetischen Faktoren bestimmt wird, die alle die Entwicklung und Physiologie des Gehirns beeinflussen. Somit macht es Sinn, die sexuelle Orientierung auch als einen Aspekt des biologischen Geschlechts zu betrachten.

„Die derzeitigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die sexuelle Differenzierung des menschlichen Gehirns während der fötalen und neonatalen Entwicklung stattfindet und unsere Geschlechtsidentität programmiert – unser Gefühl, männlich oder weiblich zu sein, und unsere sexuelle Orientierung als hetero-, homo- oder bisexuell.“

Neurobiologe Dick F. Swaab: Sexual orientation and its basis in brain structure and function
  • Die Geschlechtsidentität (wie man das eigene Geschlecht versteht und empfindet)

Die Geschlechtsidentität ist noch längst nicht so gut erforscht wie die sexuelle Orientierung, aber was wir bisher wissen, deutet stark darauf hin (genau wie in den vergangenen Jahrzehnten bei der sexuellen Orientierung), dass Menschen im Wesentlichen mit ihrer Geschlechtsidentität geboren werden.

Viele Menschen, die sich als transsexuell bezeichnen, kannten ihre Geschlechtsidentität schon in jungen Jahren, ähnlich wie bei der sexuellen Orientierung. Es liegt nahe, dass die Geschlechtsidentität auch ein Gehirnphänomen ist und daher nur ein weiterer Aspekt des biologischen Geschlechts.

Die Geschlechtsidentität scheint überhaupt nicht binär zu sein und lässt sich nicht einmal so klar in Kategorien einteilen wie die sexuelle Orientierung. Was wir wissen, ist, dass ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung sich nicht mit dem Geschlecht identifiziert, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde.

Bitte was? „Das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde“? Ist Geschlecht auf einmal eine Meinung? So kontrovers dies auch klingt, aber: Ja, so ist es. Das Geschlecht wird bei der Geburt ausschließlich (in den meisten Fällen – es sei denn, es wurde aus irgendeinem Grund ein Gentest durchgeführt) anhand der Untersuchung der äußeren Genitalien zugewiesen. Und wie wir oben bereits erläuterten: So einfach ist das nicht.

Wir wissen an dieser Stelle nun, dass die äußeren Genitalien bei der Geburt nicht zu 100 % das biologische Geschlecht bestimmen, dass sich manche Aspekte erst in der Pubertät zeigen, dass es auch äußerlich eindeutige Frauen mit XY-Chromosomen gibt. Auch sekundäre Geschlechtsmerkmale zeigen sich erst später: Es gibt Frauen mit starker Brustbehaarung und kleinen Brüsten, es gibt Männer mit Brüsten.

In der Praxis hat also jemand, der trans (oder nicht-binär oder queer) ist, keine Geschlechtsidentität, die traditionell mit seinen äußeren Genitalien übereinstimmt (wie es kurz nach der Geburt offensichtlich ist). Das ist nicht anders als bei Menschen, die eine sexuelle Orientierung haben, die nicht traditionell mit ihren äußeren Genitalien übereinstimmt.

  • Der Geschlechtsausdruck (wie man das eigene Geschlecht nach außen ausdrückt)

Dies wird der kürzeste Abschnitt, aber auch nur deshalb, weil er eng mit der Geschlechtsidentität zusammenhängt: Wer sich mit einem bestimmten Geschlecht identifiziert, drückt sich zumeist auch nach außen hin so aus.

Eine eigene Erwähnung ist aber trotzdem notwendig und interessant, da wir dafür kurz einen Blick in die Tierwelt werfen werden: Da der Geschlechtsausdruck so stark bei Menschen kulturell geprägt ist, ist es schwierig, die Geschlechtsidentität eines Tieres wissenschaftlich zu untersuchen.

Homosexualität gibt es bei so ziemlich jeder Tierart, die beobachtet wird, und zwar in ähnlichem Ausmaß. Bei einigen (z. B. Bonobos) ist der Anteil an homo- und bisexuellem Verhalten extrem hoch. Jedoch besitzen Tiere eher weniger eine kulturelle Ausprägung, also kann man beispielsweise nicht beobachten, ob ein homosexuelles Schimpansenmännchen sich weiblicher verhält (was aber auch nicht zwingend sein müsste).

Sind also Tiere „wirklich“ homosexuell, wenn sie sich mit dem eigenen Geschlecht vergnügen, aber man nicht ihren Geschlechtsausdruck beobachten kann? Nein, die Frage ist unsinnig, da man schon beispielsweise sehr oft Schwäne beobachten konnte, die sich nur vom eigenen Geschlecht angezogen fühlen. Und ohnehin sind strenge Geschlechterrollen vielen Tieren egal:

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Fazit

Was ist der praktische Unterschied zwischen bimodal und binär? Warum sollte die Sexualität in irgendeiner Weise von einer Minderheit definiert werden? Aber das geht am eigentlichen Thema vorbei, nämlich der Frage, wie wir über diese Minderheit denken – sind sie Teil der biologischen Vielfalt? Oder können wir sie aus der Existenz herausdefinieren? So wie viele Rothaarige als Hexen und Hexer „herausdefiniert“ wurden?

Ein objektiver Blick auf sämtliche bisherigen Erkenntnisse zeigt auf, dass der Mensch sexuell dimorph und bimodal ist, aber dass das biologische Geschlecht viel komplizierter ist, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, und nicht streng binär ist.

Es ist noch viel Forschungsarbeit nötig, um das Phänomen der Transsexualität bzw. der nicht-binären Geschlechter vollständig zu verstehen. Variationen der Geschlechtsidentität sind auch nur eine weitere Form der biologischen Geschlechtsvariabilität, und es gibt noch kein einheitliches System, das gesamte biologische Geschlecht zu kategorisieren.

Klar ist jedoch: Das biologische Geschlecht ist weitaus mehr als nur binär. Das binäre System zerbricht an der Vielfältigkeit der Mitte.

Weitere Quelle: Science-Based Medicine

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