Verlieh Selenskyj einem Neonazi den Titel „Held der Ukraine“?

Ein Sharepic kursiert mit der Behauptung, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj einen führenden Rechtsextremen ausgezeichnet habe. Doch die Fakten zeigen ein komplexeres Bild.

Die Behauptung

Wolodymyr Selenskyj habe 2021 einem Neonazi – Dmytro Kotsiubajlo, einem Kommandeur des „Rechten Sektors“ – den Titel „Held der Ukraine“ verliehen. Dies sei ein Beweis für die „Nazifizierung“ der Ukraine.

Irreführend

Die Darstellung ist irreführend. Kotsiubajlo war Kommandeur einer spezifischen Einheit innerhalb des Freiwilligenkorps „Rechter Sektor“, nicht der gesamten Organisation. Seine Einheit distanzierte sich von Neonazismus, doch seine Herkunft aus dem rechten Milieu macht ihn zur idealen Figur für russische Propaganda. Der Vorwurf, Selenskyj ehre Neonazis, entspricht vor allem der Kreml-Erzählung, die den Krieg gegen die Ukraine rechtfertigen soll.

Kurze Faktenübersicht:

  • Dmytro Kotsiubajlo („Da Vinci“) war ein ukrainischer Freiwilligenkommandeur, der ab 2014 gegen prorussische Separatisten kämpfte.
  • Er war Kommandeur der „Da Vinci Wolves“, einer Einheit innerhalb des Freiwilligenkorps „Rechter Sektor“ – er leitete nicht die gesamte Organisation.
  • Das Freiwilligenkorps „Rechter Sektor“ (DUK PS) war eine militärische Einheit, die als ultranationalistische Miliz galt, innerhalb einer größeren politischen Bewegung. Der oberste Kommandeur war Andrij Stempizky, nicht Kotsiubajlo.
  • Der „Rechte Sektor“ gliederte sich später in die ukrainische Armee ein.
  • Kotsiubajlo grenzte sich von Neonazismus ab, wurde aber von russischer Propaganda als „Neonazi“ dargestellt, um die Ukraine zu delegitimieren.
  • Selenskyj zeichnete ihn 2021 als ersten Freiwilligen zu Lebzeiten mit dem Titel „Held der Ukraine“ aus – offiziell für seinen militärischen Einsatz.
  • Die Vorwürfe gegen Selenskyj sind Teil der russischen Kriegspropaganda, die die Ukraine als „nazifiziert“ darstellt, um die Invasion zu rechtfertigen.
  • Die berühmte „Wolf-Äußerung“ Kotsiubajlos war ein sarkastischer Kommentar, der von pro-russischen Medien bewusst aus dem Kontext gerissen wurde.
→Wie wird Desinformation in Konflikten eingesetzt? Antworten finden Sie im Leitfaden Krieg & Konflikt-Desinformation.

Aktuell kursiert ein Sharepic, das Präsident Selenskyj bei der Übergabe einer Auszeichnung zeigt. Der Text zum Bild soll suggerieren, dass Selenskyj mit Rechtsradikalen oder Neonazis paktiert bzw. sie sogar auszeichnet. Dies wiederum schlägt in die Kerbe, dass die Ukraine nazifiziert sei und entnazifiziert werden solle, was ja als Vorwand für den Angriffskrieg durch Russland diente.

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Screenshot des Sharepics
Screenshot des Sharepics

„Ukrainisches Parlament, Kiew 01.12.2021: Wolodimir Selenskij veleiht Dmitro Kozjubailo, Kommandeur der faschistischen Organisation „Rechter Sektor“, den Titel „Held der Ukraine“

Dmytro Kotsiubajlo: Vom Euromaidan-Kämpfer zum Freiwilligenkommandeur

Dmytro Kotsiubajlo (*1995), bekannt als „Da Vinci“, kämpfte bereits als Jugendlicher während der Euromaidan-Proteste 2013/14 gegen das prorussische Regime von Wiktor Janukowytsch. Nach Beginn des Kriegs in der Ostukraine 2014 trat er dem Ukrainischen Freiwilligenkorps „Rechter Sektor“ (DUK PS) bei – einer nationalistischen Miliz, die unabhängig von der regulären Armee operierte.

Er wurde Kommandeur der 1. Sturmkompanie, die unter seinem Kommando als „Da Vinci Wolves“ bekannt wurde. Wichtig ist dabei: Er war nicht der oberste Befehlshaber des gesamten Rechten Sektors. Der übergeordnete militärische Kommandeur des DUK PS war lange Zeit Andrij Stempizky.

Korrekte Bezeichnungen für Kotsiubajlo wären daher:

  • „Kommandeur der 1. Sturmkompanie des Freiwilligenkorps ‚Rechter Sektor‘“
  • „Kommandeur der Einheit ‚Da Vinci Wolves‘ innerhalb des Freiwilligenkorps ‚Rechter Sektor‘“
  • „Freiwilligenkommandeur des DUK PS“ (aber nicht des gesamten Rechten Sektors)

Die pauschale Bezeichnung „Kommandeur des Rechten Sektors“ ist irreführend, da sie suggeriert, dass Kotsiubajlo die gesamte Organisation leitete – was nicht der Fall war.

Nationalist, aber kein Neonazi?

Der „Rechte Sektor“ ist eine ultranationalistische Gruppierung mit rechtsextremen Wurzeln. Während Russland ihn als „neonazistisch“ brandmarkt, sehen westliche Analysten ihn als eine heterogene Bewegung mit verschiedenen Strömungen.

Kotsiubajlo selbst bezeichnete sich als Nationalisten, bestritt aber neonazistische Ansichten. In Interviews betonte er, seine Einheit dulde keine Nazi-Symbole oder rassistische Ideologien.

„Wir sind Nationalisten; ich bin ein Nationalist. Aber wir sind nicht wie einige andere, die Neonazis, weiße Rassisten und all das sind. In dieser Einheit gibt es Juden, Muslime, Christen; Sie werden niemanden mit einem Nazi- oder Fascho-Tattoo oder etwas Ähnlichem sehen. Wir haben Freiwillige aus vielen verschiedenen Ländern; es ist uns egal, woher sie kommen oder welche Religion sie haben.“

Dmytro Kotsiubajlo gegenüber „The Independent“

Kotsyubaylo wählte den Namen „Da Vinci“, da er während seines Kunststudiums eine große Bewunderung für den berühmten Universalgelehrten der Renaissance entwickelte. Besonders faszinierten ihn dessen kreative Denkweise, Innovationskraft und Offenheit für neue Ideen. Er vertrat die Ansicht, dass eine solche Wertschätzung nicht mit einer rassistischen oder intoleranten Haltung vereinbar sei. Kritiker argumentieren jedoch, dass die Nähe zum extremen rechten Spektrum nicht von der Hand zu weisen sei.

Die Ehrung durch Selenskyj: Eine politische Geste?

Am 1. Dezember 2021 verlieh Präsident Wolodymyr Selenskyj Dmytro Kotsiubajlo den Titel „Held der Ukraine“ – die höchste staatliche Auszeichnung. Dies geschah in einer offiziellen Zeremonie, in der Selenskyj seinen Mut und Einsatz für die Verteidigung der Ukraine würdigte.

Diese Ehrung war politisch aufgeladen: Die Ukraine bereitete sich damals auf eine mögliche russische Großinvasion vor. Die Würdigung eines bekannten Frontkämpfers sollte die Bedeutung der Freiwilligenverbände hervorheben und die Verteidigungsbereitschaft des Landes unterstreichen.

Warum wird die Ehrung als „Nazifizierung“ dargestellt?

Ein zentraler Punkt der russischen Desinformationskampagne ist eine Aussage Kotsiubajlos aus einem Interview: Er scherzte einmal, dass sein Maskottchen-Wolf mit den „Gebeinen russischsprachiger Kinder“ gefüttert werde.

Diese offensichtlich sarkastische Bemerkung war eine überzeichnete Reaktion auf russische Propaganda, die ukrainische Freiwillige als blutrünstige „Kindermörder“ darstellte. Russische Staatsmedien nahmen die Äußerung jedoch wörtlich und präsentierten sie als „Beweis“ für die angebliche Grausamkeit ukrainischer Nationalisten.

Nach Kotsiubajlos Tod 2023 in der Schlacht um Bachmut wurde die Geschichte erneut von prorussischen Akteuren aufgegriffen, um die ukrainische Führung zu diffamieren.

Der „Nazifizierung“-Vorwurf als Kriegsrechtfertigung

Seit Beginn des Krieges nutzt der Kreml das Narrativ der „Entnazifizierung“, um die Invasion zu legitimieren. Indem Einzelpersonen wie Kotsiubajlo als „Neonazis“ dargestellt werden, soll die gesamte ukrainische Regierung als rechtsradikal gebrandmarkt werden.

Diese Strategie ignoriert jedoch wesentliche Fakten:

  • Selenskyj selbst ist jüdischer Herkunft, seine Familie wurde im Holocaust verfolgt.
  • Die Ukraine hat keinen signifikanten Neonazi-Einfluss in Regierung oder Militär.
  • Extremistische Strömungen existieren, sind aber in der Minderheit und spielen keine entscheidende Rolle.

Fazit: Propaganda trifft auf komplexe Realität

Die Behauptung, Selenskyj ehre bewusst Neonazis, ist eine gezielte Verzerrung der Tatsachen.

Kotsiubajlo hatte eine Vergangenheit im rechtsextremen Spektrum, kämpfte aber als Freiwilligenkommandeur über Jahre gegen Russland und wurde dafür ausgezeichnet. Die russische Propaganda nutzt seine Biografie, um die gesamte ukrainische Führung zu diskreditieren.

Die Auszeichnung war eine militärische Würdigung – keine politische Stellungnahme für oder gegen Nationalismus. Die Realität ist komplex: Kotsiubajlo war ein umstrittener Held, gefeiert für seinen Einsatz, aber durch seine Vergangenheit ein gefundenes Fressen für die russische Desinformation.

Quellen: The Independent, Forbes, RND, Reuters, Tagesschau

Passend dazu: Fragen und Antworten: Russlands Krieg gegen die Ukraine

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