Die Behauptung
Die AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt hat einen Antrag im Landtag eingebracht, der die aktuelle Landeskampagne #moderndenken durch #deutschdenken ersetzen soll. Es soll ein „unbelasteter und wertschätzender“ Umgang mit der deutschen Geschichte etabliert werden. Im Antrag enthalten sind unter anderem die Einführung eines „Stolz-Passes“, die Schaffung einer „Straße des Deutschen Reiches“ und die Überarbeitung von Lehrplänen.
Aufgestellt von: AfD Sachsen-Anhalt
Wahr
Ja, die AfD hat den genannten Antrag tatsächlich gestellt, und die beschriebenen Maßnahmen sind Bestandteil dieses Antrags. Allerdings handelt es sich dabei um einen politischen Vorstoß, der bislang noch nicht im Landtag behandelt oder abgestimmt wurde. Eine breite politische Ablehnung durch andere Fraktionen ist jedoch im Vorfeld bereits klar kommuniziert worden. Die Umsetzung dieser Maßnahmen ist daher nicht beschlossen.
Kurze Faktenübersicht:
- Die AfD beantragt die Einführung der Kampagne „#deutschdenken“ als Ersatz für „#moderndenken“.
-
Ein „Stolz-Pass“ soll Besucher historischer Stätten zu mehr Besuchen animieren.
-
Die „Straße des Deutschen Reiches“ soll bedeutende historische Orte verbinden.
-
Kritiker werfen der AfD vor, eine geschichtsrevisionistische Agenda zu verfolgen.
-
Eine breite Ablehnung anderer Fraktionen ist öffentlich und eindeutig formuliert.
-
Die entsprechende Landtagssitzung zur Behandlung des Antrags steht unmittelbar bevor.
Neuer Kulturkampf unter dem Deckmantel touristischer Aufwertung
Mit dem Antrag Drucksache 8/5478, eingereicht am 6. Mai 2025 im Landtag von Sachsen-Anhalt, will die AfD-Fraktion nicht weniger als die landesweite Imagekampagne radikal umgestalten. Der bisherige Slogan „#moderndenken“ soll durch „#deutschdenken“ ersetzt werden, flankiert von einer Vielzahl an Maßnahmen, die eine revisionistische Sicht auf die deutsche Geschichte propagieren.
Ziel ist es, einen „unbelasteten und wertschätzenden“ Umgang mit der deutschen Geschichte zu etablieren. Geplant sind unter anderem die Einführung eines „Stolz-Passes“, der Besuchern historischer Stätten Vergünstigungen bietet, sowie die Schaffung einer „Straße des Deutschen Reiches“, die bedeutende historische Orte miteinander verbindet.
Der Antrag umfasst zudem die Überarbeitung von Lehrplänen in den Fächern Deutsch, Geschichte und Politik/Sozialkunde, um die genannten Themen stärker zu berücksichtigen. Auch die Einführung von Historiker-, Kunst-, Philosophie- und Literaturpreisen ist vorgesehen, um Leistungen zu würdigen, die einen Beitrag zur Bestätigung oder Weiterentwicklung deutscher Identität leisten.
Kritik und Ablehnung durch andere Fraktionen
Der Antrag der AfD wurde von anderen Fraktionen im Landtag scharf kritisiert. FDP-Fraktionschef Andreas Silbersack bezeichnete den Antrag als „trojanisches Pferd“, um den Kulturkampf weiter voranzutreiben und sich von Europa abzuspalten. Auch Vertreter von CDU, SPD, Grünen und Linken äußerten sich ablehnend.
Die Landesregierung plant aktuell keine Veränderung der Landeskampagne „#moderndenken“. Eine Sprecherin des Ministeriums für Kultur betonte, dass die Kampagne auf der Würdigung großer Ideen basiert, die in den vergangenen Jahrhunderten in Sachsen-Anhalt entwickelt wurden, und auch UNESCO-Welterbestätten beworben werden, darunter auch das international bedeutende Bauhaus in Dessau.
Amadeu Antonio Stiftung kritisiert „Stolz-Pass“ scharf
Für zusätzliche Brisanz sorgt ein Statement der Amadeu Antonio Stiftung auf X, die den geforderten „Stolz-Pass“ und die Kampagne „#deutschdenken“ als Versuch einer touristischen Geschichtsumdeutung brandmarkt:
„Stell dir vor, du machst Urlaub in Sachsen-Anhalt und bekommst den „Stolz-Pass“ angeboten. Traurig, aber (vielleicht bald) wahr: Mit der Kampagne „#deutschdenken“ will die AfD Sachsen-Anhalt ihren Geschichtsrevisionismus auf den Tourismus ausweiten.
Thread der Amadeu Antonio Stiftung auf X
Ob Bismarck, Luther oder Goethe: Der „Stolz-Pass“ bietet Rabatte in historischen Stätten – damit Besuchende bloß nichts über den Nationalsozialismus lernen. Denn die AfD will einen „unbelasteten, respektvollen und wertschätzenden Umgang mit der deutschen Geschichte“.
Und wen interessiert schon das Bauhaus, weswegen jährlich Zehntausende Dessau besuchen? Wenn es nach der AfD geht, braucht diesen „Irrweg der Moderne“ niemand. Lauf doch lieber die „Straße des Deutschen Reichs“ – schnurstracks zurück in die „gute alte Zeit“ vor 1933.“
Die Wortwahl zeigt deutlich, wie groß die Sorge vor einer Verharmlosung der NS-Zeit und einer politisch motivierten Uminterpretation deutscher Geschichte ist.
Was ist der „Stolz-Pass“?
Der Begriff „Stolz-Pass“ wird direkt im Antrag der AfD erklärt. Unter Punkt 3, Absatz h wird er als eine Art Stempelkarte beschrieben, mit der Besucher historischer Orte Rabatte und Vorteile erhalten, wenn sie mehrere der im Antrag genannten Stätten besuchen. Diese Orte sollen Teil einer neuen Tourismusroute sein, der sogenannten „Straße des deutschen Reiches“.
Der Name „Stolz-Pass“ erinnert unweigerlich an den „Stolzmonat“, eine Social-Media-Kampagne aus dem rechtsextremen Milieu, die 2023 als Gegenbewegung zum „Pride Month“ ins Leben gerufen wurde. Damals wurden unter dem Hashtag #Stolzmonat vielfach deutschnationale Inhalte gepostet, oft mit abwertender Haltung gegenüber LGBTQ-Personen.
Dass nun ein offizielles kulturpolitisches Konzept denselben Sprachduktus übernimmt, ist kein Zufall, sondern signalisiert eine ideologische Kontinuität. Der Begriff „Stolz-Pass“ ist generell symbolisch besonders auffällig, der Stolz auf die Nation wird aktiv eingefordert.
Die Ziele der AfD-Kampagne: „Unbelastet“, aber nicht neutral
Im Zentrum des Antrags steht die Idee, die deutsche Geschichte in einem „unbelasteten“ und „wertschätzenden“ Licht darzustellen. Die AfD spricht in diesem Zusammenhang von einer „kulturpolitischen Wende“ und einer „identitätsstiftenden“ Landeskampagne. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein geschichtspolitisches Framing mit klarer Schlagseite:
- Lehrplanrevisionen: Deutsch, Geschichte und Sozialkunde sollen überarbeitet werden. Statt Gedenkstättenfahrten zu NS-Verbrechen sollen künftig nur noch Besuche an Orten „deutscher Größe“ erfolgen.
- Straße des deutschen Reiches: Analog zur Straße der Romanik will die AfD eine Route einführen, die Orte wie den Magdeburger Dom, Luthers Wirkungsstätten oder den Quedlinburger Dom unter dem expliziten Namen „Straße des deutschen Reiches“ miteinander verbindet.
- Kulturpreise und Umbenennungen: Die Landesregierung soll neue Preise für Historiker, Künstler und Philosophen vergeben, die „deutsche Identität“ stärken. – Eine Formulierung, die viel Interpretationsspielraum für ideologisch motivierte Auszeichnungen lässt.
Zentrale Protagonisten in dieser Ideologie-Offensive sind Persönlichkeiten wie Otto der Große, Martin Luther, Friedrich Nietzsche und Bismarck. Historische Figuren, die von der AfD ideologisch vereinnahmt werden, obwohl ihre Rollen in der Geschichte vielschichtiger und oft widersprüchlich waren.
Was fehlt, und was nicht passt
Kritiker bemängeln, dass hier eine selektive Auswahl getroffen wurde. Vielleicht fällt dem einen oder anderem auf, was im Antrag der AfD fehlt: Die kritische Auseinandersetzung mit Deutschlands NS-Vergangenheit, mit Demokratiewerdung nach 1945, mit der DDR-Vergangenheit oder mit der friedlichen Revolution 1989. All das wird ausgeklammert.
Auch fehlt die Würdigung von Persönlichkeiten und Orten, die für Toleranz, Demokratie, Aufklärung oder Widerstand stehen. Das Bauhaus in Dessau, das heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, wird von der AfD als „Irrweg der Moderne“ diffamiert, obwohl es weltweit als Symbol für Innovation, Freiheit und gestalterischen Aufbruch gilt.
Weitere bedeutende historische Stätten, die möglicherweise nicht ins AfD-Narrativ passen und daher im Antrag vergessen (oder gar ignoriert) wurden, wären z. B. die KZ-Gedenkstätte Lichtenburg in Prettin oder die Gedenkstätte Moritzplatz in Magdeburg.
Die Rolle der Landeszentrale für politische Bildung
Die AfD kritisiert in ihrem Antrag auch die Arbeit der Landeszentrale für politische Bildung und schlägt in einem Antrag (Drucksache 8/5020) vor, diese durch ein neues Institut zu ersetzen. Der Direktor der Landeszentrale wies diese Kritik zurück und betonte die Bedeutung der Einrichtung für die politische Bildung und die Auseinandersetzung mit extremistischen Strömungen. Er sieht in dem Antrag der AfD einen bewussten politischen Akt und einen Teil ihres Kulturkampfes.
FAQ zum AfD-Antrag
Was ist der „Stolz-Pass“?
Der „Stolz-Pass“ ist eine von der AfD vorgeschlagene Stempelkarte, die Besuchern historischer Stätten in Sachsen-Anhalt Vergünstigungen bieten soll. Die Idee ist, durch den Besuch mehrerer Orte Rabatte zu erhalten.
Was bedeutet die „Straße des Deutschen Reiches“?
Die „Straße des Deutschen Reiches“ ist eine geplante Tourismusroute, die bedeutende historische Orte miteinander verbinden soll. Sie soll analog zur bestehenden „Straße der Romanik“ verlaufen.
Was soll in Lehrplänen verändert werden?
Die AfD will die Lehrpläne in Deutsch, Geschichte und Sozialkunde stärker auf deutsche Kultur und Identität ausrichten, mit mehr Fokus auf historische Persönlichkeiten und weniger auf Gedenkstättenarbeit.
Warum wird der Antrag der AfD kritisiert?
Kritiker werfen der AfD vor, mit dem Antrag eine geschichtsrevisionistische Agenda zu verfolgen und bestimmte Aspekte der deutschen Geschichte zu betonen, während andere ausgeklammert werden.
Was sagt die Landesregierung zu dem Antrag?
Die Landesregierung plant aktuell keine Veränderung der bestehenden Kampagne „#moderndenken“.
Wie reagieren andere Fraktionen auf diesen Antrag?
Breite politische Ablehnung quer durch CDU, SPD, FDP, Grüne und Linke ist bereits artikuliert. Stefan Gebhardt (Die Linke) sieht eine „Mischung aus Provokation und Ideologie“, Cornelia Lüddemann (Die Grünen) hält das alles für „sehr sehr skurril“, Rüdiger Erben (SPD) gibt an, klare Kante zu zeigen, und CDU-Fraktionschef Guido Heuer kündigte an, man werde den Antrag ablehnen.
Fazit: Geschichtspolitik mit Agenda
Die AfD in Sachsen-Anhalt versucht, mit ihrer Kampagne „#deutschdenken“ und dem „Stolz-Pass“ nationalistisch aufgeladene Kulturbegriffe salonfähig zu machen, die sich als Tourismusförderung tarnen. Dahinter steht ein Frontalangriff auf die erinnerungspolitische Arbeit der letzten Jahrzehnte, mit dem Ziel, die deutsche Geschichte auf eine selektive, affirmativ-nationale Erzählung zu reduzieren.
Der Antrag ist damit nicht nur kulturpolitisch, sondern auch demokratiepolitisch höchst brisant, und sollte nicht als bloße Provokation abgetan, sondern als das verstanden werden, was er ist: Teil eines gezielten ideologischen Kulturkampfes.
Quellen:
Antrag der AfD-Fraktion vom 06.05.2025 beim Landtag Sachsen-Anhalt: Drucksache 8/5478 deutschdenken – Ein neues Markenzeichen für Sachsen-Anhalt (PDF)
t-online.de, Frankfurter Allgemeine Zeitung, RedaktionsNetzwerk Deutschland, Amadeu Antonio-Stiftung
Lesen Sie auch: Putin und Selenskyj vor dem ersten Friedensgipfel? Ein Faktencheck
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.
