Ziegenmissbrauch in JVA Brandenburg: Gerücht, Empörung, keine Beweise

In einem viralen Video wird behauptet, in der JVA Brandenburg hätten Sexualstraftäter Ziegen vergewaltigt. Doch offizielle Quellen bestätigen nichts.

Die Behauptung

Im Gespräch mit dem Streamer „ungeskripted by ben“ erzählt ein maskierter Mann, der rechtsextreme Aktivist Aron P., bekannt als „Shlomo Finkelstein“, von angeblichen Vergewaltigungen zweier Ziegen durch Sexualstraftäter in der JVA Brandenburg. Es wurden Spermaproben genommen und so alle Häftlinge überführt. Zudem seien die Euter der Tiere durch ständige sexuelle Stimulation krankhaft angeschwollen.

Aufgestellt von: Social Media

Faktencheck: Falsch

Falsch. Die einzigen belastbaren Berichte stammen von der Märkischen Allgemeinen Zeitung Ende 2022. Sie bestätigen zwar, dass zwei Ziegen über Jahre in der Sicherungsverwahrung lebten und im November 2022 abgeholt wurden. Offizielle Stellen stellten aber ausdrücklich klar: Es gibt keine Hinweise auf Missbrauch. Das Veterinäramt sprach nur von „nicht belastbaren Hinweisen“ zur Tierhaltung. Beweise wie DNA-Spuren oder ärztliche Feststellungen wurden nie veröffentlicht. Wissenschaftlich ist zudem gesichert, dass sexuelle Stimulation bei Ziegen keine krankhaften Euterschwellungen verursacht. Die drastischen Schilderungen stammen allein aus Aron P.s Erzählungen, ohne jede belegte Quelle.

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Sturmhaube und Schockerzählungen

Aron P. alias „Shlomo Finkelstein“ inszeniert sich in einem neuen Video als Insider. Maskiert mit weißer Sturmhaube behauptet er, in der JVA Brandenburg hätten Insassen Ziegen sexuell missbraucht. Er erzählt von geschwollenen Eutern, Sperma-Nachweisen und einem entsetzten Tierarzt. Doch all diese Elemente fehlen in den seriösen Berichten zum Vorgang – sie stammen einzig aus seiner eigenen Erzählung.

Die Faktenlage ist klar begrenzt

In Brandenburg lebten von 2017 bis 2022 zwei Ziegen in der Sicherungsverwahrung. Sie sollten Verantwortungsbewusstsein fördern und dienten gleichzeitig als Rasenpfleger. Am 10. November 2022 wurden sie vom Veterinäramt abgeholt. Grund: Fragen der artgerechten Haltung sowie Kosten-Nutzen-Abwägungen. Das Justizministerium stellte unmissverständlich klar: „Anhaltspunkte für sexuelle Hintergründe […] hat es nicht gegeben.“

Die Gerüchte entstehen durch Informationslücken

Bereits damals berichtete die Märkische Allgemeine Zeitung, dass „nicht belastbare Hinweise“ im Raum standen. Offizielle Stellen bestätigten sie nicht, schlossen sie aber auch nicht aktiv aus. Diese Grauzone bietet Raum für Spekulation, und genau diesen Spielraum nutzen „Finkelstein“ und andere, um eine Skandalgeschichte zu konstruieren.

Drei Beispiele zeigen die Irreführung im Video:

  1. „Tierarzt fand Sperma aller Häftlinge“: In keiner Quelle erwähnt, reine Erfindung.
  2. „Sexuelle Stimulation lässt Euter anschwellen“ : Wissenschaftlich widerlegt, Schwellungen entstehen hormonell (z. B. Pseudogravidität), nicht mechanisch.
  3. „Der Staat gab Ziegen zum Vergewaltigen frei“: Völlig unbelegter Vorwurf, der Behörden Mitschuld unterstellt.

Auf X postete Aron P. den Clip mit den Worten: „Eine Million Leute erfahren, dass in deutschen Gefängnissen Ziegen gefickt werden.“ Diese Überspitzung ist kalkuliert: Sie soll Schock, Ekel und Empörung erzeugen. In Kommentarspalten wird sofort über „kranke Täter“ und „versagende Behörden“ gehetzt. Sachliche Hintergründe, wie die ursprüngliche Idee der tiergestützten Pädagogik, verschwinden völlig.

Die Aussagen im Video:

„Es gab in der Sicherungsverwahrung, wo zu 95% Sitten untergebracht sind in der JVA Brandenburg an der Havel, zwei Ziegen, die in der Obhut waren von diesen Insassen der Sicherungsverwahrung. Und dort hat man sie belassen für, ich glaub, irgendwie ein halbes Jahr, bis irgendwann ein Tierarzt kam und die Tiere untersucht hat. Bei Ziegen ist es so, dass die Brüste anfangen sich physiologisch zu verändern, schon bevor eigentlich die Schwangerschaft da ist. Alleine durch die Stimulation des Sex findet eine Veränderung statt. Und wenn dieser Sex grotesk oft passiert, wie es eigentlich ein Bock gar nicht machen würde in der Natur, dann hat man krankhaft geschwollene Euter und Zitzen an diesen Ziegen.

Der Tierarzt guckt sich also die Ziegen an, guckt sich die Euter an und sagt: „Warte mal, die hat doch einer gefickt.“ Und dann nehmen sie Abstriche und finden das Sperma von einem Näherungswert an allen Häftlingen der Sicherungsverwahrung der JVA Brandenburg an der Havel. Sprich, sie haben denen im Grunde genommen Ziegen zum Vergewaltigen gegeben. Ich weiß nicht, ob das der Plan war. Ich finde es schon sehr komisch. Sexualstraftäter, die so degeneriert und so kaputt sind, dass wir gesagt haben, die müssen für immer eingesperrt werden, dass wir denen zwei weibliche Ziegen geben. Das wirkt fast so, als hätte man sich gesagt „Ja gut, dann drehen sie vielleicht nicht durch.“

Die Absicht ist klar: Misstrauen und Feindbilder schüren

Die Story funktioniert, weil sie zwei emotionale Trigger kombiniert: Abscheu vor Sexualstraftätern und Mitleid mit missbrauchten Tieren. Dazu kommt die Botschaft: „Der Staat deckt es.“ So entsteht ein doppeltes Feindbild: die Täter und die Behörden. Diese Kommunikationsstrategie ist typisch für extremistische Desinformation, die vorhandene Ängste nutzt, um Wut auf politische Institutionen zu lenken.

Die Sprache verrät die Manipulation.
Worte wie „Ziegen gefickt“, „degenerierte Sexualstraftäter“ oder „grotesk oft“ sind keine neutralen Beschreibungen. Sie sind bewusst drastisch und ekelerregend. So werden Zuhörer emotional überwältigt, bevor sie rational prüfen können, ob die Geschichte belegt ist.

In sozialen Medien wird die Geschichte weitergedreht.
Dort tauchen schnell Kommentare auf, die die angeblichen Vorfälle nicht mehr nur den Gefangenen zuschreiben, sondern sie gezielt mit „muslimischen Tätern“ verbinden. Dieser Zusammenhang taucht im Video selbst nicht auf. Doch scheinbar reicht schon das Bild von „Ziegenvergewaltigungen“, um ein bekanntes rassistisches Klischee in die Köpfe vieler Nutzer:innen zu rufen. Besonders in islamfeindlichen Kreisen wird das alte Stereotyp sofort aktiviert und mit der Story verknüpft, auch wenn es faktisch keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt.

Ziegenmissbrauch in JVA Brandenburg: Gerücht, Empörung, keine Beweise (Screenshot  eines Posts – mimikama.org)
Ziegenmissbrauch in JVA Brandenburg: Gerücht, Empörung, keine Beweise (Screenshot eines Posts – mimikama.org)

Kognitive Verzerrungen verstärken den Effekt.
– Bestätigungsfehler: Wer Behörden misstraut, glaubt solche Geschichten sofort.
– Verfügbarkeitsheuristik: Bilder von „geschwollenen Zitzen“ oder „Sperma-Spuren“ bleiben im Kopf, auch wenn sie nie belegt wurden.
– Negativity Bias: Negative und ekelerregende Nachrichten verbreiten sich schneller und stärker als nüchterne Dementis.

Ein Paradebeispiel für digitale Desinformation

Der Fall zeigt, wie ein kleines Faktum – die Existenz von Ziegen im Knast – mit drastischen Fantasien ausgeschmückt wird. Alte Berichte werden mit neuen „Insiderdetails“ vermischt, um Skandalpotenzial zu erzeugen. Das Muster ist typisch: ein reales Detail als Aufhänger, dazu unbelegte Behauptungen, die das Bild komplett verzerren.

Was Leser:innen tun können:
Bei solch reißerischen Videos gilt: Prüfen, ob unabhängige Quellen dieselben Details berichten. Wenn nur ein Akteur mit zweifelhafter Vergangenheit etwas behauptet, fehlt Glaubwürdigkeit. Offizielle Stellungnahmen oder seriöse Zeitungen sind der bessere Maßstab. Und: Extreme Emotionen, ob Ekel oder Wut, sind oft ein Warnsignal für Manipulation.

Ziegen in der JVA Brandenburg: Die gesicherte Faktenlage

Die Sicherungsverwahrung in Brandenburg verfolgt ein besonderes Konzept: Straftäter, die ihre Haftzeit verbüßt haben, aber weiter als gefährlich gelten, sollen in einem „freiheitsorientierten Vollzug“ leben. Tiere waren Teil dieses Konzepts. Neben Hühnern, Fischen und Katzen eben auch zwei Ziegen. Im November 2022 endete die Haltung der Ziegen.

Das Justizministerium verwies auf Aufwand, Kosten und die Frage artgerechter Pflege. Das Veterinäramt bestätigte: Die Tiere waren in gutem Zustand. Gerüchte über Missbrauch existierten, wurden aber nie bestätigt. Beweise gibt es keine.

FAQ

Wer ist der Mann mit der Maske im Video?

Es handelt sich um Aron P., bekannt als „Shlomo Finkelstein“. Er ist ein rechtsextremer YouTuber, mehrfach verurteilt wegen Hetze, nun nach einer Haftstrafe wieder aktiv.

Gab es Missbrauch von Ziegen in der JVA Brandenburg?

Nein. Es existieren nur unbelegte Gerüchte.

Warum wurden die Ziegen aus der JVA abgeholt?

Weil Aufwand, Nutzen und Kosten nicht mehr passten und die artgerechte Haltung fraglich war.

Stimmt es, dass ein Tierarzt Sperma fand?

Nein. Diese Behauptung stammt ausschließlich aus dem Video, nicht aus offiziellen Quellen.

Können Ziegen durch Sex krankhafte Euterschwellungen entwickeln?

Nein. Solche Veränderungen sind hormonell bedingt (z. B. Pseudogravidität), nicht durch sexuelle Aktivität.

Fazit

Die Geschichte von „Ziegenvergewaltigungen im Knast“ fällt unter Desinformation. Wahr ist nur: In der JVA Brandenburg lebten zwei Ziegen bis 2022, sie wurden aus organisatorischen Gründen abgeholt.

Missbrauch – sexuell oder anderweitig – wurde nie belegt. Was Aron P. alias „Shlomo Finkelstein“ aktuell verbreitet, ist eine Neuauflage alter Gerüchte, ausgeschmückt mit schockierenden, aber haltlosen Details, die einzig Empörung erzeugen sollen.

Quellen:
Märkische Allgemeine Zeitung – Brandenburg an der Havel: Amtstierärztin holt zwei Ziegen aus der JVA (11/2022)
Märkische Allgemeine Zeitung – Brandenburg an der Havel: Wie die Justiz das Ende der Ziegenzeit in der Sicherungsverwahrung erklärt (12/2022)
Forum Strafvollzug 3/18.PDF (Seite 30)
Correctiv – Organisierter Stimmenfang auf Tiktok: Verurteilter Volksverhetzer wirbt für die AfD (08/2024)
Humanistischer Pressedienst – Der Fall Aron P. alias „Shlomo Finkelstein“ (08/2024)
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