Die Behauptung
RNA-Sprays in der Landwirtschaft sollen Nutzpflanzen dauerhaft verändern können und sogar dazu dienen, Menschen über Lebensmittel „heimlich zu impfen“. Moderna wird in diesem Zusammenhang als treibende Kraft dargestellt.
Aufgestellt von: Soziale Medien
Faktencheck: Falsch
Forschung zu RNA-Sprays in der Landwirtschaft existiert tatsächlich, doch sie dient dem Pflanzenschutz, nicht der Impfung von Menschen.
Die Technik basiert auf RNA-Interferenz, einem biologischen Prozess, bei dem gezielt Gene von Schädlingen blockiert werden. RNA verändert keine DNA, zerfällt schnell in der Umwelt und auch im menschlichen Verdauungstrakt. Ein „massenhaftes Impfen“ über Lebensmittel ist wissenschaftlich unmöglich.
Die im Artikel gezogenen Verbindungen zu mRNA-Impfstoffen, Biowaffen oder Kontrolle der Nahrungskette sind spekulativ, unbelegt und Teil eines alarmistischen Narrativs.
Wie aus Forschung Angst gemacht wird
Laut einem Artikel erinnern die RNA-Sprays bzw. die Sprühtechnik von Terrana an Pläne zur Verteilung biologischer Wirkstoffe über Menschen. Schon dieser Vergleich zeigt die Richtung: eine reale Technologie wird mit Biowaffenfantasien verknüpft.
Diese Desinformation wird nun über soziale Medien weiterverbreitet und von vielen als besorgniserregend wahr angenommen.
Reales Forschungsfeld als Grundlage
Mehrere Biotech-Firmen, darunter das 2021 gegründete Terrana Biosciences, arbeiten an RNA-Sprays für Nutzpflanzen. Ziel ist es, Resistenzen gegen Schädlinge oder Pflanzenkrankheiten zu verstärken. Damit sollen chemische Pestizide ersetzt oder reduziert werden. Behörden wie die FAO, die EFSA oder die OECD prüfen seit Jahren Sicherheitsfragen solcher Produkte.
Schon die Unternehmenskommunikation widerspricht den Behauptungen.
In einer Pressemitteilung von Juli 2025 heißt es ausdrücklich, Terrana entwickle „RNA-based agricultural solutions to deliver protective and enhanced crop traits without altering the plant genome“.
Zu Deutsch: „RNA-basierte Lösungen für die Landwirtschaft zur Bereitstellung schützender und verbesserter Pflanzeneigenschaften ohne Veränderung des Pflanzengenoms.“
Mit anderen Worten: Es geht nicht um eine Veränderung des Erbguts.
Woher stammen also anderslautende Behauptungen?
Diese erschienen auf einer Plattform, die seit Jahren durch verschwörungsideologische Narrative auffällt. Dort finden sich regelmäßig Desinformationen zu Corona, Impfungen oder angeblichen „Globalisten-Plänen“. Es ist ein durchaus typisches Muster, reale Forschungsansätze wie RNA-Sprays mit alarmistischen Interpretationen und dystopischen Szenarien zu vermischen.
Die Desinformation beginnt bei der Zweckumdeutung
Statt von Pflanzenschutz spricht der Text von „massiver Kontrolle“ und „heimlicher Impfung“. Es wird suggeriert, RNA könne wie ein Impfstoff in den menschlichen Körper eindringen.
Fachlich ist das falsch: RNA zerfällt sehr schnell, ist instabil und kann ohne Schutzverpackung gar nicht in menschliche Zellen gelangen. Schon im Verdauungstrakt wird sie komplett abgebaut.
Sprachliche Tricks verstärken die Wirkung
Worte wie „überschwemmen“, „katastrophal“ oder „Kontrolle“ erzeugen Bedrohung. Der Verweis auf DDT oder Glyphosat soll zeigen: Was heute „sicher“ genannt werde, entpuppe sich morgen als Katastrophe. Die Analogie ist jedoch unzutreffend, da RNAi-Sprays biologisch abbaubar sind und auf Zielorganismen beschränkt wirken sollen.
Ein Blick ins Original zeigt den Kontrast.
Flagship-Gründer Noubar Afeyan formulierte in der Pressemitteilung das genaue Gegenteil:
„This approach will empower farmers with precise, adaptive solutions to combat threats to crops in fields and orchards and enhance resiliency, sustainability, and productivity in the global food system.“
„Dieser Ansatz wird den Landwirten präzise, anpassungsfähige Lösungen an die Hand geben, um Bedrohungen für Nutzpflanzen auf Feldern und Obstplantagen zu bekämpfen und die Widerstandsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Produktivität des globalen Lebensmittelsystems zu verbessern.“
Während die Desinformation vor einer „geheimen Massenimpfung“ warnt, spricht das Unternehmen von mehr Nachhaltigkeit und Resilienz in der Landwirtschaft.
Außerdem wichtig zur Einordnung: Moderna selbst ist nicht an Terrana beteiligt, aber der gemeinsame Investor Flagship Pioneering hat beide Firmen gegründet und finanziert, deshalb wird Moderna in Desinformationsbeiträgen fälschlich als treibende Kraft dargestellt.
Kognitive Verzerrungen spielen eine Rolle
Viele Menschen verknüpfen das Schlagwort „RNA“ oder auch Moderna sofort mit den COVID-19-Impfstoffen. Das macht die Geschichte plausibler, obwohl es sich um völlig unterschiedliche Anwendungen handelt. Der Text nutzt diese Assoziation gezielt aus.
Die Absicht ist klar: Angst und Misstrauen
Statt nüchtern über Chancen und Risiken neuer Technologien zu berichten, werden Zukunftsszenarien entworfen, die Bedrohungen für Gesundheit, Umwelt und Freiheit beschwören. Das verstärkt Misstrauen gegenüber Forschung, Unternehmen und Behörden.
Einordnung: Der Fall zeigt, wie digitale Desinformation funktioniert. Ein reales Forschungsfeld – RNAi im Pflanzenschutz – wird aus dem Kontext gerissen, mit anderen Themen (Corona, Biowaffen, Glyphosat) vermischt und in ein dystopisches Szenario überführt. Leser:innen, die die Technik nicht kennen, können diese Alarmmeldungen leicht für bare Münze halten.
RNA-Sprays im Faktencheck
- RNA-Sprays sind Pflanzenschutzmittel in der Erforschung.
Sie sollen Pflanzen helfen, sich gegen Schädlinge oder Krankheiten zu wehren, ähnlich wie ein Update für das Immunsystem. - RNA verändert keine DNA.
Sie blockiert nur bestimmte Stoffwechselprozesse, zerfällt schnell und wird nicht vererbt. - Aufnahme über Nahrung ist ausgeschlossen.
Im menschlichen Körper wird RNA rasch abgebaut. Sie wirkt nicht wie eine Impfung. - Behörden prüfen die Risiken.
EFSA, FAO und OECD haben detaillierte Bewertungsverfahren entwickelt. Fragen nach Umweltverträglichkeit oder Effekten auf Nicht-Zielorganismen sind Teil dieser Prüfungen.
FAQ
Kann RNA aus Lebensmitteln in meinen Körper gelangen?
Nein. RNA wird im Verdauungstrakt schnell abgebaut. Sie kann nicht in menschliche Zellen eindringen und wirkt daher nicht wie ein Impfstoff.
Verändern RNA-Sprays das Erbgut von Pflanzen?
Nein. RNA-Sprays blockieren bestimmte Gene, sie verändern aber keine DNA. Damit unterscheidet sich die Technik von klassischer Gentechnik.
Sind RNA-Sprays schon im Einsatz?
Noch nicht. Sie befinden sich in der Entwicklung und müssen strenge Risikoprüfungen bestehen, bevor sie eingesetzt werden.
Warum wird die Technologie erforscht?
Um chemische Pestizide zu ersetzen oder zu ergänzen. RNA-Sprays könnten umweltfreundlicher sein, weil sie gezielt nur bestimmte Schädlinge betreffen.
Woher kommt die Behauptung der „Massenimpfung“?
Aus verschwörungsideologischen Kreisen. Dort werden reale Forschungsprojekte mit Angstszenarien verknüpft, um Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Unternehmen zu schüren.
Warum wird Moderna in diesem Zusammenhang genannt?
Weil Terrana und Moderna denselben Investor haben: Flagship Pioneering. Moderna ist aber nicht an Terrana beteiligt. In Desinformationsbeiträgen wird daraus fälschlich die Behauptung konstruiert, Moderna selbst stecke hinter den RNA-Sprays.
Fazit
RNA-Sprays sind ein Forschungsansatz für nachhaltigen Pflanzenschutz. Sie verändern weder Menschen noch ihre DNA und sind auch keine versteckte Impfstrategie. Die Behauptung, über Lebensmittel könnten Menschen „massenhaft geimpft“ werden, ist falsch.
Der verbreitete Artikel und zusätzliche Gedankenspinnereien auf Social-Media-Plattformen ist ein Beispiel dafür, wie Desinformation Angstbilder konstruiert und reale Wissenschaft für Verschwörungserzählungen missbraucht.
Quellen:
Flagship Pioneering Unveils Terrana Biosciences to Deliver Adaptive, Targeted Agricultural Solutions through a Novel RNA Technology Platform – Flagship Pioneering (Pressemitteilung vom 01.07.2025)
Flagship-backed firm is using RNA for crop protection – c&en Chemical & Engineering News
Considerations for the Environmental Risk Assessment of the Application of Sprayed or Externally Applied ds-RNA-Based Pesticides – OECD
Risk assessment considerations for RNAi‐based genetically modified plants – EFSA European Food Safety Authority
Regulatory Landscape Surrounding Approval and Authorisation of dsRNA-Based Plant Protection Products in Europe – Springer Nature Link
Environmental risk assessment of RNAi-based plant protection (PDF) – Fraunhofer IME
Rejection of Defuse Project Proposal / DEFUSE – Defusing the Threat of Bat-borne Coronaviruses (2018) (PDF) – ctfassets.net
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