Die Behauptung
Deutschland produziere zeitweise zu wenig Strom (Dunkelflaute) und zeitweise zu viel (Hellbrise). Deshalb drohen kontrollierte Abschaltungen („Brownouts“), bei denen bestimmte Gruppen zeitweise ohne Strom sind. Außerdem fehle es an verlässlichen Kraftwerken, sodass 71 neue Gaskraftwerke nötig seien. Klimapolitik sei wirkungslos, weil Chinas Emissionen jede deutsche Einsparung sofort übertreffen.
Aufgestellt von: Unbekannt
Faktencheck: Irreführend
Teilweise wahr.
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- Ja, Stromschwankungen durch Wind und Sonne sind eine Herausforderung.
- Ja, Netzbetreiber üben für den Notfall und fordern neue Kraftwerke.
- Nein, Deutschland hat nicht die Kontrolle verloren. Blackouts sind sehr unwahrscheinlich.
- Der Bedarf an neuen Gaskraftwerken ist real, die Zahl „71“ aber nur eine Modellrechnung.
- Der China-Vergleich stimmt rechnerisch, wird aber manipulativ eingesetzt, um deutsche Klimapolitik lächerlich zu machen.
Wie aus Netzsicherheit Alarmismus wird
Zuerst das Wichtigste: Netzbetreiber planen für den Notfall, damit er nicht eintritt. „Kontrollierte Lastabschaltungen“ sichern das Gesamtsystem, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind. Das ist weder ein Eingeständnis des Kontrollverlusts noch ein Vorzeichen für einen flächendeckenden Blackout.
Die jüngste Aufregung begann mit zugespitzten Medienberichten: Aus einem Interview mit Amprion-Chef Christoph Müller in der Zeitung für kommunale Wirtschaft (ZfK) entstand der Eindruck, Amprion „erwarte“ bereits im Herbst Abschaltungen.
ZfK stellte das klar: Müller sprach allgemein über die Möglichkeit dieses Instruments, nicht über einen fixen Herbsttermin. ZfK korrigierte die Überschrift und entschuldigte sich.
Und genau hier zeigt sich das Problem: Während seriöse Medien ihren Fehler einräumen, nehmen andere Akteure die ursprüngliche, falsche Zuspitzung einfach weiter auf. Aus einem Notfallplan wird plötzlich ein angeblich bevorstehendes Szenario. Dabei werden die Korrekturen ignoriert oder bewusst verschwiegen.
So verwandelt sich eine technische Erklärung in ein Schreckensbild. Energiefragen sind komplex – und genau das nutzen Desinformationsakteure aus. Sie picken sich Einzelaspekte heraus, übertreiben sie und lassen die Gegenseite weg. Das Ergebnis: Angst, Unsicherheit, Misstrauen.
1. Netzstabilität und drohende Abschaltungen
Behauptung: Deutschland produziert mal zu wenig Strom (Dunkelflaute), mal zu viel (Hellbrise). Deshalb drohen Brownouts, also geplante Stromabschaltungen für bestimmte Gruppen.
Bewertung: ⚠️ Teilweise wahr.
- Stimmt: Wetterabhängige Stromschwankungen sind ein echtes Problem.
- Stimmt: Netzbetreiber üben für den Notfall, um Stromausfälle zu verhindern.
- Falsch: Deutschland steht nicht kurz vor flächendeckenden Brownouts. Ein Blackout ist laut Netzbetreibern sehr unwahrscheinlich. Medienberichte, die Abschaltungen im Herbst 2025 „vorhersagten“, wurden korrigiert.
Erläuterung:
Kontrollierte Abschaltungen sind ein letztes Mittel, falls alle Reserven versagen. Sie wurden in Deutschland noch nie gebraucht. Bei Strommangel springen konventionelle Kraftwerke ein, bei Stromüberschuss werden Windräder abgeregelt oder Strom exportiert. Die Lage ist angespannt, aber nicht außer Kontrolle.
2. Rückgang steuerbarer Kraftwerke und Bedarf an Gaskraftwerken
Behauptung: Durch Atomausstieg und Kohleausstieg fehlen verlässliche Kraftwerke. Deshalb braucht Deutschland rund 71 neue Gaskraftwerke für 50 Milliarden Euro.
Bewertung: ✅ Wahr – mit Einschränkungen.
- Stimmt: Kernkraft ist abgeschaltet, Kohlekraft soll folgen. Der Bedarf an steuerbaren Kraftwerken steigt.
- Stimmt: Die Bundesnetzagentur errechnet bis zu 35 Gigawatt neue Kapazitäten – das entspricht etwa 71 modernen Gaskraftwerken.
- Falsch: Die Zahl „71“ ist kein offizieller Bauplan, sondern ein Rechenbeispiel. Ob alle wirklich gebaut werden, hängt von Politik, EU und Investoren ab.
Erläuterung:
Neue Gaskraftwerke sind die einzige kurzfristig realistische Lösung, weil Batterien und Wasserstoff nicht im nötigen Maßstab verfügbar sind. Das Problem: Der Bau lohnt sich wirtschaftlich kaum, solange die Anlagen nur als Reserve laufen. Deshalb streitet die Politik um staatliche Förderung. Ohne Lösung bleibt die Gefahr von Versorgungslücken ab 2030.
3. Klimabilanz: Deutsche Einsparungen vs. chinesische Emissionen
Behauptung: Deutschlands Klimapolitik bringt „null“, weil China an einem Tag so viel CO₂ ausstößt, wie Deutschland mit dem Heizgesetz in sechs Jahren einspart.
Bewertung: ⚠️Teilweise wahr.
- Stimmt: Chinas tägliche Emissionen sind gigantisch – rund 34 Mio. Tonnen. Das Heizgesetz spart bis 2030 insgesamt etwa 40–50 Mio. Tonnen. Der Vergleich geht rechnerisch auf.
- Falsch: Daraus zu schließen, deutsche Einsparungen seien sinnlos. Jede eingesparte Tonne zählt, und Industrieländer haben eine Vorbildfunktion.
- Falsch: Der Eindruck, Deutschland „ruiniere“ sich – Wirtschaftskraft und Wohlstand bestehen fort, auch wenn Energiepreise eine Belastung sind.
Erläuterung:
Klimapolitik funktioniert nur global. Deutschland alleine rettet das Klima nicht, aber es trägt seinen Teil bei. Der China-Vergleich lenkt davon ab, dass alle großen Volkswirtschaften handeln müssen. „Nullkommanull“ ist also mehr Propaganda als sachliche Analyse.
FAQ
Droht ein Blackout in Deutschland?
Nein. Netzbetreiber halten ihn für sehr unwahrscheinlich. Notfallpläne dienen dazu, genau das zu verhindern.
Was passiert bei einem Brownout?
Bestimmte Gruppen werden kurzzeitig vom Netz genommen, damit das Gesamtsystem stabil bleibt. Danach läuft der Strom wieder.
Warum fehlen Kraftwerke?
Weil Atomkraftwerke abgeschaltet sind und Kohlewerke folgen. Ersatz durch Gaskraftwerke stockt wegen Finanzierung und EU-Regeln.
Brauchen wir wirklich 71 neue Gaskraftwerke?
Das ist eine Beispielrechnung aus dem Bedarf von 35 Gigawatt. Ob es am Ende genau so viele werden, hängt von politischen Entscheidungen ab.
Ist deutsche Klimapolitik sinnlos wegen China?
Nein. Der Vergleich ist zwar rechnerisch richtig, aber irreführend. Jede Einsparung zählt – und Deutschland hat eine Vorbildfunktion.
FAZIT
Deutschland verliert nicht die Kontrolle über seine Stromnetze – aber die Energiewende stellt das System vor echte Probleme. Schwankungen durch Wind und Sonne sind Realität, und ohne neue Gaskraftwerke entstehen Lücken. Blackouts sind sehr unwahrscheinlich, Brownouts wären nur das letzte Mittel im Notfall. Der Vergleich mit China ist zwar rechnerisch korrekt, wird aber politisch benutzt, um deutsche Maßnahmen schlechtzureden.
Unterm Strich: Die Fakten sind komplexer, als Schlagzeilen behaupten. Risiken gibt es, Panik ist unangebracht. Wahrheit ist überprüfbar, Panikmache ist ein politisches Werkzeug.
Quellen und weiterführende Informationen
- Amprion-Interview in der ZfK (inkl. Klarstellung):
https://www.zfk.de/energie/strom/amprion-chef-haelt-hohe-strompreise-im-herbst-fuer-moeglich-abschaltungen-letztes-mittel - Amprion – Erklärung zu kontrollierten Lastabschaltungen:
https://www.amprion.net/Netzjournal/Winter-2022-2023/Kontrolliert-Strom-abschalten-wie-geht-das.html - Bundesnetzagentur – Versorgungssicherheitsbericht 2025:
https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/20250903_Versorgungsmonitoring.html - BDEW – Dringende Notwendigkeit des Zubaus von Gaskraftwerken:
https://www.bdew.de/presse/dringende-notwendigkeit-des-zubaus-von-gaskraftwerken-von-der-bundesnetzagentur-bestaetigt - H2.Bayern – FAQ zur Wasserstoffproduktion:
https://h2.bayern/infothek/faqs - n-tv – Ernüchterung beim grünen Wasserstoff:
https://www.n-tv.de/wirtschaft/Bei-gruenem-Wasserstoff-macht-sich-Ernuechterung-breit-article25942264.html - Worldometers – CO₂-Emissionen nach Ländern:
https://www.worldometers.info/co2-emissions/co2-emissions-by-country
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