Spike-Protein und Impfung: Wie die Aussage einer Charité-Immunologin verfälscht wurde

Ein Zitatfetzen erweckt den Eindruck, eine Charité-Immunologin stelle die Corona-Impfung grundsätzlich infrage, doch der vollständige Kontext zeigt das Gegenteil.

Die Behauptung

In Social-Media-Posts wird behauptet, Prof. Carmen Scheibenbogen habe in der Corona-Enquete-Kommission erklärt, das Spike-Protein sei „gefährlich“ und könne nach Impfungen lange im Körper bleiben – und damit die Impfungen als riskant dargestellt.

Aufgestellt von: Soziale Medien

Falsch

Scheibenbogen betonte unmittelbar nach dem verbreiteten Zitat, dass auch eine Corona-Infektion den Körper mit dem Spike-Protein belastet, und dass die Impfung das geringere Risiko darstellt.

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Die Anhörung der Charité-Immunologin Carmen Scheibenbogen am 10. November vor der Corona-Enquete-Kommission beschäftigte sich mit Long Covid, dem Post-Vac-Syndrom und immunologischen Mechanismen. Nun verbreitet sich ein Zitat der Immunologen in sozialen Medien:

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„Das Spike-Protein ist in der Tat ein gefährliches Protein für uns. Es ist stark immunogen, das heißt, es kann das Immunsystem auch dazu verleiten, dass es sich gegen körpereigene Strukturen richtet. Es gibt auch Daten, dass es auch nach der Impfung längere Zeit im Körper bleiben kann, als man zunächst gedacht hatte.“

"Mehr als spektakulär: Spike-Protein ist toxisch!" | Screenshot Facebook
„Mehr als spektakulär: Spike-Protein ist toxisch!“ | Screenshot Facebook

Analyse – Die Fakten dahinter

Der virale Ausschnitt enthält nur wenige Sätze ihrer Antwort auf eine Frage des AfD-Kommissionsmitglieds Michael Nehls. Diese Passage endet genau dort, wo in sozialen Netzwerken der Schnitt gesetzt wird, und lässt den entscheidenden Teil weg.

Im vollständigen Mitschnitt (ab 1:53:00) sagt Scheibenbogen direkt im Anschluss:

„Wir können leider diesem Spike-Protein nicht entgehen, weil Covid ist weiter unter uns. Und da ist einfach das geringere Risiko, das Immunsystem zu trainieren durch Impfung.“

Damit stellt sie klar:

  • Das Spike-Protein begegnet uns ohnehin – durch eine Infektion.
  • Die Impfung reduziert das Risiko, weil sie eine kontrollierte Immunreaktion ermöglicht.
  • Sie spricht sich explizit für die Impfung aus und bezeichnet sie als den sichereren Weg, das Immunsystem zu trainieren.

Wie die mRNA-Impfung funktioniert

Die mRNA-Impfstoffe liefern lediglich den Bauplan für einen kleinen Teil des Virus – das Spike-Protein. Der Körper produziert dieses Protein kurzzeitig, damit das Immunsystem es erkennt und Antikörper bildet.

Typische Impfreaktionen (Fieber, Müdigkeit, lokale Schmerzen) sind Anzeichen der gewünschten Immunaktivierung, nicht einer Infektion.
Die mRNA zerfällt nach kurzer Zeit, Spike-Proteine werden abgebaut.

Zahlreiche Studien und die europäische Arzneimittelbehörde bestätigen:
Schwere Nebenwirkungen sind extrem selten; das Risiko eines gefährlichen Infektionsverlaufs ist deutlich höher.

Was Social-Media-Posts daraus machen

In sozialen Medien wird die Aussage

„Das Spike-Protein ist ein gefährliches Protein für uns“

isoliert wiedergegeben – ohne Kontext, ohne Ergänzung, ohne Verweis auf die anschließende Erklärung.

Daraus wird eine Erzählung konstruiert, die direkt in bekannte Muster der Impfdesinformation passt:

  • die Impfung sei gefährlicher als das Virus
  • modRNA sei „toxisch“
  • Lipidnanopartikel verteilten sich „unkontrolliert“
  • DNA-Fragmente seien „massiv“ enthalten
  • Impfstoffe seien nie richtig geprüft worden

Für keine dieser Behauptungen gibt es wissenschaftliche Belege. Vieles ist fachlich falsch, anderes stark übertrieben oder frei erfunden.

Wirkung & Mechanismus

Der irreführende Zitatfetzen erzeugt einen starken psychologischen Effekt:
Wenn eine Charité-Professorin scheinbar bestätigt, was Impfkritiker seit Jahren behaupten, verstärkt das Misstrauen.

Komplexe immunologische Zusammenhänge lassen sich leicht vereinfachen, und genau darin liegt der Reiz. Ein scheinbar gefährliches Protein wird zur Projektionsfläche für Ängste, während der sorgfältige Kontext unterdrückt wird.

Wenn die Welt kompliziert wirkt, fühlen sich einfache Erklärungen intuitiv richtig an – selbst wenn sie nicht der Realität entsprechen.

Fazit

Die Behauptung ist falsch. Sie wirkt, weil sie Angst vor medizinischer Komplexität schürt und einen Einzelaspekt aus dem Zusammenhang reißt. Doch wer den vollständigen Wortlaut hört, erkennt: Scheibenbogen empfiehlt klar die Impfung als den sichereren Weg.

Faktenbarometer

🟥 Manipulativ
Der zentrale Satz wurde bewusst aus dem Kontext gelöst. Erst der vollständige Mitschnitt zeigt die korrekte Einordnung: Die Immunologin sieht die Impfung als geringeres Risiko im Umgang mit dem Spike-Protein.

Quellen:
Immunologin verwies auf Nutzen der Corona-Impfung | dpa Faktencheck
Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“ | Deutscher Bundestag
Enquete-Kommission – Anhörung: Long-Covid/Post-Vac | Deutscher Bundestag
Corona-Schutzimpfung mit mRNA-Impfstoffen – Was passiert dabei in meinem Körper? (PDF) | Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Corona-Impfung – Sicherheit | RKI

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