Jacques Attali: Angebliche Zitate zur Bevölkerungsreduktion und erfundenen Pandemien
In sozialen Medien kursieren Zitate, die dem früheren Berater des französischen Präsidenten François Mitterrand zugeschrieben werden. Sie behaupten, Attali habe zur Reduzierung der Bevölkerung, zur gezielten Tötung älterer Menschen und zur Erfindung einer Pandemie aufgerufen.
Jacques Attali, enger Berater des französischen Präsidenten François Mitterrand in den 1980ern, habe in einem Buch erklärt, man müsse die Bevölkerung reduzieren, mit den Alten beginnen, Euthanasie als Instrument einsetzen und sogar eine Pandemie erfinden, um unproduktive oder „dumme“ Menschen auszusortieren.
Aufgestellt von: Soziale Medien
Falsch
Die zentralen Aussagen des verbreiteten Textes sind frei erfunden oder stark entstellt. Die angeblichen Zitate finden sich weder in dem Buch von 1981 noch in späteren Veröffentlichungen Attalis
→Welche Mythen kursieren rund um Gesundheitsthemen? Antworten finden Sie im Leitfaden Gesundheits-Desinformation.
Aktuell verbreiten sich angebliche Aussagen von Jacques Attali in sozialen Medien:
„In Zukunft wird es darum gehen, einen Weg zu finden, die Bevölkerung zu reduzieren. Wir werden mit den Alten beginnen, denn sobald der Mensch über 60, 65 Jahre alt ist, lebt er länger, als er produziert, und das kommt die Gesellschaft teuer zu stehen. Dann die Schwachen und dann die Nutzlosen, die nichts zur Gesellschaft beitragen, weil es immer mehr werden, und schließlich die Dummen.
Euthanasie muss ein wesentliches Instrument unserer zukünftigen Gesellschaften sein. Wir erfinden eine Pandemie, die auf bestimmte Menschen abzielt, ein Virus, das die Alten oder die Älteren befallen wird. Die Dummen werden es glauben und darum bitten, behandelt zu werden. Wir werden dafür gesorgt haben, die Behandlung geplant zu haben, eine Behandlung, die die Lösung sein wird. Die Selektion der Idioten wird sich also von selbst erledigen: sie werden allein zur Schlachtbank gehen.“
Analyse – Die Fakten dahinter
Das häufig genannte Werk, in dem diese Aussagen vorkommen sollen, ist das 1981 erschienene Buch „L’avenir de la vie“ von Michel Salomon. Es handelt sich um eine Sammlung von Gesprächen, an denen auch Jacques Attali beteiligt war. Französische und internationale Faktencheck-Redaktionen, darunter AFP Factuel, haben die Originalpassagen geprüft.
Der Verlag stellte AFP Kopien der relevanten Textstellen zur Verfügung. Darin äußert sich Attali im Kontext einer theoretischen Diskussion über steigende Lebenserwartung und Gesundheitskosten. Zwei Aussagen werden dabei regelmäßig aus dem Zusammenhang gerissen:
Dass Menschen über 60 oder 65 Jahre länger leben, als sie ökonomisch „produzieren“, und dies Kosten für die Gesellschaft verursacht.
Dass aus rein ökonomischer Sicht ein abruptes Lebensende günstiger sei als ein langer Krankheitsverlauf.
Diese Aussagen sind Teil einer analytischen Beschreibung gesellschaftlicher Logiken, nicht eines politischen Handlungsaufrufs. Attali fordert weder die Tötung älterer Menschen noch eine Reduzierung der Bevölkerung.
Zum Thema Euthanasie beschreibt Attali mögliche zukünftige Entwicklungen in sozialistischen und kapitalistischen Systemen. Er stellt dar, wie Euthanasie in solchen Modellen als Freiheits- oder Marktfrage diskutiert werden könnte. Er formuliert dabei eine Prognose gesellschaftlicher Debatten, keine persönliche Befürwortung oder Forderung.
Die besonders drastischen Passagen über das „Erfinden einer Pandemie“, gezielte Viren oder die angebliche Selektion bestimmter Bevölkerungsgruppen finden sich in keinem der genannten Bücher. Auch in späteren Werken Attalis, etwa dem „Dictionnaire du XXIe siècle“ von 1998, schreibt er zwar über mögliche Epidemien als Folge globaler Mobilität, jedoch ohne jeden Bezug zu absichtlicher Erzeugung oder gezielter Bevölkerungsreduktion.
AFP konfrontierte Attali mit den kursierenden Zitaten. Er wies sie entschieden zurück und erklärte, der Text sei vollständig erfunden und habe nichts mit seinen tatsächlichen Aussagen zu tun. Bereits in den 1980er-Jahren hatte Attali erfolgreich gegen ähnliche ihm zugeschriebene Behauptungen juristisch vorgegangen. Auch die deutsche Übersetzerin des Buches bestätigte, dass das verbreitete Zitat nicht im Werk enthalten ist.
Wirkung & Mechanismus
Die Behauptung entfaltet Wirkung, weil reale, kontrovers diskutierte Aussagen aus dem Kontext gelöst und mit erfundenen Zuspitzungen kombiniert werden. Der Verweis auf ein schwer zugängliches Buch verstärkt den Eindruck von Geheimwissen und erschwert die Überprüfung. Gleichzeitig bedienen die Texte Misstrauen gegenüber politischen Eliten und Ängste vor Kontroll- oder Bevölkerungstheorien.
Fazit
Die überprüfbaren Originalquellen widersprechen dem kursierenden Zitat deutlich. Jacques Attali hat weder zur gezielten Tötung älterer Menschen aufgerufen noch die Erfindung einer Pandemie vorgeschlagen.
Faktenbarometer
❌ Falsch Der verbreitete Text kombiniert einzelne aus dem Zusammenhang gerissene Aussagen mit umfangreichen frei erfundenen Passagen.
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Claudia Spiess ist Redakteurin und Designerin bei Mimikama,
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