ICE-Einsatz in Minneapolis: Was die Videos zeigen

Nach tödlichen Schüssen eines Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE auf eine Autofahrerin in Minneapolis spricht die US-Regierung von Notwehr. Ausgewertete Videoaufnahmen, Aussagen lokaler Behörden und zusätzliche unabhängige Analysen zeichnen ein anderes Bild.

Die Behauptung

Ein ICE-Beamter habe in Notwehr gehandelt, nachdem die Fahrerin versucht habe, ihn mit ihrem Fahrzeug „gewaltsam und vorsätzlich“ zu überfahren.

Aufgestellt von: Donald Trump auf Truth Social

Faktencheck: Falsch

Die bekannten Videoaufnahmen und der aktuelle Ermittlungsstand belegen kein Überfahren des Beamten. Eine eindeutige Notwehrsituation lässt sich daraus nicht ableiten.

📖Woran erkennt man KI-generierte Bilder oder Videos? Antworten finden Sie im Leitfaden KI-Bilder & Videos.
Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Analyse – Die Fakten dahinter

Am 8. Januar 2026 kam es auf der verschneiten Portland Avenue in Minneapolis zu einem Einsatz der US-Einwanderungsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement). Eine 37-jährige US-Amerikanerin wurde durch mehrere Schüsse eines ICE-Beamten tödlich verletzt.

Mehrere Videos aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen den Ablauf:

  • Das Fahrzeug der Frau stand zunächst quer zur Fahrbahn hinter einem anderen Wagen.
  • Mehrere, teils vermummte ICE-Beamte näherten sich dem Auto und forderten die Fahrerin auf auszusteigen.
  • Ein unvermummter Beamter positionierte sich seitlich vor dem Fahrzeug.
  • Die Fahrerin setzte zurück, lenkte nach rechts und fuhr an.
  • Der erste Schuss fiel, als der Beamte seitlich vor dem Fahrzeug stand, nicht frontal davor.
  • Zwei weitere Schüsse folgten, als das Auto bereits an ihm vorbeifuhr.
  • Das Fahrzeug prallte anschließend gegen einen Strommast und geparkte Autos.

Für die Notwehrbewertung ist entscheidend

Nach übereinstimmender Auswertung der Videos wurde der Beamte nicht überfahren. Er kam nicht zu Fall und bewegte sich nach dem Vorfall selbstständig weiter. Auf einem der Videos wirkt es, als könne der Mann auf der eisigen Fahrbahn kurz ausgerutscht sein und dabei möglicherweise das Fahrzeug berührt haben. Eine eindeutige Kollision oder ein gezieltes Rammen ist jedoch nicht belegbar. Auch die Polizei erklärte, es sei anhand der Aufnahmen nicht eindeutig erkennbar, ob es überhaupt zu einer Berührung kam.

Diese Einschätzung wird durch unabhängige Analysen gestützt. Neben einer visuellen Rekonstruktion der Rechercheplattform Bellingcat kommt auch eine Videoanalyse der New York Times zu dem Ergebnis, dass sich das Fahrzeug vom Beamten entfernte, als die Schüsse fielen.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Hinzu kommt ein Widerspruch zwischen offiziellen Aussagen und dem Bildmaterial: Während aus Regierungskreisen von einer lebensbedrohlichen Situation und einem Krankenhausaufenthalt des Beamten die Rede war, zeigen die Videos keine sichtbaren Verletzungen.

Nach bisherigem Ermittlungsstand gibt es zudem keine Hinweise, dass die getötete Frau Ziel der ICE-Maßnahme war.

US-Präsident Donald Trump erklärte nach eigenen Angaben auf seiner Plattform Truth Social, er habe ein Video des Vorfalls gesehen. Die Frau habe demnach einen ICE-Beamten „gewaltsam, vorsätzlich und böswillig“ mit ihrem Fahrzeug überfahren, woraufhin dieser in Notwehr geschossen habe. Zudem schrieb Trump, der Beamte befinde sich nach dem Einsatz zur Erholung im Krankenhaus.

ICE-Einsatz in Minneapolis: Was die Videos zeigen! Screenshot von US-Präsident Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social (Quelle)
Screenshot von US-Präsident Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social (Quelle)

Einordnung: Warum ICE in Minneapolis im Einsatz war

Der Einsatz fand vor dem Hintergrund einer größeren Operation der US-Einwanderungsbehörde ICE statt. Nach Angaben des Heimatschutzministeriums wurden in den Tagen vor dem Vorfall rund 2.000 zusätzliche Bundesbeamte in der Region Minneapolis–St. Paul eingesetzt.

Ziel der Maßnahme waren demnach Ermittlungen im Zusammenhang mit mutmaßlichem Sozialleistungsbetrug sowie die Durchsetzung bestehender Abschiebungsanordnungen. Die Operation begann mehrere Tage vor dem tödlichen Vorfall und zählt zu den umfangreicheren Einsätzen des Heimatschutzministeriums in einer US-Stadt in den vergangenen Jahren. Vergleichbare Einsätze fanden zeitgleich auch in anderen US-Städten statt.

ICE steht für Immigration and Customs Enforcement und ist eine Bundesbehörde des US-Heimatschutzministeriums. Sie ist unter anderem für die Durchsetzung des Einwanderungsrechts, Abschiebungen sowie Ermittlungen zu grenzüberschreitender Kriminalität zuständig. ICE-Beamte sind bundesweit tätig und handeln unabhängig von lokalen Polizeibehörden.

Einordnung zur Person

Die getötete Frau wurde als Renee Nicole Good identifiziert. Sie war 37 Jahre alt und US-Staatsbürgerin. Nach Angaben der Polizei und übereinstimmenden Medienberichten war sie nicht Gegenstand der laufenden ICE-Ermittlungen. Good lebte seit etwa einem Jahr in Minneapolis und war Mutter von drei Kindern.

Wirkung & Mechanismus

Die Notwehrdarstellung wirkt zunächst plausibel, da Fahrzeuge in Einsatzlagen häufig als potenzielle Gefahr wahrgenommen werden. Begriffe wie „Überfahren“ oder „Angriff“ erzeugen ein klares Bedrohungsbild, auch ohne visuelle Bestätigung. Die Auswertung mehrerer Videoaufnahmen relativiert diese Deutung jedoch: Ausweichbewegungen, das Anfahren aus seitlicher Position sowie mögliches Ausrutschen auf eisiger Fahrbahn können leicht als gezielter Angriff fehlinterpretiert werden.

Zusätzlich verbreiteten sich in sozialen Netzwerken Bilder, die angeblich den Vorfall zeigen sollen. Wir stellen klar, dass es sich dabei um KI-generierte Aufnahmen handelt. Erkennbar sind diese unter anderem an einer falschen Sitzposition (Beifahrersitz) der Frau, unplausiblen Uniformbeschriftungen (ICE) sowie fehlerhaften Gebäudestrukturen im Hintergrund. Die Bilder basieren zwar auf realem Filmmaterial, stellen jedoch keine authentischen Aufnahmen des Geschehens dar und wurden fälschlich als Interaktion zwischen der getöteten Frau und einem ICE-Beamten ausgegeben.

ICE-Einsatz in Minneapolis: Was die Videos zeigen. Dieses Bild wurde u.a. auf Facebook veröffentlicht. Es ist KI-generiert und zeigt nicht den realen Vorfall
Dieses Bild wurde u.a. auf Facebook veröffentlicht. Es ist KI-generiert und zeigt nicht den realen Vorfall

Fazit

Die überprüfbaren Fakten belegen keine Notwehr im Sinne eines Überfahrens oder unmittelbaren Angriffs auf den ICE-Beamten. Die entsprechende Behauptung wird durch die bekannte Bild- und Quellenlage nicht gestützt.

Lesen Sie auch: Kein Urteil des US Supreme Court: Robert F. Kennedy Jr. gewann keinen Prozess, der Covid-Impfstoffe „zu keinen Impfstoffen“ erklärt


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.