Nach unserem Faktencheck zur Frage, ob COVID-Geimpfte kein Blutplasma spenden dürfen, erreichte uns diese Mail:
Zuschrift an die Redaktion
„Wahrscheinlich beschäftigt ihr euch nur mit Studien die eure Meinung bestätigen. In den USA gibt es jede Menge Studie die nachweisen, dass das Spike, des Gentherapeutischen Experiments, selbst nach mehr als 36 Monaten im Blut zirkulieren. Fragt mich nicht nach dem Verweis, standard Antwort bei ‚chekern‘ wie ihr es seit. Wenn ihr wollen wolltet würdet ihr fündig. Aber ein eigenes Narrativ in Frage zu stellen, geht über eure Kapazität und Toleranz.“
Zitiert im Original samt Tippfehlern, gekürzt. Name und Adresse des Absenders nennen wir nicht.
Die Behauptung ist sehr konkret: Spike-Protein aus der Impfung, im Blut, nach mehr als 36 Monaten. Die Belege dafür bleiben völlig unbestimmt – und sollen von uns gefunden werden.
Damit wurde aus einer überprüfbar klingenden Aussage ein Suchspiel. Die Behauptung war sehr konkret, die angeblichen Belege blieben völlig unbestimmt. Wir haben trotzdem gesucht – und das Ergebnis dieser Suche ist der eigentliche Grund für diesen Artikel. Denn was danach passierte, kennt jeder, der schon einmal online über Studien gestritten hat.
Worum es ursprünglich ging
Ausgangspunkt war unser Faktencheck über eine alte Behauptung, die erneut in sozialen Netzwerken verbreitet wurde: COVID-geimpfte Menschen könnten kein Blutplasma spenden, weil die Impfung angeblich „natürliche Antikörper entfernt“. Beides stimmt nicht. Das American Red Cross führt Menschen nach einer Impfung mit den üblichen nicht replizierenden, inaktivierten oder RNA-basierten COVID-Impfstoffen weiterhin als spendefähig, sofern sie symptom- und fieberfrei sind. Der wahre Kern des Sharepics liegt in einer zeitweiligen Sonderregel für COVID-Rekonvaleszentenplasma aus dem Jahr 2021 – also für eine spezielle Therapieform und nicht für gewöhnliche Blut- und Plasmaspenden.
Die Kritik in der Mail betraf also zunächst eine ganz andere Frage als der geprüfte Artikel. Trotzdem lohnt sie sich anzusehen, weil der Satz „Dazu gibt es Studien“ in Diskussionen über Gesundheit, Klima, Ernährung oder Technik ständig fällt.
„Es gibt Studien“ ist noch kein Beleg
Das kann stimmen. Es kann sogar sehr viele Studien geben. Trotzdem wissen wir damit fast nichts: Welche Studie? Wer hat sie durchgeführt? Wie viele Menschen wurden untersucht? Was wurde gemessen? Was war die Vergleichsgruppe? Welche Einschränkungen nennen die Forschenden selbst? Und vor allem – untersucht die Studie überhaupt jene Behauptung, für die sie gerade als Beleg herhalten soll?
Eine wissenschaftliche Arbeit ist kein magisches Dokument, das einer Aussage allein durch ihre Existenz Recht gibt. Gerade bei medizinischen Fragen können zwei Sätze fast gleich klingen und wissenschaftlich etwas völlig anderes bedeuten. „Antikörper gegen Spike sind nach drei Jahren nachweisbar“ ist eine andere Aussage als „Spike-Protein zirkuliert nach drei Jahren im Blut“. Und der Nachweis eines Proteinfragments in bestimmten Immunzellen ist wiederum etwas anderes als der Nachweis eines dauerhaft frei zirkulierenden Proteins im Blut noch nach mehr als drei Jahren. Diese Unterschiede sind keine Haarspalterei. Sie entscheiden darüber, was eine Untersuchung tatsächlich aussagt.
Also haben wir gesucht
Man hätte schlicht antworten können: Wer sich auf Studien beruft, soll sie nennen. Wir haben trotzdem recherchiert – und man findet tatsächlich Arbeiten, die längere Nachweiszeiten nach COVID-Impfungen beschreiben.
Eine 2023 in Proteomics – Clinical Applications veröffentlichte Arbeit von Carlo Brogna und Kollegen untersuchte biologische Proben von Personen nach einer mRNA-Impfung mittels Massenspektrometrie und suchte nach einem spezifischen Fragment des rekombinanten Spike-Proteins. Dieses Fragment wurde in 50 Prozent der analysierten Proben gefunden; der früheste Nachweis erfolgte 69 Tage nach der Impfung, der späteste nach 187 Tagen. Das ist ein reales Studienergebnis, und es wäre falsch, so zu tun, als gäbe es solche Befunde nicht.
2025 erschien eine weitere Arbeit von Bruce Patterson und Kollegen. Untersucht wurden 50 Personen mit länger anhaltenden Beschwerden nach einer COVID-Impfung sowie 26 asymptomatische geimpfte Kontrollpersonen. Die Forschenden berichteten über den Nachweis der S1-Untereinheit des Spike-Proteins in bestimmten CD16+-Monozyten; bei Personen mit dem von den Autoren als „post-COVID-19 vaccine syndrome“ bezeichneten Beschwerdebild wurde S1 bis zu 245 Tage nach der Impfung nachgewiesen. Auch dieser Befund sollte weder verschwiegen noch größer gemacht werden, als er ist: Die Studie untersuchte eine ausgewählte Gruppe mit anhaltenden Beschwerden, die Autoren bezeichnen ihre Ergebnisse selbst als vorläufig und schreiben, dass weitere Untersuchungen nötig seien, um Kausalität und Häufigkeit zu klären.
Zur Einordnung gehört auch der von den Autoren offengelegte Interessenkonflikt: Patterson ist Geschäftsführer des Diagnostikunternehmens IncellDx, mehrere Mitautorinnen und Mitautoren arbeiten für das Unternehmen, weitere Verbindungen bestehen zum Chronic COVID Treatment Center. Das widerlegt die Ergebnisse nicht, ist bei der Bewertung der Arbeit aber eine relevante Information.
Drei Arbeiten, drei völlig verschiedene Untersuchungen
Die dritte kam erst später ins Spiel – dazu weiter unten mehr.
bis 187 Tage
Brogna et al. (2023)
Massenspektrometrischer Nachweis eines Spike-Fragments in analysierten Proben nach mRNA-Impfung.
bis 245 Tage
Patterson et al. (2025)
S1 in bestimmten Monozyten, bei einer ausgewählten Gruppe mit anhaltenden Beschwerden.
1.173 Tage
Hulscher et al. (2026)
Freies Spike-Protein im Plasma – bei einem einzelnen Patienten, ohne Vergleichsgruppe.
Unterschiedliche Methoden, unterschiedliche Gruppen. Eine gemeinsame „typische Verweildauer“ lässt sich daraus nicht berechnen.
Und dann gibt es tatsächlich eine 36-Monats-Studie
Besonders interessant wird die Sache, weil 2026 eine österreichische Studie erschienen ist, in deren Titel ausdrücklich 36 Monate vorkommen. Forschende um Orkan Kartal untersuchten die langfristige Immunantwort bei österreichischen Blutspenderinnen und Blutspendern; mehr als 146.000 Blutspenden aus den Jahren 2020 bis 2025 flossen in den Datensatz ein, zusätzlich wurden 204 Personen über 36 Monate wiederholt untersucht.
Wer nur „36 Monate“, „Spike“ und „Blutspender“ überfliegt, könnte hier den gesuchten Beweis vermuten. Nur untersucht die Studie etwas anderes. Gemessen wurden unter anderem Anti-S- und Anti-N-Antikörper. Anti-S-Antikörper sind Antikörper des Immunsystems, die sich gegen das Spike-Protein richten – sie sind nicht das Spike-Protein selbst. Die Forschenden beobachteten über drei Jahre eine anhaltende und durch erneute Infektionen immer wieder verstärkte Antikörperantwort; 97 Prozent der längsschnittlich beobachteten Personen zeigten mindestens eine serologisch erkannte Reinfektion, die Hälfte sogar zwei oder mehr.
Antikörper und Antigen sind nicht dasselbe
36 Monate Antikörpernachweis sind nicht 36 Monate Spike-Nachweis.
Das Antigen
Die Struktur, auf die das Immunsystem reagiert – hier das Spike-Protein selbst.
Der Antikörper
Die Antwort des Immunsystems darauf. Er kann lange vorhanden sein, wenn das Antigen längst verschwunden ist.
Antikörper können lange nachweisbar bleiben, ohne dass daraus folgt, dass das ursprüngliche Antigen ebenso lange im Blut vorhanden ist. Wer beides gleichsetzt, verwechselt die Immunantwort mit ihrem Ziel.
Die österreichische Studie ist damit gerade kein Nachweis dafür, dass Impf-Spike drei Jahre lang im Blut zirkuliert. Sie zeigt, wie lange und wie dynamisch sich die Immunantwort nach wiederholtem Kontakt mit SARS-CoV-2 entwickeln kann.
Und selbst dann wäre die Ausgangsfrage nicht beantwortet
Noch etwas fällt auf: Selbst ein Nachweis von Impf-Spike nach mehr als 36 Monaten würde die ursprünglich geprüfte Behauptung nicht automatisch bestätigen. In unserem Faktencheck ging es darum, ob COVID-Geimpfte kein Blut oder Plasma spenden dürfen. Um das zu belegen, müsste man mehr zeigen als irgendeine Form von Proteinpersistenz – nämlich, dass daraus ein relevantes Risiko für Empfänger entsteht und deshalb medizinische Ausschlusskriterien nötig sind. Die aktuellen Regeln des American Red Cross sagen etwas anderes: Wer mit nicht replizierenden, inaktivierten oder RNA-basierten COVID-Impfstoffen geimpft wurde, kann bei Symptom- und Fieberfreiheit spenden. Ein wissenschaftlicher Befund und die Schlussfolgerung, die jemand daraus ziehen möchte, sind zwei getrennte Dinge.
Wer behauptet, muss irgendwann auch zeigen
Damit verlassen wir die COVID-Frage, denn der Mailwechsel illustriert ein allgemeineres Problem. In der Argumentationsforschung wird seit Langem darüber diskutiert, wie Beweislast in Gesprächen verteilt wird. Vereinfacht gilt für eine konkrete, bestrittene Behauptung: Wer sie aufstellt, muss sie begründen können. Conny Rhode formuliert für argumentative Dialoge den Grundgedanken, dass eine aufgestellte und hinterfragte Behauptung entweder gestützt oder zurückgenommen werden muss.
Das heißt nicht, dass jeder Mensch zu jeder Aussage ein Literaturverzeichnis mitschicken muss. Wer schreibt „Ich glaube, ich habe mal etwas darüber gelesen“, stellt einen anderen Anspruch als jemand, der erklärt, es gebe jede Menge Studien, die genau das nachweisen. Je konkreter der Anspruch, desto konkreter muss irgendwann der Beleg werden. „Google selbst“ löst dieses Problem nicht.
Die Behauptung, die man nicht verlieren kann
Denn aus diesem Verfahren kann ein geschlossenes System entstehen, in dem kein denkbares Rechercheergebnis die ursprüngliche Überzeugung mehr erschüttert.
Drei mögliche Reaktionen, ein Muster
Was passiert, solange die konkrete Quelle fehlt.
Solange eine konkrete Quelle nicht genannt wird, bleibt die Behauptung einer Überprüfung entzogen.
Das ist für eine sachliche Diskussion ein Problem, weil die Behauptung damit unwiderlegbar wird, zumindest im Gespräch.
Wie der Mailwechsel endete
Wir antworteten und nannten die Studien, die wir gefunden hatten: Brogna und Kollegen mit dem Nachweis bis 187 Tage, Patterson und Kollegen mit Befunden bis 245 Tage. Zusätzlich verwiesen wir auf die österreichische 36-Monats-Studie und erklärten den Unterschied zwischen Spike-Protein und Anti-Spike-Antikörpern. Dann baten wir um die konkrete Studie, die einen Nachweis des impfstoffbedingten Spike-Proteins im Blut nach mehr als 36 Monaten zeigen soll.
Die Antwort enthielt erneut keine Studie.
Die Antwort darauf
„Wie erwähnt, Anlass meiner Mail war nur der Zweck euch zu mit zuteilen, dass euere pseudo wissenschaftliche Statements, hier und erkannt werden, als das was sie sind, Bullshit.“
Zitiert im Original samt Tippfehlern, gekürzt.
Damit hatte sich die Ausgangslage verändert. Zuerst lautete der Vorwurf: Ihr ignoriert Studien. Nachdem Studien recherchiert und offengelegt worden waren, spielte die konkrete Forschung keine Rolle mehr.
Und dann kam doch noch eine Quelle
Damit hätte der Artikel enden können. Nach dieser Antwort schickte uns der Leser jedoch einen konkreten Link. Er führte zu einem Beitrag des Portals TKP vom 3. Februar 2026 und von dort zu einer Arbeit von Nicolas Hulscher und weiteren Autoren.
Und damit ändert sich ein Teil unserer bisherigen Einschätzung.
Der TKP-Beitrag bezog sich zunächst auf einen Anfang Februar 2026 bei Zenodo veröffentlichten Preprint. Inzwischen ist die Arbeit als Case Report in Medical Research Archives erschienen; das Journal kennzeichnet den Beitrag als peer-reviewed. Zur Einordnung gehört, dass diese Zeitschrift derzeit nicht für MEDLINE indexiert ist – das macht den Bericht nicht falsch, „peer-reviewed“ ist hier aber kein Siegel, das weitere Prüfung erübrigt. Beschrieben wird ein 55-jähriger Mann, der drei Dosen des Pfizer-BioNTech-Impfstoffs erhalten und anschließend zahlreiche Beschwerden entwickelt hatte. Die Autoren berichten über den Nachweis von freiem Spike-Protein im Plasma 1.173 Tage nach der letzten Impfung sowie in zirkulierenden Exosomen, über Impfstoff-Spike-mRNA in Exosomen nach 1.284 Tagen und über Spike-Protein in Hautgewebe zu noch späteren Zeitpunkten. Wichtig dabei: Die Proben stammen aus einem Zeitraum zwischen etwa 850 und 1.360 Tagen nach der letzten Impfung. Es handelt sich also um sehr späte Einzelnachweise, nicht um eine lückenlose Messreihe vom Impftag an.
1.173 Tage sind mehr als 36 Monate. Unsere bisherige Recherche war an dieser Stelle unvollständig, und das gehört hier hin: Für diesen einen Punkt gibt es inzwischen einen veröffentlichten Einzelfallbefund, den wir zunächst nicht gefunden hatten. Bei einem Patienten wurde mehr als 36 Monate nach der letzten Impfung freies Spike-Protein im Plasma gemessen.
Was diese Arbeit zeigt – und was nicht
Entscheidend ist nun, was aus diesem Befund folgt. Es handelt sich um einen Case Report über genau einen Patienten. Es gibt keine Vergleichsgruppe und keine Stichprobe, aus der sich ableiten ließe, wie häufig ein solcher Befund vorkommt. Die Autoren selbst schreiben, dass kontrollierte Langzeitstudien nötig seien, um Häufigkeit, Mechanismen und klinische Bedeutung zu bestimmen.
Damit lässt sich sagen: Bei einem untersuchten Patienten wurde mehr als 36 Monate nach der letzten mRNA-Impfung freies Spike-Protein im Plasma nachgewiesen. Nicht sagen lässt sich: Bei COVID-Geimpften zirkuliert das Impf-Spike mehr als 36 Monate im Blut. Und schon gar nicht: Mehrfache Impfungen verursachen einen langjährigen Verbleib von Spike-Protein. Für Letzteres müsste die Arbeit Menschen mit einer, zwei und drei Dosen vergleichen und zeigen, dass die Dauer mit der Zahl der Dosen zusammenhängt. Das tut sie nicht.
Genau diesen Schritt macht der TKP-Beitrag trotzdem. Seine Überschrift lautet, der langjährige Verbleib von Impf-Spikes im Körper fördere viele Krankheiten inklusive Krebs. Das zeigt der Case Report nicht. Im Gegenteil: Malignome gehörten laut Bericht zu den untersuchten und ausgeschlossenen alternativen Ursachen, die umfangreiche Diagnostik blieb weitgehend ohne entsprechenden Befund. Die Autoren berichten zwar über Veränderungen in bestimmten Genen und schreiben vorsichtig, diese könnten mit langfristigen Veränderungen biologischer Signalwege assoziiert sein – eine Krebserkrankung durch die Impfung belegen sie damit nicht, und der Patient hatte laut Bericht gerade keinen diagnostizierten Krebs.
Ein zweiter Vorbehalt betrifft die Herkunft des gefundenen Spike-Proteins. Die Autoren argumentieren, eine frühere SARS-CoV-2-Infektion sei „effektiv ausgeschlossen“ worden; Hauptargument sind wiederholt negative Nukleokapsid-Antikörper und fehlendes Nukleokapsidprotein im untersuchten Gewebe. Das ist ein ernstzunehmendes Indiz, aber kein absoluter Ausschluss. Eine Längsschnittuntersuchung von McGee und Kollegen mit 629 über ein Jahr beobachteten Personen stellte fest, dass Durchbruchsinfektionen bei Geimpften keine zuverlässige Anti-N-Antwort erzeugen und manche Betroffene nach dokumentierter Infektion überhaupt nicht serokonvertierten; die Autoren warnen ausdrücklich davor, die Häufigkeit von Durchbruchsinfektionen über Anti-N-Serologie bestimmen zu wollen. Auch die CDC weist darauf hin, dass eine geimpfte Person mit positiven Spike-Antikörpern und negativen Nukleokapsid-Antikörpern entweder nie infiziert gewesen sein kann oder eine frühere Infektion hatte, deren Anti-N-Antikörper inzwischen abgefallen sind. Das heißt nicht, dass die Autoren falsch liegen – es heißt, dass „effektiv ausgeschlossen“ stärker formuliert ist, als die Serologie allein hergibt.
Und für die ursprünglich geprüfte Frage ändert der Case Report nichts. Er untersucht weder die Sicherheit von Blutspenden noch zeigt er, dass Geimpfte deshalb von Blut- oder Plasmaspenden ausgeschlossen werden müssten.
Das heißt nicht, dass feste Meinungen irrational sind
Hier ist Vorsicht angebracht. Aus zwei E-Mails lässt sich keine psychologische Diagnose eines Menschen ableiten, und genau das wollen wir nicht tun. Die Forschung kennt allerdings gut dokumentierte Mechanismen, durch die bestehende Überzeugungen beeinflussen, wie neue Informationen bewertet werden. Eine umfangreiche Übersicht in Nature Reviews Psychology beschreibt etwa, dass Falschinformationen auch nach Korrekturen Einfluss auf das weitere Denken behalten können – die Forschung spricht vom „continued influence effect“ –, und dass bei der Bewertung von Informationen kognitive, soziale und emotionale Faktoren eine Rolle spielen. Experimente zeigen zudem, dass die Motivation, korrekt zu urteilen, die Bewertung verändern kann: In einer Studie mit mehr als 3.300 Teilnehmenden verbesserten finanzielle Anreize für richtige Antworten die Genauigkeit der Einschätzung politischer Nachrichten und reduzierten parteiliche Verzerrungen.
Das heißt nicht, dass jemand, der uns widerspricht, unter „motiviertem Denken“ leidet. Es bedeutet nur, dass Menschen Informationen nicht im luftleeren Raum beurteilen – Vorwissen, Überzeugungen, soziale Zugehörigkeit und Vertrauen in Quellen beeinflussen, welchen Belegen wir Gewicht geben. Das gilt selbstverständlich auch für Journalistinnen und Faktenchecker. Gerade deshalb braucht es nachvollziehbare Quellen.
Quellen machen Aussagen angreifbar. Das ist ihr Zweck.
Ein guter Faktencheck sollte keine Glaubensfrage daraus machen, welcher Seite man vertraut. Leserinnen und Leser sollen nachsehen können, worauf sich eine Aussage stützt, eine Studie öffnen und feststellen können, ob wir sie korrekt wiedergeben. Sie sollen auch Fehler finden können. Deshalb sind Quellen mehr als Dekoration unter einem Artikel: Sie machen Aussagen angreifbar. Das klingt negativ, ist aber eine der wichtigsten Eigenschaften seriöser Informationsarbeit. Eine überprüfbare Aussage kann sich als richtig herausstellen, als unvollständig erweisen oder widerlegt werden. „Es gibt Studien, aber ich sage euch nicht welche“ verhindert genau diese Überprüfung.
Zur seriösen Prüfung gehört allerdings die andere Seite ebenso. Es wäre bequem gewesen, die Behauptung über länger nachweisbares Spike-Protein als Unsinn abzutun – wissenschaftlich wäre das keine gute Arbeitsweise gewesen. Es gibt Arbeiten, die entsprechende Befunde beschreiben. Man kann sie methodisch diskutieren, ihre Aussagekraft einordnen und weitere Forschung abwarten. Man kann sie aber nicht aus der Literatur verschwinden lassen, weil sie unbequem erscheinen. Zur seriösen Prüfung gehört ebenso, neue Befunde anzuerkennen. Die später nachgereichte Hulscher-Arbeit zeigt genau das: Ein Nachweis von Spike-Protein jenseits von 36 Monaten wurde bei einem Patienten tatsächlich berichtet. Ein einzelner Case Report ist allerdings keine Abkürzung zu der Aussage, Spike-Protein zirkuliere bei COVID-Geimpften generell jahrelang im Blut oder verursache dadurch bestimmte Erkrankungen.
Vielleicht ist das die wichtigste Frage
In festgefahrenen Online-Debatten wird oft darüber gestritten, wer „das Narrativ“ kontrolliert oder welcher Institution man noch trauen könne. Eine einfachere Frage hilft meist weiter: Welche konkrete Beobachtung würde dazu führen, dass Sie Ihre Aussage ändern?
Wenn darauf eine Antwort möglich ist, kann eine sachliche Diskussion beginnen. Wenn kein denkbares Ergebnis die Überzeugung verändern könnte, gibt es dagegen nichts mehr zu prüfen – dann liegt keine überprüfbare Hypothese vor, sondern eine Überzeugung, die gegen jede Widerlegung abgesichert ist.
Wissenschaft funktioniert anders. Sie lebt davon, dass Ergebnisse unangenehm sein dürfen – auch für uns. Findet jemand morgen eine belastbare Studie, die zeigt, dass impfstoffbedingtes Spike-Protein bei einer relevanten Zahl von Menschen mehr als 36 Monate nach der Impfung im Blut vorhanden ist, wäre die richtige Reaktion nicht „das darf nicht sein“. Sie wäre: Studie aufmachen, Methoden prüfen, Ergebnisse lesen, einordnen – und gegebenenfalls den bisherigen Wissensstand korrigieren. Dafür müsste man allerdings wissen, welche Studie gemeint ist.
Fazit
Der Mailwechsel begann mit dem Vorwurf, Faktenchecker würden nur jene Studien berücksichtigen, die ihre eigene Meinung bestätigen. Wir haben deshalb nach den behaupteten Forschungsergebnissen gesucht und dabei durchaus Studien gefunden, die eine längerfristige Nachweisbarkeit von Spike-Protein oder Spike-Bestandteilen untersuchen. Wir haben sie nicht verschwiegen. Die zunächst von uns gefundenen Arbeiten zeigen nur nicht das, was behauptet wurde: Eine Arbeit berichtet über maximal 187 Tage, eine weitere bei einer speziellen Gruppe über Befunde bis 245 Tage, und die österreichische Untersuchung läuft zwar über 36 Monate, misst aber Antikörperdynamiken und keinen dreijährigen Nachweis von Impf-Spike im Blut.
Auf Nachfrage kam dann doch eine konkrete Quelle – und sie enthält tatsächlich einen Befund jenseits von 36 Monaten: freies Spike-Protein im Plasma 1.173 Tage nach der letzten Impfung. Allerdings bei einem einzigen Patienten, ohne Vergleichsgruppe, in einem Case Report, dessen Autoren selbst kontrollierte Langzeitstudien fordern. Das belegt den Einzelfall. Es belegt nicht die pauschale Aussage, bei Geimpften zirkuliere Spike-Protein jahrelang im Blut.
Unsere Recherche war an diesem Punkt unvollständig, und wir haben das oben korrigiert. Das ist keine Niederlage für einen Faktencheck, sondern sein Zweck: Sobald ein überprüfbarer Beleg vorliegt, wird die Bewertung genauer.
Man darf Mimikama kritisieren. Man darf unseren Faktenchecks misstrauen, unsere Interpretation hinterfragen und uns Studien schicken, die unseren Einschätzungen widersprechen. Genau dafür veröffentlichen wir Quellen. Wer sich auf „jede Menge Studien“ beruft, muss irgendwann auch eine davon nennen. In diesem Fall ist das am Ende geschehen – und ab diesem Moment konnten wir feststellen, dass ein Teil unserer bisherigen Einschätzung korrigiert werden musste, während andere Schlussfolgerungen aus der Quelle weiterhin nicht hervorgehen.
Erst mit der Quelle beginnt die Prüfung.
Quellen und weiterführende Literatur
- Brogna C. et al. (2023): Detection of recombinant Spike protein in the blood of individuals vaccinated against SARS-CoV-2: Possible molecular mechanisms, Proteomics – Clinical Applications, 17(6), e2300048, DOI 10.1002/prca.202300048 – PubMed
- Patterson B. K. et al. (2025): Detection of S1 spike protein in CD16+ monocytes up to 245 days in SARS-CoV-2-negative post-COVID-19 vaccine syndrome (PCVS) individuals, Human Vaccines & Immunotherapeutics, 21(1), 2494934, DOI 10.1080/21645515.2025.2494934 – PubMed
- Kartal O. et al. (2026): Reinfection-Driven Accumulation of SARS-CoV-2 Antibodies: A 36-Month Longitudinal Study in Austrian Blood Donors, Diagnostics, 16(2), 195, DOI 10.3390/diagnostics16020195 – PubMed
- Hulscher N. et al. (2026): Persistence of Vaccine mRNA, Plasmid DNA, Spike Protein, and Genomic Dysregulation Over 3.5 Years Post-COVID-19 mRNA Vaccination, Medical Research Archives, Vol. 14, Nr. 6, Case Report, 1. Juli 2026, DOI 10.18103/mra.2026.0351 – Medical Research Archives
- TKP: Langjähriger Verbleib von Impf-Spikes im Körper fördert viele Krankheiten inklusive Krebs – Studie, 3. Februar 2026 – der uns zugesandte Beitrag: TKP
- Centers for Disease Control and Prevention: Interim Guidelines for COVID-19 Antibody Testing in Clinical and Public Health Settings, Stand 16. Dezember 2022 – zur Interpretation von Anti-S- und Anti-N-Antikörpern und zum möglichen Abfall von Anti-N nach früherer Infektion – CDC-Archiv
- McGee C. et al. (2022): Longitudinal Serological Surveillance for COVID-19 Antibodies after Infection and Vaccination, Microbiology Spectrum, 10(5), e02026-22, DOI 10.1128/spectrum.02026-22 – American Society for Microbiology
- American Red Cross: Blood Donor Eligibility Criteria, Abschnitt „COVID-19 Vaccine and COVID-19 Booster Shot“ – redcrossblood.org
- U.S. Food and Drug Administration (2022): Updated Information for Blood Establishments Regarding the COVID-19 Pandemic and Blood Donation – fda.gov
- Ecker U. K. H. et al. (2022): The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction, Nature Reviews Psychology, 1, 13–29, DOI 10.1038/s44159-021-00006-y – Nature Reviews Psychology
- Rathje S. et al. (2023): Accuracy and social motivations shape judgements of (mis)information, Nature Human Behaviour, 7, 892–903, DOI 10.1038/s41562-023-01540-w – Nature Human Behaviour
- Mimikama: Dürfen COVID-Geimpfte kein Blutplasma spenden? Das steckt hinter der viralen Behauptung – der geprüfte Ausgangsartikel
- Rhode C. (2017): The Burden of Proof in Philosophical Persuasion Dialogue, Argumentation, 31, 535–554, DOI 10.1007/s10503-017-9432-z – Springer
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