Ein Leser unseres Newsletters hat uns einen Vortrag geschickt. Rund 50 Minuten lang spricht darin der Soziologe Aladin El-Mafaalani über Vertrauen, Misstrauen, Populismus und Verschwörungserzählungen. Gehalten hat er ihn bei der Utopie-Konferenz der Leuphana Universität Lüneburg. Vom 26. bis 28. August 2026 kamen dafür mehr als 1.500 Menschen und über 80 Gäste nach Lüneburg.
Warum uns das interessiert? Wer jeden Tag Falschmeldungen beobachtet, stößt immer wieder auf ein Rätsel. Menschen teilen gegenseitig ihre Beiträge, obwohl ihre Behauptungen gar nicht zusammenpassen. El-Mafaalani hat für solche Gruppen einen Namen: Misstrauensgemeinschaften.
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Mehr InformationenWas verbindet Menschen, die sich widersprechen?
El-Mafaalani fasst seine Idee in einem Satz zusammen: „Misstrauische Menschen haben angefangen, anderen misstrauischen Menschen zu vertrauen.“ Das klingt erst einmal widersprüchlich. Aber wer Politik, Medien oder der Wissenschaft nicht mehr traut, hat ein Problem. Fast alles, was außerhalb der eigenen Umgebung passiert, erfährt man über genau diese Stellen. Ein Leben voller Misstrauen ist deshalb sehr anstrengend, sagt El-Mafaalani. Ausgearbeitet hat er das in seinem Buch „Misstrauensgemeinschaften“, erschienen im November 2025 bei Kiepenheuer & Witsch.
Das Verbindende ist dabei nur das Misstrauen. Die Beteiligten müssen nicht einmal an dieselbe Verschwörung glauben. Manche halten die Erzählung des anderen sogar für Quatsch und sorgen trotzdem für ihre Reichweite, sagt El-Mafaalani. Er beruft sich dabei auf neuere Forschung aus Deutschland, nennt die Studie im Vortrag aber nicht. Die Gemeinsamkeit liegt nicht in der Geschichte, sondern eine Ebene darunter.
Das verändert den Blick auf Gruppen im Netz. Hinter vielen Accounts, die sich gegenseitig verbreiten, vermutet man gerne eine gemeinsame Weltanschauung. Manchmal gibt es die auch. Manchmal reicht aber ein gemeinsamer Gegner.
Warum finden sich diese Menschen heute so leicht?
El-Mafaalanis zweite These betrifft das Internet. Mehr misstrauische Menschen gebe es heute nicht, zumindest nicht wesentlich mehr. Früher hätten sich viele von ihnen zurückgezogen: Sie waren still und gingen oft nicht einmal wählen. Durch soziale Netzwerke merkten sie, dass es noch andere wie sie gibt. Anfangs mussten sie einander suchen, später brachten die Plattformen sie über ihre Empfehlungen zusammen. Heute unterstützen sie sich gegenseitig, erleben, dass sie etwas bewirken – und gehören laut El-Mafaalani zu den aktivsten Menschen im Netz.
Um das greifbar zu machen, verwendet er ein Bild: 20.000 Menschen, die in Lüneburg einfach durch die Stadt gehen, oder 20.000 Menschen, die dort aggressiv demonstrieren. Gleich viele Menschen, aber eine völlig andere Wirkung. Aus solchen Gemeinschaften entstehen laut El-Mafaalani mit der Zeit eigene Angebote, etwa alternative Medien, Alternativmedizin oder alternatives Geld.
Eine Untersuchung in der Fachzeitschrift Social Science Research passt zu einem Teil davon. Die Forschenden werteten knapp 15 Millionen Beiträge, Weiterleitungen und Antworten aus, die 98 politisch aktive polnische Accounts auf X über 15 Monate verfasst oder in ihrem Umfeld gesehen hatten. Entscheidend war der Anteil an Verbreitern von Verschwörungserzählungen im direkten Umfeld eines Accounts. Schon ein bis fünf Prozent solcher Kontakte gingen mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit einher, selbst solche Inhalte weiterzugeben. Die Autoren betonen allerdings, dass es sich um Beobachtungsdaten handelt. Ob die Kontakte tatsächlich die Ursache sind, zeigt die Studie nicht.
Soziale Medien sind dabei nicht automatisch das Problem. In einem Feldexperiment mit 3.395 Menschen aus Deutschland und Frankreich folgten Teilnehmende zwei Wochen lang politisch ausgewogenen Nachrichtenmedien auf Instagram oder WhatsApp. Eine Vergleichsgruppe folgte stattdessen Accounts über Kochen, Kino oder Kunst. Die Nachrichtengruppe wusste danach mehr über aktuelle Ereignisse, konnte wahre und falsche Meldungen besser unterscheiden und vertraute Nachrichtenmedien stärker. Es kommt also darauf an, was jemand im Feed sieht und wem er dort begegnet.
Glaubt die Person das eigentlich selbst?
Bei jeder Falschmeldung liegt die Frage nahe: Glaubt der Mensch, der das teilt, wirklich daran? Die Antwort ist oft weniger wichtig, als man denkt. Ein Forschungsteam zeigte in einer Vorstudie und drei Experimenten mit insgesamt 4.128 Teilnehmenden, dass Menschen Verschwörungserzählungen auch aus sozialen Gründen teilen – etwa für Likes. In einer nachgebauten Social-Media-Umgebung gaben Teilnehmende solche Erzählungen häufiger weiter, wenn sie dafür mehr Reaktionen bekamen. Das galt sogar dann, wenn sie wussten, dass die Geschichten falsch waren.
Für die Verbreitung einer Falschmeldung muss also niemand restlos überzeugt sein. Ein Beitrag wird auch geteilt, weil er zur eigenen Seite passt oder den gemeinsamen Gegner trifft. Genau dort setzen Misstrauensgemeinschaften an.
Ist die Gesellschaft nun gespalten oder nicht?
Bei einer Aussage des Vortrags ist Vorsicht angebracht. Fast alle hätten das Gefühl, die Gesellschaft sei gespalten, sagt El-Mafaalani. Für diese Polarisierung gebe es aber „keine empirische Studie, die darauf hindeutet“. Als Beleg nennt er Befragungen dazu, wie Menschen etwa über Menschen mit Behinderung, Migranten oder Juden denken. Über rund 20 Jahre seien die Einstellungen eher ein kleines bisschen liberaler geworden. Und der Anteil der Menschen, die an Verschwörungen glauben, sei stabil geblieben. Als Aussage über die gesamte Forschung geht das zu weit.
Seine Beispiele betreffen Einstellungen, also was Menschen über bestimmte Gruppen oder Themen denken. Das Wort „Polarisierung“ meint aber noch mehr. „Polarisierung“ kann Verschiedenes meinen: wie weit die Meinungen zu Sachfragen auseinanderliegen, wie weit die Parteien auseinanderrücken oder wie stark sich Anhänger verschiedener Parteien gegenseitig ablehnen. Für die letzten beiden Formen gibt es in Deutschland Hinweise auf eine Zunahme. Eine Auswertung des ifo Instituts aus dem Jahr 2026 findet bei der gegenseitigen Abneigung der Parteilager bis etwa 2020 kaum Veränderung, danach einen merklichen Anstieg. Eine Analyse in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ der Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt 2025 ein Parteiensystem, das zersplitterter und polarisierter geworden ist.
Seine eigene Erklärung braucht diese Zuspitzung übrigens nicht. Dass misstrauische Menschen lauter und sichtbarer geworden sind, kann auch dann stimmen, wenn manche Formen der Spaltung tatsächlich zunehmen.
Misstrauen jetzt alle?
Nein, sagt El-Mafaalani. Das Misstrauen habe nicht zugenommen. Er befürchtet aber eine andere Verschiebung: Vor 15 Jahren habe die Mehrheit der Regierung, der Wissenschaft und dem Staat noch vertraut. Heute stehe die große Mehrheit womöglich im „Dazwischen“. Diese Menschen misstrauen noch nicht, vertrauen aber auch nicht mehr einfach. Dieser Zustand sei besonders anstrengend, weil man sich selbst informieren und selbst entscheiden muss. Für El-Mafaalani ist das das größere Problem als die lauten Misstrauensgemeinschaften.
Wie unterschiedlich Vertrauen verteilt ist, zeigen Zahlen der OECD, einer Organisation von Industriestaaten. Sie befragt regelmäßig Menschen in ihren Mitgliedsländern, wem sie vertrauen.
Einen allgemeinen Zusammenbruch des Vertrauens zeigen diese Zahlen nicht. Sie zeigen aber: Rund zwei Drittel haben kein hohes oder eher hohes Vertrauen in die Bundesregierung. Das heißt nicht automatisch, dass sie ihr misstrauen – die Befragung kennt auch eine neutrale Mitte. Ob die Zahl der Vertrauenden über 15 Jahre gesunken ist, wie El-Mafaalani sagt, lässt sich aus zwei Befragungen im Abstand von zwei Jahren allerdings nicht ablesen.
Wann wird Misstrauen zum Problem?
El-Mafaalani verwendet dafür ein Bild aus der Medizin. Vertrauen sei wie ein Muskel: Damit kann eine Gesellschaft etwas bewegen. Misstrauen sei wie das Immunsystem: Es passt auf, dass nichts Schädliches passiert. Manche Berufe sind deshalb absichtlich misstrauisch, etwa Richterinnen, Ermittler oder Wissenschaftler, die die Arbeit von Kollegen prüfen. Misstrauensgemeinschaften vergleicht er dagegen mit einer Autoimmunerkrankung: Das Misstrauen richtet sich nicht mehr gegen eine echte Gefahr, sondern gegen genau das, was es schützen soll.
Im Alltag zeigt sich das dort, wo das Prüfen aufhört. Dann gilt eine Meldung als glaubwürdig, nur weil sie von einem Medium kommt, das sich als Gegenstimme versteht. Und ein sauber belegter Bericht wird verworfen, nur weil er von einer Universität, einer Behörde oder einer Redaktion stammt.
Dann entscheidet nicht mehr der Beleg, sondern die Zugehörigkeit.
Was kann ein Faktencheck da noch ausrichten?
Für Faktencheck-Redaktionen wie unsere ist das unbequem. El-Mafaalani spricht zwar vor allem über populistische Politiker: Wer gewählt wurde, weil er das Misstrauen verkörpert, verliert seine Anhänger nicht, nur weil er schlecht regiert. „Entzaubern“ funktioniere bei Misstrauensgemeinschaften nicht. Für Faktenchecks heißt das aus unserer Sicht: Eine Behauptung lässt sich eindeutig widerlegen – und die Widerlegung landet trotzdem bei Menschen, die sie sofort zurückweisen. Ist eine Geschichte erledigt, steht die nächste oft schon bereit.
Aufhören ist trotzdem keine Lösung. El-Mafaalani hält es für richtig, dagegenzuhalten, und zwar lange, ohne sofortige Wirkung zu erwarten. Einen Teil der Menschen könnten Argumente durchaus erreichen, sagt er. Und wenn er mit dem Dazwischen recht hat, liegt genau dort die wichtigste Aufgabe.
Die Menschen im Dazwischen brauchen niemanden, der ihnen sagt, wem sie glauben sollen. Sie brauchen Möglichkeiten, selbst nachzuprüfen, ohne dass das zur Erschöpfung wird. Ein Faktencheck macht überprüfbare Informationen zugänglich und zeigt, wie man eine Behauptung selbst prüfen kann. Vertrauen, das eine Überprüfung aushält, ist etwas anderes als blindes Vertrauen.
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