Ich prüfe seit 2011 Falschmeldungen. Wir nehmen Aussagen von Politikern unter die Lupe, zerlegen virale Behauptungen, suchen Originalquellen, vergleichen Zahlen und schreiben auf, was sich belegen lässt und was nicht.
In Ägypten macht eine Redaktion im Kern genau dasselbe. Seit dieser Woche sitzt sie vollständig in Haft.
Innerhalb eines Tages war die Redaktion leer
Am späten Abend des 28. September 2026 durchsuchten Sicherheitskräfte die Wohnungen von Mohamed Ashraf Abu Emeira und Abdallah Qadry und nahmen beide fest. In den folgenden Stunden gab es weitere Razzien in mehreren Gouvernements: Islam Barakat wurde in Gharbiya festgenommen, Omar Helal in Port Said, Mohamed Mahmoud und Mohamed Adel in Kairo. Bis zum Ende des 29. September war die gesamte sechsköpfige Redaktion in Gewahrsam.
Die Egyptian Initiative for Personal Rights (EIPR), die die Journalisten anwaltlich vertritt, berichtet, dass dabei Telefone und Laptops beschlagnahmt wurden, teilweise auch Geräte von Angehörigen und Mitbewohnern. Durchsuchungs- oder Haftbefehle seien nicht vorgezeigt worden. Familien und Anwälte erfuhren zunächst nicht, wohin die Festgenommenen gebracht wurden, und hatten keinen Kontakt zu ihnen.
Der Vorwurf der Behörden
Anfangs gab es keine offizielle Begründung. Am 30. September veröffentlichte das ägyptische Innenministerium dann eine Erklärung, über die unter anderem Reuters berichtete. Darin bezeichnet es Matsadaash als nicht lizenzierte Online-Seite, die aus dem Ausland als Teil des Medienapparats der Muslimbruderschaft betrieben werde und mithilfe von Unterstützern im Land irreführende Berichte verbreite. Die Muslimbruderschaft ist in Ägypten seit 2013 als Terrororganisation verboten. Laut Ministerium ist einer der sechs Festgenommenen Mitglied der Journalistengewerkschaft, rechtliche Schritte seien eingeleitet.
Matsadaash bestreitet jede Verbindung zur Muslimbruderschaft und verweist auf eigene Beiträge, in denen die Plattform Falschmeldungen aus Medien der Bruderschaft korrigiert hat.
Damit ist bekannt, was die Behörden behaupten. Öffentlich überprüfbare Belege für diesen Vorwurf sind bislang nicht bekannt.
Wer ist Matsadaash?
Matsadaash (auch Matsda2sh oder Matsaddash geschrieben, sinngemäß „Glaub’s nicht“) arbeitet seit 2018 öffentlich mit Faktenchecks, investigativen Recherchen und Open-Source-Analysen. Die Facebook-Seite hat mehr als 1,3 Millionen Follower. Geprüft werden virale Behauptungen ebenso wie Aussagen von Regierung und Behörden – zuletzt etwa Angaben von Außenminister Badr Abdelatty zur Zahl der Flüchtlinge im Land.
Natürlich arbeiten wir in Österreich unter völlig anderen politischen und rechtlichen Bedingungen. Aber das Handwerk ist dasselbe: Jemand behauptet etwas, man sucht die Quelle, prüft Zahlen, Dokumente und Bilder und veröffentlicht das Ergebnis.
Nicht der erste Fall
Bereits 2023 wurde der Matsadaash-Redakteur Karim Asaad nach einer Hausdurchsuchung festgenommen und rund 48 Stunden später wieder freigelassen. Die Plattform hatte damals ausführlich über ein Privatflugzeug berichtet, das von Kairo nach Lusaka geflogen und in Sambia beschlagnahmt worden war. Laut den sambischen Behörden befanden sich an Bord unter anderem 5,7 Millionen US-Dollar Bargeld, 602 Metallbarren, die zunächst für Gold gehalten wurden, sowie fünf Pistolen und Munition. Asaad wurde nach Angaben von Al Manassa genau zu dieser Berichterstattung befragt.
Unterstützerorganisationen berichten zudem von wiederholten Diffamierungskampagnen gegen die Plattform.
Reaktionen in Ägypten
Die ägyptische Journalistengewerkschaft hat sich eingeschaltet. Eman Ouf, Berichterstatterin des Freiheitskomitees, sagte Al Manassa, man stehe seit Dienstag mit den zuständigen Stellen in Kontakt und biete allen sechs Journalisten rechtliche Unterstützung an, unabhängig von einer Mitgliedschaft. Ziel sei eine Freilassung, bevor die Fälle an die Staatsanwaltschaft gehen. Familien und Anwälte von vier der Festgenommenen hätten bereits offizielle Beschwerden eingereicht. Gewerkschaftschef Khaled Elbalshy sagte, die Festnahmen sendeten ein schlechtes Signal. Die Rechtsabteilung der Gewerkschaft sei bereit, für alle sechs als Bürge aufzutreten.
EIPR-Direktor Hossam Bahgat bezeichnete den Vorgang auf Facebook als beispiellos: Zum ersten Mal in rund zwei Jahrhunderten ägyptischer Pressegeschichte sei eine komplette Redaktion samt allen Journalisten festgenommen worden. Diese historische Einordnung lässt sich kaum unabhängig überprüfen. Dass die gesamte Redaktion von Matsadaash betroffen ist, bestätigen hingegen mehrere Quellen.
Breite internationale Unterstützung
Ein gemeinsamer Aufruf fordert die Freilassung der sechs Journalisten und ein Ende des Vorgehens gegen Matsadaash. Unterzeichnet haben unter anderem Human Rights Watch, Reporter ohne Grenzen, ARTICLE 19, das Committee to Protect Journalists, die Electronic Frontier Foundation, das International Consortium of Investigative Journalists und OCCRP.
Das Tahrir Institute for Middle East Policy (TIMEP), das den Aufruf mitträgt, hat dazu auch Fotos der sechs Journalisten veröffentlicht:
Auffällig viele Unterschriften kommen aus unserer eigenen Branche: Das International Fact-Checking Network, Full Fact, PolitiFact, Agência Lupa, Newtral, Verificat, FactCheck Georgia und Pagella Politica/Facta stehen ebenfalls auf der Liste.
Pressefreiheit in Ägypten
Im World Press Freedom Index 2026 von Reporter ohne Grenzen liegt Ägypten auf Platz 169 von 180. Laut Committee to Protect Journalists gehört das Land weiterhin zu den zehn Staaten weltweit, die die meisten Journalisten inhaftieren – derzeit sind es dort 19. Die EIPR kommt mit einer breiteren Zählweise auf 26. Die Zahlen widersprechen sich nicht, sie beruhen auf unterschiedlichen Definitionen.
Auch Al Manassa, das ausführlich über Matsadaash berichtet, kennt staatliche Einschränkungen aus eigener Erfahrung: Die Website des Mediums wurde nach eigenen Angaben 13-mal blockiert. Die Journalistengewerkschaft kritisierte im März 2024 die anhaltende Sperrung mehrerer Nachrichtenseiten.
Warum mich diese Geschichte nicht loslässt
Ich habe in den vergangenen Jahren viele Geschichten über Angriffe auf Journalisten, Faktenchecker und unabhängige Medien gelesen. Und ich habe selbst einiges erlebt.
Beschimpfungen gehören irgendwann fast zum Alltag, Drohungen leider auch. Dubiose Anrufe. Nachrichten von Menschen, die sehr genau wissen wollen, wo wir sitzen. Ein Klingeln an der Bürotür, bei dem man für einen Moment nicht weiß, wer draußen steht und warum.
Einmal stand plötzlich der Staatsschutz bei uns im Büro. Nicht, weil wir etwas getan hatten, sondern weil der Betreiber der Seite „Migrantenschreck“ Mimikama in sein Impressum geschrieben hatte – unseren Namen, unsere Adresse. Offenbar, um die Behörden auf eine falsche Spur zu führen. So etwas vergisst man nicht. Und trotzdem sitzt man danach wieder am Rechner, beantwortet Mails, prüft Bilder, schreibt Faktenchecks. Irgendwann wird selbst das Teil einer seltsamen Normalität.
Vielleicht ist genau das das Verstörende: Man liest Meldungen über bedrohte oder verfolgte Journalisten und sortiert sie fast routiniert ein. Pressefreiheit, Repression, Festnahmen, nächste Meldung.
Bei dieser Geschichte ging das nicht. Ich blieb an einem einzigen Satz hängen: Die gesamte Redaktion wurde festgenommen. Alle sechs.
Plötzlich hatte ich keinen abstrakten Begriff mehr vor Augen, sondern einen ganz normalen Arbeitstag. Rechner, die hochfahren. Nachrichten, die hereinkommen. Jemand, der sagt: „Schau dir das bitte einmal an.“ Offene Browserfenster, Screenshots, Rückfragen, die Diskussion, ob eine Formulierung wirklich hält oder ob man noch einmal nachrecherchieren muss. Unser Alltag bei Mimikama. Und dann eine Redaktion, in der innerhalb eines Tages niemand mehr da ist.
Faktenchecken beginnt meistens banal. Jemand fragt sich, ob eine Zahl stimmt. Jemand sucht ein Originalvideo, telefoniert einer Quelle hinterher, vergleicht Dokumente und schreibt einen Absatz zum dritten Mal um, weil eine Behauptung zwar falsch ist, aber nicht ganz so falsch, wie es zuerst aussah. Manchmal mühsam, sehr oft völlig unspektakulär. Und trotzdem kann genau diese Arbeit gefährlich werden.
Ich will Österreich nicht mit Ägypten vergleichen. Das wäre falsch und würde den Menschen dort nicht gerecht. Ich kann hier veröffentlichen, widersprechen, Behörden kritisieren und öffentliche Aussagen überprüfen. Aber wer erlebt hat, wie aus einer Recherche Drohungen werden, wie jemand vor der Bürotür steht oder wie Behörden wegen einer gezielt gelegten falschen Spur bei einem auftauchen, liest solche Meldungen anders.
Bei uns blieb es bei Einschüchterungen, Drohungen und merkwürdigen Situationen. Bei Matsadaash kamen Sicherheitskräfte. Telefone und Computer wurden beschlagnahmt, Angehörige wussten zunächst nicht, wohin die Menschen gebracht worden waren. Nach einem Tag war die komplette Redaktion in Haft.
Ich versuche mir vorzustellen, jemand käme bei uns durch die Tür und wollte nicht wissen, woher eine Zahl in einem Faktencheck stammt, sondern nähme den Kollegen mit, der sie recherchiert hat. Dann den nächsten. Und den nächsten. Bis niemand mehr übrig ist.
Wir sagen oft, Fakten können unbequem sein. Das klingt schnell nach einem schönen Satz für eine Podiumsdiskussion über Medienfreiheit. Hier bekommt er ein anderes Gewicht. Denn hinter „Faktencheck“ stehen Menschen:
Mohamed Ashraf Abu Emeira. Abdallah Qadry. Islam Barakat. Omar Helal. Mohamed Mahmoud. Mohamed Adel.
Das sind nicht sechs Namen in irgendeiner internationalen Meldung. Das sind sechs Journalisten, die vermutlich mit denselben Fragen in ihren Arbeitstag gegangen sind wie wir: Was stimmt? Was fehlt noch? Welche Quelle können wir verwenden? Ist das wirklich belegbar?
Jetzt sitzen sie in Haft. Und ich sitze in Wien vor meinem Rechner, kann diesen Text veröffentlichen, kann schreiben, dass mich das erschüttert, und morgen wieder ins Büro gehen. Dass das möglich ist, wirkt plötzlich weniger selbstverständlich.
Hinter jedem Faktencheck sitzt am Ende ein Mensch, der sich erlaubt, eine einfache Frage zu stellen:
Stimmt das eigentlich?
Dass Menschen wegen genau dieser Frage ihre Freiheit verlieren können, macht mich wütend. Und ja, es macht mir auch Angst. Vor allem erinnert es mich daran, warum wir diese Arbeit machen – und warum wir hinschauen müssen, wenn Kollegen plötzlich nicht mehr hinschauen dürfen.
Stand: 1. Oktober 2026. Wir aktualisieren den Artikel, sobald es neue bestätigte Informationen gibt.
Quellen
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