600 Opferfamilien durch migrantische Gewalt? Was die Zahlen wirklich sagen

Mehr als 600 Familien in Österreich sollen seit 2015 Opfer migrantischer Gewalt geworden sein. Doch die Zahl hat keine nachvollziehbare Grundlage. Polizeidaten und Todesursachenstatistik zeichnen ein anderes Bild.

Die Behauptung

In Österreich soll es seit 2015 mehr als 600 „Opferfamilien“ durch „migrantische Gewalt“ gegeben haben. Die Behauptung wird insbesondere mit Todesfällen bei Gewalttaten im Zusammenhang mit Schutzsuchenden begründet.

Faktencheck: Irreführend

Irreführend. Für die Zahl von mehr als 600 Opferfamilien gibt es keine nachvollziehbare Datengrundlage. Die ursprüngliche Darstellung legt nahe, dass Hunderte Familien Angehörige durch tödliche Gewalt verloren hätten. Später wurden jedoch auch Schwerverletzte und andere Geschädigte einbezogen. Weder die amtliche Kriminalstatistik noch die Todesursachenstatistik bestätigt die behauptete Zahl.

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Mehr als 600 österreichische Familien sollen seit 2015 Angehörige durch Gewalttaten im Zusammenhang mit Schutzsuchenden verloren haben. Eine überprüfbare Grundlage für diese Zahl gibt es allerdings nicht. Sie stammt aus Aussagen des Sprechers der Initiative „Trauerwache Deutschland“, Michael Kyrath, und wurde in einem österreichischen Medienbericht übernommen. Eine Aufstellung der angeblich betroffenen Familien oder eine nachvollziehbare Berechnung wird nicht präsentiert.

Woher kommen die angeblichen 600 Opferfamilien?

Am 22. September 2026 berichtete das Nachrichtenportal exxpress über eine geplante „Trauerwache Österreich“. Im Mittelpunkt stand Kyrath, dessen Tochter 2023 bei einer Messerattacke in einem deutschen Regionalzug getötet wurde. In einem Podcast sprach er davon, mit mehr als 1.000 Opferfamilien in Deutschland und über 600 in Österreich in Verbindung zu stehen. Gemeint seien Familien, die in den vergangenen elf Jahren Kinder oder andere Angehörige verloren hätten.

Doch woher genau diese 600 österreichischen Fälle stammen sollen, bleibt offen. Auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur legte Kyrath laut deren Recherche keine überprüfbare Datengrundlage vor. Auch seine Definition von „Opfer“ blieb widersprüchlich. Zunächst bezog er sich auf Verstorbene und Schwerverletzte, später verwies er auf eine wesentlich allgemeinere Begriffsdefinition, die auch Menschen umfasst, die durch Straftaten, Unfälle oder Katastrophen Schaden erlitten haben.

Was sagen die österreichischen Statistiken?

Eine Sonderauswertung des österreichischen Bundeskriminalamts, die der dpa auf Anfrage übermittelt wurde, nennt für den Zeitraum 2015 bis 2025 insgesamt 57 Anzeigen wegen Mordes, bei denen Tatverdächtige mit dem Aufenthaltsstatus „Asylwerber“ erfasst waren. Diese Zahl beschreibt weder 57 nachgewiesene Morde noch 57 getötete Menschen. Sie umfasst polizeiliche Anzeigen, aus denen allein nicht hervorgeht, ob es zu einer Verurteilung kam oder ob eine Tat vollendet wurde.

Werden zusätzlich Anzeigen wegen schwerer Körperverletzung berücksichtigt, steigt die Zahl nach dieser Sonderauswertung auf insgesamt 2.832 Anzeigen. Auch daraus lassen sich keine 600 Opferfamilien ableiten. Eine Anzeige entspricht nicht automatisch einem einzelnen Opfer oder einer betroffenen Familie. Zudem können in den Zahlen Gewalttaten enthalten sein, bei denen sowohl Verdächtige als auch Opfer Asylwerber waren.

Hinzu kommt ein grundlegendes Problem: Der Begriff „migrantische Gewalt“ ist keine eindeutige statistische Kategorie. Laut Bundeskriminalamt lässt sich ein allgemeiner Migrationshintergrund nicht entsprechend auswerten. Die Kategorie „Asylwerber“ umfasst wiederum nur Personen mit diesem erfassten Aufenthaltsstatus und keineswegs sämtliche Menschen mit Migrationsgeschichte.

Auch die Todesursachenstatistik von Statistik Austria liefert keinen Beleg für die Behauptung. Nach der im dpa-Faktencheck wiedergegebenen Auswertung wurden zwischen 2015 und 2025 österreichweit insgesamt 486 Verstorbene mit der Todesursache „Mord, tätlicher Angriff“ registriert – unabhängig von der Herkunft der Tatverdächtigen. Die Zahl betrifft Todesfälle und sagt nichts darüber aus, wie viele Angehörige oder Familien davon betroffen waren. Sie kann deshalb nicht einfach mit einer behaupteten Zahl von Opferfamilien gleichgesetzt werden.

Auch die Initiative hat ihre Formulierung geändert

Auffällig ist eine inzwischen erfolgte Änderung auf der Website der „Trauerwache Deutschland“. In einer archivierten Fassung vom September 2026 war ausdrücklich von Menschen die Rede, die durch schwere Gewalttaten „im Zusammenhang mit Schutzsuchenden“ ums Leben gekommen seien. In der aktuellen Fassung beschreibt die Initiative ihr Gedenken dagegen als unabhängig von Herkunft, Nationalität oder Glauben.

Gewaltverbrechen und das Leid der Betroffenen sind selbstverständlich real. Auch eine nicht nachgewiesene Gesamtzahl ändert nichts an einzelnen dokumentierten Taten. Wer allerdings behauptet, mehr als 600 österreichische Opferfamilien einer bestimmten Tätergruppe zuordnen zu können, muss erklären, welche Fälle gezählt wurden und wie diese Zahl zustande kommt. Genau dieser Nachweis fehlt.

Quellen

BEHÖRDE
Statistik Austria
15. Juli 2026 – Datenstand der veröffentlichten Tabellen
BEHÖRDE
BEHÖRDE
Bundesministerium für Inneres
Mai/Juni 2026
NGO
Trauerwache Deutschland
Ohne Datumsangabe


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