Die Behauptung
Mehrere in sozialen Netzwerken verbreitete Videos sollen belegen, dass ukrainische Frauen erstmals gegen ihren Willen zum Militär eingezogen werden. Die uniformierten Männer seien Mitarbeiter der militärischen Rekrutierungszentren (TCC).
Faktencheck: Falsch
Falsch. Die Aufnahmen zeigen die gewaltsame Entfernung von Aktivistinnen bei Protesten gegen den Bau einer Wärmeleitung in Kiew. Die Männer gehören zum kommunalen Sicherheitsdienst. Eine militärische Zwangsrekrutierung ist auf den Videos nicht zu sehen.
Die Männer in den braunen Uniformen gehören zum kommunalen Sicherheitsdienst der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Ihre Ärmelabzeichen stimmen mit jenen dieser Organisation überein, wie ein Abgleich der Nachrichtenagentur AFP zeigt. Besonders auffällig ist das schildförmige Emblem mit der Aufschrift „Муніципальна Охорона“ – auf Deutsch „Städtischer Sicherheitsdienst“. Die gefilmten Männer sind keine Mitarbeiter der militärischen Rekrutierungszentren (TCC).
Was geschah tatsächlich in Kiew?
Die Aufnahmen entstanden am 21. September 2026 im Kiewer Stadtteil Teremki. Dort protestierten Anrainerinnen und Anrainer gegen den Bau einer Reserve-Wärmeleitung durch eine Grünfläche. Sie befürchteten, dass für die Bauarbeiten zahlreiche Bäume gefällt werden könnten. Die Stadtverwaltung wollte mit der Leitung eine zusätzliche Wärmeversorgung schaffen, falls ein Kraftwerk ausfällt.
Als die Bauarbeiten fortgesetzt wurden, kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und kommunalen Sicherheitskräften. Bereits am selben Tag berichtete das ukrainische Medium Ukrainska Pravda über die Proteste und darüber, dass Sicherheitskräfte Menschen gewaltsam von der Baustelle entfernten. Auch Videos des Einsatzes wurden veröffentlicht.
AFP verglich die viral verbreiteten Aufnahmen mit weiteren Videos und Fotos ukrainischer Medien. Mehrere Frauen sind anhand ihrer Kleidung wiederzuerkennen. Auch die Baustelle, die Umgebung und charakteristische Gebäude stimmen überein. Die Videos lassen sich damit eindeutig den Protesten im Stadtteil Teremki zuordnen.
Die Gewalt ist echt – der behauptete Anlass falsch
Dass Frauen in den Aufnahmen mit Gewalt weggezerrt werden, ist unübersehbar. Zwei beteiligte Aktivistinnen berichteten der ukrainischen Menschenrechtsorganisation ZMINA, Mitarbeiter des kommunalen Sicherheitsdienstes hätten sie gegen ihren Willen vom Gelände entfernt. Beide Frauen wurden nach eigenen Angaben anschliessend ins Krankenhaus gebracht. Eine der Betroffenen schilderte Verletzungen an ihren Fingern und gab an, Anzeige bei der Polizei erstattet zu haben.
Auch der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko reagierte. Wie Ukrainska Pravda am 24. September berichtete, ersuchte er die Polizei, das Verhalten der kommunalen Sicherheitskräfte rechtlich zu überprüfen. Zusätzlich sollte eine interne Untersuchung stattfinden. Ob der Gewalteinsatz rechtswidrig war, lässt sich aus diesen Angaben allein nicht abschliessend beurteilen.
Müssen ukrainische Frauen zum Militär?
Nach der ukrainischen Rechtslage können Frauen während des Krieges auf freiwilliger Basis Militärdienst leisten. Eine allgemeine verpflichtende Einberufung von Frauen besteht nicht. Das ukrainische Verteidigungsministerium bestätigt diese Regelung ausdrücklich.
Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen der militärischen Registrierung und der tatsächlichen Einberufung. Frauen mit medizinischer oder pharmazeutischer Ausbildung müssen unter den gesetzlichen Voraussetzungen im Militärregister erfasst werden. Für Frauen mit medizinischer Ausbildung wurde 2025 ausserdem eine automatische Registrierung geregelt. Daraus entsteht jedoch keine automatische Verpflichtung, Militärdienst zu leisten.
Die online verbreiteten Videos liefern somit keinen Beleg für eine Zwangsmobilisierung von Frauen. Sie zeigen einen realen Konflikt zwischen Demonstrierenden und städtischen Sicherheitskräften, dessen tatsächlicher Hintergrund durch die falsche Zuschreibung als militärische Rekrutierung verschleiert wird.
Quellen
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