Keine Community Note auf X? Das ist kein Beleg für Wahrheit

Ein neuer Preprint zeigt eine große Lücke zwischen Prüfanfragen an Grok und sichtbaren Community Notes. Was fehlende Hinweise bedeuten – und wo die Untersuchung an ihre Grenzen stößt.

Unter einem Beitrag auf X steht kein Faktenhinweis. Wer daraus schließt, die Behauptung sei damit geprüft und bestätigt, verlässt sich auf etwas, das die Plattform gar nicht zusichert. Ob eine Community Note sichtbar wird, hängt davon ab, ob jemand einen Hinweis verfasst hat und ob dieser die Voraussetzungen für die Anzeige erfüllt. Ein Post ohne sichtbare Note kann richtig oder falsch sein. Das fehlende Kästchen liefert dafür keinen verlässlichen Nachweis.

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Ein neuer Preprint von Morgan Wack und Patrick Warren vom 12. Oktober 2026 untersucht Beiträge, zu denen Nutzerinnen und Nutzer den KI-Assistenten Grok um Überprüfung gebeten hatten. Die Arbeit zeigt eine große Lücke zwischen solchen Anfragen und sichtbaren Community Notes. Wie viel Wahrheit in den untersuchten Posts steckt, lässt sich daraus allerdings nur eingeschränkt ableiten.

Was die Untersuchung tatsächlich gezählt hat

Ausgangspunkt waren 47.899 Anfragen an Grok aus Jänner und Februar 2026. Sie stammen aus einer Zehn-Prozent-Zufallsstichprobe von Treffern mit ausgewählten englischen Suchformulierungen, etwa „is this true“. Nach dem Ausschluss nicht mehr verfügbarer Beiträge und von Antworten innerhalb von Gesprächen blieben 29.294 eigenständige Posts. Anfragen und Posts sind unterschiedliche Zähleinheiten: Zu einem Beitrag können mehrere Menschen nachfragen.

Diese Posts wurden mit den öffentlichen Community-Notes-Daten vom 1. Oktober 2026 abgeglichen. Bei 84,4 Prozent gab es überhaupt keine Note. Nur 3,3 Prozent hatten eine laut erfasstem Status zur Anzeige freigegebene Note. Auch ein verfasster Hinweis erschien also häufig nicht unter dem Beitrag. Die Zahlen beschreiben den erfassten Stand, keine lückenlose Beobachtung dessen, was jede Person auf ihrem Bildschirm gesehen hat.

Die Auswahl umfasst gezielt angefragte Inhalte und englische Suchformulierungen. Sie ist keine repräsentative Stichprobe sämtlicher X-Posts oder der Bevölkerung in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Aus dem Anteil ohne Note lässt sich deshalb weder die Falschmeldungsquote auf X noch eine Quote für den deutschsprachigen Raum berechnen. Die Arbeit liegt als Preprint vor; ihre Veröffentlichung auf arXiv ersetzt keine abgeschlossene wissenschaftliche Begutachtung.

Wie X entscheidet, ob eine Note erscheint

Community Notes sind zusätzliche Erläuterungen, die Mitwirkende zu Beiträgen verfassen und bewerten. Laut X-Hilfeseite sollen genügend Mitwirkende mit unterschiedlichen Perspektiven einen Hinweis als hilfreich einstufen, bevor er öffentlich am Post erscheint. Ein eingereichter Text wird somit nicht automatisch angezeigt.

Eine weitere Grenze steht ausdrücklich in der von X veröffentlichten Dokumentation des Bewertungsverfahrens: Für die Anzeige kommen derzeit Hinweise infrage, die einen Beitrag als „potenziell irreführend“ einstufen und den Status „hilfreich“ erreichen. Die Anleitung zum Verfassen erklärt dagegen, dass Notes mit der Einstufung „nicht irreführend“ anderen Bewertenden als Zusatzinformation dienen, aber nicht am Post angezeigt werden.

Für Leserinnen und Leser können damit sehr unterschiedliche Situationen gleich aussehen. Vielleicht hat niemand eine Note geschrieben; vielleicht liegt ein Vorschlag vor, der die Anzeigevoraussetzungen nicht erfüllt. Selbst eine zustimmende Erläuterung bleibt nach diesen Regeln vom Post fern. Aus der bloßen Abwesenheit lässt sich nicht erkennen, welcher Fall vorliegt. Umgekehrt sollte man eine sichtbare Note samt ihren Quellen lesen: Ergänzender Kontext kann eine konkrete Verkürzung betreffen, ohne jede Aussage eines Beitrags zu widerlegen.

Groks Urteil ist kein gesicherter Wahrheitsnachweis

Die wichtigste methodische Grenze betrifft die Einteilung in wahr und falsch. Sie beruht auf Groks Antworten. Das Modell Claude ordnete diese Antworten Kategorien zu; zwei Menschen kontrollierten die Einordnung an 100 Antworten. Eine zusätzliche Gegenprüfung nutzte Perplexity für 600 Anfragen. Damit wurde keine unabhängig etablierte Wahrheit für die gesamte Stichprobe hergestellt.

Die menschliche Kontrolle beantwortet, ob eine Antwort richtig als Zustimmung oder Ablehnung verstanden wurde. Das ist eine andere Aufgabe als die Prüfung der ursprünglichen Behauptung anhand belastbarer Belege. Auch die Übereinstimmung zweier KI-Systeme löst dieses Problem nicht: Beide können denselben Fehler machen. Die Einteilung beschreibt daher zunächst, wie Grok die Beiträge beurteilt hat. Sie erlaubt keine gesicherte Aussage darüber, wie viele Posts tatsächlich wahr oder falsch waren.

Eine redaktionelle Schlussfolgerung aus dieser Grenze lautet: Grok lässt sich hier nicht als Massstab verwenden, an dem jeder abweichende Community-Hinweis automatisch scheitert. Um die Qualität einer konkreten Bewertung zu beurteilen, müsste man die jeweilige Behauptung und ihre Belege selbst prüfen. Für die Zählung vorhandener Notes ist eine solche Wahrheitsprüfung hingegen nicht nötig.

Warum ein fehlender Hinweis beruhigend wirken kann

Dass Menschen aus fehlenden Warnungen zu viel ableiten können, wurde bereits experimentell untersucht. Eine 2020 veröffentlichte Studie von Gordon Pennycook und Kollegen zeigte: Wenn nur ein Teil falscher Schlagzeilen Warnhinweise erhielt, wurden unmarkierte Schlagzeilen als zutreffender eingeschätzt als in einer Vergleichsgruppe ohne solche Warnungen. Die Forschenden nennen das den „Implied Truth Effect“, also einen Eindruck von Wahrheit, der durch die fehlende Kennzeichnung entsteht.

Diese Experimente waren kein Test der heutigen Community Notes. Sie beschreiben aber einen möglichen Fehlschluss beim Lesen gekennzeichneter und ungekennzeichneter Inhalte. Aus dem neuen Preprint lässt sich wiederum nicht ablesen, ob Nutzerinnen und Nutzer Groks Antworten glaubten oder dadurch ihre Überzeugungen änderten.

Für den einzelnen Post zählen die Belege

Bei einer überraschenden Behauptung hilft die Suche nach der ursprünglichen Quelle mehr als der Blick auf den Platz unter dem Beitrag. Behauptet etwa ein Post, eine Behörde habe eine neue Regel beschlossen, lässt sich prüfen, ob die verlinkte Mitteilung diesen Beschluss tatsächlich enthält. Bei einem Video sollte man nachsehen, wann und in welchem Zusammenhang es zuerst veröffentlicht wurde. Solche Schritte geben eine überprüfbare Grundlage für die Bewertung.

Auch eine Antwort von Grok kann ein Ausgangspunkt für diese Suche sein. Entscheidend ist, ob die genannten Quellen erreichbar sind und die konkrete Aussage tragen. Fehlen dafür ausreichende Belege, kann die Frage vorerst offenbleiben. Eine Behauptung muss weder geglaubt noch als falsch verworfen werden, bloss weil unter ihr kein Faktenhinweis steht.

Quellen

WISSENSCHAFT
Gordon Pennycook, Adam Bear, Evan T. Collins und David G. Rand / Management Science
21. Februar 2020
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