Alle Jahre wieder: Wirbel um angeblich abgesagten Martinsumzug

Seit 2013 prüft Mimikama die Erzählung vom bedrohten Martinsfest. 2026 sorgt ein anonymer Aushang mit dokumentiertem KI-Hinweis erneut für Wut.

Die Behauptung

Ein verbreitetes Bild belege, dass ein Kindergarten 2026 seinen Martinsumzug aus Rücksicht auf andere Religionen und Kulturen absagt.

Aufgestellt von: Eingereichte Facebook- und X-Screenshots, Kommentarsammlung sowie Screenshots zweier Bildprüfungen; Mimikama-Archiv und verlinkte Originalquellen.

Irreführend

Irreführend. Die dokumentierte Bildprüfung meldet ein OpenAI-Wasserzeichen. Welcher Kindergarten hinter dem Schreiben stehen soll, bleibt unbekannt. Eine tatsächliche Absage ist nicht belegt. Die Erzählung von der Abschaffung christlicher Feste greift ein seit Jahren widerlegtes Muster auf.

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Das Bild liefert keinen überprüfbaren Beleg für eine abgesagte Martinsfeier: Der Kindergartenname ist unkenntlich, und die dokumentierte OpenAI-Prüfung meldet ein KI-Wasserzeichen. Zugleich greift die Verbreitung eine alte Geschichte auf, die Mimikama bereits 2013 und erneut 2023 sowie 2024 geprüft hat: Christliche Traditionen würden aus Rücksicht auf andere Religionen verdrängt.

Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Am 22. Oktober 2026 wurden Mimikama mehrere Screenshots desselben Motivs vorgelegt. Darauf steht, ein Kindergarten werde „aufgrund anderer Religionen und Kulturen“ auf seinen St.-Martins-Umzug verzichten. Als Ersatz nennt das Schreiben lediglich ein Zeichen für ein friedliches Miteinander. Die eingereichten Screenshots zeigen Verbreitungen auf Facebook und X; zwei X-Beiträge sind auf den 21. Oktober 2026 datiert.

Facebook-Beitrag mit angeblicher Absage eines Martinsumzugs und unkenntlich gemachtem Kindergarten
Der aktuell verbreitete Aushang nennt keinen überprüfbaren Kindergarten. Name und Profilbild des Facebook-Nutzers sind für die Veröffentlichung unkenntlich gemacht.

Welcher Kindergarten soll das sein?

Für den aktuellen Aushang bleibt genau diese Frage offen. Die beiden Stellen mit dem vermeintlichen Namen sind unkenntlich, ein Ort und ein Datum des Schreibens fehlen. Eine verantwortliche Person ist ebenfalls nicht genannt. Auch die eingereichten Begleittexte liefern keine überprüfbare Bestätigung durch einen Träger oder eine Einrichtung. Die Frage „Wie sieht’s bei euch aus?“ ersetzt diese Angaben nicht.

Die Unkenntlichmachung allein beweist keine Fälschung. Sie verhindert hier aber, dass die behauptete Entscheidung einem Kindergarten zugeordnet und dort überprüft werden kann. Aus diesem Bild lässt sich deshalb weder eine konkrete Absage bestätigen noch ableiten, dass muslimische Familien eine solche Entscheidung verlangt hätten. Im Text des Aushangs ist allgemein von anderen Religionen und Kulturen die Rede; die konkrete Zuschreibung an den Islam entsteht in zahlreichen mitgelieferten Kommentaren.

Die Bildprüfung meldet ein OpenAI-Wasserzeichen

Zum Material gehört ein Screenshot eines nicht näher identifizierbaren Detektors, der das Motiv mit einem Wert von 76,6 Prozent als wahrscheinlich KI-generiert einstuft. Eine solche Anzeige ist für sich genommen kein gesicherter Herkunftsnachweis. Ohne Angaben zum Verfahren und zu seiner Zuverlässigkeit lässt sich der Zahlenwert nicht als exakte Wahrscheinlichkeit für dieses Bild übernehmen.

Das dokumentierte Ergebnis der OpenAI-Prüfung zeigt die Meldung „Erstellt mit OpenAI-Tools“ und nennt ein erkanntes SynthID-Wasserzeichen von OpenAI. Zugleich wurden keine vertrauenswürdigen OpenAI-Content-Credentials erkannt. Das ist technisch kein Widerspruch: Nach der Dokumentation des Anbieters sind Wasserzeichen im Bild und Herkunftsangaben in den Dateidaten unterschiedliche Signale. Dateidaten können beim Weiterverbreiten verloren gehen, während ein Wasserzeichen erhalten bleibt.

Prüfergebnis mit den Angaben Erstellt mit OpenAI-Tools und SynthID erkannt
Die dokumentierte OpenAI-Prüfung meldet ein erkanntes SynthID-Wasserzeichen. Das Ergebnis betrifft die Bildherkunft und bestätigt keine Entscheidung eines Kindergartens.

Das Prüfergebnis ist als Screenshot dokumentiert. Nach den Erläuterungen von OpenAI kann ein erkanntes Signal auch bei einer Datei auftreten, die durch die KI-Bearbeitung eines hochgeladenen Bildes entstanden ist. Es verrät daher weder den Urheber noch den Umfang der Bearbeitung. Der Befund spricht gegen eine ungeprüfte Verwendung als authentisches Beweisfoto, erlaubt aber nicht die Behauptung, jedes Wort des Schreibens sei nachweislich frei erfunden.

Seit 2013 dieselbe Geschichte über bedrohte Traditionen

Die Aufregung über angeblich verdrängte christliche Traditionen ist wesentlich älter als der aktuelle Aushang. Ein von Mimikama dokumentierter Facebook-Status vom 12. September 2014 verband den Martinsumzug bereits mit Weihnachtsmärkten und der Forderung, die eigenen Traditionen nicht aufgeben zu müssen. Mimikama zeigte diesen frühen Beitrag auch im Faktencheck von 2024. Zwischen dem Status und der jetzigen Verbreitung liegen zwölf Jahre. Damit ist das Erzählmuster dokumentiert, nicht eine Verbreitung des aktuellen Aushangs seit 2014.

Facebook-Status vom 12. September 2014 über St. Martin, Weihnachtsmärkte und angeblich bedrohte Traditionen
Ein früher von Mimikama dokumentierter Status vom 12. September 2014. Er zeigt das ältere Erzählmuster, nicht den Aushang von 2026.

Für einen historischen Streit lässt sich der Kindergarten tatsächlich benennen: die städtische Kita Leimenkaut in Bad Homburg. In unserem Bericht vom 9. November 2013 ist die damalige städtische Stellungnahme wiedergegeben. Demnach feierte die Einrichtung weiterhin St. Martin. Der gebräuchliche Name „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ ging auf eine Suppe mit entsprechend geformter Einlage zurück; eine offizielle Umbenennung aus religiöser Rücksichtnahme wies die Stadt zurück. Eine Verbindung dieser Kita zum Aushang von 2026 ist nicht belegt.

Am 14. Oktober 2023 griffen wir die wiederkehrende Aufregung in „Lichter im Dunkel: Der Mythos um den St.-Martins-Umzug entlarvt“ erneut auf. Der Faktencheck vom 25. Oktober 2024 behandelte dann wieder einen Status, der Martinsumzüge mit angeblich umbenannten Weihnachtsmärkten und Adventsbeleuchtung verknüpfte. Die pauschale Behauptung einer Abschaffung oder flächendeckenden Umbenennung bewerteten wir als falsch. 2026 wird die ähnliche Erzählung nun mit einem vermeintlichen Kindergarten-Schreiben verbreitet. Unsere älteren Recherchen erklären die Vorgeschichte; die Echtheit dieses konkreten Schreibens muss anhand seiner eigenen Herkunft geprüft werden.

Die Kommentare verlangen bereits Konsequenzen

In der eingereichten Kommentarsammlung werden die Entlassung der Kindergartenleitung und ein Boykott verlangt. Andere Beiträge erklären das Bild zum Beleg für eine angebliche Unterwerfung unter den Islam oder verbinden es mit einem Aufruf, die AfD zu wählen. Diese Reaktionen setzen eine reale Entscheidung voraus, obwohl die Einrichtung noch gar nicht feststeht. Daneben gibt es ausdrücklich skeptische Nachfragen nach dem Ort und der Echtheit des Schreibens. Die Sammlung zeigt Reaktionen unter einem Beitrag; sie ist keine repräsentative Erhebung.

Dass Martinsumzüge auch 2026 stattfinden sollen, lässt sich hingegen konkret nachprüfen: Die Stadt Bad Neustadt veröffentlichte am 19. Oktober eine Terminübersicht. Sie nennt etwa den gemeinsamen Umzug dreier Kindergärten in Brendlorenzen am 9. November sowie weitere Veranstaltungen am 11. November. Diese Ankündigungen klären die Herkunft des anonymen Aushangs nicht. Sie zeigen aber, wie eine überprüfbare Information aussieht: mit benannten Veranstaltern und konkreten Terminen.

Quellen

Zusätzlich ausgewertet: eingereichte Screenshots von Facebook- und X-Beiträgen, die Kommentarsammlung und zwei Bildprüfergebnisse. Es liegen keine überprüfbaren Direktlinks zu den aktuellen Beiträgen vor. Der historische Status trägt das Datum 12. September 2014; das Datum der technischen Prüfungen ist nicht ausgewiesen.

BEHÖRDE
Stadt Bad Neustadt a. d. Saale
19. Oktober 2026
FAKTENCHECK
Mimikama
25. Oktober 2024; aktualisiert am 22. August 2025
FAKTENCHECK
Mimikama
14. Oktober 2023; aktualisiert am 22. August 2025
FAKTENCHECK
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OpenAI
Ohne Datumsangabe

MIMIKAMA · FAKTENCHECK

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