„Bäuminnen“ in Österreich – Wenn der Wahlkampf zur Gendersatire verkommt

Eine Falschbehauptung wird zum medialen Selbstläufer – obwohl sie leicht zu entkräften ist.

Die Behauptung

Judith Pühringer, Chefin der Wiener Grünen, soll in einem ORF-Interview von „Bäuminnen“ gesprochen haben und damit Bäume gegendert haben. Diese Aussage wird in sozialen Netzwerken als Beleg für angeblichen „Genderwahnsinn“ verbreitet.

Falsch

Falsch. Pühringer sprach im ORF-Interview von „Bäumen“, nicht von „Bäuminnen“. Ein Blick ins Transkript bestätigt das. Die Aufregung basiert auf undeutliche Aussprache, Hörfehlern, bewusster Verzerrung und politischem Kalkül.

Kurze Faktenübersicht:

  • Faktencheck: Im Interview ist von „Bäumen“ die Rede – das Transkript belegt es.
  • Transkript-Check: Die Aussage lautete „100.000 neue Bäume in den nächsten fünf Jahren“ und bezog sich auf Maßnahmen zur Abkühlung der Stadt Wien.
  • Reaktionen: Medien, Parteien und Nutzer griffen die Falschbehauptung auf – teils mit Korrekturen, teils ohne. Die Wiener Grünen reagierten mit Ironie.
💬Wie funktioniert Desinformation im politischen Kontext? Antworten finden Sie im Leitfaden Politische Desinformation.

Wenn Gendern zur Karikatur stilisiert wird

Die angebliche Aussage von Judith Pühringer über „Bäuminnen“ schlug in den sozialen Netzwerken hohe Wellen – doch bei genauerem Hinhören zerplatzt die Aufregung wie eine Seifenblase.

Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Was wirklich gesagt wurde

Am 21. März trat Judith Pühringer, Spitzenkandidatin der Wiener Grünen, in der „ZiB 2“ zum Interview mit Armin Wolf an. Thematisch ging es u. a. um die Klimakrise und Maßnahmen für mehr Begrünung im urbanen Raum. Rund bei Minute 15:50 sagt Pühringer:

„Wir sagen: 100.000 neue Bäume in den nächsten fünf Jahren. Warum? Für jedes neugeborene Kind eins.“

Von „Bäuminnen“ – oder irgendeiner Form gegenderter Bäume – keine Spur. Auch im offiziellen Transkript der Sendung in der ORF-Mediathek orf.on ist exakt dieser Satz nachzulesen.

Screenshot des Transkripts auf orf.on
Screenshot des Transkripts auf orf.on

In einer Aufzeichnung der Zeit im Bild 2 auf YouTube kann man den „Vernuschler“ von Pühringer nachsehen und -hören (ca. bei Min. 15:50):

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Hätte Pühringer hier – wie nun verbreitet wird – „Bäuminnen“ gesagt, würde der Satz lauten „Wir sagen, 100.000 neue Bäuminnen nächsten fünf Jahren“ und damit keinen Sinn ergeben.

Einige Nutzer kritisieren hier weiter, dass „Für jedes neugeborene Kind eins.“ – also, „eins Baum“ auch nicht korrekt ist. Der gesamte Satz wurde etwas schlampig ausgesprochen und formuliert. Vom Sinn her sollte jedoch klar sein, was die Grünen-Politikerin sagen wollte.

Woher kommt die Falschmeldung?

Die Information zu den angeblich gegenderten „Bäuminnen“ wurde zuerst von einer Online-Plattform aufgegriffen. Der Beitrag verbreitete sich rasant – getrieben von einem Klima der Empörung und Wahlkampf-Dynamiken.

Bekannte österreichische Tageszeitungen übernahmen die Geschichte, räumten aber zumindest am Ende ihrer Artikel ein, dass die Aussage wohl nur genuschelt war.

Und die Grünen? – Reagierten mit einem ironischen Posting:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Wahlkampf auf dem Rücken der Sprache

Es ist Wahlkampf in Wien, und nichts eignet sich besser für politische Mobilisierung als die angebliche „Gender-Ideologie“. Aus einem leicht genuschelten „Bäume in den … “ wird mit etwas böswilligem Willen schnell ein „Beweis“ für ideologische Übertreibung. Was folgen, sind Überschriften, Memes und polemische Kommentare, und Politiker nutzten die Gelegenheit, um Stimmung zu machen – ohne zu prüfen, was tatsächlich gesagt wurde.

Screenshot Facebook
Screenshot Facebook

Das Posting eines Nutzers bringt es auf den Punkt:

„Nicht dass ich Grün wähle, aber es zeichnet dieses Land aus, es tatsächlich zum Wahlkampfthema zu machen, wenn eine Politikerin ‘neue Bäume’ etwas schlampig ausspricht, weil SEHT HIN, SIE SAGTE BÄUMINNEN UND GENDERT DAMIT BÄUME, DIE HEXE!“

Warum das gefährlich ist

Solche „Mini-Skandale“ sind kein harmloser Spaß. Sie zeigen, wie schnell sich Desinformation in politisch aufgeladenen Zeiten verbreitet – und wie bereitwillig manche bereit sind, diese auszuschlachten. Statt über Inhalte zu diskutieren – etwa die geplanten Begrünungsmaßnahmen Wiens – wird eine erfundene Nebensächlichkeit zum Aufreger gemacht.

Es geht längst nicht mehr um tatsächliche Aussagen, sondern um Empörung. Und die funktioniert auch dann, wenn sie auf Luft basiert.

Fazit

Die angebliche Aussage der Grünen-Politikerin über „Bäuminnen“ ist eine Erfindung. In der ORF-Sendung sagte sie „Bäume in den …“, was durch Video und Transkript belegt ist.

Die Geschichte wurde dennoch gezielt verbreitet, um politische Stimmung zu machen – ein klassisches Beispiel dafür, wie leicht Falschbehauptungen im digitalen Raum verfangen können. Medien und Parteien, die solche Unwahrheiten unreflektiert aufgreifen, tragen damit leider zur Verrohung der politischen Debatte bei.

Quelle: DPA

Lesen Sie auch: Mysteriöse Himmels-Spirale: Harmlos oder himmlische Manipulation?

Kostenlos · der tägliche Mimikama-Newsletter

Fakten statt Aufregung. Direkt in dein Postfach.

Die wichtigsten Faktenchecks und Meldungen des Vortags – jeden Morgen kostenlos und unabhängig vom Social-Media-Algorithmus.

Ich möchte den oben angeführten Newsletter erhalten und stimme zu, dass meine E-Mail-Adresse zu diesem Zweck verarbeitet wird. Ich kann den Newsletter jederzeit abbestellen. Details in der Datenschutzbestimmung.

MIMIKAMA · FAKTENCHECK

Faktencheck als Bild teilen

Den Faktencheck per Artikellink teilen oder das 4:5-Faktenbild als PNG herunterladen.

Social-Faktenbild · 4:5 · 1080 × 1350 px

Bild wird vorbereitet …

Bitte prüfe beim Teilen, ob der gekürzte Text die Aussage korrekt wiedergibt. Die vollständige Recherche ist im Artikel verlinkt.


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.