Desinformations-Imperium im Promi-Gewand: Wie Clickbait-Netzwerke politische Desinformation monetarisieren

Was aussieht wie harmlose Promi-Posts, ist in Wahrheit ein global organisiertes Netzwerk zur politischen Manipulation – gesteuert aus dem Ausland, finanziert durch Klicks, getarnt mit Herzchen.

💬Wie wird Desinformation in Konflikten eingesetzt? Antworten finden Sie im Leitfaden Krieg & Konflikt-Desinformation.

Was wir aufgedeckt haben:
Ein Netzwerk, das mit emotionalem Promi-Clickbait Desinformation verbreitet und dabei monatlich bis zu 300.000 € umsetzt.
Organisiert aus dem Ausland, betrieben über Facebook, finanziert durch automatisierte Werbung, und gezielt genutzt, um politische Narrative in unsere Feeds zu schleusen.

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So haben wir gearbeitet

Unsere Recherchemethode – kurz und transparent
Wir haben insgesamt über 30 Facebook-Seiten untersucht – darunter acht deutschsprachige Seiten wie Stage Licht, Star Blick oder Stern Moment. Dabei haben wir folgende Datenquellen ausgewertet:

– Facebook-Seiteninfos und Transparenz-Panels (Admin-Standorte, Erstellungsdaten, Werbeanzeigen)
– Screenshots der Ad-Library, bereitgestellt aus Community-Recherchen
– Impressumsangaben & Domainadressen – in über 90 % der Fälle führten diese zu Hotels oder anonymen Adressen ohne erkennbare redaktionelle Verbindung
– ads.txt-Dateien der verlinkten Webseiten: Sie zeigten in einem Fall über 220 eindeutige Werbevermarkter-IDs, ein klares Zeichen für massives Programmatic Advertising
– Werbeauswertung: Zwischen 8 und 10 Anzeigenformate pro Artikel – Banner, Video, Clickbait-Kacheln – alles darauf ausgelegt, maximale Reichweite in Werbegeld zu verwandeln

Die verwendeten Materialien stammen aus öffentlich einsehbaren Quellen sowie aus eurer (der Leser-Community) Dokumentation. Für eine vollständige, forensische Aufarbeitung wären weitergehende Maßnahmen nötig (z. B. Ad-Netzwerk-Abfragen, Zahlungsströme, Serverlogdaten).


Was verdient dieses Netzwerk wirklich?

Unsere konservative Schätzung (basierend auf marktüblichen eCPMs im Programmatic Advertising) bezieht sich auf jede einzelne Webseite, auf der die Inhalte ausgespielt und die Werbung geschaltet wird – nichtauf die Facebook-Seiten selbst.

  • Pro Webseite und Monat:
    Zwischen 500 € und 18.000 €, je nach Besuchszahlen, Werbeplatzierung und Herkunft des Traffics
  • Webseiten mit Video-Anzeigen oder hohem US-Traffic:
    Bis zu 30.000 € monatlich realistisch
  • Gesamtnetzwerk mit 15–20 Domains:
    Umsatz im mittleren sechsstelligen Bereich möglich, also 150.000 € – 300.000 € Umsatz im Monat

Die Facebook-Seiten dienen in diesem System nur als Schleudern: Sie sorgen für Klicks. Die Kasse klingelt dann auf den verlinkten Webseiten mit emotionalisierten Artikeln, vollen Anzeigenplätzen und maximalem Profit.

Ziel ist nicht Information, sondern ein perfides Doppelspiel aus Werbekapitalisierung und politischer Emotionalisierung.
Mit Empörung Kasse machen, und mit Desinformation das Vertrauen in Politik und Medien zersetzen.

Erst Klatsch, dann Krawall: Das perfide Doppelspiel der Facebook-Seiten

Sie heißen „Stage Licht“, „Star Blick“ oder „Royal British Elegance“ – Facebook-Seiten mit scheinbar seichter Promi-Unterhaltung, überzuckerten Logos und kitschigen Beiträgen über Baby-News, Star-Tränen und royale Reden. 

Einige Beispieler solcher Seiten "Promiwelt", "Royal Beacon", "Ruhm Licht", "Glanz Leben", "Stage Licht", "Star Blick" | Screenshots: Facebook
Einige Beispieler solcher Seiten „Promiwelt“, „Royal Beacon“, „Ruhm Licht“, „Glanz Leben“, „Stage Licht“, „Star Blick“ | Screenshots Facebook

Doch wer zweimal hinsieht, merkt schnell: Hier geht es nicht nur um Schlagermelodien und Diadem-Träger, sondern um gezielte Meinungsmache.

Zwischen belanglosen Artikeln über angebliche Schwangerschaften oder Schicksalsschläge tauchen plötzlich knallharte politische Postings auf:

  • Annalena Baerbock als diplomatische Katastrophe.
  • Alice Weidel als mutige Aufdeckerin.
  • Karl Lauterbach als Gesundheitsverbrecher.

Dazwischen: Falschmeldungen, Übertreibungen, inszenierte Skandale. Und immer der gleiche Mechanismus: Ein harmloser Einstieg, dann der politische Schlag in die Magengrube. Willkommen in der neuen Desinformationswelt, präsentiert im Promi-Gewand.

Beispiel gefällig?
Die Seite „Star Blick“ postet morgens: „Gerade eben, vor kaum 15 Minuten, hat Christian Neureuther etwas enthüllt, das niemand für möglich hielt.“, und aber auch: „Schockwellen erschüttern Deutschland: Alice Weidel überholt Friedrich Merz in der Kanzlerfrage! Die etablierten Parteien zittern, das ZDF kämpft ums Überleben – und nichts ist mehr, wie es war.“

"Christian Neureuther: Er ist nicht mehr mein Sohn" / "Eilmeldung: Weidel gelingt Sensations-Sieg! ZDF zittert jetzt!" | Screenshots Facebook Clickbait-Beiträge
„Christian Neureuther: Er ist nicht mehr mein Sohn“ / „Eilmeldung: Weidel gelingt Sensations-Sieg! ZDF zittert jetzt!“ | Screenshots Facebook Clickbait-Beiträge

Emotionale Aufladung, Dramaturgie, Empörung. Alles auf einer Plattform. Alles zur selben Zeit. Und immer mit demselben Ziel: Aufmerksamkeit monetarisieren, Meinungen verschieben.

Das System dahinter: Klicks, Kontrolle und grenzenlose Propaganda

Diese Seiten wirken lokal, sind aber zentral gesteuert. Admins sitzen nicht in Berlin oder London, sondern in Vietnam, Russland oder Thailand, was zahlreiche Transparenzberichte belegen.

Die Struktur ist erschreckend professionell:

  • Mehr als 30 Facebook-Seiten, deutsch und englisch.
  • Vernetzte Webseiten mit Domains wie worldnews24hr.com oder newsjob24.com.
  • Dutzende Accounts mit fast identischem Aufbau: Unterhaltung + Skandal + Werbung.
  • Inhalte werden parallel in verschiedenen Sprachräumen verbreitet: Deutsche Ampel-Panik hier, amerikanische Royal-Schockstory dort.

Und überall dieselbe Handschrift:

  • Clickbait-Überschriften im Dauerfeuer.
  • Dramatische Collagen mit Tränen, Skandalen und CAPS LOCK.
  • Reißerische Links auf Werbeseiten, die keinen echten Journalismus kennen.

Doch es geht nicht nur ums Geld. Es geht um Einfluss. Diese Seiten sind keine Hobbyprojekte. Sie sind Teil eines groß angelegten Meinungsexperiments. Sie impfen Narrative in zwei Sprachräumen gleichzeitig. Ob Bundestag oder Buckingham Palace: Empörung verkauft.

Wer steckt dahinter, und warum kümmert sich keiner?

Vietnam taucht immer wieder auf. Die Admin-Standorte sind erschreckend konsistent. Fast jede Seite wird von mehreren Personen mit Sitz in Vietnam verwaltet. Und nein, das ist kein Zufall.

Auffallend: Die Seitenbetreiber sitzen zum Großteil in Vietnam | Facebook-Screenshots Seitentransparenz
Auffallend: Die Seitenbetreiber sitzen zum Großteil in Vietnam | Screenshots Facebook Seitentransparenz

Das Land ist zur Billig-Fabrik für Inhalte geworden, wo Clickbait-Agenturen rund um die Uhr Fake-News, Promi-Müll und politische Spaltung in westliche Feeds pumpen. Plattformen wie Facebook lassen das geschehen. Hauptsache, die Reichweite stimmt.

Gleichzeitig sitzen die eigentlichen Werbeprofiteure ganz woanders:

  • USA (z. B. „Inside the Noise“, „Royal British Elegance“)
  • Deutschland (Zielmarkt der deutschsprachigen Seiten)
  • Große Werbenetzwerke wie Taboola, Criteo, Adform etc.

Das Perfide daran?
Die Inhalte werden absichtlich zwischen seichten Themen versteckt, um Leser zu ködern. Sobald die Reichweite da ist, wird mit politischen Inhalten nachgelegt – oft mit gezielten Lügen über Politiker, Minderheiten oder Institutionen.

Die Demokratie zahlt die Zeche.

Wir haben exemplarisch acht deutschsprachige Facebook-Seiten untersucht, darunter Star Blick, Stern Moment und Stage Licht. Alle wirken wie deutsche Medienangebote, doch keine wird aus Deutschland betrieben.

Mimikama-Auswertung der Facebook-Seiten
Unsere Analyse: Mimikama-Auswertung der Facebook-Seiten

Die Admins sitzen durchwegs in Vietnam, teils auch in den USA. Fast alle schalten Facebook-Werbung, in der regelmäßig ein Anzeigenkonto namens „Pinoy Tagapagbalita“ als Zahler erscheint, was übersetzt schlicht „philippinischer Journalist“ heißt. 

Wohin fließen die Werbegelder? | Screenshot Facebook Werbebibliothek
Wohin fließen die Werbegelder? | Screenshot Facebook Werbebibliothek

So verdient Facebook an Desinformation – und tut nichts dagegen

Sie verdienen mit. Ganz offiziell. Ganz systematisch. Ganz ohne Skrupel.

Nahezu jede dieser fragwürdigen Seiten – ob „Stage Licht“, „PromiWelt 24/7“ oder „Stern Moment“ – schaltet aktiv Facebook-Werbung. Und was macht Meta, der Milliardenkonzern hinter Facebook? Er kassiert mit – pro Klick, pro Anzeige, pro getarnter Fake-News-Schleuder.

Dabei ist es völlig egal, ob die Inhalte stimmen. Es ist auch egal, ob Nutzer die Beiträge melden. Die Werbung bleibt. Die Seite bleibt. Die Reichweite bleibt. Warum? Weil der Algorithmus nicht nach Wahrheit fragt, sondern nach Aufmerksamkeit. Und Desinformation verkauft sich besser als Fakten.

Beispiele für Facebook-Werbeanzeigen | Screenshots Facebook Werbebibliothek
Beispiele für Facebook-Werbeanzeigen | Screenshots Facebook Werbebibliothek

Facebook weiß ganz genau, welche Seiten aus Vietnam oder den Philippinen gesteuert werden. Es sieht, dass dieselben Admins gleichzeitig süße Hunde, Jesus-Zitate und Hetze gegen Politiker verbreiten. Und es greift trotzdem nicht ein. Warum sollte es auch? Jeder Klick füllt die Kasse – egal, ob aus Empörung oder Naivität.

Meta verdient an Manipulation – und tut auch hier nichts dagegen

Diese Plattform ist kein unbeteiligter Vermittler. Sie ist Teil des Problems. Sie ist der Motor, der dieses absurde System am Laufen hält.
Und das Schlimmste: Selbst wenn Facebook auf Druck einzelne Anzeigen sperrt, bleiben die Inhalte online. Die Fakes verschwinden nicht. Die Empörung bleibt im System. Die Manipulation läuft weiter.

Das ist keine technische Panne. Das ist Geschäftsmodell. Und niemand trägt mehr Verantwortung für diese Desinformationsflut als Meta selbst.

Ein Blick in die ads.txt-Datei z.b. der Webseite worldnews24hr.com zeigt, wie massiv hier mit Werbung gearbeitet wird: Nach Bereinigung offensichtlicher Duplikate finden sich rund 220 eindeutige Vermarkter- und Reseller-IDs – darunter zahlreiche große Programmatic-Anbieter. 

Die ads.txt-Datei listet, wer automatisiert Werbung auf der Seite platzieren darf. Eine so große Zahl an Einträgen ist ein klares Zeichen für „heavy programmatic monetization“: Die Betreiber speisen ihre Werbeflächen gleichzeitig in Dutzende Netzwerke und SSPs ein, um maximale Werbeeinnahmen zu erzielen. Im sichtbaren Frontend finden sich pro Artikel zwischen 8 und 10 Werbeformate – darunter Interstitials, Pop-ups, Scroll-Overlays und automatisch abspielende Videos.

Eine Seite voll mit Werbung | Screenshot worldnews24hr.com / Markierungen der Werbeanzeigen: Mimikama
Eine Seite voll mit Werbung | Screenshot worldnews24hr.com / Markierungen der Werbeanzeigen: Mimikama

 Journalismus? Nein. Das ist eine Klick- und Werbemaschine im Dauerbetrieb.

Was jetzt passieren muss: Wachsamkeit statt Weiterklicken

Diese Seiten leben davon, dass sie nicht hinterfragt werden. Dass niemand hinschaut. Dass wir beim Scrollen einfach weiterwischen. Damit muss Schluss sein.

Hier sind konkrete Schritte, wie du dich und andere schützt:

  • Hinterfrage Inhalte, die emotional extrem wirken. Wenn du laut „WAS?!“ rufst, ist es wahrscheinlich Clickbait.
  • Schau dir die Seiteninfos an. Wenn dort „Vietnam“, „Thailand“ oder gar nichts steht, hat das mit seriöser Berichterstattung nichts zu tun.
  • Teile solche Beiträge NICHT weiter, auch nicht „zur Diskussion“. Jeder Klick füttert das System.
  • Nimm Freunde in Schutz, die drauf reinfallen. Keine Scham, sondern Aufklärung hilft.
  • Nutze Meldefunktionen. Facebooks Moderation ist löchrig, aber jede Meldung zählt.
  • Melde Webseiten wie worldnews24hr.com bei Browsern oder Fact-Check-Stellen. Auch Werbenetzwerke reagieren, wenn genug Druck kommt.

FAQ – Die häufigsten Fragen zu diesem Netzwerk

Sind alle Seiten aus Vietnam automatisch Fake?

Nein. Aber wenn eine Seite angeblich aus Deutschland berichtet, aber aus Vietnam betrieben wird und politische Inhalte ohne Quellen postet, sollten sämtliche Alarmglocken schrillen.

Was steckt hinter der Mischung aus Promi und Politik?

Emotionale Konditionierung. Der leichte Einstieg über bekannte Gesichter schafft Vertrauen – dann folgt die politische Botschaft.

Warum macht Facebook nichts dagegen?

Weil das Modell Klicks bringt. Und Klicks bringen Geld. Moderation kostet – und Verantwortung sowieso.

Ist das ein Einzelfall?

Nein. Die englischsprachigen Seiten wie „The Rapper Community“, „UK Celeb Whisper“ oder „USA Spotlight“ zeigen: Das Ganze ist international aufgestellt, funktioniert nach dem gleichen Prinzip und zielt auf möglichst viele Länder gleichzeitig.

Wie erkenne ich seriöse Inhalte?

Impressum. Quellenangabe. Autorennamen. Kein CAPS LOCK. Kein „VOR 2 MINUTEN“-Schrott. Und: ausgewogene Sprache statt Dauerempörung.

Fazit: Das ist keine Unterhaltung, das ist Meinungskrieg

Das war vermutlich erst die Spitze des Eisbergs! Unsere Recherche deckt nur einen Bruchteil dessen auf, was in diesem Schatten-Ökosystem tatsächlich passiert. Die untersuchten Seiten sind nur ein Ausschnitt. Das Netzwerk ist dynamisch, wächst täglich, tarnt sich neu, wechselt Domains, passt Inhalte an und operiert international.

Was wir sehen, ist nur die sichtbare Oberfläche:
Hinter den Schlagzeilen und Fake News steckt ein System, das längst auf Skalierung getrimmt ist – automatisiert, profitabel, politisch gefährlich.

Die wahre Reichweite, die Geldflüsse, die strategische Steuerung: All das liegt noch weitgehend im Dunkeln. Es braucht viel mehr Transparenz, Regulierung und ein öffentliches Bewusstsein dafür, dass wir hier nicht von „Internetquatsch“ reden, sondern von gezielter Manipulation im industriellen Maßstab.

Was als Klatschportal beginnt, endet in gezielter Polarisierung. Getarnt als Unterhaltung, entlarvt sich dieses Netzwerk als professionelle Manipulationsmaschine, die nicht informiert, sondern spaltet. Ob Deutschland, UK oder USA – überall dieselben Methoden, dieselben Muster, dieselbe Desinformation.

Das ist kein Zufall. Das ist System.

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WIKIKAMA: Clickbait


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