Du liest russische Lügen – jeden Tag. Ohne es zu wissen

Was aussieht wie Journalismus, ist oft gezielte Propaganda, inszeniert in Moskau. Du denkst, du liest seriöse Nachrichten, dabei bist du längst Ziel einer Propaganda-Kampagne.

Die Behauptung

Russland produziert gezielt Fake News für den deutschsprachigen Raum – mit dem Ziel, die öffentliche Meinung in Europa zu beeinflussen.

Aufgestellt von: Unbekannt

Faktencheck: Wahr

Wahr – mit komplexer, internationaler Infrastruktur. Die Desinformationskampagne „Doppelgänger“ zielt mit gefälschten Medienseiten, manipulierten Zitaten, KI-generierten Inhalten und gezielter Plattformnutzung auf deutschsprachige Zielgruppen. Sie ist gut organisiert, technisch ausgeklügelt und läuft über europäische Infrastruktur.

Kurze Faktenübersicht:

🧠 Russlands Fake-News sehen aus wie SPIEGEL, WELT & Co. – sind aber gezielte Lügen.
🧑‍💻 Verbreitet durch Bots, KI und Telegram – mitten in unseren Timelines.
🛰 Gesteuert von PR-Agenturen mit Kreml-Kontakt, technisch betrieben von EU-Firmen.
⚠️ Ziel: Spaltung, Verunsicherung, Manipulation – mitten in Deutschland, Österreich & Co.
💣 Die nächste Waffe: Künstliche Intelligenz – trainiert mit Fake-News für Millionen.

→Woran erkennt man KI-generierte Bilder oder Videos? Antworten finden Sie im Leitfaden KI-Bilder & Videos.
Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Was ist Russlands digitale Desinformationsstrategie, und warum betrifft sie auch uns?

Vielleicht denkst du: „Das ist doch russische Propaganda, was hat das mit mir zu tun?“
Aber genau das ist das Problem: Was harmlos oder weit weg wirkt, ist in Wirklichkeit Teil einer gezielten Strategie. Und wir sind längst mittendrin.

In Russland:
– Kritische Stimmen werden mundtot gemacht
– Unabhängiger Journalismus wird durch Propaganda ersetzt
– Der Angriff auf die Ukraine wird als „Spezialoperation“ verharmlost
– KI wird eingesetzt, um massenhaft Lügen zu produzieren

In Europa:
– Fakes und Lügen landen auf Facebook, Telegram & X
– Gefälschte SPIEGEL- oder WELT-Seiten sehen täuschend echt aus
– Rechte Gruppen verbreiten die Inhalte, oft ohne es zu merken
– Vertrauen in Medien, Politik und Wissenschaft wird gezielt zerstört

Warum das wichtig ist:
Dieser Krieg läuft nicht nur mit Bomben, sondern auch mit Memes, Kommentaren, Fake-Artikeln und Deepfakes.
Er trifft nicht unsere Panzer, sondern unser Denken. Unser Vertrauen. Unser Zusammenhalt.

Und das passiert nicht „irgendwo“ – sondern direkt bei uns. Was in Moskau geplant wird, landet über Telegram, Facebook oder KI-Chatbots direkt auf unseren Bildschirmen.

Du denkst, du informierst dich unabhängig. Aber was du liest, sieht nur aus wie Journalismus. In Wirklichkeit stammt es aus russischen Propagandanetzwerken, die gezielt auf dich zielen.

Was wie Einzelfälle aussieht – ein gefälschter SPIEGEL-Artikel hier, ein Telegram-Kanal dort – ist in Wahrheit Teil einer koordinierten Desinformationsstrategie mit geopolitischem Ziel.

Was sich klar zeigt:

  • Russlands Desinformationskampagnen sind real, gezielt gesteuert und technisch hochentwickelt.
  • Sie zielen nicht auf Zustimmung, sondern auf Verwirrung, Polarisierung und politische Lähmung.
  • Die Methoden wirken harmlos – gefälschte Webseiten, manipulierte Zitate, emotionale Posts –, sind aber Teil eines psychologischen Angriffs.
  • Europa ist kein Kollateralschaden, sondern im Fadenkreuz – mit dem Ziel, unsere Demokratien von innen auszuhöhlen.
  • Die Plattformen, die Firmen, wir alle spielen – teils unwissentlich – eine Rolle bei der Verbreitung.

Das hier ist kein Informationsproblem.
Es ist eine strategische Operation gegen Vertrauen, Fakten und Zusammenhalt, mitten in unserem Alltag.

Du liest einen Artikel. Es sieht aus wie eine SPIEGEL-Seite, der Tonfall ist vertraut, die Überschrift wirkt seriös. Und doch stammt der Inhalt aus einer russischen Trollfabrik – oder von einer Fake-Seite mit deutscher Domain, betrieben über Server in Finnland. Willkommen im Alltag des digitalen Informationskriegs.

Russlands hybride Kriegsführung zielt längst nicht mehr nur auf Panzer oder Pipelines. Sie zielt auf dein Vertrauen. In Medien, Institutionen, Wissenschaft und in deine eigene Urteilsfähigkeit.

Das perfide daran: Du merkst es oft nicht. Denn die neuen Fakes sind keine plumpen Lügen, sie sind getarnt als Wahrheit.

Hinter scheinbar harmlosen Posts, gefälschten Nachrichtenportalen und manipulierten Zitaten steckt ein komplexes System psychologischer Kriegsführung. Russlands Fake-News-Offensive folgt keinem Zufall – sie ist strategisch geplant, technisch abgesichert und politisch gesteuert.

Aber: Wer sind die Akteure? Welche Netzwerke ziehen im Hintergrund die Fäden – und warum sind europäische Demokratien das Ziel?

Exklusiv für unsere Unterstützer:innen decken wir auf:

  • Die Struktur der russischen „Doppelgänger“-Kampagne – und wie sie sich täglich in unsere Timelines schleicht
  • Die PR-Firmen, Tech-Dienstleister und Bot-Netzwerke, die gezielt für Russland arbeiten
  • Wie KI-Tools wie Chatbots und Deepfakes systematisch zur Desinformation missbraucht werden
  • Warum Plattformen wie X, Telegram & Facebook Teil des Problems sind – und keine Lösung anbieten
  • Welche europäischen Gruppen diese Narrative aufgreifen – oft unbemerkt, manchmal gezielt
  • Und: Wir haben die wichtigsten Ereignisse in einer Zeitleiste dokumentiert – vom ersten Auftauchen bis zur KI-Infiltration

Jetzt weiterlesen und verstehen, wie Russlands Propaganda unseren Alltag unterwandert.
Denn: Wer nicht weiß, wie die Lüge funktioniert, erkennt sie auch nicht.

Das 4D-Modell als Blaupause hybrider Kriegsführung

Desinformation ist kein Nebenschauplatz. Sie ist ein strategisches Werkzeug der russischen Außenpolitik. Das Bundesinnenministerium beschreibt dafür das sogenannte 4D-Modell:

1. Deny – Abstreiten:
Kriegsverbrechen werden geleugnet, Täter-Opfer-Rollen verdreht. Etwa in Butscha, wo Russland der Ukraine die Inszenierung unterstellte.

2. Distort – Verzerren:
Begriffe werden uminterpretiert: Der Angriffskrieg wird zur „Spezialoperation“, die Ukraine zur „Nazi-Diktatur“.

3. Distract – Ablenken:
Fokusverschiebung auf andere Schuldige. Biowaffenlabore in der Ukraine, die NATO als Aggressor – immer verbunden mit dem Versuch, Unsicherheit zu säen.

4. Dismay – Verunsichern:
Vertrauen in Institutionen wird gezielt untergraben. Ob Energiekrise, Atomangst oder Wohlstandsverlust – Angst ist das Werkzeug.

Diese vier Prinzipien greifen ineinander. Sie zielen nicht auf Zustimmung, sondern auf Erschöpfung. Auf das resignierte „Man weiß ja eh nicht, was stimmt.“

Medien, Telegram-Kanäle, Bots – und ihre Helfer in Deutschland

Die Kreml-Strategie funktioniert nur, weil sie perfekt auf Plattformen angepasst ist. Verbreitungswege:

  • Telegram-Kanäle: Hier tauchen die Fakes zuerst auf – getarnt als „alternative Nachrichten“.
  • Facebook & X (Twitter): Fake-Accounts mit echten Profilbildern verbreiten Inhalte algorithmisch effizient.
  • Staatliche Medien wie RT DE: Trotz Sperren werden Inhalte gespiegelt, geschnitten, wieder hochgeladen.
  • TikTok: Emotionalisierte Videos, teils mit Deepfake-Elementen, erzielen millionenfache Aufrufe.
  • Inländische Multiplikatoren: Rechte Gruppen, Corona-Leugner, Kreml-nahe Netzwerke greifen Desinformationen auf – oft unbewusst, manchmal gezielt.

Gefälschte Medienzitate als Propagandawerkzeug: Fake-Profile verbreiten manipulierte Bilder angeblicher Artikel aus der Berliner Zeitung und der Washington Post. In Wahrheit sind es visuelle Fälschungen – Teil der „Doppelgänger“-Strategie, um Vertrauen in Medien gezielt zu untergraben.

Beispiele: Gefälschte Medienzitate als Propagandawerkzeug
Beispiele: Gefälschte Medienzitate als Propagandawerkzeug

Besonders gefährlich: Die Inhalte werden nicht in Russland als „Lüge“ produziert. Sie werden so gestaltet, dass sie wie „Meinung“, „Recherche“ oder „Leak“ wirken – angepasst an das Misstrauen vieler User.

Telegram ist nicht nur ein Messenger. Es ist eine digitale Kampfzone – und Putins Propagandamaschine läuft dort nahezu ungestört.

  • Russische Nachrichtendienste und staatliche Akteure nutzen Telegram systematisch, um Desinformationen zu testen, Narrative zu lancieren und Emotionalisierung zu betreiben – ungefiltert, unreguliert, algorithmusfrei.
  • Besonders beliebt: anonyme Kanäle, die sich als „alternativ“, „patriotisch“ oder „kritisch“ tarnen – dabei aber gezielt russische Narrative transportieren.
  • Ein bekanntes Beispiel: Der Kanal „Donbass Devushka“ verbreitete mehrfach Falschmeldungen über angebliche NATO-Kriegsverbrechen. Später stellte sich heraus: Der Account wurde von einer Ex-Militärangehörigen mit Russlandverbindungen aus den USA betrieben.
  • Telegram eignet sich perfekt für diese Form der Einflussnahme: keine Inhaltskontrollen, keine Kennzeichnungspflichten, keine Transparenz – aber eine enorme Reichweite, besonders in verschwörungsoffenen und rechten Milieus.
  • Auch deutschsprachige Kanäle – von Querdenker-Influencern bis zu AfD-nahen Gruppen – greifen regelmäßig russische Inhalte auf, oft ohne sie als solche zu erkennen oder erkennen zu wollen.

Telegram ist damit nicht nur ein Werkzeug – es ist ein Hauptkanal russischer Desinformation, direkt auf den Smartphones der Nutzer:innen.

Wer glaubt, mit dem Verbot von RT DE und Sputnik sei das Problem gelöst, irrt gewaltig. Die Inhalte dieser Propagandamedien leben weiter – nur in anderer Verpackung.

  • Artikel, Interviews und Videos werden zerschnitten, gespiegelt, neu hochgeladen – auf Telegram, TikTok, Facebook oder in Podcasts.
  • Der Look bleibt vertraut, der Sound überzeugend – nur der Absender hat sich verändert. Die russische Erzählung kommt jetzt über Umwege, oft über Drittplattformen oder vermeintlich neutrale Blogs.
  • Medien wie Tsargrad TV, Russia Today international oder Sputnik Africa verbreiten gezielt Antiwest-Narrative, die über rechte Netzwerke in Europa wieder in den Diskurs zurückgespült werden.
  • Besonders perfide: Einige Inhalte tauchen sogar in YouTube-Formaten, Instagram-Reels oder deutschsprachigen Telegram-Kanälen auf – ohne Kennzeichnung, ohne Kontext, aber mit massiver Reichweite.

Das Verbot von RT DE war ein Symbol. Die Strategie dahinter ist geblieben – und sie funktioniert weiter, oft sogar effektiver als vorher.

Frühjahr 2022

Frühjahr 2022 – Die „Doppelgänger“-Kampagne beginnt

▶ Erste Fake-News-Portale mit täuschend echter Gestaltung tauchen auf: spiegel.ltd, welt.pm, guardian-tv.com.
▶ Bots auf Facebook, Telegram und X verbreiten Inhalte automatisiert.
▶ Start der systematischen Fälschung westlicher Nachrichtenseiten.

Sommer 2022

Sommer 2022 – Geleakte Strategiepapiere

▶ Die russische PR-Agentur Social Design Agency wird enttarnt.
▶ Ziele: Kriegsmüdigkeit fördern, rechte Parteien stärken, Vertrauen in EU schwächen.
▶ Erste Hinweise auf technische Infrastruktur in Europa.

September 2022

September 2022 – Kampagne wird öffentlich benannt

▶ Die NGO EU DisinfoLab deckt die Kampagne auf und gibt ihr den Namen „Doppelgänger“.

März 2023

März 2023 – Erste EU-Sanktionen

▶ Medien wie RT DE und Sputnik werden verboten.
▶ Sanktionen gegen Netzwerke wie „RRN“, die Fake-Seiten betreiben, treten in Kraft.

Juni 2023

Juni 2023 – Fake französischer Medien

▶ Französische Behörden entdecken gefälschte Versionen von Le Monde, Le Figaro und sogar der Webseite des Außenministeriums.

Juli 2023

Juli 2023 – CORRECTIV & Qurium enthüllen Infrastruktur

▶ Server in Deutschland, Großbritannien, Malaysia, Finnland – alle beteiligt.
▶ Firmen wie TNSecurity, Hetzner, Aurologic geraten ins Visier.

Herbst 2023

Herbst 2023 – Digital Services Act (DSA) bleibt zahnlos

▶ Trotz DSA bleibt ein Großteil der Fake-Seiten online.
▶ Plattformen reagieren kaum – Inhalte bleiben verfügbar.
▶ Meta meldet erste Sperrungen von „Doppelgänger“-Seiten, betont aber Lücken im System

November 2023

November 2023 – Doppelgänger nutzt Promi-Bilder für Fakes

▶ Laut NewsGuard nutzt die Kampagne Bilder von Prominenten wie Taylor Swift und Justin Bieber in Facebook-Ads zur Verbreitung von Anti-Ukraine-Inhalten.

August 2024

August 2024 – BfV-Erkenntnisse zur Kampagne

▶ Verfassungsschutz warnt vor gezielter Einflussnahme
▶ Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz meldet neue Erkenntnisse zur „Doppelgänger“-Kampagne.
▶ Die Angriffe richten sich demnach gezielt gegen demokratische Institutionen in Deutschland – besonders im Vorfeld der Bundestagswahl.
▶ CORRECTIV-Recherchen zeigen: Nach der Veröffentlichung gerät das Netzwerk sichtbar in Hektik.

November 2024

November 2024 – CeMAS veröffentlicht interne Dokumente

▶ Belegt: Kampagne ist aktiv und hochprofessionell organisiert.
▶ Ziel in Deutschland: AfD stärken, Grüne diskreditieren, Kriegsmüdigkeit verstärken.

Dezember 2024

Dezember 2024 – OpenAI & Meta greifen ein

▶ OpenAI entfernt mehrere ChatGPT-Konten, die von „Doppelgänger“-Netzwerken betrieben wurden.
▶ Meta sperrt Netzwerke auf Facebook & Instagram.

Januar 2025

Januar 2025 – Doppelgänger nimmt Bundestagswahl ins Visier

▶ CeMAS dokumentiert über 600 Desinformations-Posts auf X mit Bezug auf deutsche Parteien.
▶ Fokus: Friedrich Merz, Annalena Baerbock, Olaf Scholz.

März 2025

März 2025 – DSN deckt Desinformationszelle in Österreich auf

▶ Hausdurchsuchung in Wien bringt Netzwerk ans Licht.
▶ Bulgarische Agentin geständig: rechtsextreme Symbolik, getarnte Pro-Ukraine-Botschaften zur Manipulation der öffentlichen Meinung.
▶ DSN: „Die hybride Kriegsführung hat den öffentlichen Raum erreicht.“

März 2025 – NewsGuard: KI-Systeme übernehmen Kreml-Fakes

▶ 33,5 % der getesteten KI-Chatbots (darunter GPT, Claude, Copilot) geben russische Falschinformationen ungefiltert weiter.
▶ Inhalte stammen oft von Fake-Portalen wie pravda-news.press.
▶ Die KI wird zur nächsten Waffe im Desinformationskrieg – mit Millionenreichweite.

Fake News made in Moskau – seit Jahrzehnten

Russlands Strategie, mit gezielten Falschinformationen politische Ziele zu verfolgen, ist kein neues Kapitel – sondern ein gut gepflegtes Handbuch mit jahrzehntealter Tradition.

Schon im Kalten Krieg setzte die Sowjetunion auf sogenannte „aktive Maßnahmen“ (active measures) – darunter gefälschte Friedensaufrufe, manipulierte Medienberichte, inszenierte Leserbriefe und gezielte Propaganda.
Ein Bericht des US-Außenministeriums aus dem Jahr 1981 dokumentiert detailliert, wie diese Methoden im Westen eingesetzt wurden, um Vertrauen zu untergraben und antiwestliche Narrative zu verbreiten.

Bekanntestes Beispiel: die Operation „INFEKTION“, bei der behauptet wurde, das HIV-Virus sei eine US-Biowaffe.
Ein Fake – aber bis heute in verschwörungsoffenen Kreisen präsent.

Das Muster war damals wie heute dasselbe:

  • Glaubwürdige Sprache
  • Emotional aufgeladene Inhalte
  • Verbreitung über Drittkanäle
  • Tarnung als Meinung, Leak oder Kritik
  • Und immer: Zweifel säen statt überzeugen

Auch während der Jugoslawien-Kriege, der Maidan-Revolution oder der Krim-Annexion nutzte Russland mediale Nebelkerzen, um Täter-Opfer-Rollen zu verdrehen und internationale Kritik zu neutralisieren.

Heute wird das Prinzip digital perfektioniert: Mit Fake-News-Portalen, Bots, KI-generierten Deepfakes und gefühlter Authentizität.
Das Ziel ist gleich geblieben: Verunsicherung. Spaltung. Destabilisierung.

Wer denkt, Fake News seien ein reines Internetphänomen, ignoriert ihre Vergangenheit – und riskiert, sie auch in Zukunft zu unterschätzen.

Parallelen der Desinformation – Damals und Heute

Die Methoden sind nicht neu – sie sind nur digitalisiert. Eine Gegenüberstellung zeigt, wie eng die heutigen Strategien an sowjetische Desinformationstraditionen anknüpfen.

AspektSowjetische „Active Measures“ (Kalter Krieg)Russlands digitale Desinformation heute
ZielMisstrauen gegenüber USA & NATO säen, Westen spaltenVertrauen in Demokratie, Medien & Wissenschaft untergraben
MethodenGefälschte Briefe, manipulierte Artikel, gesteuerte Leserbriefe, PseudokampagnenFake-News-Seiten, Deepfakes, KI-generierte Inhalte, Social-Media-Bots
VerbreitungswegeGedruckte Flugblätter, Leserbriefe, Einflussnahme auf Zeitungen & RadiosenderTelegram, X (Twitter), Facebook, Google Ads, YouTube, TikTok
TarnungAls westliche Friedensbewegung, NGOs, BürgerinitiativenAls Faktenchecker, alternative Medien, „kritische Stimmen“
Zentrale Behauptungen„USA hat HIV erfunden“, „NATO plant Krieg gegen UdSSR“„Selenskyj ist Nazi“, „Ukraine betreibt Biowaffenlabore“, „Der Westen ist schuld“
Geografisches ZielUSA, WesteuropaEU, insbesondere Deutschland, Frankreich, Österreich
ReichweiteBegrenzt durch analoge MedienGlobal – Millionenreichweite in Sekunden
TechnologieeinsatzManuelle Produktion, DruckmaschinenAutomatisiert durch KI, Memegeneratoren, Botnetzwerke
Strategie dahinter„Zersetzung“ und „Verwirrung“ statt Überzeugung„Zweifel säen“ durch Informationsflut, emotionale Narrative & gezielte Polarisierung
Beispiel-KampagnenOperation INFEKTION (HIV-Fake), angebliche CIA-Morde„Doppelgänger“-Kampagne, gefälschte SPIEGEL/WELT/Le Monde-Seiten

Spiegel-Logo, Bild-Design – aber komplett gefälscht

Sie sehen aus wie echte Medien – sind aber reine Desinformation. Seit 2022 betreibt Russland professionelle Klone bekannter Nachrichtenseiten. Der Trick: Design und Sprache wirken authentisch. Der Inhalt: gelogen, verdreht, instrumentalisiert.

Bild: Sie sehen aus wie echte Medien – sind aber reine Desinformation
Bild: Sie sehen aus wie echte Medien – sind aber reine Desinformation

Beispiel: Gefälschte URLs im Rahmen der „Doppelgänger“-Kampagne
Diese Domains sehen aus wie spiegel.de, welt.de oder bild.de – sind aber reine Fälschungen:

Bild: Gefälschte URLs im Rahmen der „Doppelgänger“-Kampagne
Bild: Gefälschte URLs im Rahmen der „Doppelgänger“-Kampagne

Analyse der Fake-Domains im Bild:

  1. spiegel.ltd
    → Sieht aus wie spiegel.de, ist aber eine gefälschte Domain.
  2. welt.pm
    → Statt welt.de – ein Landeskürzel (PM) für Palau wird genutzt.
  3. bild.pics
    → .pics ist eine freie Domainendung – aber suggeriert Nähe zur BILD.
  4. nd-aktuell.net
    → Sehr ähnlich zur echten nd-aktuell.de, aber andere Endung.

Diese URLs wurden verwendet, um gezielt Falschinformationen in täuschend echter Medienoptik zu verbreiten. Sie sind ein zentrales Element der „Doppelgänger“-Taktik: Vertrauen durch Imitation.

  • Seiten wie spiegel.ltd, lemonde-fr.press oder guardian-tv.com übernehmen Struktur, Layout und Navigationslogik realer Medien – und platzieren dazwischen gezielt Fake-News.
  • Inhalte werden über Telegram-Gruppen, Facebook-Profile und sogar Google Ads verbreitet – teilweise bezahlt, aber ohne Kennzeichnung.
  • In manchen Fällen werden Artikel 1:1 kopiert und nur einzelne Absätze verändert – um Falschbehauptungen zu „verstecken“.

Laut Meta und CeMAS steckt dahinter die Social Design Agency – eine PR-Firma mit direkter Verbindung zur russischen Präsidialverwaltung. Sie ist verantwortlich für Konzeption, Distribution und technisches Setup.

Tarnung & Themen: Die Tools der Desinformation Ob imitierte Medienportale wie spiegel.ltd oder themenspezifische Fake-Seiten wie wanderfalke.net – die russische Desinformationskampagne nutzt ein professionell strukturiertes Netzwerk an Domains.
Diese Tabelle zeigt: Kein Zufall. Keine Einzelaktion. Sondern systematische Manipulation.

Bild: Domains, die täuschend echt wirkende Versionen realer Medienportale nachahmen
Bild: Domains, die täuschend echt wirkende Versionen realer Medienportale nachahmen

1. Imitierte Medienseiten

Diese Tabelle dokumentiert Domains, die täuschend echt wirkende Versionen realer Medienportale nachahmen – ein zentrales Werkzeug der „Doppelgänger“-Kampagne.

Beispielhafte Fakes:

  • spiegel[.]ltd → imitiert spiegel.de
  • bild[.]pics → imitiert bild.de
  • t-online[.]life → imitiert t-online.de
  • faz[.]ltd, sueddeutsche[.]ltd, welt[.]ltd usw.

Die Fälschung erfolgt durch abgewandelte Domainendungen wie .ltd, .pics, .life oder .pm – technisch legal, inhaltlich manipulativ. Zusätzlich ist die IP-Infrastruktur sichtbar, die (Stand 25.05.2024) bei Cloudflare (AS13335) oder selbstgehostet liegt.

2. Fake-Medienportale (sortiert nach IP / ASN)

Hier werden nicht imitierte, aber eindeutig als Propagandaseiten identifizierte Fake-Portale gelistet – samt inhaltlichem Fokus und Hosting-Details.

Beispiele:

  • wanderfalke[.]net: Ukraine-Krieg, Migration, Innenpolitik
  • kaputteampel[.]com: Kritik an Ampelregierung
  • rrn[.]media: Ukraine, EU, prorussische Propaganda
  • arbeitspause[.]org: Streiks & Proteste
  • grunehummel[.]com: Klimapolitik / Nachhaltigkeit als Fake-Umweltthemen

Alle Portale zielen auf bestimmte gesellschaftliche Reizthemen – passend zugeschnitten auf das jeweilige Zielpublikum.

Das Ziel: Demokratien destabilisieren – mit Inhalten, die wirken wie Qualitätsjournalismus.

Sechs gängige Fake News, knallhart entlarvt

❌ „Deutschland plant Zwangsaufnahme von Ukrainern.“
✅ Fakt: Es gibt keinerlei Zwang. Die Aufnahme ist freiwillig. Die Bundesregierung fördert die Vermittlung – sie verordnet sie nicht.

❌ „Deutschland forschte an Biowaffen in der Ukraine.“
✅ Fakt: Keine Belege, keine Hinweise, kein Programm. Eine völlige Erfindung russischer Kanäle – mehrfach widerlegt.

❌ „Die Ukraine wird von einem Nazi-Regime regiert.“
✅ Fakt: Präsident Selenskyj ist jüdischer Herkunft. Die Ukraine hat demokratische Institutionen – und keine rechtsextreme Regierung.

❌ „Die Ukraine verübt Völkermord an Russischsprachigen.“
✅ Fakt: Weder OSZE noch UN bestätigen das. Es handelt sich um einen propagandistischen Missbrauch des Begriffs „Genozid“.

❌ „Das Massaker von Butscha war inszeniert.“
✅ Fakt: Die Beweise sind erdrückend. Videos, Zeugenaussagen, Satellitenbilder, forensische Analysen – sie alle belegen russische Kriegsverbrechen.

❌ „Sanktionen sind rassistisch gegenüber Russen.“
✅ Fakt: Sanktionen richten sich gegen das Putin-Regime – nicht gegen die russische Bevölkerung oder Russ:innen in Europa.

Besonders perfide: Manche Seiten tarnen sich sogar als Faktenchecker – etwa RRN.media. Sie behaupten, Falschmeldungen zu entlarven, verbreiten aber selbst gezielt prorussische Narrative. Solche „Fake-Faktenchecker“ nutzen das Vertrauen in Aufklärung – um es zu missbrauchen.

Achte deshalb auch bei vermeintlichen „Faktenchecks“ immer auf die Quelle: Gibt es ein Impressum? Wer steckt dahinter? Seriöse Projekte wie CORRECTIV, Mimikama oder NewsGuard arbeiten transparent – Desinformationsseiten tun das nicht.

Muster erkennen: Emotional aufgeladene Aussagen, extrem wirkende Behauptungen und fehlende Quellen sind klare Warnsignale.

Vadim C. & Alexander J. – Zwei Männer, ein Täuschungssystem

Sie geben sich als Journalisten aus. Sie wirken höflich, gebildet, interessiert. Doch ihr Ziel ist nicht Information – es ist Manipulation.

  • Vadim C. und Alexander J. sind russische Medienakteure mit Verbindung zu RT und der National Media Group.
  • Sie kontaktieren westliche Wissenschaftler, Journalisten und Politiker für Interviews – unter falschem Namen und gefälschter Redaktion.
  • Die Gespräche werden aufgenommen, geschnitten und in Fake-Artikeln recycelt – mit dem Ziel, legitime Aussagen in propagandistische Zusammenhänge zu setzen.

Ein Beispiel: Der deutsche Jugendforscher Simon Schnetzer wurde interviewt – unter Vorwand eines englischen Sportmagazins. Später tauchten seine Aussagen, verdreht und aus dem Kontext gerissen, auf einer gefälschten Nachrichtenseite auf. Die Botschaft: „Die Deutschen verlieren den Glauben an ihre Regierung.“ Ein Satz, den er so nie sagte.

  • Beide Männer arbeiteten laut Recherchen für kremlnahe Medienhäuser.
  • Die Medienhäuser, in deren Umfeld Vadim und Alexander arbeiten, gehören zur National Media Group – deren Vorstandschefin ist Alina Kabajewa, eine enge Vertraute Putins.
  • Ihre Einstellung zur Informationsarbeit? „So effektiv wie ein Kalaschnikow-Sturmgewehr.“

Diese Männer führen keine Interviews. Sie führen psychologische Operationen – mitten in Europa.

Aufkleber, rechtsextreme Symbolik – gesteuert aus Moskau

Während sich die Aufmerksamkeit oft auf Telegram-Kanäle, Bots und Deepfakes konzentriert, zeigt ein Fall aus Österreich, wie real und greifbar Russlands Desinformationskrieg auch im Alltag geführt wird – auf der Straße, mit echten Menschen und physischem Material.

Wie das BMI im März 2025 berichtet, wurde bereits im Dezember 2023 bei einer Hausdurchsuchung in Wien eine bulgarische Staatsbürgerin ins Visier des österreichischen Staatsschutzes genommen. Die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) fand dabei belastende Datenträger, deren Auswertung weitreichende Erkenntnisse zutage förderte.

  • Die Frau ist geständig: Bereits seit 2022 war sie Teil einer russisch gesteuerten Desinformationszelle.
  • Ihre Aufgabe: Im öffentlichen Raum gezielt pro-ukrainisch getarnte Aufkleber und Graffiti zu platzieren – versehen mit rechtsextremer Symbolik und extremistischen Parolen.
  • Ziel der Aktion: Ablehnung gegenüber der Ukraine erzeugen, indem man Solidaritätsbekundungen so gestaltet, dass sie radikal und abschreckend wirken.
  • Die Agentin dokumentierte ihre Aktionen akribisch und leitete das Material an Kontakte in Russland und Großbritannien weiter.
  • Die DSN sieht darin einen klaren Fall von hybrider Einflussnahme: manipulative Inhalte im öffentlichen Raum, gesteuert aus Moskau – mit dem Ziel, die öffentliche Meinung zu kippen.

Dieser Fall zeigt: Russlands Propaganda findet nicht nur digital statt. Sie greift gezielt in unsere Lebensrealität ein – und nutzt dabei perfide Tarnungen, um Demokratie und Solidarität von innen heraus zu unterwandern.

Das perfide Prinzip: Was wie Solidarität aussieht, soll beim Passanten Ablehnung auslösen. Eine Desinformationsstrategie im Straßenformat.

NewsGuard enthüllt: Wenn Künstliche Intelligenz zur Lügenmaschine wird

Was bisher wie Science-Fiction klang, ist längst Realität: Russische Netzwerke nutzen KI-Systeme, um ihre Narrative massenhaft in Umlauf zu bringen – getarnt als neutrale Antwort von „objektiven“ Chatbots.

  • Die US-Organisation NewsGuard testete 10 KI-Systeme (u.a. ChatGPT, Copilot, Claude).
  • In 33,5 % der Fälle gaben sie russische Falschmeldungen unverändert wieder – teils mit Quellenangabe zu Fake-Portalen wie pravda-news.press.
  • Besonders brisant: Die KI wiederholte Schlagzeilen wie „Selenskyj verbietet Truth Social“ – eine frei erfundene Geschichte.

Analystin Isis Blachez warnt: „Ohne Filter-Mechanismen werden KI-Modelle selbst zu Werkzeugen der Propaganda.“
Die Täuschung ist subtil – und damit umso gefährlicher.

Das Ziel: Vertrauen in Technologie unterwandern – und Millionen Nutzer gleichzeitig erreichen. Die KI wird so zur viralen Multiplikationshilfe für Kreml-Narrative.

Die Plattformen wissen längst, was passiert. Und tun: fast nichts.

X.com

  • Dient als Knotenpunkt für koordinierte Desinformationskampagnen
  • Gruppen arbeiten arbeitsteilig:
    • Eine Gruppe erstellt die Inhalte
    • Andere verstärken sie mit Likes, Reposts, Kommentaren
  • Die Verbreitung erfolgt automatisiert und algorithmisch verstärkt – oft über Fake-Accounts mit gekauften blauen Haken
  • CeMAS berichtet: Selbst offensichtliche Fakes bleiben oft monatelang online

Facebook

  • Hier setzt die russische PR-Agentur gezielt auf bezahlte Anzeigen
  • Die Inhalte sind populistisch, EU-feindlich, prorussisch – und emotionalisiert
  • Viele Ads umgehen Facebooks Kontrollsystem, weil sie nicht als „politisch“ markiert sind
  • Trotz Meldefunktion bleiben problematische Inhalte oft sichtbar – auch Wochen später

Und was macht die EU?

Laut Digital Services Act (DSA) sind Plattformen wie X und Facebook als „Very Large Online Platforms (VLOPs)“ verpflichtet, Desinformation aktiv zu erkennen, zu entfernen und ihre Moderation transparent zu machen.
Die Realität: Inhalte bleiben online. Sanktionen? Selten. Warnungen für Nutzer:innen? Fast nie.

Die Plattformen bieten keine Abwehr – sie sind Teil der Infrastruktur.
Ob aus Ignoranz, wirtschaftlichem Kalkül oder struktureller Überforderung – das Ergebnis ist dasselbe: Putins Lügen bleiben online.

Russlands digitale Propaganda ist längst nicht mehr nur ein Geheimdienstprojekt – sie ist ein geopolitisches Risiko. Entsprechend gibt es politische und juristische Reaktionen:

  • EU-Sanktionen: Bereits 2023 wurden gezielte Sanktionen gegen Unternehmen wie die Social Design Agency und Structura verhängt. Sie gelten als Drahtzieher hinter der „Doppelgänger“-Kampagne. Auch Einzelpersonen, die direkt mit dem Kreml oder diesen Firmen in Verbindung stehen, stehen auf Sanktionslisten.
  • Digital Services Act (DSA): Seit 2024 gilt der DSA – eine EU-Verordnung, die Plattformen wie Facebook und X (Twitter) zu mehr Verantwortung verpflichtet. Sie müssen Desinformation aktiv erkennen, löschen und ihre Moderation transparenter machen. Doch die Praxis hinkt hinterher: Inhalte bleiben online, Strafen bleiben aus – vor allem bei X.
  • Deutsche Behörden: Auch in Deutschland sind Sicherheitsbehörden wie das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), das Bundeskriminalamt (BKA) und das CERT-Bund aktiv. Sie untersuchen laufend Desinformationskampagnen. Über konkrete Ermittlungen gegen Doppelgänger-Akteure ist bislang wenig öffentlich bekannt – vieles spielt sich im Hintergrund ab.

Klar ist: Die Gefahr ist erkannt, aber die Gegenmaßnahmen sind (noch) zu schwach, zu langsam, zu unkoordiniert.

Server, Redirects, Software – wie Europa (unfreiwillig) mitmischt

Russlands Fake-News-Offensive wäre ohne eine ausgeklügelte technische Infrastruktur nicht möglich – und diese sitzt mitten in Europa. Eine Recherche von CORRECTIV und der NGO Qurium legt die Netzstruktur offen.

  • spiegel.ltd, welt.pm, guardian-tv.com – sie alle funktionieren über ein dreistufiges Weiterleitungssystem:
  1. Wegwerf-Domain →
  2. Redirect-Server (meist in UK oder DE) →
  3. Zielseite – aber nur, wenn der Nutzer sich z. B. in Deutschland befindet.
  • Eine Software namens Keitaro prüft den Standort – nur „lohnenswerte“ Zielgruppen werden auf die Fake-Seite weitergeleitet.

So funktioniert die technische Täuschung – Schritt für Schritt

Die Doppelgänger-Kampagne nutzt ein ausgeklügeltes Weiterleitungssystem, das in drei Stufen aufgebaut ist:

  1. Wegwerf-Domains wie z. B. spiegel.ltd werden registriert – sie ähneln echten Nachrichtenseiten.
  2. Redirect-Server – meist in Deutschland oder Großbritannien – leiten Besucher weiter, ohne dass sie es merken.
  3. Zielseite: Nur Nutzer aus bestimmten Ländern (z. B. Deutschland) werden auf die eigentliche Fake-Seite weitergeleitet – andere sehen nichts.
  • Entscheidend ist dabei die Software Keitaro, die erkennt, woher ein Klick stammt – nur „relevante Zielgruppen“ sehen den Fake überhaupt.

Diese Struktur erschwert nicht nur die Entdeckung, sondern auch die rechtliche Verfolgung. Denn selbst wenn eine Domain gesperrt wird, bleibt das System über neue Weiterleitungen aktiv.

Was viele übersehen: Die russische Propagandamaschine läuft nicht nur über Inhalte – sondern über eine hochvernetzte IT-Infrastruktur. Und diese wird größtenteils von europäischen Firmen bereitgestellt.

Beteiligte Firmen – durch CORRECTIV und Qurium recherchiert:
Im Rahmen einer aufwändigen Investigation deckten CORRECTIV und die schwedische NGO Qurium Media Foundation die Netzwerkinfrastruktur der Kampagne auf. Sie identifizierten mehrere europäische IT- und Hostingfirmen, die – oft unwissentlich – Schlüsselrollen bei der Verbreitung bei der Verbreitung spielten:

UnternehmenSitzRolle in der Kampagne
TNSecurity LtdLondon, UKRegistrierung von Hunderten Wegwerf-Domains für täuschend echte Fake-Seiten.
Aurologic GmbHLangen, DeutschlandHosting-Infrastruktur für zentrale Redirects – „Oh, das führt tatsächlich zu uns.“
Hetzner Finland OyTuusula, FinnlandHosting der dritten Weiterleitungsebene – technisch entscheidender Knotenpunkt.
Apliteni OUTallinn, EstlandEntwickler der Software Keitaro, die gezielt IPs filtert und weiterleitet.
ShinjiruKuala Lumpur, MalaysiaEnd-Hosting – kaum regulierbar, außerhalb EU-Zugriff.
HostingerKaunas, LitauenBeteiligung am finalen Hosting – Server oft in Drittstaaten.


Viele dieser Firmen erklärten auf Nachfrage, nichts von der Desinformationsnutzung gewusst zu haben – doch reagierten auch nicht, als sie informiert wurden.

Kontinuität statt Zufall: Das Schaubild zeigt, wie regelmäßig und systematisch Fake-News-Seiten im Rahmen der „Doppelgänger“-Kampagne Inhalte veröffentlichen. 12.970 Artikel in 15 Monaten – das entspricht einem Artikel alle 50 Minuten. Jeder einzelne farbige Strich steht für ein einzelnes Desinformationsportal.

Bild: 12.970 Artikel in 15 Monaten – das entspricht einem Artikel alle 50 Minuten
Bild: 12.970 Artikel in 15 Monaten – das entspricht einem Artikel alle 50 Minuten

Und genau hier liegt das Problem: Der Informationskrieg läuft über europäische Server. Ohne Sanktionen, ohne technisches Screening, ohne Konsequenzen. Europa hilft – unfreiwillig – bei der Verbreitung russischer Desinformation.

DSA, Sanktionslisten, internationale Koordination – und ihr Versagen

Theoretisch hat die EU längst Instrumente an der Hand:

▶ Der Digital Services Act (DSA) verpflichtet Plattformen wie Facebook und X zur aktiven Moderation und Risikobewertung von Desinformation.
▶ Sanktionslisten der EU erfassen Einzelpersonen und Organisationen, die nachweislich an Desinformationskampagnen beteiligt sind – darunter auch Akteure der „Doppelgänger“-Kampagne.
▶ Interpol, Europol, CERT-EU und nationale Cyberbehörden sind mit der Überwachung befasst.

Doch die Realität sieht anders aus – die Kampagne läuft weiter. Warum?

  • Plattformen wie X und Facebook reagieren langsam oder gar nicht – oft werden Inhalte selbst nach Meldung nicht entfernt.
  • Sanktionen greifen kaum, weil Firmen wie Aurologic oder Apliteni sich selbst nicht als Mitverantwortliche sehen – und rechtlich auch oft nicht belangt werden können.
  • Internationale Ermittlungsarbeit ist zersplittert, oft ohne rechtlich bindende Kooperation über Ländergrenzen hinweg.
  • Das Hosting in Drittstaaten oder über Reseller verschleiert Verantwortlichkeiten – und macht technische Rückverfolgung extrem schwierig.

Die Werkzeuge gegen Desinformation existieren – aber sie sind ineffizient, langsam und unterlaufen von technischen und juristischen Tricks. Während Behörden prüfen, ob eine Domain „rechtswidrig“ ist, startet aus Moskau bereits die nächste Welle.

Psychologische Tricks, Empörungsmechanismen und Vertrauenslücken

Niemand glaubt gerne Lügen. Und doch funktionieren sie – weil sie nicht wie Lügen aussehen.

  • Emotionale Sprache: Wut, Angst, Empörung triggern schnelle Reaktionen.
  • Bestätigungsfehler: Menschen suchen nach Inhalten, die ihre Meinung bestätigen.
  • Misstrauen gegenüber „Eliten“: Viele User glauben, „die Medien“ würden ihnen etwas verheimlichen – die Fakes wirken wie ein „Geheimtipp“.

Russlands Desinformation zielt genau auf diese psychologischen Schwachstellen. Sie liefert einfache Antworten auf komplexe Probleme – und vermittelt das Gefühl, „aufgewacht“ zu sein.

Wie Fake-News visuell wirken: Clowns, Schlagzeilen und verdrehte Aussagen

Russlands Desinformationskampagnen beschränken sich nicht auf Texte. Sie arbeiten gezielt mit Bildmanipulationen, gefälschten Designs und emotionalisierenden Visuals – oft im Stil bekannter Medienmarken oder mit entmenschlichender Symbolik.

Du liest russische Lügen – jeden Tag. Ohne es zu wissen – mimikama.org
Du liest russische Lügen – jeden Tag. Ohne es zu wissen – mimikama.org

🧠 Du siehst eine News – und bist unsicher? Dann prüfe Folgendes:

✅ Ist der Link echt?
→ spiegel.de oder spiegell.de? Schon ein Buchstabe kann Täuschung bedeuten.

✅ Gibt es ein Impressum?
→ Fehlanzeige? Dann Hände weg.

✅ Kommt die Info nur als Screenshot?
→ Meist ein Trick, um Quellenprüfung zu umgehen.

✅ Finde ich dieselbe Story auch in seriösen Medien?
→ Wenn nicht: Finger weg.

✅ Ist die Sprache extrem emotional oder alarmierend?
→ Vorsicht. Seriöse Medien berichten, sie hetzen nicht.

✅ Wirkt der Absender wie ein echter Journalist?
→ Name googeln. Gibt es ein journalistisches Profil?

✅ Gibt es Hinweise auf gefälschte Plattformen (z. B. spiegel.ltd)?
→ Viele dieser Seiten sind bekannt – Listen dazu führen NGOs wie CORRECTIV oder NewsGuard.

Du liest russische Lügen – jeden Tag. Ohne es zu wissen – mimikama.org

Desinformation im globalen Süden – das stille Testlabor

Während Europa im Fokus öffentlicher Debatten steht, testet Russland seine Desinformationsstrategien gezielt dort, wo es kaum jemand bemerkt: im globalen Süden.

In Afrika, Lateinamerika und Teilen des Nahen Ostens verbreiten russische Staatsmedien wie Sputnik Africa und RT Arabic emotional aufgeladene Inhalte mit Fokus auf:

  • antiwestliche Narrative
  • Misstrauen gegenüber internationalen Organisationen
  • koloniale Schuld & Doppelmoral des Westens

Die Inhalte werden gezielt lokal angepasst in Landessprache, mit kulturellem Bezug, oftmals gegen „den Westen“ gerichtet und verbreitet über Social Media.

Auch in Ländern wie Brasilien, Indien oder Südafrika kursieren Fake News über angebliche NATO-Biowaffenlabore, westliche Medienzensur oder ukrainische Kriegsverbrechen, oft in Form von Screenshots, Videoschnipseln oder aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten.

Das Perfide daran: Viele dieser Desinformationsstücke wandern später zurück nach Europa, geteilt von Telegram-Kanälen, Influencern oder „alternativen Medien“, die sie als vermeintlich „authentische Leaks“ aus dem Ausland präsentieren.

Russlands Informationskrieg ist global – und der globale Süden ist das Testfeld, aus dem Taktiken geschärft werden, bevor sie uns hier treffen.

Warum Aufklärung unsere stärkste Waffe ist

Russlands Propaganda kommt nicht mit Panzern – sondern mit Webseiten, Memes und Kommentaren. Sie ist emotional, professionell, psychologisch geschickt – und technisch gestützt durch europäische Infrastruktur.

  • Die Angriffe zielen auf Vertrauen, nicht auf Fakten.
  • Die Verbreitung erfolgt durch Plattformen, Firmen und manchmal auch durch uns – weil wir die Inhalte teilen.
  • Der Schutz beginnt bei uns selbst: durch Wachsamkeit, Quellenkritik und digitale Medienkompetenz.

Und genau deshalb ist Aufklärung kein Luxus – sie ist Verteidigung.

Was heute noch wie Science-Fiction klingt, ist schon Realität: Künstliche Intelligenz wird zur nächsten Waffe im Desinformationskrieg.

Eine Analyse von NewsGuard ergab: In 33,5 % der Fälle reproduzierten Chatbots wie ChatGPT, Copilot oder Claude russische Fake News – ohne Einordnung, teils sogar mit gefälschten Quellenangaben.

Die KI schreibt glaubwürdig klingende Artikel, erstellt Deepfake-Videos mit falschen Aussagen realer Politiker oder lässt fiktive Experten auftreten. Alles auf Knopfdruck.

Plattformen wie OpenAI und Google versuchen gegenzusteuern, doch der Missbrauch geht schneller als die Regulierung. KI wird damit zur viralen Multiplikationshilfe für Propaganda.

Diese Entwicklung macht eines klar: Die nächste Desinformationswelle wird nicht nur professionell, sondern vollautomatisiert. Aufklärung allein reicht bald nicht mehr, wir brauchen technologische Abwehrsysteme.

Transparenz & rechtlicher Hinweis

Dieser Artikel basiert auf sorgfältig recherchierten, öffentlich zugänglichen Quellen, darunter offizielle EU-Dokumente, Recherchen von CORRECTIV, NewsGuard, Qurium, CeMAS sowie Berichte internationaler Medienhäuser. Alle Angaben wurden zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nach bestem Wissen geprüft. Namensnennungen von Unternehmen, Plattformen und Personen erfolgen im Rahmen der journalistischen Berichterstattung über öffentlich dokumentierte Vorgänge. Die Darstellung impliziert keine pauschale Schuldzuweisung, sondern folgt dem berechtigten öffentlichen Interesse an Aufklärung über digitale Desinformation und hybride Einflussnahme. Wir weisen ausdrücklich darauf hin: Die genannten Firmen und Plattformen sind nach eigenen Angaben in vielen Fällen unwissentlich in die technische Infrastruktur eingebunden und nicht zwingend verantwortlich für die Inhalte, die über ihre Dienste verbreitet wurden. Sollte eine fehlerhafte Darstellung vorliegen, bitten wir um Kontaktaufnahme – wir korrigieren umgehend.


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