Die Behauptung
Das „Institute for Remigration“ behauptet, ein sogenannter „Bevölkerungsaustausch“ in Europa sei eine messbare Folge politischer Entscheidungen. Seine Europakarte berechne, wann „einheimische“ Menschen zur Minderheit werden, und zeige außerdem, wie ein Remigrationsszenario diese Entwicklung umkehren könnte.
Aufgestellt von: Institute for Remigration / IFR Demography Dashboard – https://demography-dashboard.eu/
Irreführend
Irreführend. Die Zahlen auf der Karte sind tatsächliche Ergebnisse zweier veröffentlichter Modellrechnungen. Sie gelten nur unter bestimmten Annahmen und sind keine sicheren Zukunftsprognosen. Die Gruppen „einheimisch“ und „migrantisch“ sind je nach Land unterschiedlich definiert. Die politische Deutung als nachgewiesener „Bevölkerungsaustausch“ lässt sich daraus nicht ableiten. Die Fünf-Prozent-Grenze im Remigrationsszenario ist ein selbst gewähltes Ziel des Instituts.
Auf einer Europakarte stehen auffällige Jahreszahlen: Schweiz 2038, Deutschland 2045, Österreich 2052. Sie sollen zeigen, wann die als „einheimisch“ bezeichnete Bevölkerung rechnerisch zur Minderheit werden könnte. Die Karte wurde Anfang Oktober 2026 auch international aufgegriffen; das Medium bne IntelliNews berichtete am 7. Oktober über ihre Verbreitung durch NEXTA. Die Jahreszahlen sind tatsächlich im Dashboard zu finden. Sie sind aber Ergebnisse eines Modells unter festgelegten Annahmen – keine nachgewiesenen Termine einer künftigen Bevölkerungsmehrheit.
Warum das Institut diese Europakarte veröffentlicht
Hinter der Darstellung steht das Institute for Remigration mit seinem „IFR Demography Dashboard“. Die Betreiber behaupten auf der Projektwebsite ausdrücklich, ein sogenannter „Bevölkerungsaustausch“ sei eine messbare demografische Entwicklung und Folge politischer Entscheidungen. Ihre eigene Methodenbeschreibung verbindet das Ziel einer dauerhaft „einheimischen“ Bevölkerungsmehrheit mit der politischen Vorstellung einer „ethnokulturellen Kontinuität“.
Der Zweck reicht über die Veröffentlichung von Statistiken hinaus. Unter „What to do?“ fordert das Institut seine Leser auf, die vorbereiteten Länder-Grafiken zu verbreiten und Remigration zu einer politischen Priorität zu machen. Das Dashboard ist damit nach der Selbstdarstellung seiner Betreiber auch ein Instrument politischer Überzeugungsarbeit.
Zwei Szenarien: Über 50 Prozent und unter fünf Prozent
Im Status-quo-Szenario schreibt das Modell ausgewählte demografische Bedingungen fort. Für Deutschland erreicht die als „migrantisch“ eingestufte Gruppe demnach 2045 mehr als die Hälfte der Bevölkerung, für Österreich 2052. Ein zweites Szenario soll zeigen, wie sich diese Entwicklung durch „Remigration“ umkehren ließe: In Österreich fällt der modellierte Anteil 2091 unter fünf Prozent, in Deutschland 2111.
Dieses zweite Ergebnis setzt voraus, dass die migrantische Zuwanderung auf zehn Prozent des Status-quo-Wertes sinkt. Zusätzlich zieht die Rechnung jedes Jahr eine feste Personenzahl in Höhe von einem Prozent der migrantischen Ausgangsbevölkerung ab; reguläre Abwanderung wird gesondert berücksichtigt. Die Grenze von fünf Prozent bezeichnet das Institut selbst als Orientierungswert für „demografische Normalisierung“. Es handelt sich ausdrücklich um ein institutseigenes Szenarioziel, nicht um eine allgemeingültige wissenschaftliche Schwelle. Die rechtliche und praktische Umsetzung einer solchen Politik wird im Modell nicht berechnet.
Warum die Zahlen keinen „Bevölkerungsaustausch“ beweisen
Die Status-quo-Rechnung verwendet im Regelfall die durchschnittlichen jährlichen Zu- und Abwanderungszahlen von 2015 bis 2024 und hält angesetzte Geburten- und Sterberaten konstant. Kinder werden der Modellgruppe ihrer Mutter zugeordnet. Gemischte Familien und spätere Änderungen der Gruppenzugehörigkeit werden nicht eigens berücksichtigt. Die Betreiber räumen diese Grenzen ein und bezeichnen ihre Ergebnisse ausdrücklich als bedingte Projektionen.
Dazu kommt eine entscheidende Definitionsfrage: In Österreich umfasst die amtliche Kategorie „Migrationshintergrund“ Menschen, deren beide Elternteile im Ausland geboren wurden. Statistik Austria erfasste 2025 rund 2,55 Millionen solcher Personen in Privathaushalten. Das Dashboard übernimmt diese Kategorie als Ausgangspunkt, schreibt die Gruppenzugehörigkeit späterer Kinder aber über die Mutter fort. In Deutschland verwendet es eine breitere Definition, die schon einen Elternteil ohne deutsche Staatsangehörigkeit bei Geburt einschließen kann. Selbst Menschen, die aus anderen europäischen Ländern zugewandert sind, können als „migrantisch“ gelten. Die Gruppen lassen sich daher nicht einfach mit „Europäern“ und „Nichteuropäern“ gleichsetzen. Für Frankreich verwendet das Dashboard außerdem eine externe, anders berechnete Projektion.
Die Karte zeigt somit, welche Bevölkerungsanteile unter den gewählten Regeln rechnerisch entstehen. Ob diese Bedingungen über Jahrzehnte eintreten, wurde damit ebenso wenig nachgewiesen wie die weitergehende politische Deutung der Entwicklung als „Bevölkerungsaustausch“.
Quellen
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