Die Schlagzeilen überschlagen sich, die Empörung ist groß: Der Verband Die Familienunternehmer e.V. steht im Zentrum einer bundesweiten Debatte. Nachdem am 4. Oktober 2025 erstmals AfD-Bundestagsabgeordnete zu einer offiziellen Verbandsveranstaltung eingeladen wurden, hat sich der Ton in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft schlagartig verändert. Aus einer internen Kurskorrektur wurde ein öffentlicher Konflikt mit weitreichenden Folgen.
Präsidentin Marie-Christine Ostermann verteidigt die Entscheidung mit dem Ziel, die AfD inhaltlich zu stellen, doch die Reaktionen fallen deutlich aus. Unternehmen wie Rossmann und Vorwerk traten aus Protest aus dem Verband aus. Die Deutsche Bank entzog dem Verband ihre Räume. Weitere Mitgliedsunternehmen zeigen sich alarmiert. Branchenverbände wie der BDI oder die vbw pochen auf Distanz zur AfD, ebenso wie Politiker*innen fast aller demokratischen Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen.
Der Fall hat sich zu einem der meistdiskutierten Themen der Woche entwickelt. Medien aller Ausrichtungen berichten, Kommentarlagen sind eindeutig: Der Schritt des Verbands wird als Tabubruch gesehen – mit möglichen Langzeitfolgen für die politische Kultur in der deutschen Wirtschaft.
Die zentrale Frage lautet nun: Wird aus dem Einzelfall ein Dammbruch oder ein isolierter Fehler mit Konsequenzen?
Was wirtschaftlich auf dem Spiel steht
Die Familienunternehmer e.V. sind nicht irgendein Lobbyverband. Sie repräsentieren rund 6.500 mittelständische, oft familiengeführte Unternehmen – das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Viele Mitglieder sind Arbeitgeber in zweiter, dritter oder vierter Generation, stark regional verwurzelt, mit oft stabiler Beschäftigung und klarer unternehmerischer Identität.
Wirtschaftspolitisch steht der Verband seit Jahrzehnten für:
- fiskalische Zurückhaltung des Staates (z. B. gegen neue Schulden und hohe Staatsquote),
- marktwirtschaftliche Energiepolitik (z. B. gegen planwirtschaftliche Klimavorgaben),
- Steuerentlastung für Unternehmen, insbesondere für Erben und Eigentümer,
- Ablehnung überbordender Bürokratie
- und einen freiheitsorientierten Ordnungsrahmen – klare Regeln, wenig Staatseingriff.
Inhaltlich grenzte sich der Verband lange deutlich von populistischen Positionen ab, sowohl von links als auch von rechts. Genau deshalb wiegt der aktuelle Kurswechsel so schwer: Er stellt die wirtschaftsliberale Glaubwürdigkeit des Verbands infrage. Wer sich auf vermeintliche Sachgespräche mit einer Partei einlässt, deren wirtschaftspolitische Positionen protektionistisch, staatszentriert oder europafeindlich sind, gerät zwangsläufig in Widerspruch zur eigenen Linie.
Diese Dimension bleibt in vielen aktuellen Debatten unbeachtet, obwohl sich hier nicht nur eine politische, sondern auch eine wirtschaftsprinzipielle Frage stellt: Wie ernst nehmen Unternehmerverbände ihre eigenen Werte, wenn politischer Opportunismus zur strategischen Option wird?
Die Position des Verbands: Ostermanns Rechtfertigung
Am 24. November 2025 veröffentlichte Die Familienunternehmer e.V. eine Pressemitteilung, in der Verbandspräsidentin Marie-Christine Ostermann die Entscheidung gegen die Brandmauer verteidigt. Darin wird deutlich: Die Gesprächsöffnung ist kein Versehen, sondern Ausdruck eines bewussten Strategiewechsels.
„Empörung allein hat sich als politische Strategie erschöpft.“
„Die Hoffnung, man könne ein Viertel der Wähler durch moralische Ausgrenzung zur Umkehr bewegen, ist nicht aufgegangen. Jetzt hilft nur noch die Auseinandersetzung mit den Inhalten der AfD, jenseits von schlichten Kategorisierungen in ‚gut‘ und ‚böse‘.“
Ostermann verweist auf die wachsende Zustimmung zur AfD – insbesondere mit Blick auf Sachsen-Anhalt – und erklärt den bisherigen Brandmauer-Kurs für gescheitert. Der Verband lehne eine Regierungsbeteiligung der AfD ab, betont sie, wolle aber inhaltlich „nicht das Feld den Extremisten überlassen“.
„Mit einem Andersdenkenden zu diskutieren, heißt nicht seine Positionen zu akzeptieren.“
„Reden heißt nicht zusammenarbeiten. Und wer gar nicht mehr redet, hat inhaltlich aufgegeben.“
Die Wortwahl („Antifa-Parolen“, „wehrlos“, „Verteufelung“) signalisiert zugleich eine deutliche Abkehr vom bisherigen Konsens der deutschen Unternehmensverbände. Diese neue Kommunikationslinie setzt auf Konfrontation mit der politischen und medialen Kritik, nicht auf Rückzug oder Kurskorrektur.
FAQ: Was ist bei „Die Familienunternehmer“ los – und was hat das mit der AfD zu tun?
Wer sind „Die Familienunternehmer“ überhaupt?
„Die Familienunternehmer e.V.“ ist ein Wirtschaftsverband, der rund 6.500 inhabergeführte Unternehmen in Deutschland vertritt. Mitglieder sind vor allem mittelständische Betriebe, viele davon bekannte Marken wie Deichmann, Vorwerk, Melitta oder Rossmann. Der Verband tritt wirtschaftspolitisch liberal auf und fordert unter anderem weniger Regulierung, niedrigere Steuern, einen marktwirtschaftlichen Klimakurs und weniger staatliche Eingriffe. Präsidentin ist seit 2021 Marie-Christine Ostermann, die selbst ein Lebensmittelunternehmen in NRW führt.
Was ist passiert – worum geht es bei der AfD-Kontroverse?
Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass der Verband eine AfD-Bundestagsabgeordnete zu einer offiziellen Veranstaltung eingeladen hatte – einen sogenannten „Parlamentarischen Abend“ in der Berliner Repräsentanz der Deutschen Bank. Bis dahin galt intern ein Kontaktverbot zur AfD. Durch die Einladung wurde dieses gebrochen. Die Verbandsführung – allen voran Ostermann – bestätigte, dass man bereits im Frühjahr intern entschieden habe, gezielt Gespräche mit AfD-Fachpolitikern zu führen. Ziel sei, sich inhaltlich mit der Partei auseinanderzusetzen.
Warum sorgt das für solche Empörung?
Bislang hielten sich große Wirtschaftsverbände an eine klare „Brandmauer“ zur AfD. Die Partei wird in Teilen vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Die Annäherung wird deshalb von vielen als politischer Tabubruch gesehen. Kritiker warnen vor einer Normalisierung extremistischer Kräfte, und davor, dass wirtschaftliche Interessen über demokratische Grundwerte gestellt werden.
Was sagt der Verband selbst zu dieser Entscheidung?
Verbandspräsidentin Ostermann betont, dass es sich nicht um eine Kooperation, sondern um kritischen Dialog handele. Wörtlich sagte sie:
„Die AfD zu ignorieren, hat nicht funktioniert. Sie ist in vielen Regionen stärkste Kraft. Wir müssen sie inhaltlich stellen – nicht durch Ausgrenzung, sondern durch Debatte.“
Zugleich betont sie, man wolle keine Regierung unter AfD-Beteiligung. Es gehe darum, politisch Einfluss zu nehmen, nicht um Unterstützung.
Welche bekannten Unternehmen sind ausgetreten?
• Rossmann kündigte öffentlich seine Mitgliedschaft und betonte, man lehne eine Öffnung gegenüber der AfD klar ab.
• Vorwerk folgte wenig später mit ähnlicher Begründung: Die Partei stehe nicht im Einklang mit demokratischen Grundwerten.
• Fritz-Kola verließ ebenfalls den Verband: „Die Entscheidung der Verbandsführung, die bisherige Distanz gegenüber der AfD aufzugeben, steht nicht im Einklang mit den Grundsätzen, die Fritz-Kola als Unternehmen vertritt“
• Melitta äußerte starke Bedenken, überdenkt die Mitgliedschaft, blieb aber zunächst dabei.
Auch andere Unternehmen (z. B. Oetker) äußerten sich kritisch oder blieben auffällig still.
Wie reagierte die Deutsche Bank als Gastgeberin des Abends?
Die Deutsche Bank, in deren Räumlichkeiten die Veranstaltung stattfand, erklärte, sie sei nicht über die AfD-Einladung informiert worden. Als Reaktion kündigte sie dem Verband die Nutzung ihrer Räumlichkeiten für zukünftige Events auf.
Wie haben andere Wirtschaftsverbände reagiert?
Klar ablehnend äußerten sich unter anderem:
• BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie): Keine Gespräche mit radikalen Parteien.
• vbw (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft): „Wer rechte Parolen propagiert, ist kein Gesprächspartner.“
• Wirtschaftsrat der CDU: „AfD steht gegen Rechtsstaat und Marktwirtschaft.“
Lediglich der BVMW (Bundesverband Mittelständische Wirtschaft) äußerte vorsichtiges Verständnis, sprach aber keine direkte Unterstützung aus.
Was sagen Parteien und Politikerinnen dazu?
• SPD sagte ein geplantes Treffen mit dem Verband ab.
• SPD-Politiker Esra Limbacher nannte die AfD eine „wirtschaftsfeindliche Partei voller Putin-Freunde“.
•CDU/CSU hält an der Brandmauer zur AfD fest.
•Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge lobte die Austritte von Rossmann & Co. als klare Haltung gegen Normalisierung.
•MIT (Mittelstands- und Wirtschaftsunion): „AfD schadet dem Standort Deutschland.“
Wie positionieren sich Gewerkschaften und Zivilgesellschaft?
• Verdi und der DGB verurteilen die Einladung deutlich.
•Verdi-Chef Werneke warnte vor einem „Wirtschafts-1933-Moment“ – also vor dem historischen Fehler, rechten Parteien Zugang durch die Wirtschaft zu verschaffen.
• Campact, LobbyControl und die Initiative „Vielfalt ist Zukunft“ kritisierten den Verband massiv und sprachen von einem verantwortungslosen Signal.
Welche wirtschaftlichen Risiken sehen Kritiker?
Das IW Köln (Institut der deutschen Wirtschaft) warnt in einer Studie, dass AfD-Wahlerfolge dem Standort Deutschland schaden, etwa durch:
• Schlechteres Image bei Fachkräften aus dem Ausland
• Wirtschaftlich nicht tragfähige Steuer- und Sozialversprechen
• Ablehnung der EU und des internationalen Handels
• Klimapolitik, die gegen globale Standards verstößt
Diese Punkte machen die Partei für viele Unternehmerverbände wirtschaftlich untragbar, selbst wenn man einzelne Positionen (z. B. Bürokratieabbau) teilt.
Was sagen Befürworter der Gespräche?
Befürworter wie Ostermann argumentieren, man müsse sich mit der Realität auseinandersetzen: Die AfD sei in vielen Regionen stärkste Kraft, ein Viertel der Bevölkerung wähle sie. Ignorieren helfe nicht weiter. Ein offener Dialog sei nötig, um Inhalte zu hinterfragen, nicht um Gemeinsamkeiten zu suchen.
Was kritisieren Gegner an dieser Argumentation?
• Kritiker halten dagegen: Gespräche legitimieren die Partei politisch.
• Die AfD gewinne nicht durch Ausgrenzung, sondern durch Normalisierung.
• Dialog werde in der Praxis oft zu einem „Plattform geben“, statt zu inhaltlicher Konfrontation.
• Man könne AfD-Wähler inhaltlich abholen – aber nicht über Gespräche mit ihren Funktionären.
Steht der Verband durch den Kurs allein da?
Ja – zumindest mehrheitlich.
Sowohl große Konzerne als auch Mittelständler und Verbände distanzieren sich oder überlegen, auszutreten. Auch politisch sind die Signale deutlich: Überparteilich wird der Schritt als riskant und demokratieschädlich bewertet. Die Verbandsführung wirkt zunehmend isoliert, auch intern.
Wie geht es jetzt weiter?
• Weitere Unternehmen könnten austreten, wenn keine Kurskorrektur erfolgt.
• Politische Dialogformate mit dem Verband dürften ausbleiben.
• Der wirtschaftspolitische Diskurs könnte sich neu justieren: Wer spricht mit wem, mit welchen Zielen?
• Die Kontroverse dürfte den Druck auf andere Verbände erhöhen, sich zur AfD klar(er) zu positionieren.
Was bedeutet das für den Umgang mit der AfD in der Wirtschaft?
Die Öffnung durch Die Familienunternehmer wird zum Präzedenzfall:
Sie zeigt, wie groß der Konflikt ist zwischen demokratischer Verantwortung und Interessenvertretung. Noch ist die Mehrheit der Wirtschaft gegen Gespräche mit der AfD – doch einzelne Vorstöße könnten zum Dammbruch führen. Umso wichtiger wird es für Verbände, klare Haltung zu zeigen und öffentlich zu erklären, wo ihre demokratische Grenze liegt.
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