Kein BBC-Bericht: KI-Fake-Video erfindet indische Verschwörung zum FlyDubai-Vorfall

Ein angeblicher BBC-Bericht macht einen indischen Passagier für den Angriff auf Flug FZ1073 verantwortlich. Das Video ist eine KI-Fälschung – die BBC hat es nie gesendet.

Die Behauptung

Ein BBC-Bericht zeige, dass ein indischer Passagier namens Raghav Menon den FlyDubai-Flug FZ1073 von Dubai nach Tel Aviv entführen wollte – geplant bei einem Geheimtreffen indischer Geheimdienstvertreter mit dem Mossad.

Aufgestellt von: X (u. a. Account @ThokaReturns)

Faktencheck: Falsch

Falsch. Das Video ist eine KI-Fälschung, die BBC hat diesen Bericht nie gesendet. Für das angebliche Geheimtreffen und den Passagier „Raghav Menon“ gibt es keinen Beleg.

📖Wie entstehen Fake-News mithilfe von KI? Antworten finden Sie im Leitfaden KI-Fake-News.
Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Das Video sieht aus wie eine BBC-Sendung, ist aber aus Einzelteilen zusammengesetzt, die nichts miteinander zu tun haben: echte Bilder einer BBC-Moderatorin aus einer ganz anderen Sendung, eine künstlich erzeugte Stimme und Flugzeugaufnahmen, die nicht vom Vorfall stammen. Die BBC hat bestätigt, dass sie diesen Bericht nie ausgestrahlt hat.

Dazu kommt: Die Geschichte stellt die bekannten Fakten auf den Kopf. Der einzige belegte Bezug nach Indien ist der Kapitän des Flugs, Smit Machchhar – und er war das Opfer des Angriffs, nicht ein Mittäter. Einen Passagier namens „Raghav Menon“ konnten die Faktencheck-Redaktionen, die den Fall geprüft haben, in keiner verlässlichen Quelle finden. Für das angebliche Geheimtreffen mit dem israelischen Geheimdienst Mossad nennen die Beiträge selbst keine einzige Quelle.

Was am 30. September tatsächlich passiert ist

Flug FZ1073 der Billigfluglinie FlyDubai war von Dubai nach Tel Aviv unterwegs. Laut CBS News waren 174 Menschen an Bord. Nach Darstellung des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu soll der Kopilot kurz vor der Ankunft den Kapitän mit einem Messer angegriffen und versucht haben, das Flugzeug zum Absturz zu bringen. Der verletzte Kapitän konnte die Cockpittür öffnen, Passagiere überwältigten den Kopiloten, und zwei FlyDubai-Piloten, die privat an Bord waren, landeten die Maschine im saudi-arabischen Tabuk.

Der Kapitän ist der indische Staatsbürger Smit Machchhar. Laut der indischen Botschaft in Riad, die das indische Faktencheck-Portal BOOM zitiert, wurde er in Saudi-Arabien im Spital behandelt und ist in stabilem Zustand. Er wird international für sein Verhalten gelobt – unter anderem von Netanjahu und Indiens Premierminister Narendra Modi. Der Kopilot ist öffentlich noch nicht namentlich bekannt; ein omanischer Regierungsvertreter bestätigte CBS News, dass er omanischer Staatsbürger ist.

Was offen ist: das Motiv. Israelische Regierungsvertreter sprechen von einem Terroranschlag, Netanjahu sagte zudem, der Kopilot sei „islamistisch radikalisiert“ worden, ohne dafür Belege vorzulegen. Bestätigte Ermittlungsergebnisse dazu gibt es bisher nicht. Genau in diese Lücke stoßen Falschbehauptungen hinein.

Woher die Behauptung stammt

Laut der US-Faktencheck-Organisation NewsGuard tauchte die Geschichte zuerst am 30. September auf X auf, gepostet vom Account „Baba Thoka“ (@ThokaReturns), der häufig gegen Indien gerichtete und pro-pakistanische Inhalte verbreitet. Der Beitrag ist als „EXKLUSIV“ gekennzeichnet und nennt die Flugnummer falsch – „FZ10703“ statt FZ1073. Der Text behauptet, der indische Geheimdienstchef Parag Jain und Indiens Nationaler Sicherheitsberater Ajit Doval hätten sich heimlich mit dem Mossad getroffen und einen früheren indischen Agenten namens Raghav Menon gemeinsam mit Kapitän Machchhar für eine Entführung angeheuert. Ziel sei gewesen, die Schuld dem Iran oder arabischen Staaten zuzuschieben.

Beachtenswert ist der letzte Satz des Beitrags: Weil der Plan gescheitert sei, hätten israelische Medien den Vorfall zu einem bloßen Streit zwischen zwei Piloten „heruntergespielt“. Damit wird jede echte Berichterstattung, die der Geschichte widerspricht, von vornherein zum angeblichen Beweis für eine Vertuschung umgedeutet.

Auf dem Video selbst prangt groß der Schriftzug „BABA THOKA“ – der Account hat das angebliche BBC-Material also mit seinem eigenen Namen versehen. Der Beitrag wurde laut X nach dem Posten noch bearbeitet; was dabei geändert wurde, ist von außen nicht erkennbar.

X-Beitrag des Accounts Baba Thoka (@ThokaReturns) mit der Behauptung eines geheimen Treffens indischer Geheimdienstvertreter mit dem Mossad und einem Video im BBC-Look mit dem Wasserzeichen BABA THOKA.
Der Ursprungsbeitrag auf X: angeblicher BBC-Bericht mit dem Wasserzeichen „BABA THOKA“, nachträglich bearbeitet, über 120.000 Aufrufe. Screenshot: Mimikama

NewsGuard zählte für diesen Beitrag 116.000 Aufrufe, bei unserer Dokumentation waren es bereits 121.684. Eine Community-Anmerkung, also ein Hinweis von X-Nutzern unter dem Beitrag, war zu diesem Zeitpunkt nur vorgeschlagen, aber nicht sichtbar. Das Video verbreiteten danach mehrere Accounts. ABC NEWS Verify, die Faktencheck-Einheit des australischen Senders ABC, nennt für den von ihr untersuchten Beitrag mehr als 300.000 Aufrufe und eine bereits angezeigte Anmerkung, die das Video als KI-Machwerk bezeichnet. Es dürfte sich dabei also um einen anderen Beitrag handeln – welchen, geht aus dem ABC-Bericht nicht hervor.

Woraus der angebliche BBC-Bericht besteht
Die Faktenchecks von NewsGuard, BOOM, France 24 und ABC NEWS Verify haben das Video in seine Bestandteile zerlegt.
Echt, aber aus anderem Zusammenhang
Die Moderatorin
BBC-Moderatorin Sally Bundock in einer Sendung vom 29. September – sie sprach darin über ein neues KI-Modell von OpenAI, nicht über den Flug. Sie trägt dort dasselbe Kleid.
Echt, aber nur Beiwerk
Videos aus der Kabine
Laut ABC NEWS Verify sind auch geprüfte echte Aufnahmen aus dem Flugzeug eingebaut. Sie lassen das Ganze glaubwürdiger wirken – belegen aber nichts von der erzählten Geschichte.
Fremdes Material
Flugzeug und Schreie
Ein Handyvideo zeigt ein FlyDubai-Flugzeug über der Skyline von Dubai – der Vorfall geschah aber über Saudi-Arabien. Die Schreie stammen laut dem Rechercheur Tal Hagin aus einem älteren Facebook-Video über Turbulenzen.
Künstlich erzeugt
Stimme und Text
Die Worte über den „indischen Entführer“ hat Bundock nie gesagt. Die Stimme ist laut mehreren Prüfungen KI-generiert, ABC beschreibt sie als künstlich und australisch klingend.
Das einzig Neue an diesem „Bericht“ ist die Behauptung selbst – und genau die ist erfunden.

Woran sich der Fake erkennen lässt

France 24 weist auf sichtbare Fehler hin: Grafiken und Schriften passen nicht zum üblichen BBC-Stil, die Mundbewegungen der Moderatorin wirken verschwommen, und links oben ist ein KI-Wasserzeichen zu sehen. NewsGuard fand mehrere Stellen, an denen Bundocks Lippen nicht zum Ton passen. BOOM durchsuchte die Website und die offiziellen Kanäle der BBC – ohne Treffer.

Mehrere Redaktionen haben zusätzlich KI-Erkennungswerkzeuge eingesetzt, die allesamt anschlugen. Solche Werkzeuge liefern aber nur Wahrscheinlichkeiten und können sich irren. Entscheidend sind hier zwei andere Belege: Die Originalsendung, aus der die Bilder stammen, ist auffindbar und handelt von etwas völlig anderem. Und die BBC selbst hat BOOM gegenüber bestätigt, dass das Video gefälscht ist. Auch Shayan Sardarizadeh von der BBC-Prüfredaktion BBC Verify bezeichnete es laut NewsGuard öffentlich als Fälschung mit KI-erzeugtem Ton.

Warum gerade diese Geschichte verfängt

Der Vorfall hat alles, was Falschmeldungen brauchen: ein dramatisches Ereignis, ein ungeklärtes Motiv und Beteiligte aus Ländern mit großen politischen Spannungen. ABC NEWS Verify verweist darauf, dass Konflikte zwischen Indien und Pakistan immer wieder dazu führen, dass große Ereignisse der jeweils anderen Seite angehängt werden. Schon kurz nach dem Vorfall kursierten auch andere Varianten – etwa die Behauptung, Israel selbst habe das Ganze als „False Flag“ inszeniert, also als Aktion unter falscher Flagge. Auch dafür gibt es keine Belege.

Auffällig ist laut ABC vor allem das Tempo: Das gefälschte Video war nur wenige Stunden nach der Notlandung online. Echte Nachrichtenbilder, eine bekannte Moderatorin und das Erscheinungsbild eines großen Senders – mit KI-Werkzeugen lässt sich so etwas heute in sehr kurzer Zeit zusammensetzen, während seriöse Medien noch damit beschäftigt sind, die ersten Fakten zu bestätigen.

Zum Mitnehmen
Drei Prüfschritte bei angeblichen TV-Berichten
  • Gibt es den Bericht beim Sender selbst?Website, Mediathek und offizielle Kanäle des Senders durchsuchen. Ein echter Bericht eines großen Senders ist dort fast immer zu finden.
  • Passen Bild, Ton und Aufmachung zusammen?Lippen und Ton synchron? Klingt die Stimme wie die Person? Sehen Schriften und Einblendungen aus wie sonst bei diesem Sender?
  • Woher stammen die einzelnen Teile?Standbilder per Rückwärtssuche prüfen. Oft taucht die Moderatorin in derselben Kleidung in einer anderen Sendung auf – oder eine Skyline verrät den wahren Aufnahmeort.
Eine Fälschung besteht selten nur aus Fälschung. Oft ist das meiste Material echt – es wurde nur in eine falsche Geschichte geschnitten.


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.