Was passiert, wenn eine Frau eine Künstliche Intelligenz um Rat für ihre nächste Gehaltsverhandlung bittet? Die Antwort ist schockierend. Laut einer aktuellen Studie erhalten Frauen von modernen Sprachmodellen wie ChatGPT systematisch niedrigere Gehaltsempfehlungen als Männer, und das bei völlig identischen Voraussetzungen. Alter, Ausbildung, Berufserfahrung: alles gleich. Der einzige Unterschied ist das Geschlecht. Die Empfehlung? Für Männer höher. Für Frauen niedriger.
Studie zeigt klare Benachteiligung
Die Untersuchung stammt von einem internationalen Forschungsteam und wurde unter anderem durch Fachleute der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) unterstützt. In kontrollierten Tests ließen die Forscher die KI in einer Reihe realistischer Szenarien Gehaltsratschläge geben. Das Ergebnis war eindeutig: Frauen wurden in allen Fällen schlechter beraten.
Ein Beispiel aus der Studie: Eine fiktive Bewerberin mit einem Abschluss in Informatik von einer renommierten Universität fragt ChatGPT, welchen Zielbetrag sie in ihrer Gehaltsverhandlung ansetzen sollte. Das Sprachmodell nennt ihr eine konkrete Summe, und zwar deutlich niedriger als die, die es einem männlichen Bewerber mit identischem Profil empfiehlt.
In der Studie wurden neben dem Geschlecht auch andere Faktoren systematisch variiert: Studienfach, Hochschule, sogar fiktive Universitäten wie „Hogwarts“. Das Ergebnis: Auch diese Aspekte beeinflussen die Empfehlungen stark. So erhalten Bewerber:innen von renommierten Universitäten wie der Stanford University durchweg höhere Vorschläge als solche von weniger bekannten oder gar fiktiven Hochschulen.
Und es bestätigt sich, dass es das Geschlecht ist, das als stärkster verzerrender Faktor auffällt. Und das, obwohl die Prompts, also die Anfragen an das Sprachmodell, vollkommen identisch sind, bis auf die Angabe „weiblich“ oder „männlich“.
Systematische Unterschiede, keine Ausnahmen
Die Unterschiede in den Ergebnissen treten nicht nur in einzelnen Testfällen auf. Über 98.000 Abfragen werteten die Forscher aus. Immer wieder dasselbe Bild. Die Verzerrung ist kein Zufall, kein Ausrutscher, sondern ein wiederkehrendes Muster. Ein strukturelles Problem, das sich durchzieht, und das schwerwiegende Auswirkungen haben kann, wenn Menschen diesen Empfehlungen blind vertrauen.
Woran liegt das? Wie kann es sein, dass ein komplexes System wie ChatGPT, das auf Milliarden von Datenpunkten trainiert wurde, in einer scheinbar neutralen Beratung eine derart klare Diskriminierung aufweist?
Die Antwort liegt genau in diesen Daten. Künstliche Intelligenz lernt aus dem, was sie bekommt, und das ist in der Regel das, was Menschen ihr vorsetzen. Texte aus dem Internet. Forenbeiträge. Bücher. Studien. Stellenanzeigen. Und in all diesen Quellen steckt ein gesellschaftliches Erbe, das sich nur schwer leugnen lässt: Frauen verdienen weniger. Frauen fordern weniger. Frauen werden als weniger durchsetzungsstark dargestellt.
Gesellschaftliche Vorurteile als Basis
Dieses verzerrte Bild übernimmt die KI. Ohne Kontext, ohne Kritik, ohne Korrektiv. Wenn also ein Sprachmodell lernt, dass Frauen in Gehaltsverhandlungen statistisch weniger fordern, dann gibt es diese Logik einfach weiter. Es wiederholt (und zementiert damit) bestehende Ungleichheiten.
Dass Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen kein neues Problem sind, zeigt sich seit Jahrzehnten in zahllosen Beispielen – oft leise, oft strukturell, aber nie zufällig. Vor rund 20 Jahren starteten zwei neue Mitarbeitende in einem Großkonzern zeitgleich im selben Bereich. Gleiche Aufgaben, vergleichbare Vorerfahrung, ähnliche Skills. Und doch: Der männliche Kollege erhielt mehr Gehalt. Warum? Nicht wegen Qualifikation oder Leistung und auch nicht, weil er dies ausverhandelt hatte. Sondern, so schien es, wegen alter Denkmuster und interner Machtverhältnisse. Der Konzern war zu dieser Zeit bemüht, sich nach außen modern zu geben, mit mehr Frauen und jüngeren Mitarbeitenden. Doch intern blieb alles beim Alten: Frauen wurden eingestellt, um Quoten zu erfüllen, nicht aus Überzeugung.
Diese Realität spiegelt sich auch im Equal Pay Day wider, jenem Tag im Jahr, bis zu dem Frauen rechnerisch „gratis“ arbeiten, bevor sie im Durchschnitt auf dasselbe Jahresgehalt kommen wie Männer. In Deutschland fiel der Equal Pay Day 2025 auf den 7. März, in Österreich auf den 13. Februar. Diese symbolischen Daten sind mehr als nur Zahlen, sie zeigen, wie tief strukturelle Ungleichheit in unserer Gesellschaft verankert ist.
Wenn nun Künstliche Intelligenz beginnt, genau solche Muster nicht nur zu übernehmen, sondern in Millionen von Beratungsszenarien weiterzugeben, dann wird aus einem alten gesellschaftlichen Problem ein automatisiertes System der Ungleichbehandlung.
Was bedeutet das nun für die reale Welt? Ganz einfach: Wer sich auf KI-Ratschläge verlässt, kann durch systematische Diskriminierung benachteiligt werden – ohne es zu wissen. Besonders problematisch ist das in Situationen, in denen Menschen auf diese Informationen vertrauen, etwa Berufseinsteiger:innen oder Personen mit geringem Selbstbewusstsein.
Vertrauen in die Maschine als Falle
Das wahre Problem liegt jedoch tiefer: Solche Verzerrungen sind für Nutzer:innen kaum zu erkennen. Wer sich in einer sensiblen Situation wie einer Gehaltsverhandlung auf einen KI-Ratschlag verlässt, glaubt oft, objektive, datenbasierte Antworten zu bekommen. Doch was, wenn genau diese Antworten auf versteckten Vorurteilen beruhen?
Die KI wirkt neutral, professionell, zuverlässig. Doch in Wahrheit ist sie ein Spiegel gesellschaftlicher Verzerrung, nur in digitaler Perfektion. Und anders als bei einem menschlichen Berater, der für seine Aussagen zur Rechenschaft gezogen werden kann, bleibt die KI anonym, unerklärbar und nicht überprüfbar.
Die Studie hebt außerdem hervor, dass unterschiedliche Modellversionen von ChatGPT – etwa GPT-3.5 und GPT-4 – zum Teil völlig unterschiedliche Empfehlungen geben. Mal sind die Ratschläge konsistenter, mal noch stärker verzerrt. Das bedeutet: Nutzer:innen können sich nicht einmal auf eine konsistente Qualität verlassen.
Selbstverstärkung durch gespeicherte Antworten
Ein weiterer kritischer Punkt: Die KI speichert frühere Nutzeranfragen in ihrer Systemlogik. Das bedeutet, dass bestimmte Muster, Vorurteile oder fehlerhafte Empfehlungen nicht nur einmal vorkommen, sondern sich systematisch verstärken. Die Forscher sprechen hier von einem Feedback-Loop: Einmal gegebene Antworten beeinflussen zukünftige Reaktionen. Das Risiko ist real, denn diese Selbstverstärkung kann zu dauerhaft falschen Ergebnissen führen, ohne dass der Nutzer es merkt.
Ethische Standards dringend notwendig
Die Forscher der THWS warnen deshalb eindringlich vor einem unkritischen Einsatz von Sprachmodellen in sensiblen Bereichen wie Personalberatung, Coaching oder Karriereplanung. KI-Systeme wie ChatGPT sind mächtig, aber nicht neutral. Und gerade ihre scheinbare Objektivität macht sie gefährlich.
Auch die Reaktionen aus der Fachwelt sind eindeutig. So fordert das europäische Projekt „AIOLIA“, in dessen Rahmen die Studie entstand, strengere ethische Standards für den Einsatz von KI-Assistenten. Die automatisierte Beratung müsse kontrolliert, reguliert und im Zweifel auch eingeschränkt werden.
Es geht nicht nur um Fairness. Es geht um konkrete Chancen im Leben von Millionen Menschen. Wenn eine Frau aufgrund eines KI-Ratschlags mit einem zu niedrigen Gehaltswunsch in eine Verhandlung geht, verliert sie nicht nur Geld – sie verliert Anerkennung, Einfluss und möglicherweise ihre berufliche Perspektive.
Wer KI ungeprüft vertraut, riskiert echte Benachteiligung
Die Ergebnisse dieser Studie müssen ein Weckruf sein. Künstliche Intelligenz ist kein neutraler Helfer, kein allwissender Berater. Sie ist ein Werkzeug, und wie jedes Werkzeug kann sie Schaden anrichten, wenn sie falsch oder unreflektiert eingesetzt wird.
Die Verzerrungen, die in Sprachmodellen wie ChatGPT nachgewiesen wurden, sind nicht harmlos. Sie beeinflussen Entscheidungen, prägen Lebenswege, schaffen Ungleichheit. Und sie zeigen: Auch Maschinen können diskriminieren. Nicht weil sie es wollen, sondern weil sie es gelernt haben.
Was jetzt nötig ist: Transparenz, Kontrolle, Aufklärung. Nutzer:innen müssen wissen, wie solche Systeme funktionieren, welche Daten sie verarbeiten und welche Verzerrungen sie enthalten können. Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen, wenn sie KI-basierte Tools in der Personalberatung einsetzen. Und Politik und Forschung müssen gemeinsam an Regeln arbeiten, die eine faire, diskriminierungsfreie Nutzung garantieren.
Fazit: Vorsicht vor falscher Sicherheit
Lass dich nicht täuschen: Nur weil eine Antwort aus einer KI kommt, ist sie nicht automatisch korrekt, neutral oder fair. Im Gegenteil: Wer sich blind auf künstliche Intelligenz verlässt, kann am Ende verlieren. Besonders dann, wenn es um etwas so Wichtiges geht wie das eigene Gehalt.
Quellen:
Studie „Asking an AI for salary negotiation advice is a matter of concern: Controlled experimental perturbation of ChatGPT for protected and non-protected group discrimination on a contextual task with no clear ground truth answers“
SimpleScience, Pressetext
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