„Gesundheitsbewertung“: Abzocke mit System in Deutschland und Österreich

Online-Umfrage gemacht, plötzlich eine Rechnung bekommen? Willkommen im perfiden Spiel der digitalen Abo-Fallen. Wir zeigen, wie Sie sich in Deutschland und Österreich rechtlich wehren.

💬Wie geraten Nutzer unbemerkt in Abo-Fallen? Antworten finden Sie im Leitfaden Abo-Fallen.

Erst die Umfrage – dann die Rechnung: Wie ein harmloser Gesundheits-Check zur Kostenfalle wurde

Sabine aus Niedersachsen und Johann aus Linz (Namen von der Redaktion geändert) haben nichts falsch gemacht. Sie wollten nur an einer Gesundheitsumfrage teilnehmen.

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„2-MINÜTIGE GESUNDHEITSTEST! FINDEN SIE IHREN KÖRPERALTER, IHREN BMI UND LERNEN SIE IHRE RISIKOFAKTOREN KENNEN.“, stand da.

Ein paar Klicks, ein paar Schieberegler. Nirgends ein Preis. Kein Button mit „zahlungspflichtig bestellen“. Kein Abo-Hinweis.

Doch was folgt, ist kein Gesundheitsprogramm – sondern eine Zahlungsaufforderung über ca. 70 Euro. Immer mit Frist. Immer mit Druck.

Screenshots "Gesundheitsbewertung" und "Gesundheitskontrolle"
Screenshots „Gesundheitsbewertung“ und „Gesundheitskontrolle“

Was beide erleben, ist kein Einzelfall, sondern ein bekanntes Schema: Die Seiten gesundheitsbewertung. com, gesundheitskontrolle. com und ähnlich benannte Angebote täuschen ein Gratis-Angebot vor, verstecken angebliche Kosten im Kleingedruckten und hoffen darauf, dass sich genug Menschen verunsichern lassen und zahlen.

Die Rechnungen sind inhaltsleer, die rechtliche Grundlage nicht existent. Aber der Druck, den sie erzeugen, ist real. Und das Spiel wird grenzüberschreitend gespielt – mit Opfern in Deutschland und Österreich.

Die Masche im Detail: Täuschung, Drohung, Einschüchterung

1. Vertrauensvorschuss ausnutzen

Gesundheit ist ein sensibles Thema. Wer bei Google „gesund leben“, „Schlaf verbessern“ oder „BMI berechnen“ eingibt, landet schnell auf dubiosen Seiten mit offizieller Optik. Die Designs wirken medizinisch, die Sprache vertrauenerweckend.

Doch unter der Oberfläche steckt pure Täuschung. Die Seiten locken mit einem vermeintlich kostenlosen Test – und geben sich keine Mühe, transparent zu sein.

2. Keine Buttonlösung = kein Vertrag

In Deutschland ist klar geregelt: Laut § 312j BGB muss bei kostenpflichtigen Online-Angeboten ein eindeutig beschrifteter Button stehen – zum Beispiel „zahlungspflichtig bestellen“.
In Österreich gilt das analog im Fern- und Auswärtsgeschäfte-Gesetz (FAGG).
Fehlt dieser Button – und das tut er auf diesen Seiten – ist kein Vertrag zustande gekommen. Basta.

3. Kleingedruckte Kostenfalle

Wer ganz genau hinsieht, findet in den AGB oder Datenschutzbestimmungen den Hinweis auf eine kostenpflichtige Dienstleistung. Allerdings: Wer erwartet bei einer kostenlosen Umfrage einen Vertrag? Niemand. Die Täuschung ist bewusst und systematisch.

4. Keine klare Anbieteridentität

Im Impressum steht oft eine Briefkastenfirma in Ungarn, meist die „Belard-Web Kft“.
In vielen Fällen sind die Firmenbuchnummern falsch, die Adresse nicht zustellfähig und der Firmenname nur als Bild eingebunden – damit Suchmaschinen ihn nicht finden.
Sowas ist kein Zufall, sondern Absicht.

5. Mahnwellen und psychologischer Druck

Nach dem ersten Schock kommt die zweite Mail. Dann die Dritte. Dann angeblich ein Inkasso. Dann droht man mit Anwälten. Ziel ist nicht der Rechtsweg, sondern Ihre Nerven.
Die Absender wissen: Ein Teil der Leute zahlt irgendwann, einfach um Ruhe zu haben. Genau das ist das Geschäftsmodell.

Wer steckt dahinter – und warum passiert nichts?

Die Täter: Undurchsichtige Betreiber im Ausland

Die Domains gehören angeblich Firmen in Ungarn oder Tschechien, oft mit gefälschten Handelsregisternummern. Ermittlungen verlaufen regelmäßig im Sand. Wer hinter den Servern und E-Mails steckt, bleibt unklar. Das ist digital organisierte Abzocke im Tarnmodus.

Die Nutznießer: Zahlungsdienstleister und Mitwisser

Kreditkartenanbieter, Payment-Dienste, Hosting-Anbieter – viele verdienen an Transaktionen mit. Manche schauen weg, andere machen aktiv mit. Für die Opfer bedeutet das: Selbst wenn man zahlt, hat man keine Sicherheit.

Die Behörden: Überfordert oder machtlos

Ob Verbraucherzentrale Deutschland, Europäisches Verbraucherzentrum Österreich, AK Oberösterreich oder Bundesnetzagentur – sie alle warnen. Doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt, denn die Betreiber agieren außerhalb des EU-Rechtsrahmens oder nutzen Lücken.
Verfahren dauern ewig, Durchsetzung ist schwierig. Deshalb braucht es Aufklärung statt Nachsicht.

So wehren Sie sich richtig in Deutschland und Österreich

1. Widersprechen – und zwar klar und eindeutig
Senden Sie eine E-Mail mit folgendem Text:

„Ich widerspreche der Rechnung Nr. XXXX. Es liegt kein wirksamer Vertrag vor, da keine ordnungsgemäße Buttonlösung gemäß § 312j BGB (Deutschland) bzw. § 8 FAGG (Österreich) gegeben ist. Ich werde keine Zahlungen leisten.“

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2. Keine weiteren Antworten senden
Jede Reaktion zeigt: Sie lesen die Mails. Das macht Sie interessant. Ignorieren Sie alles nach dem ersten Widerspruch.

3. Inkassodrohungen? Weg damit
Solche E-Mails sind heiße Luft. Ohne Vertrag keine Forderung. Punkt.

4. Nur auf echte Post vom Amtsgericht reagieren
In Deutschland: Wenn ein gerichtlicher Mahnbescheid per gelbem Umschlag kommt, müssen Sie binnen 14 Tagen widersprechen.
In Österreich: Bei einem RSb-Brief (eingeschriebener Brief mit Rückschein) gilt dasselbe. Aber: Das passiert bei diesen Abzockern fast nie.

5. Melden Sie den Fall!

📌 Achtung: Das Kleingedruckte unter dem Formular – kein gültiger Vertrag!

Viele Betroffene fragen sich: „Aber ich habe doch irgendwo zugestimmt – bin ich jetzt verpflichtet zu zahlen?“

Die Antwort: Nein.

Screenshot des Kleingedruckten Screenshots "Gesundheitsbewertung" und "Gesundheitskontrolle"
Screenshot des Kleingedruckten
Screenshot des Kleingedruckten Gesundheitsbewertung und Gesundheitskontrolle
Screenshot des Kleingedruckten

Die Formulierung unter dem Formular reicht nicht aus, um einen kostenpflichtigen Vertrag zu begründen.

FAQ – Das fragen Betroffene am häufigsten

Muss ich zahlen?

Nein. Ohne gültige Buttonlösung ist der Vertrag null und nichtig – in Deutschland wie in Österreich.

Kann ich einfach ignorieren?

Ja – nach dem ersten Widerspruch. Danach keine Reaktion mehr. Keine weiteren Mails schreiben.

Was, wenn ein Inkassobüro schreibt?

Diese „Büros“ sind oft frei erfunden. Selbst wenn es echte sind: Ohne Vertrag haben sie keine rechtliche Grundlage.

Was ist, wenn ich schon gezahlt habe?

Dann sollten Sie versuchen, per Rücklastschrift oder Chargeback über die Bank das Geld zurückzuholen. Und melden Sie den Fall den Behörden!

Warum passiert da nichts von Amts wegen?

Weil die Täter technisch perfekt getarnt sind und in Ländern sitzen, wo europäische Behörden nur schwer eingreifen können. Umso wichtiger ist öffentlicher Druck und Information.

Gibt es Betroffene, die geklagt wurden?

Uns ist kein einziger echter Fall bekannt, in dem es zu einem Prozess kam. Das Geschäftsmodell lebt von Einschüchterung – nicht von Gerichtsurteilen.

Fazit: Reagieren, widersprechen, ignorieren – und dann: ruhig bleiben!

Ob in Hamburg oder Innsbruck, München oder Salzburg: Diese Masche zielt auf Ihr Portemonnaie – nicht auf Ihr Wohlbefinden. Lassen Sie sich nicht täuschen. Sie haben nichts falsch gemacht. Sie schulden nichts.

Sie haben das Recht auf Ihrer Seite. Jetzt heißt es: Nerven behalten, Täter ignorieren, Warnungen teilen.

Denn wer Bescheid weiß, wird nicht zum Opfer.

Quellenverzeichnis

  1. Europäisches Verbraucherzentrum Österreich (EVZ):
    Warnung vor Gesundheitskontrolle.com und Gesundheitsbewertung.com
    https://europakonsument.at/warnung-vor-gesundheitskontrollecom-und-gesundheitsbewertungcom/68501
  2. Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen:
    Ein Klick, 70 Euro – versteckte Kosten bei Gesundheitsbewertung.com
    https://www.verbraucherzentrale.nrw/pressemeldungen/gesundheit-pflege/ein-klick-70-euro-versteckte-kosten-bei-gesundheitsbewertungcom-96268
  3. Watchlist Internet (Österreich):
    Kostenfalle Gesundheitstest: Angeblich individuelle Analyse, tatsächlich Abo-Falle
    https://www.watchlist-internet.at/news/kostenfalle-gesundheitstest
  4. E-Commerce Kanzlei (Deutschland):
    Belard Web Kft: Mahnungen und Inkassodrohungen nach Nutzung von gesundheitsbewertung.com
    https://e-commerce-kanzlei.de/belard-web-kft-mahnung-inkasso-androhung-gesundheitsbewertung.com

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