Die Behauptung
Mit der H.E.L.P.-Apherese lässt sich Long Covid erfolgreich behandeln. Das Apheresis Center auf Zypern wirbt mit einer Erfolgsquote von 80 Prozent und bewirbt seine Behandlungen auch in Österreich und Deutschland.
Aufgestellt von: https://factcheckcyprus.org/apheresis-center-and-panacea-expensive-treatments-big-promises-and-insufficient-evidence/
Faktencheck: Irreführend
Für die beworbene Erfolgsquote von 80 Prozent fehlen belastbare wissenschaftliche Nachweise. Die vom Anbieter angeführte Untersuchung umfasst lediglich 17 Patienten ohne Vergleichsgruppe. Kontrollierte Studien zu verwandten Blutreinigungsverfahren konnten bei Long Covid keinen nachweisbaren Behandlungsvorteil feststellen. Die Wirksamkeit der H.E.L.P.-Apherese bei Long Covid ist damit bislang nicht ausreichend belegt.
Eine Blutbehandlung für 1.990 Euro pro Sitzung, mehrwöchige Programme für durchschnittlich 12.500 bis 15.500 Euro: Das Apheresis Center auf Zypern bietet Menschen mit Long Covid kostspielige Therapien an. Auf seiner Website ist von guten Behandlungserfolgen die Rede. Eine neue Recherche der zypriotischen Faktencheck-Redaktion FactCheck Cyprus zeigt nun, dass das Zentrum seine Leistungen auch bei Menschen in Österreich und Deutschland beworben hat. Die wissenschaftlichen Nachweise für den erhofften Nutzen bleiben allerdings unzureichend.
Die am 8. Oktober 2026 veröffentlichte Untersuchung von FactCheck Cyprus beschäftigt sich mit dem Apheresis Center und dem Panacea Medical Center. Beide Einrichtungen bieten unterschiedliche medizinische Leistungen an. Im Mittelpunkt unserer Einordnung steht die sogenannte H.E.L.P.-Apherese, für die das Apheresis Center unter anderem bei Long Covid wirbt.
Werbung erreicht auch Menschen in Österreich und Deutschland
FactCheck Cyprus hat die öffentlich zugänglichen Werbedaten von Meta ausgewertet, also jene Informationen, die der Facebook- und Instagram-Konzern über bezahlte Anzeigen bereitstellt. Demnach veröffentlichte das Apheresis Center seit April 2025 insgesamt 26 Werbeanzeigen. Bei 24 davon gehörten Deutschland und Österreich zu den angesprochenen Ländern.
Die zypriotische Redaktion addierte die von Meta ausgewiesenen Reichweitenschätzungen und kam auf ungefähr 514.000 Anzeigenkontakte beziehungsweise geschätzte erreichte Konten über die einzelnen Anzeigen hinweg. Etwa die Hälfte entfiel demnach auf Zypern, ein wesentlicher Teil der übrigen Reichweite auf Deutschland und Österreich. Dabei handelt es sich um addierte Schätzwerte. Weil ein Konto mehrere Anzeigen gesehen haben kann, lässt sich daraus keine Zahl unterschiedlicher Menschen ableiten.
Besonders auffällig ist eine deutschsprachige Werbung mit der Botschaft „Es gibt Hoffnung bei Long COVID“. Diese Anzeige konnten wir inzwischen selbst in der Meta-Werbebibliothek überprüfen. Sie lief vom 24. April bis zum 6. November 2025 und war ausdrücklich auf Deutschland und Österreich ausgerichtet. Meta gibt eine geschätzte Reichweite von 125.548 Konten innerhalb der EU an. Wie viele Konten davon in Deutschland beziehungsweise Österreich erreicht wurden, geht aus dieser Gesamtzahl nicht hervor. Die Werbung lud dazu ein, mehr über ein „einzigartiges Protokoll für Long COVID“ zu erfahren.
In einer weiteren Anzeige berichtete ein Patient, seine Kopfschmerzen seien nach der dritten Apherese vollständig verschwunden. Solche persönlichen Erfahrungen können für Betroffene überzeugend wirken. Sie sagen für sich genommen allerdings noch nichts darüber aus, wie häufig eine Behandlung tatsächlich hilft und ob eine beobachtete Besserung auf sie zurückzuführen ist.
Was bei der H.E.L.P.-Apherese passiert
Bei der H.E.L.P.-Apherese wird Blut außerhalb des Körpers durch ein medizinisches Filtersystem geleitet. Dabei werden bestimmte Stoffe aus dem Blutplasma entfernt, darunter LDL-Cholesterin und Fibrinogen, ein Eiweiß, das an der Blutgerinnung beteiligt ist. Anschließend wird das behandelte Blut zurückgeführt.
Das Verfahren ist medizinisch keineswegs neu. Formen der Lipoprotein-Apherese werden seit Jahrzehnten bei bestimmten schweren Fettstoffwechselstörungen eingesetzt. Daraus lässt sich aber nicht automatisch ableiten, dass dieselbe Methode auch eine wirksame Behandlung für Long Covid darstellt. Hier müssen ganz andere gesundheitliche Beschwerden und Behandlungsergebnisse untersucht werden.
Das Apheresis Center nennt auf seiner englischsprachigen Website eine Erfolgsquote von 80 Prozent für die H.E.L.P.-Apherese. Auf der deutschsprachigen Seite heißt es außerdem, nach den eigenen Erfahrungen und Forschungsergebnissen würden die besten Resultate erreicht, wenn Patientinnen und Patienten mindestens fünf bis sechs Sitzungen absolvieren. Für diese weitreichenden Angaben fehlen bislang ausreichend belastbare kontrollierte Studien zur Anwendung bei Long Covid.
17 behandelte Menschen – aber keine geeignete Vergleichsgruppe
Eine vom Anbieter angeführte wissenschaftliche Veröffentlichung aus dem Jahr 2023 untersuchte 17 Menschen mit Long Covid, die eine H.E.L.P.-Apherese erhalten hatten. Die Autoren beschrieben bei 16 Personen eine Verbesserung ihrer Beschwerden. Das klingt zunächst vielversprechend, hat aber einen entscheidenden methodischen Haken: Alle untersuchten Personen wurden behandelt. Eine geeignete Gruppe von Menschen, die keine oder eine Scheinbehandlung erhielt, gab es nicht.
Damit lässt sich nicht feststellen, ob die Besserungen tatsächlich durch die Blutfilterbehandlung entstanden sind. Beschwerden bei Long Covid können schwanken, und auch andere gleichzeitig durchgeführte Maßnahmen oder natürliche Veränderungen des Krankheitsverlaufs kommen als Erklärungen infrage. Die Autoren selbst verwiesen auf die Notwendigkeit größerer kontrollierter Studien. Eine Fallserie mit 17 Personen kann deshalb keine allgemeine Erfolgsquote von 80 Prozent wissenschaftlich absichern.
Kontrollierte Studien zu verwandten Verfahren zeigen keinen Behandlungsvorteil
Für andere Verfahren, bei denen Bestandteile des Blutes entfernt werden, gibt es mittlerweile aussagekräftigere Untersuchungen. Im Februar 2025 erschien in der Fachzeitschrift Nature Communications eine spanische Studie mit 50 Long-Covid-Betroffenen. Eine zufällig ausgewählte Hälfte erhielt sechs Sitzungen eines therapeutischen Plasmaaustauschs, die andere Hälfte eine Scheinbehandlung. Die Forschenden fanden bei den untersuchten Beschwerden und weiteren Wirksamkeitsmessungen keinen Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Das Hauptziel der Untersuchung war die Beurteilung der Sicherheit; die gemessenen Behandlungsergebnisse lieferten keinen Hinweis auf einen klinischen Vorteil.
Im Juni 2026 wurde eine weitere kontrollierte Untersuchung aus Mainz veröffentlicht. Dort nahmen 40 Menschen mit Post-Covid-Syndrom an einer Studie zur Immunadsorption teil. Bei diesem Verfahren werden bestimmte Antikörper aus dem Blut entfernt. Tatsächlich gingen die entsprechenden Antikörperwerte nach der Behandlung zurück. Die Beschwerden der Betroffenen verbesserten sich gegenüber der Scheinbehandlung jedoch nicht in einem nachweisbaren Ausmaß. Die Forschenden bewerteten das Verfahren für die untersuchte Patientengruppe als nicht wirksam.
Beide Studien untersuchten andere technische Verfahren als die konkrete H.E.L.P.-Apherese. Ihre Ergebnisse beweisen daher nicht, dass H.E.L.P. bei Long Covid grundsätzlich wirkungslos wäre. Sie zeigen aber, weshalb die Entfernung bestimmter Stoffe aus dem Blut allein noch keinen gesundheitlichen Behandlungserfolg belegt. Bereits 2022 hatte die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie erklärt, dass es für Lipoprotein-Apherese bei Long Covid keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage gebe.
Wie teuer ein Aufenthalt auf Zypern werden kann
Die Preisangaben lassen sich direkt auf der Website des Apheresis Center nachvollziehen. Eine H.E.L.P.-Sitzung kostet laut deutschsprachigem Angebot 1.990 Euro. Für drei bis sechs Wochen dauernde Kombinationstherapien nennt das Zentrum durchschnittliche Kosten zwischen 12.500 und 15.500 Euro. Diese Programme können neben unterschiedlichen Blutbehandlungen auch Infusionen, Medikamente und weitere diagnostische Untersuchungen umfassen.
Die genannten 15.500 Euro sind ausdrücklich keine feste Obergrenze. Nach Angaben des Anbieters bezahlen manche Patientinnen und Patienten weniger, andere mehr. Für ein zusätzliches, optionales Programm fortlaufender Diagnostik werden durchschnittlich weitere 4.000 bis 6.000 Euro genannt. Dazu können Ausgaben für Anreise und Unterkunft kommen. Der Anbieter weist darauf hin, dass seine Preise Richtwerte sind und sich verändern können.
Wer wegen einer schweren, lang anhaltenden Erkrankung eine solche Summe ausgeben möchte, braucht daher eine besonders sorgfältige Aufklärung über den zu erwartenden Nutzen. Auch die Frage einer möglichen Kostenübernahme durch die Krankenversicherung sollte vor Behandlungsbeginn verbindlich geklärt werden.
Was Betroffene vor einer solchen Behandlung wissen sollten
Long Covid ist eine reale Erkrankung, die das Leben über lange Zeit erheblich einschränken kann. Die Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt. Das österreichische Gesundheitsportal empfiehlt deshalb eine individuelle medizinische Abklärung und eine Behandlung, die sich an den jeweiligen Beschwerden orientiert. Je nach Situation kommen etwa Maßnahmen zum Energiemanagement, gezielte Behandlung einzelner Symptome und weitere fachärztliche Betreuung infrage.
Vor einer teuren Behandlung sollten Betroffene konkret nachfragen, ob es kontrollierte Studien für genau ihre Erkrankung und das angebotene Verfahren gibt. Entscheidend sind dabei nachweisbare Verbesserungen im Alltag und bei den Beschwerden. Laborwerte, überzeugende technische Erklärungen oder positive Erfahrungsberichte ersetzen solche Nachweise nicht. Auch mögliche Nebenwirkungen und die vollständigen Kosten gehören in ein ärztliches Aufklärungsgespräch.
Aus dem Angebot einer medizinischen Behandlung lässt sich keine betrügerische Absicht ableiten. Für die Bewertung der Werbung ist jedoch entscheidend, wie sicher Behandlungserfolge dargestellt werden und ob die wissenschaftlichen Erkenntnisse solche Erwartungen tatsächlich rechtfertigen. Bei der H.E.L.P.-Apherese für Long Covid bleibt diese Lücke nach den bisher überprüften Studien bestehen.
Quellen
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