Die Behauptung
Ein Video einer Menschenmenge mit zahlreichen Palästina-Flaggen in Paris zeigt die aktuellen Studentenproteste in Frankreich im Oktober 2026.
Aufgestellt von: Vorliegende Screenshots; eigener Abgleich mit zeitgenössischer Bilddokumentation von CAPJPO-EuroPalestine sowie datierten Aufnahmen von Anadolu/Getty Images; Vor-Ort-Bericht des Bondy Blog.
Irreführend
Irreführend. Die Bilder und das Video gehören zu einer Gaza-Kundgebung vom 25. Mai 2025 auf der Place de la République. Die Zuschreibung zu den aktuellen Protesten ist falsch.
Die Menschenmenge mit den vielen Palästina-Flaggen gehört zu einer Gaza-Kundgebung vom 25. Mai 2025 auf der Place de la République in Paris. Wir haben die vorliegenden Videoausschnitte mit damaliger Bilddokumentation abgeglichen und die Datierung anhand von Agenturaufnahmen geprüft. Als Beleg für die Proteste im Oktober 2026 taugt die Aufnahme daher nicht.
Der uns vorliegende Screenshot zeigt einen Beitrag auf X, der das Video mit einer abwertenden Einordnung verbreitet. In der eingeblendeten deutschen Übersetzung steht: „Nicht eine einzige französische Flagge bei den ‚Protesten‘ der ‚Studenten‘. Nur Flaggen islamischer Einrichtungen.“ Die Anführungszeichen stellen bereits infrage, dass hier Studierende mit eigenen Anliegen demonstrieren. Ob die Übersetzung jede Nuance des spanischen Originals trifft, ist für die überprüfbare Kernbehauptung unerheblich: Das Video wird den aktuellen Protesten zugeschrieben.
Die Bilder passen zu einer Gaza-Kundgebung vom Mai 2025
Für den Vergleich ist unter anderem das auffällige rote Faltzelt hilfreich, das in einem der vorliegenden Videoausschnitte zwischen der Menschenmenge und den Bäumen steht. Ein auf der Website von CAPJPO-EuroPalestine am 25. Mai 2025 veröffentlichter Bericht enthält ebenfalls eine Ansicht der Kundgebung mit diesem Zelt und dem umstehenden Häuserensemble. Die Aufnahme zeigt den Platz aus einer anderen Richtung, mit dem Republikdenkmal im Hintergrund. Das Zusammenspiel der Bilddetails spricht für dieselbe Veranstaltung.
Die zeitliche Zuordnung wird durch die Agenturdokumentation gestützt: Getty Images führt Aufnahmen von Luc Auffret für Anadolu von dieser Kundgebung. Als Aufnahmeort ist die Place de la République in Paris angegeben, als Erstellungs- und Upload-Datum jeweils der 25. Mai 2025. Die Bildbeschreibung nennt eine Solidaritätskundgebung für Palästina und Forderungen nach einem Ende der israelischen Militäroperationen im Gazastreifen. Eine weitere Aufnahme derselben Serie ist genauso datiert.
Auch ein am 26. Mai 2025 veröffentlichter Vor-Ort-Bericht des Bondy Blog beschreibt die Versammlung vom Vortag auf diesem Platz. Darin geht es um Protest gegen die Bombardierungen in Gaza und Forderungen nach Sanktionen gegen Israel. Der Bericht erwähnt ausdrücklich palästinensische und eine algerische Flagge. Dass solche Fahnen in den Videoausschnitten besonders präsent sind, passt damit zum damaligen Anlass.
Die Bezeichnung „Flaggen islamischer Einrichtungen“ vermischt zudem staatliche beziehungsweise nationale Symbole mit einer religiösen Zuschreibung. Eine Palästina- oder Algerien-Flagge belegt für sich weder die Religion ihrer Trägerinnen und Träger noch deren Zugehörigkeit zu einer bestimmten Organisation. Ebenso wenig lässt sich aus einem einzelnen Bildausschnitt ableiten, welche Flaggen bei sämtlichen aktuellen Demonstrationen in Frankreich zu sehen sind.
Wie alte Aufnahmen Stimmung gegen aktuelle Proteste machen können
Bei dieser Form der Irreführung muss das Bildmaterial selbst nicht verändert werden. Ein älteres Video bekommt einen neuen Anlass zugeschrieben, und die sichtbaren Menschen werden dadurch zu vermeintlichen Belegen für eine andere Geschichte. Hier legt die Beschriftung nahe, dass hinter den aktuellen Studentenprotesten in Wahrheit eine religiös oder von außen bestimmte Bewegung stehe. Der tatsächliche Anlass der gezeigten Kundgebung fällt dabei weg.
Solche Zuschreibungen können dazu dienen, Protestierende abzuwerten und Vorbehalte gegenüber muslimischen Menschen oder Menschen mit Migrationsgeschichte anzusprechen. Eine empörende Behauptung kann außerdem Aufmerksamkeit und Weiterverbreitung bringen. Das sind mögliche Motive und Wirkungen dieses Musters; welche Absicht der konkrete Account verfolgt und ob andere das Video bewusst falsch oder ungeprüft weiterverbreiten, lässt sich aus dem Screenshot nicht feststellen.
Quellen
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.
