Wenn falsche Behauptungen plötzlich in Suchmaschinen auftauchen, von KI-Chatbots wiederholt werden und in mehreren Sprachen identisch erscheinen, ist das kein Zufall. Genau dieses Muster steckt hinter dem Pravda-Netzwerk, das NewsGuard nun ins Zentrum seiner Recherchen stellt. Verantwortlich dafür ist Yevgeny Shevchenko, den NewsGuard zum „Disinformer of the Year 2025“ erklärt hat.
Für Nutzer ist das keine abstrakte Auszeichnung. Es geht um Inhalte, die täglich konsumiert werden – oft ohne zu merken, woher sie stammen.
Wer Yevgeny Shevchenko ist – und warum man ihn kaum kennt
Shevchenko ist 37 Jahre alt und stammt von der Krim. Anders als viele bekannte Propagandafiguren sucht er keine Öffentlichkeit. Es gibt kaum Interviews, keine öffentlichen Auftritte, keine politischen Statements.
Als NewsGuard ihn telefonisch kontaktierte, antwortete er lediglich: „Danke, ich bin nicht interessiert.“ Weitere Anfragen ließ er unbeantwortet.
Trotz dieses niedrigen Profils steht sein Name hinter einem der größten bekannten Desinformationsnetzwerke weltweit. Damit löst er John Mark Dougan ab, einen US-Amerikaner, der 2024 als „Disinformer of the Year“ galt und offen für russische Staatsmedien auftritt.
Was das Pravda-Netzwerk ist
„Pravda“ bedeutet auf Russisch „Wahrheit“. Der Name ist bewusst gewählt.
Laut NewsGuard besteht das Netzwerk aus 370 Webseiten, von denen 286 Anfang 2026 noch aktiv waren. Diese Seiten veröffentlichen Inhalte in 49 Sprachen und richten sich an Zielgruppen in Europa, Nordamerika, Afrika, Asien und dem Nahen Osten.
Shevchenkos Pravda-Netzwerk 2025
Die Zahlen sind ungewöhnlich:
- 6,3 Millionen Artikel im Jahr 2025
- 75 Prozent mehr als 2024
- Durchschnittlich über 17.000 Artikel pro Tag
Zum Vergleich: Selbst große Medienhäuser erreichen diese Mengen nicht annähernd.
Wie die Seiten wirken – und warum das funktioniert
Die Domains sind so gewählt, dass sie wie echte Nachrichtenangebote aussehen. Beispiele sind:
- Ukraine.News-Pravda[.]com
- Denmark.News-Pravda[.]com
- NATO.News-Pravda[.]com
Für Leser ist oft nicht erkennbar, dass diese Seiten Teil eines Netzwerks sind. Sie wirken lokal, thematisch spezialisiert und seriös.
Genau das macht sie gefährlich.
Welche Inhalte verbreitet werden
Die Seiten übernehmen fast ausschließlich Inhalte aus pro-kremlnahen Quellen. Darunter sind:
- erfundene Meldungen
- manipulierte Studien
- gezielte Falschbehauptungen zu Politik, Krieg und Gesundheit
Allein 2025 identifizierte NewsGuard 288 Artikel, die 115 bekannte Falschbehauptungen weiterverbreiteten.
Betroffene Themen sind unter anderem:
- der Krieg gegen die Ukraine
- Wahlen in Deutschland, Frankreich, Moldau und Armenien
- Impfungen und Gesundheit
- der Krieg zwischen Israel und der Hamas
Die genannten 288 Artikel sind keine Gesamtzahl aller Falschmeldungen, sondern nur jene Beiträge, die eindeutig bekannten und überprüften Falschbehauptungen zugeordnet werden konnten. Das Netzwerk funktioniert nicht über viele unterschiedliche Lügen, sondern über die massenhafte Wiederholung weniger Narrative. Genau diese Strategie macht es für Suchmaschinen und KI-Systeme besonders wirksam.
Beispiele für verbreitete Falschmeldungen
Zu den jüngsten Behauptungen, die über das Netzwerk verbreitet wurden, gehören unter anderem:
- Dänemark wolle Kampfjets von der Ukraine zurückfordern
- Französische und ukrainische Spitzenpolitiker hätten Milliarden veruntreut
- Impfungen würden die Sterblichkeit von Säuglingen massiv erhöhen
- Emmanuel Macron habe bei einem Jetski-Unfall einen Hoden verloren
- Russland habe Hunderttausende Soldaten in Belarus stationiert
Für keine dieser Behauptungen gibt es Belege. Sie wurden von Medien, Behörden und internationalen Organisationen widerlegt.
Die Strategie dahinter: Überfluten statt überzeugen
Das Pravda-Netzwerk setzt nicht auf einzelne virale Inhalte. Es setzt auf Masse.
Ein Beispiel zeigt das deutlich: Im Dezember 2025 wurde behauptet, die Ukraine habe Putins Residenz mit Drohnen angegriffen. Innerhalb einer Woche erschienen dazu 1.900 Artikel im Netzwerk.
Das Ziel ist klar: Suchmaschinen, soziale Netzwerke und automatisierte Systeme sollen diese Inhalte als relevant einstufen, weil sie überall auftauchen.
Wie KI-Systeme darauf hereinfallen
NewsGuard hat untersucht, wie westliche KI-Chatbots mit diesen Inhalten umgehen. Die Ergebnisse sind ernüchternd.
Anteil der Antworten mit Falschinformationen
- In einem Test von 2025 wiederholten KI-Chatbots 33 Prozent der pro-russischen Falschmeldungen
- Einige nannten Pravda-Artikel ausdrücklich als Quelle
- Besonders auffällig waren Chatbots von Mistral mit 60% und You.com mit 40%
In einem weiteren Test Anfang 2026 wiederholte die Hälfte der getesteten Systeme mindestens eine der geprüften Falschmeldungen.
Andere Systeme, darunter ChatGPT und Meta-KI, konnten die Behauptungen korrekt einordnen und widerlegen. Das zeigt: Technischer Schutz ist möglich – aber nicht überall umgesetzt.
Wer das Netzwerk betreibt
Laut NewsGuard wird das Netzwerk von der Webfirma TigerWeb betrieben. Sitz ist Simferopol auf der Krim. Eigentümer ist Yevgeny Shevchenko.
Die EU hat Shevchenko und TigerWeb im Juli 2025 sanktioniert. Begründung: koordinierte Informationsmanipulation in mehreren westlichen Staaten. Die Sanktionen umfassen ein Einreiseverbot und das Einfrieren von Vermögenswerten.
Eine direkte staatliche Finanzierung ist nicht belegt. Die enge Verbindung zu russischen Staatsmedien und kremlnahen Quellen gilt jedoch als eindeutig.
Der Ausbau nach Beginn des Krieges
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 wuchs das Netzwerk rasant. Zunächst entstanden Seiten für ukrainische Städte, darunter auch russisch besetzte Gebiete. Sie wirkten wie lokale Nachrichtenportale.
Anzahl der Seiten im Netzwerk seit 2013
Später folgte die internationale Expansion. Seit 2023 kamen 184 neue Domains hinzu, darunter Seiten für Westeuropa, Afrika, Nordamerika und Asien.
Globale Ausbreitung des Pravda-Netzwerks
Die Karte zeigt die geografische Ausweitung des Pravda-Netzwerks, wie sie vom American Sunlight Project (ASP) analysiert wurde. Demnach erfolgte der Ausbau in mehreren Phasen: Zunächst richteten sich einzelne Domains gegen ausgewählte Länder, später kamen Subdomains hinzu, bevor das Netzwerk schließlich großflächig international ausgerollt wurde.
Besonders auffällig ist die heutige Reichweite. Betroffen sind große Teile Europas, Afrikas, Nordamerikas sowie mehrere Länder in Asien. Die Darstellung macht deutlich, dass das Netzwerk nicht regional begrenzt ist, sondern gezielt auf ein weltweites Publikum ausgerichtet wurde.
So funktioniert das Netzwerk im Hintergrund
Die Grafik aus einem Bericht der französischen Regierungsstelle VIGINUM veranschaulicht den technischen Aufbau und die Arbeitsweise des sogenannten „Portal-Kombat“-Netzwerks. Sie zeigt, dass es sich nicht um lose verknüpfte Webseiten handelt, sondern um eine zentral gesteuerte Infrastruktur. Demnach werden die Seiten über einen russischen Serververbund betrieben, während die technische Entwicklung und Verwaltung bei der auf der Krim ansässigen Firma TigerWeb liegt.
Die zahlreichen Webseiten des Netzwerks sind in verschiedene Gruppen gegliedert, die sich über mehrere Jahre hinweg entwickelt und ausgeweitet haben. Inhalte werden nicht nur auf den Seiten selbst veröffentlicht, sondern gezielt über soziale Netzwerke wie Telegram, VK, X (Twitter) und YouTube weiterverbreitet und in mehreren Sprachen angepasst. Zusätzlich setzt das Netzwerk auf Suchmaschinenoptimierung, um in Suchergebnissen möglichst weit oben zu erscheinen.
Insgesamt macht das Diagramm deutlich, wie eng Technik, Organisation und Verbreitung ineinandergreifen. Ziel ist es, pro-russische Narrative systematisch und weltweit zu streuen – nicht zufällig, sondern geplant und koordiniert.
Bestätigt durch staatliche Ermittler
Die technischen Strukturen des Netzwerks wurden nicht nur von NewsGuard untersucht. Bereits im Februar 2024 veröffentlichte die französische Regierungsstelle VIGINUM einen ausführlichen Bericht über das sogenannte „Portal-Kombat“-Netzwerk. VIGINUM ist eine staatliche Stelle zur Abwehr ausländischer digitaler Einflussnahme und dem französischen Verteidigungs- und Sicherheitsapparat angegliedert.
In dem Bericht beschreiben die Ermittler ein koordiniertes Netz aus hunderten Nachrichtenseiten, die keine eigenen Inhalte produzieren, sondern massenhaft Beiträge aus pro-russischen Quellen weiterverbreiten. Als zentraler technischer Akteur wird die Firma TigerWeb mit Sitz auf der Krim genannt. Gründer und Betreiber ist Yevgeny Shevchenko, der das Netzwerk laut VIGINUM bereits seit mindestens 2013 entwickelt und verwaltet.
Inhaltlich und technisch decken sich die Erkenntnisse mit dem, was NewsGuard später als Pravda-Netzwerk bezeichnete. Unterschiedliche Namen, gleiche Struktur: zentrale Steuerung, automatisierte Veröffentlichung und eine klare politische Ausrichtung zugunsten des Kremls.
Warum das alles relevant ist
Das Pravda-Netzwerk zeigt, wie Desinformation heute funktioniert. Nicht durch einzelne spektakuläre Fakes, sondern durch industrielle Produktion.
Millionen Texte sorgen dafür, dass falsche Inhalte:
- glaubwürdig wirken
- technisch bevorzugt werden
- von KI-Systemen übernommen werden
Das macht sie besonders schwer zu bekämpfen.
Die Kernbotschaft
Wenn Desinformation in Millionenauflage produziert wird, reicht gesunder Menschenverstand allein nicht mehr. Entscheidend ist, Quellen zu prüfen – besonders dann, wenn Inhalte plötzlich überall gleichzeitig auftauchen.
Quellen
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