Russlands „Global Fact-Checking Network“: Faktencheck oder Propaganda?

Russlands neues GFCN präsentiert sich als globales Faktencheck-Netzwerk – doch Experten warnen: Es handelt sich um ein Propaganda-Instrument mit fragwürdigen Standards.

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GFCN: Ein Faktencheck-Netzwerk mit Kreml-Verbindung

Im April 2025 stellte das russische Außenministerium das „Global Fact-Checking Network“ (GFCN) vor. Laut offiziellen Angaben soll es eine internationale Allianz von Faktenprüfern und Medienorganisationen sein, die gegen westliche Desinformation vorgeht. Doch ein genauerer Blick auf die Gründungsorganisationen und beteiligten Akteure wirft erhebliche Zweifel an der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit des Netzwerks auf.

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Gründungsorganisationen mit Regierungskontakten

Das GFCN wurde von der russischen staatlichen Nachrichtenagentur TASS und der Non-Profit-Organisation ANO Dialog Region ins Leben gerufen. Beide Organisationen sind bekannt für ihre engen Verbindungen zur russischen Regierung. TASS wurde 2022 von der Europäischen Allianz der Nachrichtenagenturen (EANA) suspendiert, da Bedenken hinsichtlich ihrer redaktionellen Unabhängigkeit bestanden. ANO Dialog Region wurde 2023 von der Europäischen Union wegen ihrer Rolle bei der Verbreitung von Desinformation sanktioniert.

Zweifelhafte Autoren und Inhalte

Einige der Autoren, die für das GFCN schreiben, sind international umstritten. So ist beispielsweise die niederländische Journalistin Sonja van den Ende für ihre pro-russischen Positionen bekannt und wurde in niederländischen Medien als Verschwörungstheoretikerin bezeichnet. Der australische Akademiker Tim Anderson, ebenfalls Autor beim GFCN, hat das Massaker an ukrainischen Zivilisten in Butscha als „Betrug“ bezeichnet und fälschlicherweise behauptet, dass es bei der russischen Invasion in der Ukraine keine Angriffe auf zivile Infrastruktur gegeben habe.

Fehlende Transparenz und methodische Mängel

Ein zentrales Kriterium für glaubwürdige Faktenprüfungen ist die Transparenz der Quellen und Methoden. Das GFCN weist in diesem Bereich erhebliche Defizite auf.

Beispiel 1: Rumänische Wahlen

In einem Artikel über die Wahlen in Rumänien behauptet das GFCN, dass laut Eurobarometer 2024 nur 22 % der Rumänen Flüchtlingshilfen unterstützen würden, lediglich 14 % das Vorgehen der EU gegenüber der Ukraine befürworten und nur 13 % den EU-Kandidatenstatus der Ukraine unterstützen. Diese Zahlen sind jedoch falsch. Tatsächlich zeigen die Daten des Eurobarometers deutlich höhere Unterstützungswerte für die EU-Politik gegenüber der Ukraine.

Beispiel 2: Proteste gegen Donald Trump

Ein weiterer Artikel des GFCN behauptet, die Soros-Familie sei der Strippenzieher hinter den Protesten gegen die zweite Regierung von US-Präsident Donald Trump am 5. April 2025 gewesen. Als Beleg wird angeführt, dass einige der Organisatoren früher Zuschüsse von der Open Society Foundations erhalten hätten. Diese Schlussfolgerung ist irreführend, da die Unterstützung durch die Open Society Foundations kein Indiz für eine direkte Einflussnahme der Soros-Familie ist.

GFCN-Website: Mehr Schein als Sein

Am 8. April 2025 ging die offizielle Webseite des GFCN online. Zwar behauptete das russische Außenministerium, dass über 30 internationale Journalisten und Analysten aus Ländern wie Australien, Brasilien, Spanien oder Nigeria beteiligt seien – doch ein Blick auf die Website offenbart etwas anderes. Dort sind lediglich 16 Einzelpersonen als „Experten“ gelistet, viele davon Teilnehmer des Forums „Dialogue on Fakes 2.0“. Auffällig: Keine der aufgeführten Personen vertritt eine anerkannte, unabhängige Faktencheck-Organisation.

Die „Experten“ des GFCN: Ein Netzwerk aus Desinformation

Einige der vorgestellten Personen sind einschlägig bekannt: Der Portugiese Alexandre Guerreiro, Ex-Spion und Verteidiger der russischen Invasion, wurde aus akademischen Kreisen ausgeschlossen und steht im Verdacht, russische Propaganda in Portugal zu verbreiten. Der Australier Tim Anderson, wegen eines Skandals an der Universität Sydney entlassen, verbreitete mehrfach die These, das Massaker von Butscha sei ein Betrug. Auch Sonja van den Ende, niederländische Bloggerin und „Kreml-Korrespondentin“, übernimmt regelmäßig Verschwörungsnarrative.

Darüber hinaus zählen auch der spanische Analyst Juan Antonio Aguilar, der französische Putin-Unterstützer Emmanuel Leroy, sowie der brasilianische Desinformationsautor Lucas Leiroz zu den angeblichen Experten. Alle verbindet: Nähe zu pro-russischen Netzwerken und aktive Beteiligung an der Verbreitung gezielter Falschinformationen.

GFCN ohne echte Kontrolle: Kein transparenter Kodex

Der sogenannte „Kodex“ des GFCN enthält vage Prinzipien wie „Objektivität“ und „Transparenz“, versäumt es jedoch, zentrale Anforderungen wie finanzielle Offenlegung, redaktionelle Unabhängigkeit oder ein klar definiertes Prüfverfahren für Mitglieder festzulegen. Wer für die Einhaltung der Regeln verantwortlich ist, bleibt unklar. Dies steht im Gegensatz zu etablierten Netzwerken wie dem IFCN oder dem EFCSN, die transparente Standards durch externe Gutachter regelmäßig überprüfen lassen.

Politische Narrative als „Faktenchecks“ getarnt

Ein zentrales Problem des GFCN ist die systematische Tarnung politischer Meinungen als vermeintliche Faktenprüfungen. Ein Beispiel ist ein Artikel über US-Proteste gegen Donald Trump, in dem George Soros als „Hintermann“ dargestellt wird – ohne Belege, basierend auf alten Finanzierungsdaten legitimer Organisationen wie MoveOn und Indivisible. Laut PolitiFact dienen angebliche Belege lediglich zur Erstattung organisatorischer Ausgaben – von „Bezahlung für Proteste“ keine Spur. Dennoch insinuiert der Artikel gezielt eine Verschwörung, um legitime Protestbewegungen zu diskreditieren.

Ziel: Vertrauen in echte Faktenchecks untergraben

McKenzie Sadeghi von NewsGuard bringt das Risiko auf den Punkt: Das GFCN nutze den Begriff „Faktencheck“, um ihn zu entwerten. „Wenn Menschen dem Konzept der Verifikation nicht mehr trauen, verlieren Fakten ihre Bedeutung. Das eigentliche Ziel ist nicht, an die russische Version der Realität glauben zu lassen – sondern, dass niemand mehr irgendetwas glaubt.“

Expertenmeinungen: GFCN als Propaganda-Instrument

Führende Experten im Bereich Faktenprüfung äußern erhebliche Bedenken hinsichtlich des GFCN.

Angie Drobnic Holan, Direktorin des International Fact-Checking Network (IFCN):

„Wir betrachten ihre Aktivitäten nicht als Teil des professionellen Faktencheck-Ökosystems. Professionelles Fact-Checking erfordert die Fähigkeit, Behauptungen über das gesamte politische Spektrum hinweg unabhängig zu überprüfen. Journalisten müssen die Freiheit haben, Ergebnisse zu veröffentlichen, die der Regierung widersprechen. Wir bezweifeln sehr, dass dies ermöglicht wird.“

Tommaso Canetta, Koordinator beim European Digital Media Observatory (EDMO):

„Es ist eine Taktik, die wir schon oft gesehen haben: Begriffe mit Glaubwürdigkeit wie ‚Fact-Checking‘ so zu vereinnahmen und ihnen so die Bedeutung zu nehmen. Politische Akteure geben parteiischen Narrativen gerne das Label ‚Fact-Check‘, obwohl sie ganz eindeutig keine sind.“

FAQ zum Global Fact-Checking Network (GFCN)

Welche Organisationen stehen hinter dem GFCN?

Das GFCN wurde von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur TASS und der Organisation ANO Dialog Region gegründet. Beide gelten als regierungsnah und sind in der Vergangenheit durch ihre Rolle bei der Verbreitung von Desinformation aufgefallen. Internationale Institutionen wie die EU und das US-Finanzministerium haben bereits Sanktionen gegen ANO verhängt.

Hält das GFCN anerkannte Standards für Faktenprüfungen ein?

Nein, das GFCN erfüllt grundlegende Kriterien für seriöse Faktenchecks nicht. Es fehlen transparente Quellenangaben, nachvollziehbare Arbeitsmethoden und eine unabhängige redaktionelle Kontrolle. Im Gegensatz zu renommierten Faktencheck-Initiativen wie dem IFCN bleibt das GFCN intransparent und parteiisch.

Wer verfasst die Inhalte des GFCN?

Zu den Autoren zählen Personen mit eindeutig pro-russischen Positionen, darunter internationale Verschwörungstheoretiker und bekannte Desinformationsverbreiter. Ihre Beiträge zeichnen sich häufig durch tendenziöse Aussagen, selektive Quellenwahl und politische Propaganda aus.

Warum ist der Name GFCN problematisch?

Der Name „Global Fact-Checking Network“ erinnert stark an das etablierte „International Fact-Checking Network“ (IFCN). Beobachter vermuten darin eine bewusste Strategie, um Verwirrung zu stiften und Glaubwürdigkeit vorzutäuschen. Das IFCN wurde 2015 vom Poynter-Institut gegründet und setzt international gültige Standards für unabhängige Faktenprüfung durch. Das GFCN nutzt diese Namensähnlichkeit aus, ohne dieselben Maßstäbe zu erfüllen.

Fazit zum Thema

Das „Global Fact-Checking Network“ (GFCN) präsentiert sich als internationale Initiative zur Bekämpfung von Desinformation. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich jedoch, dass es sich um ein Propaganda-Instrument handelt, das etablierte Faktencheck-Standards missachtet. Die enge Verbindung zu russischen Staatsmedien, die Beteiligung umstrittener Autoren und die mangelnde Transparenz der Methoden untergraben die Glaubwürdigkeit des Netzwerks. Experten warnen davor, dass das GFCN eher zur Verbreitung von Desinformation beiträgt, anstatt sie zu bekämpfen.

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