Wahl in Sachsen-Anhalt: Buhrufe im Campino-Video sind nachträglich eingefügt

Ein Clip zeigt angeblich, wie Campino für seine AfD-Kritik ausgebuht wird. Die Tonspur ist fremd – im Publikum wurde gejubelt. Was dahintersteckt.

Die Behauptung

Ein Video zeigt, wie Campino bei einem Konzert in Hamburg für seine AfD-Kritik vom Publikum ausgebuht wird.

Aufgestellt von: Unbekannt

Falsch

Manipuliert. Die Buhrufe wurden nachträglich unter das Video gelegt, in mehreren unabhängigen Mitschnitten jubelt das Publikum. Dieselbe Tonspur wurde im August bereits unter zwei andere Konzertvideos montiert.

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Wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September kursiert ein kurzer Konzertclip. Zu sehen ist Campino, Sänger der Toten Hosen, auf der Bühne in Hamburg. Er sagt: „Wer sein Kreuz bei der AfD macht, der wählt eine neofaschistische Partei.“ Und dann passiert in dem Clip etwas, das die Geschichte erst interessant macht: Aus dem Publikum kommen Buhrufe. Laute, deutliche, anhaltende Buhrufe. Der Sänger, so die Botschaft des Beitrags, wird von seinen eigenen Fans ausgepfiffen. In den Kommentaren und Begleittexten wird er als „Hetzer“ bezeichnet.

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Ob man Campinos Aussage teilt oder für völlig daneben hält, ist nicht Gegenstand dieses Faktenchecks. Es geht um eine überprüfbare Frage: Zeigt das Video, was in Hamburg tatsächlich passiert ist?

Es gibt nicht nur einen Clip von der Szene

Das Konzert fand laut den vorliegenden Aufnahmen am 30. August 2026 in Hamburg statt, und es waren offenbar viele Handys in der Luft. Im Netz finden sich mehrere voneinander unabhängige Mitschnitte derselben Ansage, darunter ein Video auf YouTube (archiviert) sowie zwei auf Facebook geteilte Aufnahmen (hier und hier archiviert). Sie stammen aus unterschiedlichen Perspektiven und sind zwischen rund 50 und 70 Sekunden lang – also deutlich länger als der Ausschnitt, der mit Buhrufen verbreitet wird.

In keiner dieser Aufnahmen ist ein Buhen zu hören. Zu hören ist das Gegenteil: Applaus, Jubel, Zustimmung. Das passt auch zu dem, was über den Abend berichtet wurde. Das „Hamburger Abendblatt“ hat den Auftritt und die Ansage beschrieben, von Protest aus dem Publikum ist dort keine Rede. Dass Campino seit Jahrzehnten öffentlich gegen Rechtsextremismus auftritt, ist seinem Publikum außerdem bekannt. Ein Hosen-Konzert ist nicht der Ort, an dem eine solche Ansage überrascht.

Dieselben Bilder, ein anderer Ton

Der verbreitete Clip und die längeren Mitschnitte zeigen dieselbe Szene vom selben Abend.

Der verbreitete Clip

Campino wird ausgebuht.

  • Rund 22 Sekunden lang
  • Laute Buhrufe während der Ansage
  • Begleittext: Campino als „Hetzer“
  • Die Tonspur gehört nicht zu den Bildern

Die längeren Mitschnitte

Das Publikum jubelt.

  • Mehrere Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven
  • Rund 50 bis 70 Sekunden lang
  • Applaus und Zustimmung, keine Buhrufe
  • Bericht des „Hamburger Abendblatts“ erwähnt keinen Protest

Die Buhrufe wurden nachträglich unter das Video gelegt.

Grundlage: Vergleich der archivierten Aufnahmen; dieselbe Tonspur wurde bereits bei anderen Konzertvideos nachgewiesen (siehe unten).

Woher die Buhrufe wirklich stammen

Bleibt die Frage, wo das Buhen herkommt, wenn nicht aus der Hamburger Halle. Die Antwort ist nüchtern: Es ist eine wiederverwendete Tonspur. Das Faktencheck-Team der Deutschen Presse-Agentur, das den Clip geprüft hat, kennt diese Buhrufe bereits – es hat sie im August zweimal identifiziert – einmal unter einem Video von einem Mark-Forster-Konzert, einmal unter einem Auftritt der Dresdner Band 01099. In beiden Fällen hatten sich Künstler auf der Bühne gegen Rechtsextremismus beziehungsweise die AfD ausgesprochen, und in beiden Fällen tauchten anschließend Clips auf, in denen das Publikum sie angeblich niederbrüllt.

Eine Tonspur, drei Konzerte

Dieselben Buhrufe wurden innerhalb weniger Wochen unter drei verschiedene Konzertvideos gelegt.

Fall 1

01099

Von der dpa im August 2026 als manipuliert eingeordnet.

Fall 2

Mark Forster

Von der dpa im August 2026 als manipuliert eingeordnet.

Fall 3

Campino / Die Toten Hosen

Hamburg, 30. August 2026 – der hier geprüfte Clip.

Gemeinsam ist allen drei Fällen: Der Auftritt ist echt, die Aussage ist echt, nur die Reaktion des Publikums ist ausgetauscht. Wer hinter den Clips steckt, lässt sich aus dem Material nicht ablesen.

Das ist der eigentlich bemerkenswerte Punkt. Hier wurde nichts erfunden – keine Aussage, kein Auftritt, kein Ort. Manipuliert wurde nur das, was schwer zu überprüfen ist und emotional am meisten wiegt: die Reaktion des Saals. Aus „Sänger sagt etwas, Publikum jubelt“ wird „Sänger sagt etwas, Publikum lehnt sich auf“. Die Bilder bleiben dieselben, die Geschichte kippt.

Warum das gerade jetzt auftaucht

Der zeitliche Zusammenhang mit der Wahl in Sachsen-Anhalt drängt sich auf, beweisen lässt er sich nicht. Was sich sagen lässt: Alle drei bekannten Fälle betreffen Auftritte, bei denen Musiker sich gegen Rechtsextremismus oder die AfD positioniert haben, und alle drei Clips vermitteln denselben Eindruck, nämlich dass das Publikum diese Position ablehnt. Ob dahinter dieselben Urheber stehen oder ob Nachahmer eine bekannte Tonspur weiterverwenden, geht aus dem Material nicht hervor. Über Absichten sollte man deshalb vorsichtig sein. Das Muster selbst ist aber dokumentiert.

Für Leserinnen und Leser ist eine andere Beobachtung wichtiger: Manipulierter Ton ist deutlich schwerer zu erkennen als ein manipuliertes Bild. Bei einem Foto sucht man nach falschen Schatten, verzerrten Händen, seltsamen Schriftzügen. Bei einem Konzertvideo mit wackeliger Handykamera und übersteuertem Sound fällt eine fremde Tonspur kaum auf – Buhrufe klingen auf jedem Handy ungefähr gleich.

Zum Mitnehmen

Drei Fragen bei Konzertvideos mit Publikumsreaktion

  • Gibt es andere Aufnahmen?Bei großen Konzerten filmen Hunderte mit. Wenn nur ein einziger Clip die Buhrufe hat, ist das ein Hinweis.
  • Passt der Ton zum Bild?Reagieren die sichtbaren Leute in den vorderen Reihen so, wie es klingt? Heben sie Arme, klatschen sie, pfeifen sie?
  • Wie lang ist der Ausschnitt?22 Sekunden lassen sich leichter vertonen als 70. Kurze Clips ohne Anfang und Ende verdienen Misstrauen.

Der Auftritt kann echt sein und das Video trotzdem gefälscht. Bei Ton gilt das besonders.

Quellen

MIMIKAMA · FAKTENCHECK

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