Russische Bots weg, AfD-Aktivität eingebrochen? Was die Yandex-Angriffe zeigen

Nach Angriffen auf Yandex-Rechenzentren soll die Aktivität russischer Propaganda-Bots und von AfD-Accounts massiv zurückgegangen sein. Warum die virale Grafik dafür keinen Beleg liefert.

Die Behauptung

Nach ukrainischen Drohnenangriffen auf Rechenzentren des russischen Internetkonzerns Yandex, der vor allem für seine Suchmaschine bekannt ist, seien mehr als 99 Prozent der russischen Propaganda-Bots verschwunden. Auch die Aktivität rund um die AfD auf X sei dadurch um bis zu 56 Prozent eingebrochen.

Aufgestellt von: Virale Grafik und Leserhinweise zu Yandex/AfD; Originalbeitrag von Tomáš Zdechovský auf X vom 11. Oktober 2026; Tom’s Hardware und Rohtext

Irreführend

Die Angriffe auf drei russische Yandex-Rechenzentren und ein massiver Rückgang automatisierter Webanfragen aus einem Yandex-Netzwerk sind belegt. Dass dadurch mehr als 99 Prozent der russischen Propaganda-Bots verschwunden seien oder die Aktivität rund um die AfD auf X um bis zu 56 Prozent eingebrochen sei, ist hingegen nicht nachgewiesen. Die verbreitete AfD-Grafik enthält weder eine überprüfbare Datenquelle noch Angaben zur Messmethode.

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Cloudflare erfasst automatisierte Webseitenzugriffe aus einem Netzwerk des russischen Internetkonzerns Yandex. Diese Messung zählt keine Propaganda-Accounts auf X oder Facebook. Die virale Geschichte vermischt technische Bots, etwa Suchmaschinen-Roboter, mit Konten, die politische Inhalte verbreiten.

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Aktualisiert am 14. Oktober 2026: Ergänzt wurden neue Untersuchungen zur Social-Media-Aktivität und die Zwischenstände unserer eigenen Community-Befragungen.

Was bei Yandex tatsächlich ausgefallen ist

Yandex ist vor allem für seine Suchmaschine bekannt und betreibt dafür Rechenzentren. Automatisierte Programme besuchen Webseiten, damit deren Inhalte in Suchergebnissen erscheinen können. In seiner technischen Dokumentation nennt Yandex ausdrücklich AS13238 als eines der Netzwerke seiner Bots.

Die Schäden an drei Rechenzentren sind dokumentiert. Nach der Unternehmensmitteilung wurde der Standort Sasowo in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober schwer beschädigt und vollständig abgeschaltet. Am 9. Oktober fielen nach einem weiteren Angriff Teile des Rechenzentrums in Kaluga aus. In der Nacht auf den 11. Oktober wurde auch der Standort Wladimir getroffen und abgeschaltet. Laut AFP erklärte der frühere Leiter des ukrainischen Zentrums gegen Desinformation, Andrij Kowalenko, ukrainische Streitkräfte hätten Sasowo angegriffen. Für Kaluga bestätigte Präsident Wolodymyr Selenskyj laut Reuters die ukrainische Verantwortung. Yandex selbst nennt in seiner Mitteilung keine Angreifer.

Unter Berufung auf Cloudflare Radar berichtete Tom’s Hardware, die automatisierten HTTP-Anfragen aus dem Yandex-Netzwerk seien zeitweise auf 0,4 Prozent des höchsten Wertes der betrachteten zwei Wochen gesunken. Gemeint sind Zugriffe auf Webseiten, keine Anzahl politischer Konten. Cloudflare beschreibt in seiner Dokumentation unterschiedliche Verfahren zur Darstellung solcher Daten, darunter die Berechnung relativ zum Höchstwert eines Zeitraums. Aus einem Einbruch dieser Zugriffe lässt sich daher kein Verschwinden von 99,6 Prozent aller russischen Propaganda-Bots ableiten.

Der AfD-Grafik fehlt eine überprüfbare Datengrundlage

Die verbreitete Grafik trägt den Titel „Tägliche Aktivität über 3 Monate“ und markiert Rückgänge um 30 und 56 Prozent. Was als Aktivität gezählt wurde, ist nicht erklärt. Eine Plattform, die untersuchten Accounts und eine nachvollziehbare Datenquelle fehlen. Die Verbindung zur AfD entsteht erst durch die begleitenden Beiträge.

Virale Grafik mit angeblichen Rückgängen um 30 und 56 Prozent, aber ohne Datenquelle oder Definition der Aktivität
Die Grafik liefert keine überprüfbare Grundlage für einen Rückgang der AfD-Aktivität auf X.

Auch die Zeitachse wirft Fragen auf: Die Grafik kursierte bereits am 11. Oktober, der zweite markierte Tiefpunkt scheint nach der Achseneinteilung aber ungefähr auf den 13. oder 14. Oktober zu fallen. Eine verlängerte Achse wäre für sich genommen kein Fehler. Als Messwerte dargestellte Punkte aus der Zukunft wären hingegen erklärungsbedürftig; eine Prognosekennzeichnung ist nicht zu sehen. Eine mögliche KI-Erzeugung ist dadurch nicht bewiesen.

Rohtext veröffentlichte einen Gegenvergleich mit von Grok bereitgestellten Zählwerten. Im gleichen 18-Stunden-Zeitraum von Samstag auf Sonntag gingen demnach deutschsprachige X-Beiträge mit „AfD“ um 19,3 Prozent zurück, mit „CDU“ um 17,8 Prozent, mit „SPD“ um 36,8 Prozent und mit „Grüne/Grünen“ um 28,6 Prozent. Diese Werte konnten wir nicht unabhängig aus den ursprünglichen X-Daten reproduzieren. Auch passende Summen und Prüfsummen belegen die Herkunft und Vollständigkeit der Daten nicht. Suchbegriffe erfassen außerdem Zustimmung ebenso wie Kritik oder Berichterstattung; sie zählen keine identifizierten Bots.

Was neue Untersuchungen zur Social-Media-Aktivität zeigen

Der tschechische Europaabgeordnete Tomáš Zdechovský erklärte gegenüber der dänischen Faktencheck-Redaktion TjekDet, er habe die Grafik auf Threads gefunden. Den Originaldatensatz und die Messmethode besitze er nicht. Er verwies auf seinen Vorbehalt „falls sich das bestätigt“, räumte aber ein, die fehlende Quelle deutlicher kennzeichnen zu müssen.

TjekDet dokumentiert außerdem eine Untersuchung von Common Consultancy: Bei Facebook-Beiträgen von 76 AfD-Politikern und 136 MAGA-Profilen fand das Unternehmen keinen außergewöhnlichen Einbruch der Kommentarzahlen. Die Daten reichen von Ende August bis 10. Oktober 2026. Sie erfassen damit nur zwei bis drei Tage nach den ersten Angriffen und betreffen Facebook, nicht X. Auch wurden damit keine russischen Bots identifiziert.

Für X berichtet das polnische Nachrichtenportal Interia über eine Auswertung des Forschungsinstituts NASK-PIB. Untersucht wurden bereits wegen ihrer Desinformationsaktivität überwachte Konten im Zeitraum vom 30. September bis 11. Oktober 2026. Nach den der Redaktion übermittelten Ergebnissen zeigte sich kein erheblicher Rückgang ihrer allgemeinen Aktivität. Einzelne Konten wurden zwar inaktiv; einen ursächlichen Zusammenhang mit den Angriffen konnten die Forschenden jedoch nicht feststellen. Die zugrunde liegenden Daten haben wir nicht unabhängig nachgerechnet.

Die Stiftung INFO OPS Polska veröffentlichte zudem eine eigene Analyse eines Informationsnetzwerks, das sie aufgrund früherer Beobachtungen russischen Einflussaktivitäten zuordnet. Am 11. und 12. Oktober erfasste sie 611 polnischsprachige Veröffentlichungen. Darunter waren auch neutrale Inhalte. Das untersuchte Netzwerk veröffentlichte während der Yandex-Störungen also weiterhin Material. Weil ein vergleichbarer Zeitraum vor den Angriffen fehlt, lässt sich daraus jedoch nicht berechnen, ob und wie stark seine Aktivität zurückging.

Was unsere Community auf Facebook und WhatsApp wahrnimmt

Wir haben auch unsere Community gefragt, ob ihr seit den Angriffen weniger verdächtige Kommentare auf sozialen Netzwerken auffallen. In der Facebook-Gruppe antworteten zum dokumentierten Zwischenstand 65 Prozent mit Ja. Im WhatsApp-Kanal konnten hingegen rund drei Viertel der Abstimmenden keine Einschätzung abgeben. Die Antworten zeigen unterschiedliche persönliche Wahrnehmungen.

Unsere Befragungen: Fallen euch weniger verdächtige Kommentare auf?
BefragungJa, wenigerKein UnterschiedKann ich nicht beurteilen
WhatsApp-Kanal626 abgegebene Stimmen93 Stimmen14,9 %62 Stimmen9,9 %471 Stimmen75,2 %
Facebook-GruppeGesamtzahl der Stimmen im Screenshot nicht sichtbar65 %9 %26 %
Öffentliche Facebook-SeiteAbstimmung über Beitragsreaktionen4.250 „Gefällt mir“130 Herzen573 „Wow“

Quelle: eigene Mimikama-Befragungen, dokumentierte Zwischenstände vom 14. Oktober 2026. Die WhatsApp-Prozentwerte wurden aus 626 Stimmen berechnet und gerundet. Auf der öffentlichen Facebook-Seite waren „Gefällt mir“, Herz und „Wow“ als Antworten vorgesehen. Zusätzlich gab es 15 Lachreaktionen ohne zugeordnete Antwort. Die Ergebnisse können sich durch weitere Antworten verändern.

Zwischenstand der Mimikama-Gruppenumfrage: 65 Prozent bemerken weniger auffällige Kommentare, 9 Prozent keinen Unterschied, 26 Prozent können es nicht beurteilen
Unsere Facebook-Gruppenumfrage erfasst persönliche Eindrücke. Die angezeigte Beitragsreichweite von 21.486 ist keine Zahl der Abstimmenden.

Auf der öffentlichen Facebook-Seite überwiegt ebenfalls die für „weniger“ vorgesehene Reaktion. Allerdings kann ein „Gefällt mir“ auch Zustimmung zum Beitrag ausdrücken, ohne als bewusste Umfrageantwort gemeint zu sein. Die Gruppenbefragung und die WhatsApp-Abstimmung bieten eigene Antwortoptionen. Ihre Ergebnisse lassen sich deshalb nicht wie drei gleichartige Messungen vergleichen.

Die Befragungen sind freiwillig und nicht repräsentativ. Sie erreichen unterschiedliche Teile unserer Community, und die Frage nennt bereits die verbreitete Behauptung über weniger Bots. Welche Accounts automatisiert oder russisch gesteuert waren, wurde dabei nicht überprüft. Auch bleibt offen, ob tatsächlich weniger verdächtige Kommentare veröffentlicht wurden oder die Befragten andere Inhalte zu sehen bekamen.

Für einen Zusammenhang mit den Yandex-Angriffen müssten die betroffenen Accounts identifiziert, ihre Aktivität vor und nach den Angriffen nachvollziehbar gemessen und ihre Verbindungen zur ausgefallenen Infrastruktur belegt werden. Unsere Umfragen liefern diesen Nachweis ebenso wenig wie die bisher vorliegenden Untersuchungen. Einzelne Einflussoperationen könnten dennoch beeinträchtigt worden sein.

MIMIKAMA · FAKTENCHECK

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