Die Behauptung
Die USA sollen gegen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wegen Betrugs in Höhe von 48 Mrd. US-Dollar ermitteln. Als Quelle wird ein ehemaliger CIA-Analyst, Larry Johnson, genannt. Zusätzlich wird behauptet, das US-Kriegsministerium führe die Untersuchung, europäische Spitzenpolitiker – u. a. Kaja Kallas – seien involviert.
Aufgestellt von: Soziale Medien
Faktencheck: Falsch
Es gibt keinerlei bestätigte Hinweise auf Ermittlungen der USA gegen Selenskyj wegen 48 Mrd. Dollar, und alle bekannten Fakten widersprechen der Behauptung deutlich. Die Geschichte beruht ausschließlich auf unbelegten Aussagen einer zweifelhaften Einzelquelle.
Analyse – Die Fakten dahinter
Keine einzige seriöse Quelle bestätigt die Behauptung
Weder US-Behörden noch etablierte Medien oder große TV-Sender berichten über eine Untersuchung gegen Selenskyj in dieser Größenordnung. Wären tatsächlich fast 50 Mrd. US-Dollar an US-Hilfen verschwunden, wäre dies ein politischer Großskandal in Washington. Nichts deutet darauf hin.
Die gesamte Erzählung stammt aus einer einzigen, fragwürdigen Quelle
Die Behauptung geht vollständig zurück auf den ehemaligen CIA-Analysten Larry Johnson. Er präsentierte keinerlei Unterlagen, keine Insider-Informationen, keine bestätigten Aussagen anderer Personen.
Recherchen von Voice of America zeigen, dass Johnsons Aussagen regelmäßig von russischen Staatsmedien zitiert und verstärkt werden. In der Vergangenheit hat er mehrfach falsche Prognosen und unbelegte Anschuldigungen verbreitet (u. a. angebliche US-Komplotte, angebliche unmittelbar bevorstehende militärische Niederlagen der Ukraine).
Verbreitung ausschließlich über russische Staatsmedien und Alternativseiten
RIA Novosti und weitere russische Plattformen griffen Johnsons Interview als erste auf. Westliche Alternativmedien verbreiteten die Geschichte weiter – zum Teil ausgeschmückt, ohne Belege und in dramatisiertem Tonfall.
Seriöse Medien weltweit berichten hingegen nicht über eine 48 Mrd.-Ermittlung.
Tatsächlich existiert ein anderer, realer Korruptionsfall – in völlig anderer Größenordnung
Ende 2025 wurde in der Ukraine ein Korruptionsnetzwerk mit rund 100 Millionen Dollar aufgedeckt, insbesondere im Energiesektor. Dieser Fall ist gut dokumentiert, sowohl durch ukrainische Behörden als auch durch internationale Medien (u. a. Reuters, ZDF).
Johnson bezeichnete diesen echten Fall in einem Interview als „Kleinkram“ – offenbar als rhetorischen Ankerpunkt, um seine unbewiesenen 48 Mrd. dramatisch wirken zu lassen.
Zwischen dem realen 100-Mio.-Skandal und der behaupteten 48-Mrd.-Ermittlung gibt es keinerlei Verbindung.
Die Erwähnung von Kaja Kallas und Estland entbehrt jeder Grundlage
In Johnsons Darstellung wird behauptet, Transaktionen seien über Estland gelaufen und Kaja Kallas sei involviert. Für diese Aussagen existieren keine Belege, weder in Estland noch in der EU oder in den USA.
Kallas hatte sich im Gegenteil öffentlich kritisch zu einem realen ukrainischen Korruptionsfall geäußert und Aufklärung gefordert.
Ihre Nennung folgt einem Muster bekannter Desinformation: prominente europäische Unterstützer der Ukraine sollen diskreditiert werden.
Plausibilitätsproblem: Die behauptete Summe steht in keinem Verhältnis zur dokumentierten Hilfe
Nach aktuellen Auswertungen von BBC und dem Kiel Institute haben die USA seit 2022 rund 130,6 Milliarden US-Dollar für die Ukraine aufgewendet. Selbst die weiter gefassten Angaben der US-Regierung kommen bis Mitte 2025 auf 187 Milliarden US-Dollar, wobei darin auch Ausgaben enthalten sind, die nicht direkt an die Ukraine flossen.
Eine angebliche Veruntreuung von 48 Milliarden US-Dollar würde damit einen erheblichen Anteil der gesamten US-Unterstützung betreffen. Für einen Vorgang dieser Größenordnung gibt es jedoch keinerlei Hinweise aus Berichten amerikanischer Kontrollinstanzen wie dem Government Accountability Office, dem Pentagon Inspector General, dem US-Kongress oder aus etablierten US-Medien.
Die verfügbaren Zahlen und Kontrollberichte widersprechen der Behauptung deutlich.
Wirkung & Mechanismus
Die Behauptung entfaltet Wirkung, weil sie mehrere Trigger kombiniert: hohe Geldsummen, politische Frustration, Misstrauen gegenüber Hilfsprogrammen und die persönliche Angreifbarkeit einer im Krieg stehenden Regierung.
Die Geschichte knüpft an einen realen, deutlich kleineren Korruptionsfall an und übersteigert ihn massiv, um Glaubwürdigkeit zu simulieren. Die Verbreitung über alternative Medien und russische Staatskanäle verstärkt den Eindruck, hier gäbe es „unterdrückte Wahrheiten“, obwohl keine belastbaren Belege vorliegen.
Fazit
Der vorliegende Faktencheck zeigt eindeutig: Für angebliche US-Ermittlungen gegen Selenskyj wegen 48 Mrd. Dollar existieren keinerlei verifizierte Hinweise. Die Erzählung stützt sich ausschließlich auf eine unzuverlässige Einzelquelle und wird fast ausschließlich in desinformationsanfälligen Medienumfeldern verbreitet.
Faktenbarometer
🟥 Manipulativ – Die Behauptung kombiniert unbelegte Anschuldigungen mit realen Korruptionsfällen und politisch motivierten Zuschreibungen. Es liegen keine seriösen Beweise vor.
Quellen:
Ukraine corruption scandal ‚extremely unfortunate,‘ EU’s Kallas says | Reuters
Korruptionsskandal: Abhörprotokolle schockieren Ukraine | ZDF heute
Ukraine’s energy sector corruption crisis – what we know so far and who was involved | The Guardian
Russian state media amplify ex-CIA analyst’s false claims to promote pro-Kremlin narratives | Voice of America
How much have Europe and the US given to Ukraine? | BBC
Status of Funds | Ukraine Oversight, U.S. Government
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