Die Behauptung
Antisemitische und hasserfüllte Kommentare werden in sozialen Netzwerken zunehmend so verschleiert, dass sie für Plattformbetreiber und Moderation schwer zu identifizieren sind.
Wahr
Wahr! Die Behauptung ist gut belegt – eine aktuelle Untersuchung mehrerer US-Universitäten zeigt, dass Hassrede zunehmend codiert und verschleiert verbreitet wird. Allerdings sind die Analysen auf bestimmte Plattformen und Communitys begrenzt und nicht pauschal auf alle Nutzer übertragbar.
Kurze Faktenübersicht:
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Forscher analysierten zwei Subreddits mit QAnon-Bezug.
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Über ein Drittel der antisemitischen Inhalte war implizit formuliert.
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Experten warnen vor Eskalationspotenzial durch subtile Hassrede.
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Eine neue Datenbank enthält fast 300 verschlüsselte Begriffe.
Hass mit Tarnkappe: So arbeiten subtile Hetzer im Netz
Hass im Netz ist nichts Neues, doch wie er verbreitet wird, hat sich verändert. Immer mehr Hetzer setzen auf versteckte Botschaften, die nur für Eingeweihte verständlich sind. Das Ziel: Die automatischen Filter der Plattformen umgehen, Strafverfolgung erschweren, und dennoch ihre Botschaft verbreiten.
Versteckspiel auf Reddit: Wie Antisemitismus codiert wird
Ein Forschungsteam unter Leitung von Jeffrey Kopstein (University of California, Irvine) und David Frey (United States Military Academy) hat zwei einschlägige Subreddits untersucht, die in QAnon-Kreisen beliebt sind. Das Ergebnis ist alarmierend: Zwar äußert nur ein kleiner Teil der Nutzer offen antisemitische Inhalte, doch mehr als ein Drittel bedient sich codierter Sprache.
Dabei wird ein perfides „Sprachspiel“ gespielt: Begrifflichkeiten werden in einem scheinbar harmlosen Kontext eingeführt, sodass sie innerhalb der Community klar verstanden, außerhalb aber kaum erkannt werden.
Kopstein erklärt: „Diese Form der verschlüsselten Sprache dient nicht nur der Tarnung, sie schafft gleichzeitig ein Wir-Gefühl innerhalb der Gruppe und grenzt Außenstehende aus.“
Plattformmoderatoren und Algorithmen erkennen solche Inhalte oft nicht, ein gefährlicher blinder Fleck.
Eine im März 2025 veröffentlichte Studie von sieben US-Universitäten, darunter die University of California, Irvine und West Point, analysierte exakt diese Sprachmuster und fand deutliche Hinweise auf ein systematisches Vorgehen.
Warum erkennen so wenige diese Hetze?
Die Studie zeigt: Besonders auf moderierten Plattformen steigt der Anteil an impliziten Hasskommentaren. Das liegt daran, dass explizite Hetze dort schnell entfernt wird. Wer also weiterhin Hass verbreiten will, muss kreativer werden. Deshalb greifen Nutzer vermehrt zu Symbolen, Chiffren oder Ironie, und etablieren neue Bedeutungsebenen, die nur „Insider“ verstehen.
Kopstein warnt: „Diese codierte Sprache führt zu Entmenschlichung und kann die Hemmschwelle für Gewalt senken.“ Noch brisanter: Solche Begriffe und Symbole sind oft bewusst so gewählt, dass sie in harmlosen Kontexten nicht auffallen, und so ungestört verbreitet werden können.
🛑 Das Problem ist nicht, dass niemand hinsieht, das Problem ist, dass kaum jemand versteht, was er da sieht.
Wer glaubt, Begriffe wie „Globalist“ oder „Deep State“ seien harmlos, hat das Spiel der Hetzer nicht verstanden. Diese Sprache ist kein Zufall, sie ist Strategie. Wer heute codiert, will morgen normalisieren. Und wer nichts sagt, lässt zu, dass Hass salonfähig wird.
Kritische Analyse & Enthüllung
Besonders brisant: Die am häufigsten verwendeten Begriffe wie „Deep State“, „Pedophile“, „Globalist“ oder „Cabal“ erscheinen oberflächlich betrachtet nicht als Hetze, doch in der Sprache der QAnon-Gruppen sind sie fest mit antisemitischen Verschwörungsmythen verknüpft. Die aktuelle Studie belegt, dass diese Begriffe systematisch in einem neuen Kontext verwendet werden: Sie funktionieren wie ein Code, der innerhalb der Szene eine klare Botschaft vermittelt, aber für Außenstehende schwer zu entziffern ist.
💬 Klingt harmlos? Ist es nicht.
„Cabal“, „Elite“, „Pädophile“, das sind keine Internetfloskeln, sondern klar codierte Begriffe mit antisemitischer Schlagseite. Und während sich Moderationsteams noch fragen, ob das gegen die Richtlinien verstößt, ist die Botschaft längst angekommen. Bei denen, die sie verstehen sollen. Und genau das ist das Gefährliche daran.
Eine Analyse der Dokumentenhäufigkeit der 20 häufigsten codierten Begriffe zeigt: „Deep State“, „Globalist“ und „Cabal“ gehören zu den Spitzenreitern (vgl. Abb. 3 in der Studie, DOI: 10.1371/journal.pone.0318988.g002).
„Auf Post- und sogar Satzebene liefern diese Begriffe eine Art Roadmap, wie man antisemitische Inhalte verstehen soll, ohne Juden direkt zu erwähnen.“
Mitautorin Dana Weinberg, Soziologin am Queens College, bringt es auf den Punkt.
Eine Netzwerkdarstellung der Studie (vgl. Abb. 4) zeigt zudem, wie stark explizite und implizite Begriffe miteinander verknüpft sind, ein klarer Hinweis auf gezielte Kombinationen zur Verschleierung und Verstärkung antisemitischer Narrative.
Diese Taktik ermöglicht es, die Plattformregeln scheinbar zu umgehen, während die Botschaft dennoch glasklar bei der Zielgruppe ankommt. Es ist ein perfides Spiel mit Bedeutungen, das nicht nur Tarnung ist, sondern gezielt der Normalisierung und Verbreitung antisemitischer Ideologien dient.
Beweise und weitere Informationen
Die zentralen Ergebnisse der Studie wurden im Fachjournal PLOS ONE veröffentlicht. Die Untersuchung ergab, dass exakt 34,79 % der Nutzer in den beiden analysierten QAnon-Subreddits implizit antisemitisches Vokabular verwendeten. Das sind über 11.800 Nutzer, die gezielt codierte Begriffe wie „Soros“, „Rothschild“, „New World Order“, „ZOG“ oder „holohoax“ einsetzten, Begriffe, die stark mit antisemitischen Verschwörungserzählungen verknüpft sind.
Weniger als 7 % der Nutzer äußerten sich offen antisemitisch, ein deutliches Zeichen für den Trend zur Tarnung. Besonders auffällig war dabei, dass implizite und explizite Begriffe häufig gemeinsam in einem Beitrag vorkamen, was darauf hinweist, dass sie bewusst kombiniert werden, um Deutungsmuster zu vermitteln.
Die Forscher kombinierten für ihre Analyse eine eigene Liste mit Begriffen aus dem Hatebase-Wörterbuch und der Anti-Defamation League. Daraus entstand eine Datenbank mit 892 expliziten und 278 impliziten Begriffen, die nun als Grundlage für weiterführende Analysen genutzt werden kann.
„Diese Forschung zeigt nicht nur, wie Hass codiert funktioniert, sie liefert auch eine Methode, um ihn sichtbar zu machen.“
Jeffrey Kopstein
Fazit
Hass im Netz ist längst kein lauter Aufschrei mehr, er flüstert, tarnt sich und versteckt sich hinter harmlosen Worten. Gerade deshalb ist er so gefährlich. Die aktuelle Forschung zeigt deutlich: Wer nicht genau hinschaut, übersieht die Eskalation. Plattformen, Nutzer und Gesetzgeber müssen aufrüsten, denn Ignoranz schützt nicht vor Hetze.
Originalstudie in PLOS ONE:
👉 Language games and antisemitism in QAnon subreddits (DOI: 10.1371/journal.pone.0318988)
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