Am 1. April 2025 durchsuchten Ermittler des russischen Ermittlungskomitees gemeinsam mit rund dreißig Beamten der Wirtschaftspolizei die Räumlichkeiten der IT-Firma AEZA Group in Sankt Petersburg. Die Aktion richtet sich gegen ein Unternehmen, das in westlichen Sicherheitskreisen längst als technisches Rückgrat russischer Desinformationskampagnen gilt. Nun steht AEZA auch in Russland unter schwerem Verdacht, wegen Geldwäsche, Drogenhandel und möglicher Verbindungen zur organisierten Kriminalität.
AEZA-CEO: Die zentrale Figur verhaftet
Kurz nach der Durchsuchung wurde in Moskau der Geschäftsführer von AEZA, Juri (Yuri) Bozoyan, festgenommen. Mit ihm nahm die Polizei zwei weitere Personen aus dem Umfeld des Unternehmens in Gewahrsam: Maxim Orel und Tatjana Subowa. Die russischen Behörden werfen dem Trio unter anderem den Betrieb einer kriminellen Organisation und Beteiligung am Drogenhandel vor. Die Anklage stützt sich unter anderem auf verdeckte Ermittlungsmethoden und mutmaßliche Verbindungen zur Darknet-Plattform „BlackSprut“. Die AEZA Group selbst äußerte sich bisher nicht öffentlich zu den Vorwürfen.
Das Moskauer Bezirksgericht Meshchansky bestätigte die Untersuchungshaft für Yuri Bozoyan offiziell am 4. April 2025. In einem Telegram-Post veröffentlichte das Gericht sogar Fotos des Aeza-Chefs in einer Gitterzelle, ein symbolträchtiger Moment für den Fall.
💡 Hinweis:
👉 Zu diesem Thema gibt es einen aktuellen Faktencheck von Mimikama.
Dort findest du geprüfte Informationen, Bewertungen und eine kompakte FAQ.
➡️ Zum Faktencheck: Verhaftungen im Zentrum der Doppelgänger-Kampagne
AEZA als Infrastrukturknoten internationaler Operationen
AEZA ist ein Hosting-Anbieter, der sogenannte Dedicated Server vermietet. Diese werden von Kunden genutzt, um eigene Webseiten, Anwendungen oder Netzwerke zu betreiben. Was technisch nüchtern klingt, erhält durch internationale Recherchen erhebliche politische Brisanz.
Bereits im Sommer 2024 berichtete das US-amerikanische Onlinemedium The Record über AEZA im Zusammenhang mit der russischen Desinformationskampagne Doppelgänger. Diese seit Mai 2022 dokumentierte Operation verfolgt das Ziel, westliche Öffentlichkeiten mit täuschend echt gestalteten Fake-Nachrichtenportalen zu beeinflussen. Logos, Layouts und Sprache dieser Seiten imitieren etablierte Medien, doch die Inhalte tragen gezielt pro-russische Narrative in Debatten über Ukrainekrieg, NATO, Migration oder Innenpolitik.
Cybersecurity-Experten führten in mehreren Analysen die technische Infrastruktur dieser Seiten zurück auf Server, die über AEZA angemietet wurden. Auch die EU und Sicherheitsfirmen wie Mandiant oder Recorded Future dokumentierten diese Verbindung.
Hinweise auf Verbindungen zum Darknet
Über die Rolle in der Desinformationskampagne hinaus tauchte AEZA in weiteren sicherheitsrelevanten Kontexten auf. Europäische Recherchen und Analysen westlicher IT-Sicherheitsfirmen verknüpfen das Unternehmen mit Hosting-Diensten im Darknet, unter anderem für den Drogenmarktplatz BlackSprut. Zudem liefen laut denselben Quellen Malware wie Lumma Stealer oder Meduza zeitweise über AEZA-Serverinfrastruktur.
Diese Kombination, Hosting für propagandistische Inhalte, kriminelle Plattformen und Schadsoftware, macht AEZA aus westlicher Sicht zu einem zentralen Akteur in hybriden Bedrohungslagen.
Standort mit Symbolkraft
Das Büro von AEZA befindet sich in einem Gebäude in der Zolnaja-Straße in Sankt Petersburg, ein Komplex, der bis 2023 als „Wagner-Zentrum“ diente. Dort war die private Söldnergruppe Wagner mit Ausbildungs- und Koordinationsräumen vertreten. Dass nun ausgerechnet in diesem Umfeld ein Unternehmen operiert, das international mit staatlich beeinflusster Desinformation in Verbindung gebracht wird, unterstreicht die symbolische Aufladung des Falls.
Ironie und Eskalation
Im Februar 2025 veröffentlichte AEZA auf seinem Telegram-Kanal einen satirischen Beitrag: „Die Polizei stürmt unser Büro… Schaut online, ohne SMS und Registrierung“, hieß es dort. Der Link führte zu einem ironischen Video mit einem Darsteller in sowjetischer Milizuniform. Zwei Monate später kam es tatsächlich zur Razzia, was dem Beitrag im Nachhinein eine ungewollt prophetische Note verleiht.
Ob AEZA mit dem Beitrag auf wachsende Repressionen vorbereitet war oder gezielt provozieren wollte, ist nicht bekannt. Die Ermittlungen geben bislang keinen Einblick in mögliche politische Hintergründe der Strafverfolgung.
Politische Dimension
Der Fall AEZA reiht sich ein in eine Serie von Maßnahmen russischer Ermittlungsbehörden gegen Akteure mit mutmaßlichen Verbindungen zu Kryptowährungen, Desinformation oder paramilitärischen Netzwerken. Bereits im Herbst 2024 war der Geschäftsmann Sergej Iwanow verhaftet worden, der als Finanzier der Militäroperation in der Ukraine galt. Auch er wurde später von den USA angeklagt, wegen Umgehung von Sanktionen und Beteiligung an illegalen Finanzströmen.
Im Fall AEZA überschneiden sich nun internationale Cybersicherheitsinteressen mit russischen Strafverfolgungsmaßnahmen, ein Schnittpunkt, der aufhorchen lässt. Denn bislang galten viele dieser Strukturen im russischen Inland als unangetastet, solange sie außenpolitischen Zwecken dienten.
Ausblick: Strafverfolgung oder Abschirmung?
Ob die russischen Ermittlungen zu einer ernsthaften strafrechtlichen Aufarbeitung führen, oder Teil einer internen Neuordnung im Sicherheitsapparat sind –, bleibt vorerst offen. Klar ist nur: Mit der Verhaftung des AEZA-Geschäftsführers und der öffentlichen Aufmerksamkeit rund um die Operation Doppelgänger hat ein bislang wenig beachtetes Hosting-Unternehmen internationale Relevanz erlangt.
Die Rolle technischer Infrastruktur als stiller Verstärker geopolitischer Strategien rückt damit erneut in den Fokus, ebenso wie die Frage, ob Russland seine inoffiziellen digitalen Einflussstrukturen künftig neu ordnet, kontrolliert oder opfert.
Quellen:
The Record, Juni 2024
Artikel über die Verhaftung des AEZA-CEOs und die Verbindung zur Doppelgänger-Kampagne:
🔗 https://therecord.media/doppelganger-ceo-arrests-russia-tech
EU DisinfoLab
Übersichtsseite zur Operation Doppelgänger mit zahlreichen Ressourcen:
🔗 https://www.disinfo.eu/doppelganger-operation/
Recorded Future
Bericht über bösartige Infrastrukturen, einschließlich Informationen zu AEZA:
🔗 https://go.recordedfuture.com/hubfs/reports/cta-2025-0228.pdf
Pinnacle Gazette, 4. April 2025:
St. Petersburg IT Executive Arrested For Drug Trafficking
🔗 https://evrimagaci.org/tpg/st-petersburg-it-executive-arrested-for-drug-trafficking-312319
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)
