Wer alles sein kann, ist Teil des Problems, nicht der Lösung
Alle reden mit, aber keiner weiß, was er sagt.
Begriffe wie „Coach“, „Freiheitskämpfer“ oder „Experte“ haben mal etwas bedeutet. Heute? Reicht ein Instagram-Account, ein Meme, und eine ordentliche Portion Selbstüberschätzung. Willkommen im Bullshit-Bingo 2025.
Willkommen in der Post-Wahrheitsgesellschaft, wo jeder sein Etikett selbst drucken kann.
Wo alle alles sein dürfen, was sie wollen, völlig unabhängig von Können, Wissen oder Realitätssinn.
Coach, Experte, Freiheitskämpfer, Influencer, klingt alles nach Substanz, nach Verantwortung, nach Bedeutung.
Ist es aber nicht mehr. Denn wenn jeder alles sein darf, ohne auch nur ansatzweise etwas davon zu sein, bleibt nur noch: Lärm. Und Bullshit. Viel Bullshit.
Man müsste sich eigentlich mal zusammensetzen und sagen:
„Okay, Leute, ab heute gilt: Wer sich Coach nennt, sollte zumindest mal was gecoacht haben. Und wer sich Experte nennt, bitte mehr als ein YouTube-Video gesehen haben.“
Aber hey, Konsens ist schwierig, wenn alle lieber senden als zuhören.
Warum Mimikama sich dieses Thema vornimmt?
Weil Aufklärung da anfängt, wo Begriffe wieder Bedeutung bekommen.
Mimikama steht für Fakten, Klarheit und Medienkompetenz, aber wie soll man Fakten noch prüfen, wenn niemand mehr weiß, was „Fakten“ überhaupt sind?
Wie soll man Falschinformationen entlarven, wenn plötzlich jede*r mit WLAN und Meinung sich „Faktenchecker“, „Experte“ oder „Systemkritiker“ nennt?
Die gezielte Vernebelung von Sprache ist das Lieblingswerkzeug von Populisten, Esoterik-Gurus und Desinformations-Verbreitern.
Sie verdrehen Bedeutungen, geben sich neue Labels, blasen heiße Luft zur Kompetenz auf, und erschweren so jeden sachlichen Diskurs. Genau das macht es so gefährlich.
Wir bei Mimikama schreiben darüber, weil wir nicht nur Inhalte prüfen, sondern auch Begriffe entlarven, die längst zur Tarnung von Bullshit geworden sind.
Denn wer nicht erkennt, wie Worte manipulieren, erkennt auch nicht, wann Menschen manipulieren.
Sprache als Blender, und keiner merkt’s
Es ist nicht schlimm, dass sich Sprache wandelt. Sprache ist lebendig.
Was aber fatal ist: Wenn Begriffe zu leeren Worthülsen verkommen, zu Buzzwords, Kampfbegriffen, Selbstvermarkter-Slogans, Memes. Sie werden benutzt, um Eindruck zu schinden, Gegner mundtot zu machen oder sich selbst über andere zu stellen. Nicht, um Inhalte zu transportieren. Das ist keine Weiterentwicklung, das ist geistiger Rückbau mit Vollgas.
Lasst uns endlich wieder sagen, was wir meinen
Bevor wir über Fakten, Diskurse oder politische Lager diskutieren, sollten wir erstmal klären, was die Begriffe überhaupt noch bedeuten, mit denen wir um uns werfen. Was ist ein „Coach“? Was ist „Zensur“? Was heißt „rechts“, „links“, „patriotisch“, „kritisch“?
Denn wenn morgen jeder Müllmann ein „Umweltingenieur“, jede WhatsApp-Tante ein „Faktenexperte“ und jeder Halbwissende ein „Coach“ ist, dann bleibt nur eine Frage offen: Wer zur Hölle hat eigentlich noch Ahnung?
🧨 Die 40 größten Begriffs-Leichen unserer Zeit
Hier ist sie: Die gnadenlose Liste der entkernten, kaputtgebrandeten, bedeutungslos geposteten Lieblingsworte unserer Gesellschaft.
1. Influencer
Früher: Menschen mit echtem Einfluss.
Heute: Selfie-Junkies mit Rabattcodes und Gesichtsfiltern.
2. Aktivist
Früher: mutige, unbequeme Stimmen für Gerechtigkeit.
Heute: Wütender Insta-Post + Petition = Held der Demokratie.
3. Querdenker
Früher: kreative Freigeister mit unbequemem Kopf.
Heute: YouTube-Uni mit Aluhut-Zertifikat.
4. Systemkritiker
Früher: Intellektuelle mit Substanz.
Heute: GEZ-Hasser mit Bildschirmfoto-Argument.
5. Guru
Früher: Spirituelle Lehrer mit Tiefe.
Heute: Zoom-Messias mit Kristallshop.
6. Patriot / Freiheitskämpfer
Früher: Menschen, die Werte verteidigten.
Heute: Maskenverweigerer mit Sophie-Scholl-Fantasien.
7. Community
Früher: Solidarität, echte Verbindung.
Heute: Like-Zombies mit Entfolge-Tourette.
8. Experte
Früher: Studium, Forschung, Praxis.
Heute: TikTok-Wissenschaftler mit Meme und Meinung.
9. Journalist
Früher: Wahrheitssucher, Machtkritiker.
Heute: „Hab ich auf X gelesen, stand da so!“
10. Coach
Früher: Qualifizierter Begleiter mit Methode.
Heute: Selbstoptimierter Ex-Opferheld mit PayPal-Link.
11. Entrepreneur / Creator
Früher: Innovatoren mit Vision.
Heute: China-Ware-Reseller mit Canva-Quote.
12. Kritisch denkender Bürger
Früher: Faktenchecker mit Haltung.
Heute: „Ich hinterfrag alles, außer mich selbst.“
13. Spirituelles Erwachen
Früher: Bewusstsein, Transformation.
Heute: Bali-Retreat mit Räucherstäbchen und Reel.
14. Energetische Heilung
Früher: Komplementärmedizin.
Heute: Chakra-Vibes + Aura-Staub für 333€.
15. Authentisch leben
Früher: Ehrlich mit sich selbst.
Heute: 8 Filter + „Ich bin einfach ehrlich!!!“
16. Ganzheitlich
Früher: Systemisch, umfassend.
Heute: Verkaufsfloskel für überteuerten Unsinn.
17. Intuitives Business
Früher: Flexibles Unternehmertum.
Heute: „Ich hab ein Gefühl, also mach ich ’nen Onlinekurs!“
18. Medienkompetenz
Früher: Analyse, Bewertung, Kontext.
Heute: „Ich weiß, wie man ein Meme googelt.“
19. Wissenschaftsleugner
Früher: Kein Begriff, heute Kampfbegriff.
Heute: Wer nicht spurt, ist „gegen die Wissenschaft!“
20. Zensur
Früher: Unterdrückung durch Macht.
Heute: „Mein Bullshit-Post wurde gelöscht! Hilfe!!1“
21. Demokratisch
Früher: Gemeinwohl, Mitbestimmung.
Heute: „Kritisier mich nicht, sonst bist DU undemokratisch!“
22. Satire
Früher: Gesellschaftskritik mit Biss.
Heute: Feigling-Ausrede, wenn’s backlash gibt.
23. Cancel Culture
Früher: Konsequenzen für Verhalten.
Heute: Wenn man mal nicht ungestraft Schwachsinn schreien darf.
24. Meinung
Früher: Persönliche Haltung zu Fakten.
Heute: „Fakten? Interessieren meine Meinung nicht!“
25. Freiheit
Früher: Recht, ohne Zwang zu leben.
Heute: Ich. Will. ALLES. Ohne. Konsequenzen.
26. Genderwahn
Früher: Ein rechter Kampfbegriff.
Heute: Ausrede, um sich nicht mit Respekt beschäftigen zu müssen.
27. Mainstream
Früher: Mehrheitsmeinung oder kultureller Trend.
Heute: „Alle außer ich = manipuliert!“
28. Aufgewacht
Früher: Kritisches Bewusstsein.
Heute: „Ich hab ein Video gesehen, jetzt weiß ich die Wahrheit!“
29. Alternative Medien
Früher: Unabhängiger Journalismus.
Heute: Clickbait-Hölle mit zweifelhafter Finanzierung.
30. Faktencheck
Früher: Journalistische Prüfung.
Heute: Entweder „Systempropaganda“ oder „Hab gegoogelt, reicht!“
31. KI-Experte
Früher: Informatiker*innen, Entwickler, Forscher mit Tiefenwissen in maschinellem Lernen, neuronalen Netzen, Ethik und Systemarchitektur.
Heute: Hat ChatGPT einmal gefragt, ob er ein Gedicht schreiben kann, jetzt Vortragsredner auf LinkedIn mit „AI ist die Zukunft“-PowerPoint und Canva-Lebensweisheit.
32. „Links“
Früher: Sozial, progressiv, arbeitnehmerorientiert.
Heute: Jeder, der nicht „Deutschland zuerst!“ brüllt, oder gendergerechte Sprache benutzt.
33. „Rechts“
Früher: Konservativ, wirtschaftsliberal, wertebasiert.
Heute: Wird reflexartig jedem umgehängt, der nicht auf Knien vorm Regenbogen steht, oder einfach mal sagt: „Das geht mir zu weit.“
34. „Neutral“
Früher: Unabhängig, objektiv, ausgleichend.
Heute: „Ich will nicht anecken, aber insgeheim hab ich längst eine Meinung, und zwar ’ne harte.“
35. „Woke“
Früher: Bewusst für soziale Gerechtigkeit und Diskriminierung.
Heute: Pauschalschimpfwort für alles, was konservativen Facebook-Onkels nicht passt, vom veganen Würstchen bis zur divers besetzten Netflix-Serie.
36. „Lügenpresse“
Früher: Nazi-Parole.
Heute: Jeder, der einen Artikel nicht mag, aber ihn trotzdem nicht liest.
37. „Globalist“
Früher: Fachbegriff in der Ökonomie.
Heute: Antisemitischer Code für „Ich hab keine Ahnung, aber irgendwer im Hintergrund ist schuld!“
38. „Kritische Masse“
Früher: Soziologischer Begriff für gesellschaftliche Dynamiken.
Heute: 12 Telegram-Nutzer, die alle das gleiche Meme posten und glauben, sie wären der Beginn einer Revolution.
39. „Zivilgesellschaft“
Früher: Bürgerliche Mitgestaltung außerhalb von Parteien.
Heute: Wird gerne instrumentalisiert, entweder als „linke NGO-Verschwörung“ oder als letzter Rest der Demokratie.
40. „Extremismus“
Früher: Politische Haltung jenseits der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
Heute: Alles, was radikaler ist als der eigene Stammtisch.
Fazit: Sag, was du meinst. Und hör auf, dich wichtig zu reden.
Worte sind keine Statussymbole.
Sie sind Werkzeuge. Und je öfter sie zweckentfremdet werden, desto stumpfer werden sie, bis keiner mehr weiß, was sie überhaupt bedeuten. Das ist keine Weiterentwicklung. Das ist Bullshit-Bingo auf gesellschaftlicher Ebene.
Wer alles sein kann, ist im Zweifel nichts. Vielleicht sollten wir uns erstmal wieder einigen, was ein „Experte“ ist, bevor wir ihm zuhören.
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
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