75 % Steuerlast? Eine Zahl, ein Mythos, ein digitaler Aufschrei

75 % Steuerlast und 300 % Empörung: Wie ein einziger Satz zum Fakten-Looping wurde

💬Woran erkennt man Fake News zuverlässig? Antworten finden Sie im Leitfaden Fake News erkennen.

Ein Satz in einem Wahlkampfvideo des AfD-Politikers Marc Bernhard sorgte für große Aufmerksamkeit:

„75 % Ihres Einkommens gehen an den Staat.“

Wir von Mimikama haben diese Aussage in einem Faktencheck am 17. April 2025 überprüft, sachlich, transparent, auf Basis verlässlicher Quellen:

Ergebnis: Die Aussage ist nachweislich falsch.

Nach Veröffentlichung unseres Checks folgten mehrere Beiträge mit deutlicher Kritik, jedoch nicht an den Zahlen, sondern an uns als Plattform:

Beide Beiträge greifen nicht unsere Quellen oder Berechnungen an, sondern unterstellen uns politische Absichten und „Desinformation“, ohne selbst belastbare Zahlen vorzulegen.

KategorieWert
Einkommensteuer + Sozialabgaben (inkl. Arbeitgeberanteil)47,9 %
➕ Geschätzte Konsumsteuern (z. B. MwSt., Energie)+ 10–15 %
Gesamtrealistische Belastungca. 60–63 %
❌ Behauptung im Video/Blog75–90 % ❌

Quellen:
🔗OECD „Taxing Wages 2024“
🔗OECD-Visualisierung

WertWas ist das?Quelle
26,4 %Durchschnittliche Einkommensteuer auf das zu versteuernde EinkommenUni Duisburg-Essen
47,9 %Gesamtabgabenlast inkl. Sozialabgaben und ArbeitgeberanteilOECD
75 % Steuerlast? Eine Zahl, ein Mythos, ein digitaler Aufschrei – mimikama.org
Grafik: Einkommensteuertarif laut Universität Duisburg-Essen
(Diese Grafik zeigt die 26,4 % effektive Steuerlast bei ca. 68.000 €, passend zur ersten Zahl in der Tabelle)
Hier endet die tatsächliche durchschnittliche Steuerbelastung, weit weg von den behaupteten 75–90 %.
75 % Steuerlast? Eine Zahl, ein Mythos, ein digitaler Aufschrei – mimikama.org
Grafik: OECD-Grafik mit 47,9 % Gesamtbelastung
(Diese Grafik zeigt, wie Deutschland im internationalen Vergleich mit der gesamten Abgabenlast liegt)
Selbst mit allen Sozialabgaben und Arbeitgeberanteil liegt Deutschland bei 47,9 %. Und das ist ein international typischer Wert, kein Raubzug des Staates.

🧮 Beispiel: Bei 50.000 € Brutto-Jahreseinkommen
→ 26,4 % Einkommensteuer
→ Sozialabgaben: ca. 21,5 % (Arbeitgeber & Arbeitnehmer)
→ Gesamt: 47,9 % Belastung auf Arbeitskosten

🔍 Wichtig: Keine Doppelbelastung, sondern unterschiedliche Modelle.

Das Video vermischt unterschiedliche Steuern (Einkommensteuer, Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer etc.) und zählt auch Preiseffekte wie Inflation oder Zinsen zur Steuerlast.

Typische (falsche) Rechnung:

„3.000 € brutto, 2.000 € netto = 1.000 € Steuern = 75 %“

Das ist kein ökonomisches Modell, sondern eine vereinfachte Erzählung, die mit belastbaren Zahlen wenig zu tun hat.

Auch dort wird auf Zahlenbasis verzichtet, stattdessen wird behauptet, alle Abgaben und indirekten Kosten (z. B. Strompreis, Inflation, Mieten) müssten zusammengezählt werden.

Der letzte Satz des Artikels lautet:

„Hahahaha.“

Das ersetzt weder eine Quelle noch eine Analyse.

SteuerartWert
Spitzensteuersatz (ab 68.480 €/Jahr)42 %
Reichensteuersatz (ab 277.826 €/Jahr)45 %
Effektive Steuerlast26,4 % (IAQ)
Abgabenlast Singles47,9 % (OECD)
Abgabenlast Familien33,1 % (OECD)

  1. ❌ Steuern werden kumuliert, obwohl sie nie gleichzeitig auf eine Person wirken
  2. ❌ Inflation und Zinsen sind keine Steuern
  3. ❌ „Zwangsanleihen“ aus Rentenkassen sind frei erfunden
  4. ❌ Das 75 %-Modell funktioniert nur, wenn jede Steuer im gesamten Wirtschaftskreislauf dir persönlich angerechnet wird

„Ich zahle 300 % Steuern, weil mein Bäcker Gewerbesteuer und mein Supermarkt Strom zahlt.“

  1. Ein Politiker sagt eine überzogene Zahl.
  2. Ein Faktencheck widerlegt diese.
  3. Reaktionen zielen nicht auf den Inhalt, sondern auf den Überbringer.
  4. Die Falschbehauptung wird dennoch weiter verbreitet, verstärkt durch Empörung.

Wir stehen für sachliche, faktenbasierte Aufklärung.
Persönliche Angriffe ersetzen keine Argumente.

Dass wir in einem Video als „hochumstritten“, „typisch links“ und „falsch“ bezeichnet werden, halten wir für inakzeptabel, und für einen Versuch, legitime Kritik zu delegitimieren.

📌 Unser Anspruch bleibt:

✅ Transparenz
✅ Quellenbelege
✅ Respektvolle Kommunikation

Und nur weil etwas „gefühlte Wahrheit“ ist, wird es nicht richtiger.
Die 75 %-Steuerlast ist ein Mythos, kein Rechenmodell.
Wer sie weiterverbreitet, verbreitet Desinformation.


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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