Die Behauptung
In den sozialen Medien kursieren zwei Wetterkarten im ARD-Design. Die obere zeigt Temperaturen bis 36 Grad in dramatischen Rottönen und soll aus dem Jahr 2025 stammen. Die untere wirkt milder gefärbt, zeigt bis zu 37 Grad und wird als Karte von 1980 dargestellt.
Aufgestellt von: Social Media
Falsch
Falsch. Keine der beiden Wetterkarten ist korrekt datiert. Die obere Karte stammt nicht aus dem Jahr 2025, sondern aus dem Jahr 2019, und die untere Karte stammt nicht aus dem Jahr 1980, sondern wurde nachweislich im Jahr 2002 in der Tagesschau gesendet. Beide Bilder werden gezielt falsch zugeordnet, um ein Desinformationsnarrativ zu stützen.
Kurze Faktenübersicht:
Zur Stimmungsmache werden zwei vermeintlich kontrastierende Wetterkarten genutzt.
- Beide Karten stammen aus der ARD-„Tagesschau“, sind jedoch falsch datiert.
- Die obere Karte wurde im Jahr 2019 veröffentlicht, nicht im Jahr 2025.
- Die untere Karte stammt aus einer Nachrichtensendung vom 17. Juni 2002 und nicht, wie behauptet, aus dem Jahr 1980.
- Die Farbgestaltung von Wetterkarten variiert seit Jahrzehnten je nach Design, Jahreszeit und Kontext – nicht wegen „Klimahysterie“.
Irreführung durch Bildvergleiche: Wie mit falschen Jahreszahlen Stimmung gemacht wird
In den sozialen Netzwerken tauchen immer wieder Bildpaare von Wetterkarten auf. Sie sollen belegen, wie die Medien – allen voran die öffentlich-rechtlichen Sender – eine „Klima-Panik“ erzeugen. (Wir haben HIER darüber berichtet.) Besonders beliebt ist dabei der Kontrast: Links ist ein „nüchternes“ Bild von früher mit gemäßigten Farben zu sehen, rechts eine heutige Karte in glühendem Rot – oder umgekehrt. Der Subtext lautet: Früher war Sommer einfach Sommer, während heute aus jedem heißen Tag eine Katastrophe gemacht wird. Doch diese Bildvergleiche halten keiner kritischen Prüfung stand.
Die aktuell kursierende Kombination zeigt zwei Karten im Stil der ARD-„Tagesschau“. Die obere Karte mit Temperaturen von bis zu 36 °C ist in kräftigen Rot- und Dunkelrottönen gehalten und wird als Karte aus dem Jahr 2025 deklariert. Die untere Karte zeigt Temperaturen von bis zu 37 Grad in helleren Brauntönen und soll angeblich aus dem Jahr 1980 stammen. Die daraus konstruierte Aussage: Obwohl die Temperaturen früher sogar höher waren, wirkten die Darstellungen weniger dramatisch – heute hingegen würde das Design eine „Hitzepanik“ auslösen.
Doch diese Erzählung basiert auf einer glatten Lüge. Die Jahreszahlen stimmen nicht. Die obere Karte stammt nicht aus dem Jahr 2025, sondern wurde bereits 2019 vom ARD-„Faktenfinder“ verwendet – damals übrigens in einem Artikel, der sich genau mit denselben Vorwürfen beschäftigte. Das Bild wurde also schon vor sechs Jahren als Beispiel für eine angebliche „visuelle Übertreibung“ genutzt. Der Vorwurf war damals wie heute unbegründet.
Noch deutlicher wird der Schwindel bei der unteren Karte: Sie stammt nachweislich aus einer „Tagesschau“-Ausgabe vom 17. Juni 2002, was sich in der offiziellen Mediathek ab Minute 22:18 überprüfen lässt. Auch die Farbgestaltung ist nicht „neutral“, sondern enthält ebenfalls Rottöne. Von 1980 kann hier keine Rede sein – nicht nur wegen der Designmerkmale, sondern auch, weil Wetterkarten in dieser Form Anfang der 80er-Jahre schlicht noch nicht existierten.
Solche Fälschungen sind kein Versehen, sondern eine bewusste Manipulation. Wer diese Bilder verbreitet, will gezielt Zweifel an Medien, am Klimawandel und an der Wissenschaft säen. Es handelt sich um gezielte Desinformation.
Farbskalen, Design und Kontext: Warum Wetterkarten unterschiedlich aussehen
Die Darstellung von Wetterdaten – ob bei der ARD, beim ZDF oder bei privaten Anbietern – unterliegt seit jeher gestalterischen Entwicklungen. Farbskalen, Designs und Layouts ändern sich im Laufe der Zeit, wobei technische Neuerungen und gestalterische Anpassungen eine Rolle spielen. Das gilt auch für die verwendeten Farbtöne zur Visualisierung von Temperaturen. Es gibt keine einheitliche Norm für Wetterkartenfarben. Jede Redaktion, jeder Anbieter entscheidet selbst.
Besonders oft wird der Vorwurf erhoben, heutige Karten seien durch aggressive Rottöne „dramatischer“. Doch genau das ist ein Missverständnis – oder eine bewusste Verdrehung. Bereits im Jahr 1999 wurden bei der „Tagesschau” für sommerliche Temperaturen unter 30 °C rote Farbtöne verwendet. Ein Blick ins Archiv zeigt das. Auch Karten aus den 2000er-Jahren arbeiten regelmäßig mit Rottönen für heiße Tage.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Farbskalen je nach Jahreszeit variieren. Wie Silke Hansen vom ARD-Wetterkompetenzzentrum bereits 2021 erklärte, wird bei der Farbwahl berücksichtigt, ob es sich um Sommer oder Winter handelt. Im Januar gelten etwa 15 Grad als ungewöhnlich warm, daher werden solche Werte in warmen Farben dargestellt. Im Sommer dagegen sind 15 Grad kühl – sie erscheinen entsprechend in Blau- oder Grüntönen. Das Ziel ist nicht Panikmache, sondern intuitive Lesbarkeit: Die Farben sollen der gefühlten Temperatur entsprechen.
Hansen betont: „Wir haben nichts geändert, das machen wir seit mehr als 20 Jahren so.“ Diese Praxis ist kein Indiz für mediale Übertreibung, sondern Standard. Wer die Entwicklung der Wettergrafiken als „Beweis” für angebliche Klima-Inszenierungen heranzieht, ignoriert den Kontext systematisch.
Vorsätzliche Falschdarstellung: Wie Karten instrumentalisiert werden
Die beiden falsch datierten Karten sind nicht einfach nur ungenau oder missverständlich, sondern Teil einer gezielten Strategie. Seit Jahren kursieren immer wieder solche Bilderpaare, oft leicht verändert und mit neuen Jahren versehen, aber mit immer derselben Aussage: „Früher war alles entspannter.“ Dieser Vergleich soll eine Botschaft transportieren. Die Medien übertreiben. Die Klimakrise sei eine Erfindung. Und: Man dürfe den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht trauen.
Das Problem dabei ist, dass solche Falschdarstellungen wirken. Wer diese Bilder ohne Kontext sieht, wird leicht verunsichert. Der direkte Vergleich wirkt emotional. Die rote Karte erscheint „schlimmer“. Die alte Karte wirkt dagegen „normal“. Das ist Manipulation – allerdings nicht durch die ARD, sondern durch diejenigen, die solche Vergleiche erstellen und verbreiten.
Ein besonders zynisches Detail ist, dass die vermeintlich „heutige“ Karte gar nicht aus dem Jahr 2025 stammt, sondern bereits im Jahr 2019 als Beispiel für dieselbe Desinformationsstrategie diente. Die Desinformationsakteure recyceln also gezielt Inhalte, fälschen Zeitangaben und hoffen, dass niemand genau hinschaut. Das ist kein Zufall. Das ist gezielte Irreführung.
Und es funktioniert: In einschlägigen Telegram-Gruppen, auf Facebook-Seiten und in Kommentaren unter Wetterberichten werden diese Karten immer wieder als „Beweis“ gepostet. Nicht, weil sie wahr sind, sondern weil sie sich gut emotional instrumentalisieren lassen.
Datenlage und wissenschaftlicher Kontext: Die Klimaerwärmung braucht keine übertriebenen Farben.
Die Faktenlage ist eindeutig und muss nicht durch dramatische Farbverläufe unterstützt werden, um verstanden zu werden. Das Klima in Europa verändert sich messbar, spürbar und belegbar. Laut dem europäischen Erdbeobachtungsprogramm Copernicus ist Europa der sich am schnellsten erwärmende Kontinent weltweit. Hitzerekorde, Dürreperioden und Tropennächte sind dokumentiert.
Auch Deutschland bleibt davon nicht verschont: Das Jahr 2024 war laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Zahl der sogenannten „heißen Tage“, also Tage mit über 30 Grad Celsius, hat in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen. Laut DWD ist die Anzahl dieser Tage in einigen Regionen Deutschlands seit den 1950er-Jahren um das Vier- bis Fünffache gestiegen.
Dafür braucht es keine übertriebene Farbskala. Ein Blick auf die Statistiken genügt. Die Klimakrise ist keine Farborgie – sie ist Realität. Wer das leugnet oder die Diskussion durch gefälschte Bildvergleiche untergräbt, spielt mit der Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse. Und das kann gefährlich werden. Denn verharmloste Risiken führen zu verpassten Reaktionsmöglichkeiten. Und das kostet Leben.
Häufige Fragen zur Falschbehauptung mit den Temperaturkarten (FAQ)
Warum wird behauptet, die Farbskalen seien heute dramatischer?
Das ist ein häufig genutztes Narrativ, um Medien unglaubwürdig zu machen. Tatsächlich werden Rottöne bereits seit Jahrzehnten verwendet – die Designwahl variiert je nach Jahreszeit, Medium und Darstellung. Es handelt sich nicht um eine neue, dramatisierende Praxis.
Ist es möglich, dass die ARD bewusst manipuliert?
Nein, die ARD folgt journalistischen Standards. Dasselbe gilt für das Wetterkompetenzzentrum. Die Vorwürfe stützen sich nicht auf überprüfbare Belege, sondern auf manipulierte Bildvergleiche. Wer das Gegenteil behauptet, ignoriert die Faktenlage.
Warum wurden hier falsche Jahreszahlen verwendet?
Diese Falschzuordnungen dienen einem Ziel: Zweifel säen. Wer diese Bilder manipuliert, will die Klimakrise relativieren und die Medien diskreditieren. Es handelt sich um gezielte Desinformation, nicht um einen Irrtum.
Gibt es eine einheitliche Farbskala für Wetterkarten?
Nein, jeder Sender entscheidet eigenständig über Farbskalen. Es gibt keine gesetzlich oder wissenschaftlich festgelegte Farbverpflichtung. Wichtig ist die Lesbarkeit im jeweiligen Kontext, nicht die Gleichheit über Jahrzehnte hinweg.
Wie kann ich solche Fakes erkennen?
Achten Sie immer auf Quellen und Datierungen. Oft hilft eine umgekehrte Bildersuche oder ein Blick in offizielle Mediatheken. Bei Zweifeln sollten unabhängige Faktenprüfer wie der ARD-Faktenfinder oder Mimikama konsultiert werden.
Zum Schluss noch einmal Klartext: Farbverläufe lügen nicht, Menschen aber schon.
Zwei Karten, zwei Jahreszahlen, ein klarer Plan: Desinformation. Es geht nicht um Meteorologie, sondern um Manipulation. Wer behauptet, Wetterkarten seien heute „dramatischer“, um Panik zu erzeugen, ignoriert nicht nur die gestalterische Entwicklung der letzten Jahrzehnte – er oder sie spielt auch mit der Wahrheit. Und das in einer Zeit, in der die Realität des Klimawandels faktenbasierte Diskussionen dringend braucht.
Lass dich nicht täuschen! Diese Karten sind nicht der Beweis für „Klimahysterie“, sondern für gezielte Desinformation.
Quelle: DPA
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