Die neue Gewalt der Wetter-Verschwörer > Wetterradar als Kriegswaffe?
Die Flutkatastrophe in Texas hat über 100 Menschenleben gekostet. Doch während Rettungskräfte um Leben kämpfen, behaupten Verschwörungstheoretiker: Die Natur war es nicht. Stattdessen sei ein „Wetterkrieg“ im Gange – gesteuert von Regierungen, Konzernen oder Medien, mithilfe von „Wetterwaffen“ und „Geoengineering“. Diese Behauptungen verbreiten sich nicht nur in obskuren Telegram-Gruppen, sondern auch über einflussreiche republikanische Politiker und bekannte rechte Influencer.
Ein besonders drastisches Beispiel: Michael Meyer, auch bekannt als Lewis Arthur und Gründer der militanten Gruppe „Veterans on Patrol“, sprach offen davon, dass ein „Wetterwaffenangriff“ auf Texas verübt worden sei. In einem Telegram-Post machte er sogar das Militär für „Kindermorde“ verantwortlich.
“Due to the recent weather weapon deployed against Texas, which resulted in a high number of child murders, efforts to eliminate this military treason are being escalated”
Es blieb nicht bei Worten: Wenige Stunden nach diesem Aufruf wurde in Oklahoma ein Wetterradarsystem sabotiert. Ein Unbekannter zerstörte Stromversorgung und Überwachungskameras – laut Polizei kein Einzelfall. Meyer selbst sprach von weiteren geplanten Angriffen auf sogenannte „NEXRAD“-Radare, die Wetterdaten sammeln.
Solche Radaranlagen sind zentrale Werkzeuge der US-Wetterbehörden. Sie liefern Echtzeitinformationen zu Regen, Wind, Sturm und Tornados. Doch laut Meyer sind sie „Instrumente der Lüge“ und müssten zerstört werden. Er ruft gezielt zu Sabotageakten auf. Und findet Gehör: In sozialen Netzwerken solidarisieren sich rechte Gruppen mit der Aktion, sprechen von „Medienpropaganda“ und „staatlich gefälschten Wetterdaten“.
Wie aus falschen Behauptungen reale Bedrohungen werden
Die Flut in Texas war real. Und tödlich. Meteorologen sprechen von einem historischen Unwetter, ausgelöst durch massive Niederschläge innerhalb weniger Stunden. Ganze Gemeinden entlang des Guadalupe River wurden überflutet. Doch während Experten analysieren, tobt online ein anderer Sturm – ein Sturm aus Lügen, Hass und gefährlicher Desinformation.
Ein zentrales Ziel der Wut: das Startup „Rainmaker“, das sich auf Cloud Seeding spezialisiert hat – eine Technik zur Regenverstärkung, bei der Silberiodid oder Trockeneis in Wolken eingebracht werden. Augustus Doricko, der Gründer, wird offen bedroht. Laut eigenen Angaben erhielt er über 100 explizite Morddrohungen per E-Mail oder auf X, dazu unzählige Aufforderungen zu seiner Verhaftung. Der Grund: Rainmaker habe angeblich durch „Wettermanipulation“ die Flut ausgelöst.
Diese Behauptung ist falsch. Doricko erklärte, dass sein Unternehmen kurz vor der Flut in einer ganz anderen Region Texass tätig war – 120 Meilen entfernt, bei Runge. Die Operation wurde zudem wegen zu hoher Feuchtigkeit vorzeitig abgebrochen, wie es die staatlichen Regularien verlangen. Trotzdem wurde Rainmaker zur Zielscheibe, angeheizt durch Posts rechter Influencer und Politiker. Ex-General Michael Flynn beschimpfte Kritiker der Verschwörungstheorie unverhohlen: „Wer das als Verschwörung abtut, kann mich mal.“
Auch Politiker wie Marjorie Taylor Greene schüren gezielt Ängste. Sie kündigte ein Gesetz gegen „Wettermodifikation“ an – ein Thema, das längst in der rechtsextremen Szene kursiert. Dabei beruft sie sich auf ein Gesetz aus Florida, das Cloud Seeding sogar unter Strafe stellt.
Die Folge: Eine legitime Umwelttechnik wird dämonisiert. Und Menschen, die damit arbeiten, werden zur Zielscheibe.
Die Wahrheit: Naturkatastrophe statt Hightech-Angriff
Was wirklich geschah, lässt sich klar nachzeichnen. Schon Tage vor der Flut warnte der US-Wetterdienst vor schweren Niederschlägen. Verantwortlich: Tropensturm Barry, der über Mexiko hinweg zog und enorme Feuchtigkeit nach Texas brachte. Als sich diese mit lokalen Wetterbedingungen kombinierte, kam es zu einer extremen Wetterlage – ein Naturphänomen, das zwar selten ist, aber erklärbar.
Mehrere Meteorologen bestätigen unabhängig voneinander: Cloud Seeding kann niemals solche Katastrophen auslösen. Matt Lanza, Wetterexperte aus Houston, sagt: „Cloud Seeding ist wie Zuckerguss auf einem Kuchen. Es verstärkt bestenfalls leichten Regen in trockenen Gebieten. Es erzeugt keine Unwetter.“ Die Vorstellung, man könne Regenstürme künstlich erschaffen, sei wissenschaftlich unhaltbar.
Auch die NOAA, die US-Behörde für Ozeanografie und Wetter, weist die Vorwürfe zurück. Die Radarsysteme, die derzeit Ziel von Sabotageakten sind, sind essenziell für die öffentliche Sicherheit. Sie helfen dabei, Unwetter frühzeitig zu erkennen und Warnungen auszugeben. Ihre Zerstörung bringt Leben in Gefahr – besonders in einem Katastrophengebiet wie Texas.
Doch diese Fakten werden gezielt ignoriert. Stattdessen setzen rechte Akteure auf Misstrauen, Angst und Schuldzuweisungen. Wer die Realität anerkennt, wird als „Teil des Systems“ diffamiert. Wissenschaft, Medien, selbst Rettungsdienste – alle werden in eine gigantische Verschwörung verwickelt. Das ist nicht nur absurd. Es ist brandgefährlich.
Gewalt, Drohungen, Misstrauen: Die realen Folgen der Lüge
Die Spirale aus Desinformation hat längst reale Konsequenzen. Es bleibt nicht bei Online-Kommentaren. Es geht um Sabotageakte, Bedrohungen, Radikalisierung. Die Täter fühlen sich im Recht – angefeuert von Politikern, Influencern und Verschwörungspredigern. Sie sehen sich als „Widerstandskämpfer gegen die Wetterlüge“.
Die Polizei in Oklahoma City ermittelt wegen des Angriffs auf die Radaranlage. Doch Festnahmen gab es bislang keine. Die Täter werden in den Gruppen als „Helden“ gefeiert. Gruppen wie „Veterans on Patrol“ behaupten offen, sie planten weitere Aktionen. Ihre Sprache ist eindeutig militant. Es geht um „Operation Lone Wolf“, um „Zielerfassung“, um „Feindbekämpfung“.
Parallel dazu werden Menschen wie Augustus Doricko persönlich angegriffen. Sein Bild kursiert in einschlägigen Gruppen, begleitet von Hetze und Lügen.
Die Tatsache, dass er einst ein Thiel-Stipendium erhielt und mit Bill Clinton fotografiert wurde, wird zum „Beweis“ für dunkle Verbindungen. Das Ziel: seine öffentliche Diskreditierung.
Meteorologen, Behörden, selbst Journalistinnen und Journalisten berichten von massiven Bedrohungen. Die Grenze zwischen Meinung und Gewalt verschwimmt. Wer öffentlich widerspricht, wird zur Zielscheibe. Die eigentliche Katastrophe wird missbraucht, um politische Narrative durchzudrücken. Und das kostet Vertrauen – und möglicherweise Leben.
Fazit: Wenn Lügen töten können
Die Flut in Texas war eine Naturkatastrophe. Doch was danach kam, war eine von Menschen gemachte Krise: eine Welle aus Desinformation, Hass und Gewalt. Die absurde Theorie vom „Wetterkrieg“ dient nicht der Wahrheit, sondern der Radikalisierung. Sie zerstört Vertrauen in Wissenschaft, Institutionen und Rettungssysteme. Und sie bedroht reale Menschen.
Cloud Seeding ist keine Verschwörung, sondern eine seit Jahrzehnten bekannte Technik und der Wunsch, Regen zu erschaffen. Dies ist jedoch nicht so möglich, wie es in Verschwörungstheorien gern dargestellt wird. NEXRAD-Radare sind keine Waffen, sondern Schutzmechanismen. Doch wer das nicht glaubt, wird von einflussreichen Figuren in die Irre geführt – mit dem Ziel, Chaos zu stiften.
Diese Entwicklung ist gefährlich. Sie untergräbt die öffentliche Sicherheit. Sie kriminalisiert Wissenschaft. Und sie legitimiert Gewalt. Wer das ignoriert, riskiert weit mehr als nur Falschinformationen. Er riskiert Menschenleben.
Quelle: Wired
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