Für diesen Artikel haben wir uns bei Mimikama durch rund 80 Seiten Studienmaterial gearbeitet. Dabei stützen wir uns auf zwei zentrale Untersuchungen:
- die große NBER-Studie („How People Are Using ChatGPT“, September 2025), 63 Seiten stark, die auf 1,1 Millionen anonymisierten Chatverläufen basiert und zeigt, wie Menschen ChatGPT im Alltag tatsächlich nutzen, und
- den aktuellen NewsGuard-Report (September 2025) mit 17 Seiten, der untersucht, wie häufig KI-Modelle – darunter auch ChatGPT – Falschinformationen zu aktuellen Nachrichten wiederholen.
Indem wir beide Ergebnisse nebeneinanderlegen, entsteht ein klares Bild: ChatGPT wächst rasant, prägt längst Alltag wie Arbeit – und gleichzeitig steigt die Gefahr systematischer Fehlinformation.
Rasanter Aufstieg: ChatGPT bricht alle Rekorde
In weniger als drei Jahren ist ChatGPT zu einem globalen Massenphänomen geworden. Laut einer NBER-Studie nutzten im Juli 2025 über 700 Millionen Menschen den Chatbot jede Woche, das entspricht rund zehn Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung.
Täglich wurden 2,5 Milliarden Nachrichten verschickt, also 29.000 pro Sekunde. Das Tempo der Verbreitung ist beispiellos.
Besonders bemerkenswert: Das Wachstum ist in ärmeren Ländern am stärksten. Anfangs dominierten männliche Nutzer, doch inzwischen sind Frauen sogar leicht in der Überzahl. Fast die Hälfte aller Konversationen stammt von Nutzerinnen und Nutzern unter 26 Jahren.
Diese Zahlen zeigen: ChatGPT ist nicht nur ein Tool der Elite, sondern längst fester Bestandteil globaler Alltagskultur.
Das Wachstum in Zahlen
Eine Grafik der NBER-Studie verdeutlicht die Dynamik:
- Anfang 2023 nutzten weniger als 50 Millionen Menschen ChatGPT pro Woche.
- Ein Jahr später waren es knapp 100 Millionen.
- Ab Herbst 2024 begann die Kurve steil anzusteigen – auf rund 240 Millionen wöchentliche Nutzer.
- Anfang 2025 überschritt der Dienst die 400-Millionen-Marke und erreichte im Sommer desselben Jahres fast 800 Millionen.
Damit hat ChatGPT innerhalb von weniger als drei Jahren eine Verbreitung erreicht, die klassische Internetplattformen erst nach Jahrzehnten schafften. Dieses Wachstum zeigt, wie rasant sich generative KI im Alltag durchgesetzt hat.
Wie Menschen ChatGPT wirklich nutzen
1. Nutzer:innen suchen Informationen 🔍
Immer mehr verwenden ChatGPT wie eine Suchmaschine für aktuelle Themen.
(Anteil aller Konversationen, NBER 2025)
2. Antwortgarantie 🤖
Früher schwieg die KI in 31 % der Fälle. Heute: 0 %. Nutzer:innen bekommen garantiert eine Antwort.
(Non-Responses 2025, zuvor 31 % im Jahr 2024)
3. Quellenlage 🌐
Die Antworten stammen auch aus Desinformationsnetzwerken.
⚠️ Fake-Artikel aus „Storm-1516“ oder „Pravda“ landen direkt in den Antworten.
4. Die Folge 🚨
Verpackte Lügen wirken wie Fakten.
(Fehlerquote bei ChatGPT laut NewsGuard 2025)
Die Studie zeigt, dass knapp 80 Prozent aller Konversationen in drei Kategorien fallen:
- praktische Anleitungen,
- Informationssuche und
- Schreiben.
Während praktische Anleitungen und Informationssuche vor allem alltägliche Fragen abdecken, ist Schreiben die dominierende Arbeitsanwendung, insbesondere beim Überarbeiten, Zusammenfassen und Erstellen von Texten.
Programmierung und technische Hilfe machen zusammen rund fünf Prozent der Nutzung aus. Persönliche Gespräche, Selbstdarstellung oder emotionale Reflexion liegen im niedrigen einstelligen Bereich (etwa fünf Prozent), sind also eine Randerscheinung.
Auffällig ist auch die Verschiebung: Nicht-arbeitsbezogene Nutzung wuchs von 53 auf 73 Prozent innerhalb eines Jahres.
ChatGPT dient also zunehmend Freizeit, Lernen und Alltag, weniger dem Job. Besonders wertvoll wird das Tool, wenn es Entscheidungshilfe bietet – hier entstehen die größten Produktivitätsgewinne in wissensintensiven Berufen.
Eine detaillierte Auswertung zeigt, dass sich die Nutzungsschwerpunkte im Laufe von 2024/25 deutlich verschoben haben.
- Schreiben (Writing) – lange Zeit die dominierende Anwendung – sank von über 35 % auf 23,9 %.
- Gleichzeitig stieg die Informationssuche (Seeking Information) stark an und liegt mit 24,4 % fast gleichauf.
- Praktische Anleitungen (Practical Guidance) behaupten sich stabil als größte Kategorie mit rund 28,8 %.
- Auffällig ist außerdem der deutliche Zuwachs im Bereich Multimedia auf 7,3 %, bedingt durch die Einführung neuer Bildfunktionen im Frühjahr 2025.
- Kleinere, aber konstante Anteile entfallen auf Selbstdarstellung und persönliche Reflexion (Self-Expression, 5,3 %), technische Hilfe (Technical Help, 5,1 %) und sonstige Themen (Other/Unknown, 5,2 %).
Gerade dieser Anstieg bei der Informationssuche macht uns bei Mimikama besonders hellhörig. Immer mehr Menschen nutzen ChatGPT nicht nur zum Schreiben, sondern gezielt, um sich über aktuelle Themen zu informieren.
Genau da liegt die Gefahr: Wenn ein System, das als neutraler Helfer wahrgenommen wird, in bis zu 40 Prozent der Fälle Falschinformationen ausspuckt, dann ist das ein direkter Angriff auf Aufklärung und Faktenarbeit.
Was früher über dubiose Webseiten lief, landet jetzt mitten im Alltag der Nutzer – verpackt als scheinbar verlässliche Antwort.
Für uns beim Mimikama bedeutet das: Wir stehen vor einer noch größeren Herausforderung, weil sich Desinformation nicht mehr nur über Social Media verbreitet, sondern direkt über die Tools, denen die Menschen ihr Vertrauen schenken. Wer hier nicht kritisch bleibt, läuft Gefahr, manipuliert zu werden, ohne es überhaupt zu merken.
Das strukturelle Problem mit der Wahrheit
Parallel dazu legt eine Studie von NewsGuard eine düstere Schwachstelle offen: Die zehn führenden KI-Modelle wiederholen in 35 Prozent der Fälle falsche Informationen zu aktuellen Nachrichten – fast doppelt so oft wie im Vorjahr (18 Prozent).
ChatGPT liegt mit 40 Prozent im oberen Bereich. Der Grund ist ein gefährlicher Kompromiss: Statt häufiger zu schweigen, wie noch 2024, liefern die Systeme inzwischen nahezu immer eine Antwort – und übernehmen dabei auch Inhalte aus Desinformationsnetzwerken.
Russische Propagandaoperationen wie „Storm-1516“ oder das „Pravda“-Netzwerk fluten das Netz mit Fake-Artikeln und Social-Media-Posts, die von den Chatbots unkritisch aufgegriffen werden.
Das Ergebnis: Lügen wirken wie Fakten, verpackt in vertrauenswürdige Antworten.
Wer besonders versagt – und wer heraussticht
Die Detailzahlen der NewsGuard-Analyse entlarven gravierende Unterschiede zwischen den einzelnen Chatbots. Während die Branche insgesamt anfälliger für Desinformation geworden ist, stechen manche Modelle als Ausreißer hervor:
- Inflection liegt mit seinem Chatbot Pi bei fast 57 Prozent Falschinformationen im August 2025 – ein katastrophaler Anstieg gegenüber 20 Prozent im Vorjahr.
- Perplexity stieg von 0 Prozent im August 2024 auf fast 47 Prozent ein Jahr später.
- Auch Microsofts Copilot und Metas Modell verdreifachten ihre Fehlerquoten auf jeweils 36 bis 40 Prozent.
- ChatGPT selbst liegt mit 40 Prozent ebenfalls deutlich im oberen Bereich.
- Claude von Anthropic bleibt mit konstant rund zehn Prozent die Ausnahme.
- Google Gemini verschlechterte sich zwar, bleibt mit 16,7 Prozent aber im Mittelfeld.
Diese Unterschiede zeigen: Es handelt sich nicht nur um ein allgemeines Problem, sondern um konkrete Schwächen einzelner Anbieter.
Fakt ist: Wer den falschen Chatbot nutzt, läuft deutlich stärker Gefahr, mit Fake News konfrontiert zu werden.
Zahlen, die alarmieren
18% > 35%
Die Fehlerquote der führenden Chatbots hat sich verschoben, aber nicht verbessert. Im August 2024 wiederholten sie in 18 Prozent der Fälle Falschinformationen, ein Jahr später schon in 35 Prozent.
31% > 0%
Gleichzeitig gaben sie 2025 nie mehr keine Antwort, während sie 2024 noch in 31 Prozent der Fälle schwiegen. Auf den ersten Blick wirkt das positiv, doch in Wahrheit ist es brandgefährlich: Heute bekommt man garantiert eine Antwort, aber viel häufiger eine Falsche.
51% > 65%
Zwar stieg die Zahl der entlarvten Lügen von 51 auf 65 Prozent, doch das reicht nicht aus, um die Wucht der Desinformation abzufangen.
49% > 35%
Insgesamt sank die sogenannte „Fail Rate“ zwar von 49 auf 35 Prozent, doch dieser scheinbare Fortschritt ist trügerisch. Denn er basiert darauf, dass das vorsichtige Schweigen abgeschafft wurde. Die Systeme wirken dadurch zuverlässiger, verbreiten aber in Wahrheit systematisch mehr Propaganda und Fake News.
Folgen für Demokratie und Vertrauen
Die NewsGuard-Audits zeigen, dass sechs von zehn Chatbots eine erfundene Aussage über Moldovas Parlamentspräsidenten Igor Grosu wiederholten – eine gezielt gestreute Falschinformation zur Destabilisierung von Wahlen. Auch Falschmeldungen über die Ukraine und Frankreich wurden übernommen.
Hinzu kommt: Während die Non-Response-Rate von 31 Prozent im Vorjahr auf null fiel, verdoppelte sich gleichzeitig die Wiederholung von Falschinformationen.
Das Ergebnis: Nutzer erhalten inzwischen zwar immer eine Antwort, doch ein erheblicher Teil davon ist schlicht falsch. Damit wird das Vertrauen in Nachrichten geschwächt, Propaganda verstärkt und die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit verwischt.
FAQ: ChatGPT-Nutzung und Risiken
Wie viele Menschen nutzen ChatGPT?
Laut einer NBER-Studie (September 2025) nutzten im Juli 2025 über 700 Millionen Menschen ChatGPT jede Woche. Das entspricht etwa zehn Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung.
Wofür wird ChatGPT am häufigsten genutzt?
Knapp 80 Prozent aller Konversationen entfallen laut Studie auf drei Kategorien: praktische Anleitungen, Informationssuche und Schreiben.
Wie hat sich die Nutzung von ChatGPT verändert?
Zwischen 2024 und 2025 sank der Anteil der Schreibaufgaben von 35 auf 23,9 Prozent, während die Informationssuche auf 24,4 Prozent stieg. Praktische Anleitungen blieben mit 28,8 Prozent die größte Kategorie.
Wie viele falsche Informationen geben KI-Modelle wieder?
Eine NewsGuard-Analyse (September 2025) zeigt: Die zehn führenden KI-Chatbots wiederholen in 35 Prozent der Fälle falsche Informationen zu aktuellen Nachrichten – fast doppelt so viel wie im Vorjahr.
Wie oft liegt ChatGPT falsch?
ChatGPT selbst wiederholt in 40 Prozent der Fälle Falschinformationen, wenn es um aktuelle Nachrichten geht. Besonders problematisch ist, dass die KI seit 2025 fast nie mehr schweigt, sondern immer eine Antwort gibt – auch wenn sie falsch ist.
Welches KI-Modell schneidet am besten ab?
Laut NewsGuard bleibt Claude von Anthropic mit einer Fehlerquote von rund zehn Prozent die positive Ausnahme.
Welches KI-Modell schneidet am schlechtesten ab?
Inflections Chatbot „Pi“ wiederholte im August 2025 in fast 57 Prozent der Fälle Falschinformationen – mehr als jedes andere getestete Modell.
Fazit: Nutzen ja, blindes Vertrauen nein
Die Studien zeigen zwei Seiten derselben Medaille. Einerseits wächst ChatGPT unaufhaltsam und wird zu einem Werkzeug, das Schreiben, Lernen und Entscheiden erleichtert. Andererseits zeigt die NewsGuard-Analyse: Genau diese Allgegenwärtigkeit macht den Chatbot anfällig für Missbrauch durch Desinformationskampagnen.
Wer ChatGPT nutzt, darf sich nicht täuschen lassen: Die Technik liefert wertvolle Hilfe, aber keine Garantie auf Wahrheit. Kritisches Prüfen bleibt Pflicht. Denn wer Antworten blind vertraut, riskiert, Propaganda für Fakten zu halten.
Quellen:
- Deming, D., OpenAI Economic Research Team. (2025). How People Are Using ChatGPT (NBER Working Paper No. 34255). National Bureau of Economic Research.
https://www.nber.org/system/files/working_papers/w34255/w34255.pdf - NewsGuard. (2025, September). AI False Claims Monitor – One Year Progress Report.
https://www.newsguardtech.com/wp-content/uploads/2025/09/August-2025-One-Year-Progress-Report-3.pdf - OpenAI. (2025). How People Are Using ChatGPT – Economic Research Findings.
https://openai.com/research/how-people-are-using-chatgpt
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