Desinformation verschiebt sich: Themenverteilung zeigt neue Schwerpunkte
Vorab ein Blick auf die Entwicklung: Eine Auswertung der European Digital Media Observatory (EDMO) zeigt, wie sich die Themenfelder von Falschmeldungen zwischen Januar 2024 und August 2025 verschoben haben. Die Grafik dokumentiert eindrücklich, welche Narrative die digitale Öffentlichkeit in Europa dominieren.
Was die Grafik zeigt:
- Zeitraum: Januar 2024 – August 2025
- Erfasste Themen: COVID-19 (weiß), Europäische Union (blau), Israel-Hamas-Konflikt (türkis), LGBTQ+ (pink), Ukraine (gelbgrün), Klimawandel (gelb), Migration (orange)
Wichtige Erkenntnisse:
- Klimawandel (gelb): Spitzenwert im April 2025 mit knapp 15 %, auch im August 2025 mit 9 % das häufigste Desinformationsziel.
- Ukraine (gelbgrün): Ab März 2025 starke Wellenbewegung, viele Falschmeldungen über Kriegslage und NATO-Strategien.
- Europäische Union (blau): Konstant relevant, mit Peaks im Mai 2024, Januar und August 2025.
- Migration und LGBTQ+ (orange & pink): Rückgang ab Mitte 2025, aktuell unter 5 %.
- COVID-19 (weiß): Abwärtstrend, von über 40 % Anfang 2024 auf unter 5 % im August 2025.
👉 Diese Kurven machen sichtbar: Desinformationskampagnen folgen politischen Strömungen. Sie verlagern sich gezielt – weg von Pandemie, hin zu Klima, Krieg und EU-Kritik.
Trump, Putin und die KI-Inszenierung: Der Sommer als Bühne für Desinformation
Der August 2025 war ein idealer Katalysator für gezielte Desinformation: Hitze, Gipfeltreffen, politische Unsicherheit. Das bekannteste Beispiel: Ein KI-generiertes Bild, das europäische Staatschefs im Korridor des Weißen Hauses zeigt – angeblich wartend auf ein Treffen mit Donald Trump. Die Szene war komplett erfunden, aber massiv verbreitet.
Diese Inszenierung diente einem klaren Zweck: Europa herabsetzen, die eigene Ohnmacht zur Schau stellen und Trump als starke Führungsperson inszenieren. Begleitet wurde das Bild von einem gefälschten Video, in dem Rumäniens Premierminister angeblich den Kriegseintritt verkündet. Ähnlich gelagert: Meldungen über moldawische Soldaten, die „auf fremden Schlachtfeldern“ sterben. Das alles ist keine Spielerei, sondern gezielte Destabilisierung. Und sie folgt einem Muster: Vertrauen zerstören, Zweifel säen, Allianzen schwächen.
Wer solche Inhalte teilt, wird zum Sprachrohr geopolitischer Manipulation. Vor allem Russland profitiert davon. Denn diese Narrative spalten – und das mit voller Absicht.
KI-Desinformation im Höhenflug: Jede zehnte Falschmeldung aus der Maschine
Die Rolle von Künstlicher Intelligenz in der Verbreitung von Falschmeldungen hat einen neuen Höchststand erreicht: Laut EDMO waren im August 2025 10 % aller überprüften Fakes KI-generiert.
Was die zweite Grafik zeigt:
- Zeitraum: März 2023 bis August 2025
- Inhalt: Anteil KI-generierter Desinformation in % der Gesamtzahl
- Entwicklung: Ab Frühjahr 2024 wachsend, ab April 2025 Sprung auf stabile 10 %
Wichtige Punkte:
- Stetiger Anstieg: KI ist kein Nischenphänomen mehr, sondern systematisch im Einsatz.
- Gefahr durch Täuschung: Deepfakes, erfundene Zitate, Fake-Videos – schwer zu erkennen, noch schwerer zu stoppen.
- Chatbots als Desinformationsverstärker: Nutzer:innen verlassen sich auf KI zur Überprüfung – und werden getäuscht.
👉 KI ist längst Teil der digitalen Waffe. Wer sich darauf verlässt, läuft Gefahr, selbst zur Quelle von Lügen zu werden.
Wie Desinformation Klima, Krieg und EU ins Visier nimmt
Die drei dominierenden Themen im August waren: Klimawandel (9 %), Ukraine (7 %), EU (6 %). Diese Themen werden nicht zufällig gewählt – sie emotionalisieren, polarisieren und schwächen das Vertrauen in Institutionen.
Besonders auffällig:
- Die Ukraine wurde Ziel einer Erzählung, laut der Präsident Zelensky Odessa an Italien verkauft haben soll.
- Ein anderes Narrativ behauptete, ukrainische Jets nutzten estnischen Luftraum für Angriffe.
- Die EU wurde zur „digitalen Diktatur“ erklärt oder mit LGBTQ+-„Umerziehung“ in Verbindung gebracht.
Solche Geschichten sind keine Meinungen, sondern strategische Fakes. Sie zielen auf Polarisierung. Wer sie teilt, verstärkt die Angriffe auf die demokratische Debatte. Wer sie ignoriert, lässt sie wirken.
Reaktionen, Risiken, Realitäten: Was im August wirklich viral war
Welche Fakes im August am weitesten verbreitet waren, zeigt eine weitere Analyse von EDMO. Vier besonders virale Geschichten dominierten europaweit – und zwar länderübergreifend:
Top 4 Falschmeldungen laut EDMO-Karte:
- KI-Bild: EU-Staatschefs warten gedemütigt auf Trump (■)
- Gaza-Fotos: Echte Bilder von palästinensischen Opfern als „Fake“ deklariert (●)
- Sport-Genetik: Die algerische Boxerin Imane Khelif angeblich wegen Gen-Tests zurückgetreten (▲)
- Klimawandel-Leugnung: „Schmelze der Arktis gestoppt – Klimawandel ist Lüge“ (◆)
Diese Falschmeldungen waren nicht nur digital sichtbar, sondern hatten reale Wirkung:
- In Spanien schürte eine Fake-Story über Brandstiftung durch einen Ausländer offene Feindseligkeit.
- In Litauen wurde die Ukraine für Starkregen verantwortlich gemacht.
- In Portugal und Griechenland wurde Russland als Feuerwehr-Retter inszeniert – obwohl nie Hilfe angeboten wurde.
Solche Manipulationen schaffen Feindbilder, spalten Gesellschaften und untergraben Fakten. Wer das als Internet-Phänomen abtut, verkennt die politische Sprengkraft.
Fazit: Die Lüge wird zur Waffe. Wenn wir sie lassen!
Der EDMO-Bericht macht klar: Desinformation ist kein Nebenprodukt, sondern ein strategisch eingesetztes Werkzeug. Besonders im August 2025 wurde deutlich, wie KI, Kriegserzählungen und Klimafakes zusammenspielen, um Europas Öffentlichkeit zu destabilisieren. Die Lügen kommen nicht von selbst. Sie werden konstruiert, verbreitet und geglaubt – von Akteuren, die davon profitieren, und von Bürger:innen, die es zulassen.
Unsere Antwort muss sein: Aufklären. Prüfen. Widersprechen.
Denn Desinformation wirkt – wenn wir sie lassen.
Quelle: Trump’s diplomacy and summer weather catalyse disinformation in August – Monthly brief no. 51 (PDF) | EDMO fact-checking network
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