Die Behauptung
In sozialen Medien, Onlineshops und Technikartikeln taucht immer wieder die Behauptung auf, Smartwatches könnten den Blutzucker direkt am Handgelenk messen. Einzelne neue Modelle werden zudem so beschrieben, als könnten sie Blutzuckerschwankungen ohne Hautstich erkennen.
Aufgestellt von: Unbekannt
Faktencheck: Falsch
Aktuell gibt es keine allgemein verfügbare Smartwatch, die den Blutzucker eigenständig, nicht invasiv und medizinisch verlässlich messen.
Was es bereits gibt, ist etwas anderes: Uhren und Ringe können Glukosedaten aus CGM-Systemen anzeigen, einzelne Geräte versprechen eine Risikoeinschätzung, und unseriöse Anbieter werben sogar mit Funktionen, die nur simuliert werden.
Kurz erklärt
Smartwatches können heute viele Körperdaten erfassen. Beim Blutzucker gelingt eine verlässliche Messung ohne Hautdurchdringung aber weiterhin nicht im Alltagseinsatz. Die US-Arzneimittelbehörde FDA warnte 2024 ausdrücklich vor Smartwatches und Smart Rings, die so etwas behaupten. Die Bundesnetzagentur gab eine entsprechende Warnung Anfang 2026 aus. Problematisch werden derartige „Verkaufsargumente“ vor allem dann, wenn Menschen solche Anzeigen für Therapieentscheidungen nutzen.
Auf Produktbildern sieht es oft eindeutig aus. Eine Uhr zeigt Kurven, Zahlen und farbige Warnzonen. Der Eindruck ist klar: Das Gerät misst medizinisch relevante Werte. Genau dieser Eindruck ist meist das Problem.
Denn beim Thema Glukose werden sehr unterschiedliche Funktionen vermischt. Wer nicht genau hinschaut, verwechselt Anzeige, Schätzung und echte Messung.
Anzeige, Risiko, Messung
„Blutzucker auf der Uhr“ ist heute durchaus möglich. Gemeint ist damit aber meist nicht, dass die Uhr selbst misst.
Apple, Garmin, Oura oder Ultrahuman bringen Glukosedaten aufs Handgelenk oder in ihre Apps, greifen dafür aber auf CGM-Systeme oder entsprechende Partnerlösungen zurück. Die Werte stammen also von einem Sensor am Körper, nicht von der Uhr oder dem Ring selbst. Huawei hat zuletzt ein Gerät vorgestellt, das nach mehrtägigem Tragen mithilfe optischer Sensorsignale eine Risikoeinschätzung liefern soll. Auch das ist keine klassische Blutzuckermessung mit konkretem Glukosewert.
Damit lassen sich drei Ebenen unterscheiden.
- Eine Uhr oder ein Ring zeigt Glukosedaten an, die ein anderes System gemessen hat.
- Ein Gerät versucht, aus Körpersignalen ein Risiko abzuleiten.
- Manche Anbieter behaupten eine echte Blutzuckermessung ohne Hautstich. Genau für diese Versprechen gibt es bislang keine belastbare Grundlage im Massenmarkt.
Wo Angebote irreführend werden
Besonders problematisch sind Billigangebote auf Online-Marktplätzen. Dort wird häufig mit Begriffen wie „non invasive blood glucose monitoring“ oder „Blutzuckermessung ohne Stechen“ geworben. Das klingt nach technischer Reife. Tatsächlich fehlt oft jede belastbare Evidenz.
Die Bundesnetzagentur hat in ihrem Bericht zur Marktüberwachung 2025 (PDF) genau solche Fälle beschrieben. Als Beispiel nennt die Behörde Smartwatches, die mit vermeintlicher Blutzuckermessung werben, obwohl die Funktion in Wirklichkeit nur simuliert wird. In solchen Fällen wurden Angebote entfernt und Einfuhrsperren verhängt.
Auffällig ist dabei ein typischer digitaler Mechanismus. Das Produktbild wirkt medizinisch. Die Oberfläche zeigt Kurven und Zahlen. Im Kleingedruckten steht dann oft, dass das Gerät nicht für medizinische Zwecke gedacht sei. So entsteht Vertrauen, ohne dass die Anforderungen eines echten Medizinprodukts erfüllt werden.
Warnung der FDA
Die FDA warnte im Februar 2024 ausdrücklich vor Smartwatches und Smart Rings, die den Blutzucker ohne Durchstechen der Haut messen oder schätzen wollen. Zugleich stellte die Behörde klar, dass keine solche Uhr und kein solcher Ring von ihr zugelassen, freigegeben oder genehmigt wurde, wenn das Gerät den Blutzucker eigenständig bestimmen soll.
Die Warnung ist nicht nur eine Regulierungsfrage. Falsche Glukosewerte können zu falschen Therapieentscheidungen führen. Gerade bei Insulin oder anderen blutzuckersenkenden Medikamenten kann das gefährlich werden.
Die Behauptung „Smartwatch misst Blutzucker“ ist damit nicht nur technisch fragwürdig. Sie ist im medizinischen Alltag potenziell riskant.
Der Banane-Test
Wie wenig manche dieser Angebote mit echter Messung zu tun haben, zeigt ein Versuch des Instituts für Diabetes-Technologie in Ulm. Getestet wurden zwei online bestellte Smartwatches mit angeblicher Glukosemessfunktion. Parallel lief ein konventionelles CGM-System zum Vergleich mit.
Das Ergebnis fiel deutlich aus. Die Smartwatches zeichneten nahezu identische Glukoseverläufe auf, selbst als sie an einer Banane befestigt wurden. Eine relevante Ähnlichkeit zu echten CGM-Daten war nicht zu erkennen.
Der Fall ist deshalb so aufschlussreich, weil er ein Grundproblem sichtbar macht. Zahlen auf einem Display wirken präzise. Präzision ist aber nicht dasselbe wie Messung.
Forschung ja, Alltag nein
Der Wunsch nach einer echten nicht invasiven Blutzuckermessung ist real. Deshalb wird seit Jahren an optischen und anderen Verfahren geforscht. Große Hersteller und Forschungsteams arbeiten an Lösungen. Ein alltagstauglicher Durchbruch ist daraus bisher aber nicht entstanden.
Der Stand der Technik bleibt daher nüchtern. Forschung gibt es reichlich. Eine marktreife und verlässliche Alltagsmessung per Smartwatch oder Smart Ring gibt es bislang nicht.
Genau diese Lücke wird in Werbung und Social Media oft übersprungen. Aus einer Anzeige wird dann schnell eine Messung. Aus einer Risikoeinschätzung ein medizinischer Wert.
Was Nutzer beachten sollten
Wer Glukosewerte verlässlich überwachen muss, braucht weiterhin ein dafür vorgesehenes Messsystem. Das kann ein klassischer Fingerstick oder ein CGM sein. Eine Smartwatch ist in diesem Zusammenhang vor allem Anzeige, Ergänzung oder Komfortfunktion.
Skepsis ist besonders dann angebracht, wenn ein Produkt ohne zusätzlichen Sensor konkrete Blutzuckerwerte verspricht. Auch Begriffe wie „optische Messung“, „Laser“ oder „medizinische KI“ ersetzen keine klinische Validierung.
Die Einordnung bleibt daher klar: Mit einer Smartwatch oder einem Smart Ring lässt sich Blutzucker derzeit nicht eigenständig und verlässlich messen. Was auf dem Display erscheint, kann eine Anzeige aus einem CGM sein, eine grobe Risikoeinschätzung oder im schlechtesten Fall nur eine Simulation.
Am Ende ist das weniger eine Geschichte über Sensoren als über digitale Versprechen. Die Technik entwickelt sich weiter. Die Werbung ist oft schon weiter.
Quellen
Lesen Sie auch: Profil Viewer: Kann man sehen, wer das Facebook-Profil besucht hat?
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.
