250.000 Opfer? Zahl zu Grooming-Gangs in Großbritannien nicht belegt

Auf Social Media verbreitete Behauptung stützt sich auf eine Hochrechnung – belastbare landesweite Daten gibt es nicht.

Die Behauptung

Auf Social Media wird aktuell behauptet, in Großbritannien seien 250.000 Mädchen von Grooming-Gangs vergewaltigt worden. Als Grundlage wird ein Bericht des Abgeordneten Rupert Lowe angeführt. Geprüft wird, ob diese Zahl durch offizielle Daten belegt ist.

Aufgestellt von: Social Media

Falsch

Die Behauptung ist nicht belegt.
Die Zahl von 250000 ist keine dokumentierte Opferzahl, sondern eine rhetorische Hochrechnung aus einzelnen lokalen Fällen.
Eine offizielle nationale Statistik existiert nicht.

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Aktuell verbreitet sich auf Social Media ein Beitrag, der von 250.000 vergewaltigten Mädchen in Großbritannien spricht. Die Behauptung erhielt zusätzliche Reichweite, nachdem Elon Musk sie weiterverbreitete.

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250.000 Opfer? Zahl zu Grooming-Gangs in Großbritannien nicht belegt
Screenshot eines Beispiels mit der fraglichen Zahl 250.00 auf X (archiviert)

Die zentrale Aussage hält einer Überprüfung jedoch nicht stand. Zwar haben mehrere britische Städte schwere Fälle organisierter sexueller Ausbeutung von Kindern dokumentiert. Die Zahl von 250.000 Opfern ist jedoch keine offiziell festgestellte Gesamtzahl, sondern basiert auf einer nicht nachvollziehbar belegten Extrapolation.

Hinweis der Redaktion:

Jedes Kind, welches sexuell missbraucht wird, ist ein Kind zu viel. Uns geht es in diesem Fall einzig darum, dass Falschinformationen nicht helfen, das Ganze aufzuklären und den Skandal noch größer machen als er ohnehin schon ist.

Die Zahl stammt aus einer politischen Hochrechnung

Der im Beitrag zitierte Rape Gang Inquiry Report verweist selbst auf eine Aussage des ehemaligen britischen Lords Malcolm Pearson. Dieser fragte 2018 im House of Lords sinngemäß, ob sich aus den bekannten Fällen in Rotherham, Telford und Oxford landesweit eine Zahl von über 250.000 Opfern ableiten lasse.

Dabei handelte es sich um eine rhetorische Hochrechnung, nicht um eine Auswertung staatlicher Daten.

Auch 2019 wiederholte Pearson diese Zahl und erklärte, sie ergebe sich aus einer landesweiten Übertragung der bekannten Fälle in Rotherham. Eine nachvollziehbare Berechnung legte er jedoch nicht vor.

Die Untersuchungen nennen keine nationale Opferzahl

Der unabhängige britische Untersuchungsbericht Independent Inquiry into Child Sexual Abuse (IICSA) aus dem Jahr 2022 kommt ausdrücklich zu einem anderen Ergebnis.

Darin heißt es, dass das tatsächliche Ausmaß organisierter sexueller Ausbeutung durch Tätergruppen nicht bekannt ist, weil entsprechende Straftaten statistisch nicht vollständig erfasst werden. Wörtlich stellt die Untersuchung fest, dass es „einfach nicht möglich ist, das Ausmaß der sexuellen Ausbeutung von Kindern durch Netzwerke zu kennen“.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Für diese Delikte existiert keine eigenständige nationale Straftatenkategorie. Viele besonders schwere Delikte – darunter Vergewaltigungen – erscheinen in anderen Kategorien der Kriminalstatistik. Deshalb lassen sich aus den verfügbaren Zahlen keine belastbaren Gesamtopferzahlen ableiten.

Rotherham lässt sich nicht einfach auf das ganze Land übertragen

Die oft zitierte Untersuchung zu Rotherham schätzte, dass dort zwischen 1997 und 2013 rund 1.400 Kinder sexuell ausgebeutet wurden.

Aus dieser Zahl eine landesweite Opferzahl abzuleiten, ist jedoch methodisch problematisch:

  • Rotherham ist ein einzelner Untersuchungsfall.
  • Die Häufigkeit solcher Straftaten unterscheidet sich regional erheblich.
  • Die Untersuchung erfasst Kinder insgesamt, nicht ausschließlich Mädchen.
  • Wie viele Opfer tatsächlich weiblich waren, ist aus dem Bericht nicht ableitbar.

Ob eine landesweite Hochrechnung zu niedrig oder zu hoch wäre, lässt sich deshalb seriös nicht beantworten.

Die ethnische Zuschreibung bleibt ebenfalls differenziert

In den viralen Beiträgen wird behauptet, die Täter seien überwiegend pakistanische Muslime gewesen und die Opfer weiße britische Mädchen.

Tatsächlich haben mehrere bekannte Grooming-Gang-Fälle Tätergruppen umfasst, deren Mitglieder überwiegend pakistanischer Herkunft waren. Britische Untersuchungen weisen jedoch gleichzeitig darauf hin, dass sexuelle Ausbeutung durch Tätergruppen in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen vorkommt und sich aus einzelnen Fällen keine belastbare Aussage über alle Täter landesweit ableiten lässt.

Die pauschale Übertragung dieser Zuschreibung auf sämtliche Fälle ist daher ebenfalls nicht durch nationale Daten gedeckt.

Bewertung: Unbelegt. Die Zahl von 250.000 Opfern ist keine offiziell dokumentierte Gesamtzahl, sondern eine politisch formulierte Hochrechnung ohne nachvollziehbare statistische Grundlage. Die britische Untersuchungskommission erklärt ausdrücklich, dass das tatsächliche Ausmaß solcher Straftaten derzeit nicht bestimmt werden kann.

Quellen und weiterführende Informationen

OFFICIAL
OFFICIAL
Home Office (GOV.UK)
20. Oktober 2022
OFFICIAL
The Shrewsbury and Telford Hospital NHS Trust
12. Juli 2022
OFFICIAL
UK Parliament (Hansard)
22. Oktober 2018
OFFICIAL
The Rape Gang Inquiry
16. Juni 2026
OFFICIAL
UK Parliament (Hansard)
14. Mai 2019

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