Kochsalz statt Impfstoff? Die 15-Prozent-Behauptung im Check

Ein Video behauptet, nur 15 Prozent der Corona-Impfchargen seien echt gewesen, der Rest Kochsalz. Woher die Zahl kommt und was fehlt: ein Laborbefund.

Die Behauptung

Ein aktuell verbreitetes Video behauptet unter Verweis auf die „RKI-Files“, nur zehn bis 15 Prozent der Corona-Impfstoffchargen seien tatsächlich „aktiv“ gewesen. Der Rest habe aus Kochsalzlösung bestanden oder deutlich weniger Wirkstoff enthalten.

Aufgestellt von: Unbekannt

Falsch

ür diese Behauptung gibt es keinen Nachweis. Die Erzählung stützt sich auf die Interpretation von Verdachtsmeldungen zu unterschiedlichen Impfstoffchargen, die von den Autoren selbst als hypothesengenerierend eingeordnet wurden und keine Aussage über den tatsächlichen Inhalt der Ampullen erlauben. Die Vorstellung, der überwiegende Teil habe aus Kochsalz bestanden, wurde 2024 in einer impfkritischen Darstellung ausdrücklich als „Betrugstheorie“ formuliert – als Spekulation, nicht als Laborbefund.

Das Paul-Ehrlich-Institut testete allein 2021 387 Comirnaty-Chargen; zu den Prüfungen gehörten Merkmale wie Identität und RNA-Integrität. Eine große dänische Kohortenstudie mit knapp zehn Millionen Impfungen fand 2025 zudem keine konsistent erhöhten Risiken der untersuchten Chargengruppen. Direkte Laboruntersuchungen regulärer Impfstoffchargen fanden mRNA beziehungsweise die erwarteten Qualitätsmerkmale. Eine belastbare Laboranalyse, die bei angeblichen „Placebochargen“ ausschließlich Kochsalz oder systematisch fehlende mRNA nachgewiesen hätte, gibt es dagegen nicht.

📖Wie prüft man, ob eigene Daten betroffen sind? Antworten finden Sie im Leitfaden Sicherheitscheck.

Seit Jahren gibt es in einschlägigen Beiträgen zwei Erzählungen über die Corona-Impfung, die sich schlecht vertragen: Die „Spritze“ sei hochgefährlich – und die meisten Menschen hätten ohnehin nur Kochsalz bekommen. Ein aktuell auf Facebook verbreitetes Reel bringt beides unter einen Hut. Nur etwa zehn bis 15 Prozent der Impfstoffchargen seien tatsächlich „scharf“ gewesen, der Rest habe keinen oder kaum Wirkstoff enthalten, möglicherweise Kochsalzlösung. Wer keine Beschwerden hatte, bekam demnach Kochsalz. Wer welche hatte, erwischte die „echte“ Charge.

Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Über dem Reel steht das Schlagwort „RKI-Files!“. Was nicht dabeisteht: eine Sitzung, ein Datum, eine Seite, ein Laborbefund. Stattdessen verweist der Betreiber auf private Nachrichten und bewirbt parallel ein kostenloses „Spike-Detox-Protokoll“.

Screenshot des Videos mit dem Schlagwort „RKI-Files!“ und der Behauptung, nur zehn bis 15 Prozent der Corona-Impfstoffchargen seien tatsächlich aktiv gewesen.
Das geprüfte Facebook-Reel mit der Behauptung. Archivversion. Screenshot: Mimikama

„RKI-Files“ steht drüber – aber was steht drin?

Die „RKI-Files“ sind Protokolle des internen Krisenstabs des Robert Koch-Instituts, von Anfang 2020 bis Juli 2023. Das RKI selbst beschreibt sie als Dokumentation von Diskussionen und Zwischenständen; einzelne Äußerungen seien nicht automatisch die abschließende Position des Instituts. Für die Behauptung, 85 oder 90 Prozent der Chargen hätten aus Kochsalz bestanden, nennt das Reel keine Fundstelle in diesen Protokollen. Und es sucht am falschen Ort: Für die Zusammensetzung und Freigabe von Impfstoffchargen ist in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zuständig, nicht das RKI.

Woher die 15 Prozent kommen

Die Zahl hat einen realen Ursprung. 2023 werteten dänische Autoren Meldungen über vermutete Nebenwirkungen nach Impfungen mit verschiedenen BNT162b2-Chargen von BioNTech/Pfizer aus. Dabei zeigten sich drei Gruppen mit auffällig unterschiedlichen Melderaten; auf eine Gruppe entfielen nur 4,22 Prozent der Dosen, aber ein hoher Anteil der Verdachtsmeldungen. Die Autoren selbst nannten das hypothesengenerierend: Sie arbeiteten mit einem passiven Meldesystem, das durch Untererfassung, Aufmerksamkeit und Meldeverhalten verzerrt sein kann und keine Kausalität feststellen kann. Vor allem: Niemand öffnete Ampullen und bestimmte den mRNA-Gehalt. Nach Kochsalz wurde gar nicht gesucht.

Das PEI prüfte im August 2023 die eigenen SafeVac-2.0-Daten und konnte eine chargenbezogene Häufung nicht bestätigen. 2025 folgte eine dänische Kohortenstudie mit knapp zehn Millionen Impfungen aus 52 Chargen, die statt Meldungen konkrete Ereignisse in Gesundheitsdaten verglich – 27 schwere Ereignisse und die Gesamtsterblichkeit. Bis auf kleine, nicht robuste Unterschiede bei Herzrhythmusstörungen fanden die Forschenden keine konsistent erhöhten Risiken der frühen kleineren Chargen.

Vier Schritte von der Meldung zur Kochsalzspritze

Der Sprung zum Kochsalz kam später, in impfkritischen Veröffentlichungen. Aus „schadensträchtigen Chargen“ wurde die These, nur rund 15 Prozent der Chargen hätten die vorgesehene mRNA enthalten, der Rest möglicherweise Kochsalz. Bemerkenswert ist, wie das Anfang 2024 selbst genannt wurde: „Betrugstheorie“. Eine angebotene Erklärung für ein behauptetes Muster, keine Laboruntersuchung. Ende 2024 tauchte die Zahl in einer Anfrage im Bayerischen Landtag auf – dokumentierbar, nicht belegt.

Wie aus einer Zählung ein Placebo-Programm wurde

Jeder Schritt klingt wie eine kleine Folgerung aus dem vorigen. Nur der erste beruht auf Daten.

1

„Bei manchen Chargen wurden mehr Verdachtsfälle gemeldet.“

Passive Meldedaten aus Dänemark, 2023. Die Autoren selbst: hypothesengenerierend, keine Kausalität.

Daten vorhanden

2

„Diese Chargen waren gefährlicher.“

PEI 2023: keine chargenbezogene Häufung in SafeVac-Daten. Dänische Kohortenstudie 2025: keine konsistent erhöhten Risiken.

Nicht bestätigt

3

„Nur diese Chargen waren aktiv.“

Die dänische Studie von 2023 hat den mRNA-Gehalt der Chargen nicht untersucht. Wo später gemessen wurde, fand sich mRNA.

Kein Nachweis

4

„Der Rest bestand aus Kochsalz.“

Anfang 2024 selbst als „Betrugstheorie“ bezeichnet – eine angebotene Erklärung, kein Laborbefund.

Kein Nachweis

Eine Analyse des Inhalts angeblich wirkstofffreier Chargen, bei der fehlende mRNA oder ausschließlich Kochsalz nachgewiesen worden wäre, existiert nach unserer Recherche nicht.

Dreimal Kochsalz, dreimal ein anderer Zusammenhang

Dass im Zusammenhang mit BioNTech/Pfizer immer wieder Kochsalz auftaucht, ist nicht erfunden. Es gibt drei reale Berührungspunkte – und bei allen dreien lässt die Erzählung den entscheidenden Kontext weg.

Wo Kochsalz wirklich vorkam

Drei echte Zusammenhänge. Keiner davon ist ein heimliches Placebo-Programm.

Verdünnungsmittel

Vorgeschriebener Teil der Zubereitung

Die ursprüngliche Comirnaty-Formulierung war ein Konzentrat. Vor der Anwendung mussten 1,8 Milliliter sterile 0,9-prozentige Natriumchloridlösung zugegeben werden.

Was fehlt: Nach der Verdünnung enthielt die 0,3-Milliliter-Dosis weiterhin 30 Mikrogramm mRNA.

Studienplacebo

Offen dokumentiertes Studiendesign

In der zentralen Phase-2/3-Studie erhielten 21.728 Teilnehmende ein Placebo, 21.720 den Impfstoff. Registrierte BioNTech-Studien weisen das Placebo als 0,9-prozentige Natriumchloridlösung aus.

Was fehlt: Das betraf eine kontrollierte Studie, nicht die spätere Impfkampagne.

Betrugs- und Fehlfall

Impfzentrum Schortens, 2021

Eine Mitarbeiterin räumte ein, sechs Spritzen mit Kochsalz statt Impfstoff befüllt zu haben. Später wurde wegen weiterer möglicher Fälle ermittelt.

Was fehlt: Der Fall war ein Skandal, gerade weil Kochsalz nicht dem zugelassenen Impfstoff entsprach.

Der Fall Schortens belegt einen lokalen, unautorisierten Austausch von Impfstoff gegen Kochsalz – und dass genau das als Abweichung behandelt wurde. Ein Beleg für vom Hersteller produzierte Kochsalzchargen ist er nicht.

Jemand hat nachgemessen

Am schwierigsten wird es für die Kochsalztheorie dort, wo Ampullen tatsächlich geöffnet wurden. Das PEI prüft mRNA-Impfstoffchargen unter anderem auf Aussehen, Wirksamkeit, Identität und RNA-Integrität; allein 2021 wurden 387 Comirnaty-Chargen praktisch getestet, bei 13 weiteren die Freigabe eines anderen europäischen Kontrolllabors anerkannt. Eine Kochsalzlösung hat keine RNA-Integrität, die man bestimmen könnte.

Die australische Arzneimittelbehörde TGA hat ihre Labordaten veröffentlicht: 167 Chargen, 119 Comirnaty und 48 Spikevax, ausgeliefert zwischen Februar 2021 und Juli 2024, geprüft unter anderem auf RNA-Identität, RNA-Gehalt, RNA-Integrität, Potenz und Verkapselung. Alle Chargen erfüllten die jeweils angewendeten Spezifikationen. Und ein slowakisches Forschungsteam analysierte, veröffentlicht im Dezember 2025 in npj Vaccines, 15 Chargen aus staatlichen Beständen, darunter jene, die zuvor in einer impfkritischen Veröffentlichung als auffällig dargestellt worden waren. Alle neun Comirnaty-Chargen lagen bei der RNA-Menge über 90 Prozent der Herstellerangabe. Bei mehreren abgelaufenen Chargen war die RNA-Integrität reduziert – die Autoren führen das auf Alterung beziehungsweise Lagerung zurück. Ein Beleg dafür, dass diese Chargen ursprünglich zu wenig Wirkstoff enthielten, ist das nicht.

Was in den Ampullen gefunden wurde

Zwei voneinander unabhängige Laboruntersuchungen, die den Inhalt kommerzieller Chargen gemessen haben.

Behörde · Australien (TGA)

167

Chargen Comirnaty und Spikevax, 2021 bis 2024

  • RNA-Identität, RNA-Gehalt, RNA-Integrität, Potenz, Verkapselung, Lipide
  • Alle Chargen innerhalb der jeweils angewendeten Spezifikationen
  • Kein Hinweis auf wirkstofffreie Chargen

Einschränkung: Australischer Markt, nicht jeder Parameter bei jeder Formulierung gleich geprüft.

Studie · Slowakei (npj Vaccines, 2025)

15

Chargen aus staatlichen Beständen, 9 Comirnaty, 6 Spikevax

  • Alle Comirnaty-Chargen über 90 Prozent der deklarierten RNA-Menge
  • Darunter Chargen, die impfkritisch als auffällig dargestellt wurden
  • Keine Charge ohne Wirkstoff

Einschränkung: Primär eine DNA-Studie, kleine und nicht zufällige Auswahl, 11 der 15 Chargen abgelaufen.

Beide Untersuchungen beweisen nicht den Inhalt jeder jemals verabreichten Dosis. Aber wer 85 Prozent Kochsalz behauptet, muss erklären, warum überall dort, wo gemessen wurde, mRNA gefunden wurde.

Warum ausgerechnet jetzt?

Für das Wiederauftauchen der Geschichte braucht es keine neue Enthüllung. Der Account bewirbt 2026 ein aktualisiertes „Spike-Detox-Protokoll“, ein kostenloses, 37-seitiges E-Book; im August 2026 wurden mehrfach Aufrufe veröffentlicht, „Guide“ oder „Checkliste“ zu kommentieren. Auf der Facebook-Seite wird dazu ein „Spike-Detox-Komplex“ mit Rabattcode beworben. Das macht die Chargenbehauptung nicht falsch – eine Verkaufsabsicht ist kein Gegenbeweis. Aber es erklärt, warum eine Erzählung von 2024 im Sommer 2026 wieder im Feed liegt.

Am Ende bleibt die einfachste Frage die entscheidende. Wer behauptet, 85 oder 90 Prozent der Chargen seien Kochsalz gewesen, hat eine Behauptung über den Inhalt von Ampullen aufgestellt. Die wurde geprüft – von einer Behörde in Australien, von einem Forschungsteam in der Slowakei, in der europäischen Chargenfreigabe. Gefunden wurde mRNA. Was fehlt, ist die Gegenprobe: eine einzige dokumentierte Charge aus dem regulären Impfprogramm, in der statt Wirkstoff Kochsalz nachgewiesen wurde. Solange die nicht vorliegt, ist aus „vielleicht“ kein „so war es“ geworden – auch dann nicht, wenn man „RKI-Files“ darüber schreibt.

Zum Mitnehmen

Drei Fragen, wenn jemand „Chargen“ sagt

  • Gezählt oder gemessen?Verdachtsmeldungen sind Meldungen. Was in einer Ampulle steckt, zeigt nur eine Analyse des Inhalts.
  • Wo genau steht das?Ein Schlagwort wie „RKI-Files“ ist keine Fundstelle. Sitzung, Datum, Seite – sonst ist es nur ein Etikett.
  • Welcher Kontext fehlt?Kochsalz als Verdünnungsmittel, als Studienplacebo oder als Betrugsfall ist etwas anderes als Kochsalz als geheimes Programm.

Eine Erzählung, die alles gleichzeitig erklärt, erklärt oft gar nichts. Sie verschiebt nur die Frage nach dem Beleg.

Quellen

WISSENSCHAFT
Hviid A., Svalgaard I. B. / Statens Serum Institut
September 2025
BEHÖRDE
BEHÖRDE
BEHÖRDE
Bayerischer Landtag
2024
WISSENSCHAFT
Schmeling M., Manniche V., Hansen P. R. / European Journal of Clinical Investigation
30. März 2023
Facebook
Ohne Datumsangabe
BEHÖRDE
EU Clinical Trials Register
Ohne Datumsangabe
Facebook-Seite des Account-Betreibers
Archivversion zur Dokumentation von Aufrufen und kommerziellem Umfeld
Ohne Datumsangabe
MEDIUM
Impfkritische Website
Archivierter Beitrag zur Rekonstruktion der Entstehung der „Betrugstheorie“
Anfang 2024
UNTERNEHMEN
Angebotsseite
„Spike-Detox-Protokoll – Update 2026“ (Archivversion)
Ohne Datumsangabe
BEHÖRDE
Paul-Ehrlich-Institut
Ohne Datumsangabe
BEHÖRDE
Paul-Ehrlich-Institut
Ohne Datumsangabe

MIMIKAMA · FAKTENCHECK

Faktencheck als Bild teilen

Den Faktencheck per Artikellink teilen oder das 4:5-Faktenbild als PNG herunterladen.

Social-Faktenbild · 4:5 · 1080 × 1350 px

Bild wird vorbereitet …

Bitte prüfe beim Teilen, ob der gekürzte Text die Aussage korrekt wiedergibt. Die vollständige Recherche ist im Artikel verlinkt.


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.