Ein Video landet im Klassenchat. Es soll zeigen, wie sich jemand angeblich verhalten hat. Ein paar reagieren empört, andere schicken es weiter – und ob die Aufnahme überhaupt zum behaupteten Ereignis gehört, hat bis dahin womöglich niemand geprüft. Am nächsten Morgen sitzt der Streit dann mit im Klassenzimmer.
Mit solchen Situationen sind Schulen offenbar nicht gut genug ausgestattet, zumindest aus Sicht vieler Lehrkräfte. In einer Befragung im Auftrag des deutschen Digitalverbands Bitkom halten nur 24 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer Schulen für ausreichend darauf vorbereitet, Schülerinnen und Schülern den Umgang mit Social Media zu vermitteln. 59 Prozent sagen, dass Konflikte mit sozialen Medien, etwa Cybermobbing, den Schulalltag belasten. Ein Verbot der privaten Social-Media-Nutzung in der Schule befürworten dagegen nur 29 Prozent.
Was die Zahlen zeigen – und wo sie aufhören
Befragt wurden laut Bitkom 501 Lehrkräfte der Sekundarstufen I und II in Deutschland, telefonisch und durch Bitkom Research. Der Verband bezeichnet die Umfrage als repräsentativ. Wichtig ist, was die Ergebnisse beschreiben: Sie zeigen, wie Lehrkräfte die Lage einschätzen – nicht, wie gut an einzelnen Schulen tatsächlich unterrichtet wird. Auf Österreich lassen sich die Prozentwerte auch nicht einfach übertragen. Die Frage, wie junge Menschen einen kritischen Umgang mit digitalen Inhalten lernen, stellt sich hier aber genauso.
Befähigen oder verbieten?
Dass Social Media bei vielen Lehrkräften vor allem als Belastung vorkommt, heißt nicht, dass sie es aus der Schule verbannen wollen. 35 Prozent finden, das Thema sollte stärker in den Unterricht integriert werden – mehr als jene 29 Prozent, die ein Verbot der privaten Nutzung befürworten. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst argumentiert in dieselbe Richtung: Schule müsse junge Menschen befähigen, sich dort „sicher, kritisch und selbstbestimmt“ zu bewegen. Dafür brauche es verbindliche Medienbildung, passende Fortbildungen und qualifizierte Lehrkräfte.
Mit Geräten allein ist diese Aufgabe allerdings nicht erledigt. Wer ein Smartphone bedienen kann, weiß deshalb noch lange nicht, wie man die Herkunft eines Videos überprüft. Und wer täglich auf TikTok oder Instagram unterwegs ist, durchschaut damit nicht automatisch die Methoden, mit denen dort Aufmerksamkeit erzeugt oder Menschen getäuscht werden. Bedienen und Prüfen sind zwei verschiedene Fähigkeiten.
„Glaub nicht alles“ ist noch keine Anleitung
Der Satz „Glaub nicht alles, was im Internet steht“ ist schnell gesagt. Er lässt Jugendliche aber genau bei der entscheidenden Frage allein: Wie finde ich heraus, was stimmt? Bei einem verdächtigen Bild kann eine Rückwärtssuche frühere Veröffentlichungen zutage fördern – vielleicht ist die Aufnahme schon Jahre alt und hat mit dem aktuellen Ereignis nichts zu tun. Bei einem aufsehenerregenden Zitat lohnt sich die Suche nach dem ursprünglichen Interview, denn manchmal verändert schon der Satz davor die Bedeutung erheblich.
Solche Schritte lassen sich lernen und gemeinsam ausprobieren. Dazu gehört auch, Unsicherheit auszuhalten. Nicht jedes Video lässt sich eindeutig einordnen, und ein ungewöhnliches Detail beweist noch keine KI-Manipulation. Medienkompetenz heißt auch, einen Verdacht von einem Beleg unterscheiden zu können.
Lehrkräfte brauchen dafür selbst Rüstzeug. Wer mit einer Klasse über eine virale Falschbehauptung sprechen will, muss sich zuerst selbst orientieren können. Praktische Fortbildungen helfen, Recherchewege kennenzulernen und so aufzubereiten, dass sie im Unterricht funktionieren.
Und die Eltern?
Der kleinste Wert der Befragung betrifft das Elternhaus: Nur 5 Prozent der Lehrkräfte geben an, dass ihre Schule Angebote zur Medienbildung für Eltern macht. Bitkom leitet daraus die Forderung ab, Eltern stärker einzubeziehen. Das ist nachvollziehbar, denn auch Erwachsene tun sich mit dem Prüfen oft schwer. Wer selbst nicht einschätzen kann, ob ein angeblicher Nachrichtenbeitrag verlässlich ist, wird seinem Kind nur schwer erklären können, worauf es achten soll.
Oft bringt gemeinsames Nachsehen mehr als ein schnelles Urteil: Woher stammt die Behauptung, und welche Belege gibt es dafür? Die Verantwortung für Medienerziehung lässt sich jedenfalls nicht vollständig an die Schule abgeben. Umgekehrt brauchen Schulen realistische Möglichkeiten, diese Aufgabe im Alltag überhaupt zu stemmen.
In eigener Sache: Prüfen üben mit Mimikama
Mimikama beschäftigt sich täglich mit Falschbehauptungen und den Methoden digitaler Täuschung, und diese Fälle fließen in unsere Bildungsangebote ein. Der Basisworkshop „Fakt oder Fake? Die Welt der Recherchewerkzeuge“ von Mimikama Education verbindet Grundlagen mit Übungen in Kleingruppen. Es geht unter anderem um den gezielten Umgang mit Suchmaschinen, die Grundlagen von Social Media und KI sowie darum, fremde Internetinhalte auf Manipulation zu prüfen. Geleitet wird der Workshop von Andre Wolf, die Gruppe bleibt mit maximal 20 Teilnehmenden bewusst klein.
Das Format eignet sich als Projekttag oder als Fortbildung für ein Kollegium, zusätzliche Schwerpunkte wie Accountverifikation lassen sich nach Interesse ergänzen. So lässt sich die Auseinandersetzung mit Social Media an konkreten Fragen festmachen: Wie kommt man von einem Screenshot zur ursprünglichen Quelle? Welche Information fehlt, um eine Behauptung beurteilen zu können? Ein einzelner Workshop ersetzt keine kontinuierliche Medienbildung und auch nicht die Arbeit an akuten Konflikten. Er kann aber ein konkreter Einstieg sein.
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