Echte Bilder, falsche Worte: Wie aus Politikvideos erfundene Eklats werden

Ob Merz, Weidel oder Trump: Echte Videos werden so geschnitten oder mit falscher Stimme unterlegt, dass Szenen entstehen, die es nie gab.

Ein älterer Mann sitzt in einer Fernsehsendung. Er kritisiert kleine Renten und hohe Pensionen für Politiker, die dafür nichts einzahlen. Zwischendurch sieht man Friedrich Merz. Er lächelt, als würde er den Mann auslachen. Allein eine Version dieses Videos wurde auf YouTube laut CORRECTIV.Faktenforum rund 7,2 Millionen Mal angesehen.

Nur: Die beiden Männer waren nie im selben Raum. Jemand hat zwei echte Aufnahmen aus zwei verschiedenen Sendungen zusammengeschnitten. Die Bilder sind echt, gefälscht ist die Geschichte dazu. Genau das macht solche Videos so tückisch. Wir zeigen an mehreren Beispielen, wie das funktioniert und woran man es erkennt.

Kurz gesagt
Das Wichtigste in drei Punkten
  • Echte Videos werden neu geschnitten, gekürzt oder mit einer falschen Stimme unterlegt. So sieht es aus, als hätten Politiker etwas gesagt oder erlebt, das nie passiert ist.
  • Faktenchecker haben das zuletzt bei Videos mit Friedrich Merz, Alice Weidel und Alexander Dobrindt nachgewiesen. Auch in den USA verbreiten sich solche Videos.
  • Am sichersten entlarvt man solche Fälschungen mit dem Originalvideo.

Zwei Sendungen, ein erfundener Streit

Mimikama hat das Merz-Video im November 2025 geprüft. Der Mann war 2016 Gast in der WDR-Sendung „Ihre Meinung“. Dort ging es um Altersarmut. Merz war in dieser Sendung nicht dabei. Die Bilder von ihm stammen aus einer ganz anderen Talkshow, nämlich „3nach9“ vom Juni 2024.

Der WDR bestätigte gegenüber CORRECTIV.Faktenforum, dass der Ausschnitt aus der eigenen Sendung stammt. So gezeigt wurde er aber nie. Jemand hat ihn neu zusammengeschnitten. Darunter leidet nicht nur Merz: Der Mann aus der Sendung wird laut Mimikama-Recherche seither immer wieder auf ein Gespräch angesprochen, das er nie geführt hat.

Applaus aus einer anderen Sitzung

Ein TikTok-Video vom 15. Juni 2026 behauptet, der ganze Bundestag habe für eine Rede von AfD-Chefin Alice Weidel geklatscht. Das Video wurde innerhalb eines Monats mehr als 300.000 Mal angesehen. CORRECTIV hat es geprüft.

Die Rede von Weidel ist echt. Sie stammt aus einer Sitzung vom 24. September 2025. Der Bundestag schreibt bei jeder Sitzung genau mit, wer spricht und wer klatscht. Laut diesem Protokoll klatschte damals nur Weidels eigene Partei. Die Abgeordneten, die im Video aufstehen und jubeln, gehören zu CDU und CSU. Sie klatschten am 6. Mai 2025 – als Friedrich Merz zum Bundeskanzler gewählt wurde.

Ein halber Satz reicht

Vom selben TikTok-Kanal stammt laut CORRECTIV offenbar auch ein Video, das Ende Juli 2026 mehr als eine halbe Million Mal angesehen wurde. Es behauptet, gegen Kanzler Merz sei die Vertrauensfrage bestätigt worden und es gebe bald Neuwahlen. Die Vertrauensfrage ist eine Abstimmung im Bundestag, bei der ein Kanzler prüfen lässt, ob er noch eine Mehrheit hat. Merz hat sie nicht gestellt.

Als angeblicher Beweis dient ein Ausschnitt mit Innenminister Alexander Dobrindt. Er sagt darin, jemand solle die Vertrauensfrage sofort stellen. Das Original stammt aber aus dem November 2024. Dobrindt sprach damals über den früheren Kanzler Olaf Scholz. Genau dieser Name wurde am Satzanfang abgeschnitten. Den Rest des Videos liest laut CORRECTIV eine offensichtlich künstlich erzeugte Stimme vor. Solche Stimmen kennt man auch aus TikTok-Videos über erfundene Gesetze.

Die Stimme klingt echt – ist es aber nicht

Im Oktober 2025 prüfte die dpa ein Video, in dem Alice Weidel am Rednerpult im Bundestag steht. Eine Stimme, die ihr sehr ähnlich klingt, sagt: „Ich erkläre Friedrich Merz den Krieg.“ Die Bilder stammen aus einer Bundestagsdebatte vom 17. September 2025. Den Satz hat Weidel dort aber nie gesagt. In den Unterlagen des Bundestags steht er nicht, und auch Reaktionen darauf finden sich keine. Die AfD-Fraktion bestätigte, dass das Video nicht echt ist.

Mimikama-Club - Communitybereich fuer Steady-Unterstuetzer:innen

Hier wurde also nicht geschnitten, sondern eine neue Stimme über echte Bilder gelegt. Wer genau hinhörte, konnte es merken: Die Stimme klang eintönig, machte keine Pausen und betonte Wörter seltsam. Mehr dazu, woran man gefälschte Stimmen erkennt, steht in unserem Leitfaden zu KI-Stimmen.

Drei Tricks mit echten Videos
So wird aus echtem Material eine Szene, die es nie gab.
1
Zusammenschneiden
Zwei Videos, die nichts miteinander zu tun haben, werden abwechselnd gezeigt.
Beispiel: Merz und der Mann aus der Rentensendung.
Echt, aber nie zusammen
2
Abschneiden
Ein wichtiger Teil des Satzes fehlt. Dadurch ändert sich, worum es geht.
Beispiel: Dobrindt spricht über Scholz, das Video macht Merz daraus.
Echt, aber unvollständig
3
Neue Stimme
Über echte Bilder wird eine falsche Stimme gelegt, oft von einer KI.
Beispiel: Weidels angebliche „Kriegserklärung“.
Echtes Bild, falscher Ton
In allen drei Fällen ist das Bild echt. Deshalb reicht es nicht, nur auf das Bild zu achten.
Beispiele aus Faktenchecks von Mimikama, CORRECTIV und dpa.

Auch in den USA

Dieselben Tricks gibt es in anderen Ländern. Das US-Faktencheckportal Factchequeado fand im September 2026 sechzehn Accounts auf Instagram, TikTok und Facebook. Sie zeigen echte Bilder von Donald Trump mit Journalisten oder Politikern. Darüber liegt eine spanische Stimme, die einen Streit erzählt, den es nie gab. Die Videos richten sich an spanischsprachige Menschen in den USA.

In einem Video soll eine CNN-Journalistin Trump aufgefordert haben, sich selbst abzuschieben. In Wahrheit fragte sie ihn bei einer Pressekonferenz am 3. Februar 2026 nach etwas ganz anderem: nach den Akten zum Missbrauchsfall Jeffrey Epstein. Viele dieser Videos enden mit dem Aufruf, für „Teil 2“ zu kommentieren. Das soll laut Factchequeado möglichst viele Reaktionen bringen. Dass Fakes aus den USA oft schnell auch bei uns landen, haben wir erst diese Woche beschrieben.

Das Original ist der beste Beweis

Es gibt Programme, die erkennen sollen, ob eine Stimme von einer KI stammt. Verlassen kann man sich darauf nicht. Factchequeado ließ ein Video von zwei solchen Programmen prüfen. Das eine hielt eine KI-Stimme zu 79,1 Prozent für wahrscheinlich, das andere nur zu 6 Prozent. Das Originalvideo dagegen zeigt eindeutig, was wirklich gesagt wurde.

Bei Szenen aus dem Parlament ist das Original oft leicht zu finden. Der Bundestag stellt Videos und Protokolle seiner Sitzungen ins Internet, das österreichische Parlament ebenso. Genau so haben CORRECTIV und dpa die Fälle mit Weidel geprüft. Wenn ein angeblicher Skandal in keinem Protokoll und in keiner Zeitung vorkommt, hat er sehr wahrscheinlich nicht stattgefunden. Weitere Beispiele sammelt unser Leitfaden Bild- und Kontext-Fakes erkennen.

Zum Mitnehmen
Drei Fragen bei Videos mit Politikern
  • Woher stammt die Szene?Mit einem Standbild und der Bildersuche von Google lässt sich oft das Originalvideo finden.
  • Sind beide wirklich im selben Raum?Wenn nur abwechselnd zwei Gesichter gezeigt werden, beweist das kein Gespräch.
  • Berichtet sonst jemand darüber?Ein echter Skandal steht auch in Zeitungen und Nachrichten.
Im Zweifel gilt: erst nachsehen, dann teilen.

Quellen


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)