Die Behauptung
Zwei Bilder zeigen die israelischen Reisepässe des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und seiner Frau Olena Selenska. Sie beweisen, dass beide die israelische Staatsbürgerschaft haben.
Aufgestellt von: Facebook-Beitrag eines russischsprachigen Accounts vom 31. August 2026
Faktencheck: Falsch
Falsch. Die Bilder zeigen keine echten Pässe. Sie enthalten Fehler, die in einem echten Dokument nicht vorkommen können – etwa „Moskau, UdSSR“ im Bereich zur Ausstellung und ein Ablaufdatum am Tag der Ausstellung. Ähnliche Fälschungen kursieren seit 2023. Belege für eine israelische Staatsbürgerschaft der beiden haben wir nicht gefunden.
Ende August tauchte auf Facebook ein Beitrag mit zwei Bildern auf. Sie sollen israelische Reisepässe zeigen – einen für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, einen für seine Frau Olena Selenska. Der Begleittext ist nur ein Satz über Vaterland und Patriotismus. Die eigentliche Aussage steckt im Bild: Die beiden seien heimlich Israelis. Als wir den Beitrag dokumentierten, war er 369 Mal geteilt worden.
Auf den ersten Blick wirken die Bilder echt. Name, Geburtsdatum, Stempel mit Menora, alles an seinem Platz. Wer aber in Ruhe hinschaut, findet Fehler, die in einem echten Pass nicht vorkommen können. Man braucht dafür kein Fachwissen.
Was steht da eigentlich drin?
Ein einzelner Tippfehler kann in jedem Amt passieren. Vier grundlegende Fehler in zwei angeblichen Dokumenten sind kein Versehen mehr. Ein Pass, der am Tag seiner Ausstellung abläuft und in einem Staat ausgestellt wird, den es nicht mehr gibt, ist kein Pass.
Aber die Geburtsdaten stimmen doch?
Ja, und genau das macht solche Fälschungen glaubwürdig. Selenskyj ist am 25. Jänner 1978 in Krywyj Rih geboren, seine Frau am 6. Februar 1978. Beides steht korrekt im Bild. Nur: Diese Angaben findet jeder in wenigen Sekunden im Internet, etwa auf Wikipedia. Wer sie abschreibt, beweist damit gar nichts.
Dasselbe gilt für das Aussehen der Pässe. Das Faktencheck-Team von Euronews fand heraus, dass die Fälschung offenbar auf einem Musterpass beruht, den der Europarat im Internet veröffentlicht hat. Solche Muster sind öffentlich, damit Behörden und Firmen echte Dokumente erkennen können. Für Fälscher sind sie eine bequeme Vorlage.
Woher stammen die Bilder?
Auf beiden Pässen ist unten rechts ein durchgestrichener Lautsprecher zu sehen. Das ist das Zeichen für ein stummgeschaltetes Video. Die Bilder wurden also offenbar aus Videos herauskopiert. Das US-Faktencheck-Team Lead Stories ist dieser Spur gefolgt. Sie führt zu einem russischsprachigen Instagram-Account, der das Selenskyj-Bild schon am 20. August 2026 veröffentlicht hatte, also elf Tage vor dem Facebook-Beitrag. In einem weiterverbreiteten Video ist dieser Account laut Lead Stories mit „ИИ“ gekennzeichnet – russisch für KI.
Aufschlussreich ist, was derselbe Account sonst noch zeigt. Laut Lead Stories veröffentlichte er auch angebliche israelische Pässe von Wladimir Putin und Donald Trump. Ausgestellt angeblich am selben Tag wie jene von Selenskyj und seiner Frau. Die Pässe sind also Teil einer ganzen Serie.
Das Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation der ukrainischen Regierung bezeichnet die Pässe als mit KI erstellt. Wir haben beide Bilder selbst mit dem Erkennungsprogramm Hive Detect geprüft. Es stuft den Selenskyj-Pass zu 99,7 Prozent und den Selenska-Pass zu 98,9 Prozent als KI-Bild ein. Als wahrscheinliche Quelle nennt es Gemini, ein KI-Programm von Google. Das passt zu den Ergebnissen anderer Faktencheck-Teams.
Ganz verlassen sollte man sich auf solche Programme trotzdem nicht. Sie irren sich immer wieder, in beide Richtungen. Die Zuordnung zu einem bestimmten KI-Modell ist erst recht nur eine Schätzung. Für unser Ergebnis ist das auch nicht entscheidend: Die Fehler oben sind so oder so da.
Schon wieder dieser Pass?
Wer das Gefühl hat, das alles schon einmal gesehen zu haben, täuscht sich nicht. Angebliche israelische Pässe der Familie Selenskyj tauchen seit Jahren immer wieder auf, jedes Mal etwas anders.
Das Datum 19. Juni 2023 zieht sich also durch. Im Juni 2023 war Olena Selenska tatsächlich in Israel und traf dort das israelische Präsidentenpaar. Die Fälschung knüpft an diesen echten Besuch an. Echt ist auch das Foto, nur stammt es nicht aus einem Pass. Laut den polnischen Faktencheckern von fakenews.pl nutzte schon die Fälschung von 2023 ein Foto aus einem Telegram-Beitrag, den Selenska im April 2023 veröffentlicht hatte. Im neuen „Pass“ von 2026 steckt derselbe Kopf: gleiche Haltung, gleicher Scheitel, gleicher Blick. Nur die Kleidung ist eine andere. Ein echtes Passfoto wird eigens für den Pass gemacht. Hier wurde ein Foto aus dem Internet ausgeschnitten.
Warum ausgerechnet Israel?
Das sagen die Verbreiter nicht. Eine Einordnung lässt sich trotzdem geben. Selenskyj stammt aus einer jüdischen Familie, das ist seit Langem bekannt. Die Fälschungen machen daraus eine angebliche heimliche Treue zu einem anderen Staat. Jüdinnen und Juden zu unterstellen, eigentlich einem anderen Land zu dienen, ist ein altes antisemitisches Muster. Im Beitrag vom April wird das offen ausgesprochen: Dort ist von einem Agenten der „chasarischen Mafia“ die Rede. Die Erzählung von den „Chasaren“ ist ein bekannter antisemitischer Verschwörungsmythos.
Euronews beschreibt das Muster hinter all diesen Beiträgen so: ein gefälschter Pass, ein paar echte Details, ein erfundener Skandal. Ziel sei es, die Ukraine anzugreifen und die Unterstützung ihrer Verbündeten zu schwächen. Ukrainische Behörden haben die Behauptungen gegenüber Euronews zurückgewiesen. Dazu kommt ein rechtlicher Punkt: Seit Jänner 2026 dürfen Menschen in der Ukraine zwar mehrere Staatsbürgerschaften haben, Amtsträger aber laut Euronews weiterhin nicht. Belege dafür, dass Selenskyj oder seine Frau einen israelischen Pass besitzen, haben wir nicht gefunden.
Quellen
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.
