220 Milliarden „verschwunden“? Der angebliche New-York-Times-Bericht über Selenskyj ist erfunden

Die Zahl gibt es wirklich. Warum die Geschichte trotzdem nicht stimmt – und wie der Trick funktioniert.

Die Behauptung

Die „New York Times“ habe berichtet, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe 220 Milliarden Euro an EU-Hilfen gestohlen beziehungsweise das Geld sei in der Ukraine „verschwunden“.

Aufgestellt von: X und Facebook – Beiträge im Stil eines „New York Times“-Berichts, frühester bekannter Beitrag auf X vom 17. September 2026

Faktencheck: Falsch

Die New York Times hat so einen Bericht nie veröffentlicht. Die 220 Milliarden Euro gibt es zwar – als gesamte Hilfe der EU und ihrer Länder seit 2022, nicht als Geld, das verschwunden ist. Einen Beleg für einen Diebstahl durch Selenskyj enthält der Beitrag nicht.

📖Wie wird Desinformation in Konflikten eingesetzt? Antworten finden Sie im Leitfaden Krieg & Konflikt-Desinformation.
Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Der Beitrag sieht aus wie eine Meldung der „New York Times“. Dazu kommt ein Bild: Selenskyj schüttelt einer EU-Politikerin die Hand, vor den beiden stehen Säcke voller Dollar- und Euroscheine. Laut Faktencheckern aus Italien ist das Bild bearbeitet. Geteilt wird der Beitrag auf Facebook und auf X, früher Twitter – auf Englisch, Spanisch und Italienisch. Eine eigene deutsche Version haben wir bisher nicht gefunden. Das hilft aber wenig: Facebook und X übersetzen die Beiträge auf Wunsch automatisch ins Deutsche.

Italienischer Facebook-Beitrag mit automatischer deutscher Übersetzung, der sich auf die New York Times beruft. Darunter ein Bild: Selenskyj schüttelt einer EU-Politikerin die Hand, davor Säcke voller Dollar- und Euroscheine. Name und Profilbild sind unkenntlich gemacht.
Einer der Beiträge, veröffentlicht am 19. September. Name und Profilbild haben wir unkenntlich gemacht. Screenshot: Facebook

Hat die New York Times das geschrieben?

Nein. Die Zeitung hat das selbst klargestellt. Auf ihrer Firmen-Website steht: Sie hat diese Behauptung nie gebracht. Auch das Foto stammt nicht von ihr. Das berichten Faktenchecker aus Italien und Spanien. Die Spanier haben außerdem selbst gesucht und keinen solchen Artikel gefunden.

Warum dann der Name der Zeitung? Ein unbekannter Account, der jemanden des Diebstahls beschuldigt, überzeugt kaum jemanden. Steht aber eine große Zeitung darüber, denken viele: Die haben das sicher geprüft. Die Fälschung leiht sich den guten Ruf der Zeitung aus.

Und woher kommen die 220 Milliarden?

Die Zahl gibt es wirklich. Die EU nennt sie selbst. Sie zeigt, wie viel die EU und ihre Länder der Ukraine seit Kriegsbeginn geholfen haben – zusammengerechnet. Das ist kein Geld, das irgendwann an Selenskyj überwiesen wurde. Es ist eine Summe aus mehr als vier Jahren. Und sie besteht aus ganz verschiedenen Töpfen.

Was in den 220 Milliarden steckt
Hilfe der EU und ihrer Länder für die Ukraine seit Februar 2022.
Geld aus dem EU-Budget – teils geschenkt, teils als Kredit107 Milliarden Euro
Militärhilfe, zum Beispiel Waffen und Ausbildung77 Milliarden Euro
Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine17 Milliarden Euro
Bleibt in der EU: für Wohnungen, Schulen, Ärzte und Kinderbetreuung hier bei uns
Geld und Hilfsgüter von einzelnen EU-Ländern15,5 Milliarden Euro
Gewinne aus gesperrtem russischem Vermögen3,8 Milliarden Euro
Quelle: Rat der EU, Stand 12. August 2026. Insgesamt 220,2 Milliarden Euro, Zahlen gerundet. Grafik: Mimikama

Laut EU-Kommission gibt es für alle Zahlungen Bedingungen, und es wird kontrolliert, wofür das Geld verwendet wird. Ob diese Kontrollen immer funktionieren, ist eine andere Frage. Darüber gibt es echte Berichte.

Gibt es nicht echte Berichte über Korruption?

Ja. Korruption ist in der Ukraine ein echtes Problem. 2025 hat die ukrainische Behörde gegen Korruption einen großen Fall beim staatlichen Atomkraft-Konzern Energoatom aufgedeckt. Firmen sollen dort Schmiergeld gezahlt haben. Laut den Ermittlern geht es um rund 100 Millionen Dollar. Auch die New York Times hat im Dezember 2025 kritisch berichtet: Selenskyjs Regierung habe über Jahre die Kontrolleure in staatlichen Firmen geschwächt. Diese Kontrolleure sollten aufpassen, dass westliches Geld nicht in falsche Hände gerät.

Darin geht es um fehlende Kontrollen und um 100 Millionen Dollar – nicht um 220 Milliarden Euro, die Selenskyj eingesteckt haben soll. Und genau hier liegt der Trick. Wer sich vage an „New York Times, Ukraine, Korruption“ erinnert, hält die Fälschung leicht für diesen Bericht. Wer dann noch die Zahl nachprüft, findet sie bei der EU. Am Ende wirkt die ganze Geschichte bestätigt, obwohl nur die Zahl stimmt.

Wer hat das in die Welt gesetzt?

Faktenchecker aus Italien haben die Spur zurückverfolgt. Der älteste bekannte Beitrag erschien am 17. September 2026 auf X, auf Englisch. Der Account dahinter macht laut den Italienern sonst Stimmung für Russland und gegen die Ukraine. Der Beitrag hat sich weit verbreitet: Als wir ihn gesichert haben, zeigte X mehr als 124.000 Aufrufe und über 1.400 Weiterleitungen an. Wer die Fälschung gebaut hat, ist damit aber nicht geklärt.

Beitrag auf X vom 17. September 2026 mit automatischer deutscher Übersetzung, der sich auf die New York Times beruft. Darunter dasselbe Bild mit Selenskyj, einer EU-Politikerin und Geldsäcken.
Der Beitrag auf X. Screenshot: X
Zum Mitnehmen
Drei Fragen, wenn sich ein Beitrag auf eine Zeitung beruft
  • Steht das wirklich dort?Auf der Website der Zeitung nach der Überschrift suchen. Ein Bild mit Logo ist noch kein Artikel.
  • Was zeigt die Zahl genau?Für welchen Zeitraum? Für wen? Ist das Geld geschenkt oder geliehen?
  • Wer hat es zuerst gepostet?Die Zeitung selbst – oder ein unbekannter Account?


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.