Flüchtlinge ab 75 Quadratmetern: Ein TikTok-Gerücht mit immer neuen Terminen

Auf TikTok heißt es, Menschen mit großen Wohnungen müssten Geflüchtete aufnehmen. Belege dafür gibt es keine – und das Video räumt am Ende selbst ein, dass es nur spekuliert.

Die Behauptung

Ab Oktober 2026 wird in Deutschland eine Regel diskutiert beziehungsweise eingeführt, nach der Menschen pro 75 Quadratmeter Wohnfläche mindestens eine geflüchtete Person bei sich aufnehmen müssen – bei 150 Quadratmetern zwei Personen.

Aufgestellt von: TikTok-Videos

Faktencheck: Falsch

Eine solche Pflicht ist nirgends zu finden – weder als Gesetz noch als Plan der Regierung. Die Videos verbreiten ein älteres Gerücht mit einem neuen Datum.

📖Wie funktioniert Desinformation im politischen Kontext? Antworten finden Sie im Leitfaden Politische Desinformation.
Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Das Video sieht aus wie eine Eilmeldung. Eine Frau steht in einer Art Nachrichtenstudio und erklärt, was angeblich auf Wohnungsbesitzer und Mieter zukommt. Ganz am Ende sagt sie dann selbst: „Das ist noch Spekulation, nicht offiziell bestätigt.“ Bis dahin schauen aber die wenigsten. Die meisten sehen die Schlagzeile und scrollen weiter.

Standbild aus einem TikTok-Video: Eine Frau steht vor einem Studiohintergrund, darüber ein grüner Balken mit dem Text „Ab Oktober: 75 m² für Flüchtlinge – doch Politiker bleiben verschont?“. Gesicht, Kontoname und Profilbild sind verpixelt.
Eines der Videos. Gesicht, Kontoname und Profilbild haben wir verpixelt. Screenshot: TikTok

Wer soll das beschlossen haben?

Die Videos drehen sich um Deutschland. Dort hat das Recherche-Team CORRECTIV nachgesehen. CORRECTIV prüft wie wir Behauptungen aus dem Netz. Das Team hat Zeitungsberichte durchsucht und die Internetseiten der Regierung und von Ämtern. Es fand keinen einzigen Hinweis auf so eine Regel.

Das Video selbst nennt auch nichts, was man nachprüfen könnte. Kein Gesetz, kein Amt, keine Quelle. Einmal heißt es, über die Regel werde „diskutiert“. Kurz darauf heißt es, sie sei schon „geplant“. Was davon soll stimmen?

Warum taucht dieselbe Meldung immer wieder auf?

CORRECTIV fand auf TikTok mehrere Videos mit genau dieser Geschichte. Sie unterscheiden sich fast nur in einem Punkt: dem Datum.

Ein Termin, der nie kommt
Dieselbe angebliche Regel in verschiedenen TikTok-Videos
„Ab Mai“
Eine frühere Version. Der Mai ging vorbei, eine Regel kam nicht.
„Ab 15. September“
Gleiche Geschichte, neues Datum. Wieder kam nichts.
„Ab Oktober 2026“
Die Version, die gerade die Runde macht.
Abgewandelt: Zimmer für Obdachlose
Hier heißt es, wer eine große Wohnung hat, müsse freie Zimmer an Obdachlose vermieten – ob er will oder nicht.
Ist ein Datum vorbei, kommt einfach ein neues.
Quelle: TikTok-Videos, gesammelt und gesichert von CORRECTIV. Stand: 30. September 2026.

So bleibt das Gerücht immer frisch. Wer nur das neueste Video sieht, kennt die alten nicht. Er hält die Geschichte für neu. Dass dieselbe Regel schon zweimal „kommen“ sollte, erfährt er nicht.

Warum jemand solche Videos macht, wissen wir nicht sicher. CORRECTIV vermutet: Mit erschreckenden Meldungen bekommt man viele Klicks. Das Team hat zwei der Konten gefragt, woher sie ihre Information haben. Beide haben nicht geantwortet.

Und die Bilder im Video?

Im Video sieht man Politiker und Menschen auf der Straße. CORRECTIV hat nachgesehen, woher diese Bilder kommen. Dafür gibt es eine besondere Suche im Netz: Man lädt ein Bild hoch und sieht, wo es früher schon aufgetaucht ist.

Was das Video zeigt – und woher es stammt
Drei Szenen aus dem Oktober-Video, zurückverfolgt
Ab Sekunde 19
Kanzler Friedrich Merz trifft den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj
Tatsächlich
Ein Treffen vom Mai 2025. Laut Tagesschau ging es um Waffen für die Ukraine.
Ab Sekunde 35
Ein Bild aus der deutschen Politik
Tatsächlich
Noch älter: aus der Zeit, als Olaf Scholz Kanzler war.
Ab Sekunde 40
Menschen demonstrieren auf der Straße
Tatsächlich
Eine Demo gegen hohe Mieten in Berlin, März 2023.
Keine dieser Szenen zeigt eine Regel zur Aufnahme Geflüchteter.
Quelle: Bildersuche von CORRECTIV. Stand: 30. September 2026.

Bekannte Gesichter wirken wie ein Beweis. Ein Foto von einem Politiker zeigt aber nur, dass es diesen Politiker gibt. Es zeigt nicht, dass er etwas beschlossen hat.

Wo wohnen Geflüchtete in Deutschland wirklich?

Wer neu nach Deutschland kommt, wohnt zuerst in einem großen Heim. Darum kümmert sich das Bundesland. Danach schickt das Land die Menschen in Städte und Gemeinden. Die Gemeinde sucht dann einen Platz für sie: in einem Heim für viele Menschen, in Wohncontainern oder in einer Wohnung, die die Gemeinde mietet.

Wohnungen sind dabei sogar sehr häufig. Das zeigt eine Umfrage unter Gemeinden aus dem Jahr 2024. In 62 von 100 Gemeinden, die geantwortet haben, wohnten die meisten Geflüchteten in Wohnungen. Diese Wohnungen mietet die Gemeinde an – niemand muss dafür sein eigenes Zuhause teilen. Darüber berichtet die Bundeszentrale für politische Bildung, eine staatliche Stelle in Deutschland.

Manche Menschen nehmen Geflüchtete trotzdem bei sich auf, weil sie helfen wollen. Wer zur Miete wohnt, muss dafür bei einem längeren Aufenthalt sogar den Vermieter fragen. Darauf weist zum Beispiel der Berliner Mieterverein hin.

Warum funktioniert gerade diese Geschichte?

Viele Menschen machen sich Sorgen um Wohnungen und Mieten. Viele beschäftigt auch das Thema Migration. Diese Geschichte verbindet beides – und fügt noch die Angst hinzu, dass der Staat in die eigene Wohnung eingreift. Im Video steht außerdem groß: „Doch Politiker bleiben verschont?“ Das soll zusätzlich wütend machen. Belege dafür liefert das Video nicht. Wer sich ärgert oder Angst hat, teilt schneller. Oft geschieht das aus gutem Willen: Man will andere warnen.

Zum Mitnehmen
Drei Fragen bei angeblichen neuen Gesetzen
  • Steht es in der Zeitung?Ein neues Gesetz für alle Wohnungen wäre in jeder Zeitung und in den Nachrichten. Findet man es dort nicht, ist Vorsicht angebracht.
  • Gibt es ältere Versionen?Einfach die Behauptung in eine Suchmaschine eingeben. Dann sieht man, ob es dieselbe Meldung früher schon mit einem anderen Datum gab.
  • Wer hat das Video gemacht?Ein bekanntes Nachrichtenmedium oder ein unbekanntes Konto ohne Namen und ohne Quellen?

Quellen

FAKTENCHECK
BEHÖRDE
Bundeszentrale für politische Bildung
27. April 2026
NGO
Berliner Mieterverein
Ohne Datumsangabe


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.