Pensionisten müssten Pfandflaschen sammeln, während Israelis angeblich hohe staatliche Förderungen bekämen. Diese Behauptung fanden wir unter Beiträgen von Parteien, Medien und öffentlichen Personen auf Facebook und Instagram – teils Wort für Wort, teils leicht abgewandelt. Oft wechselte nur der Name über dem Text. Am 8. Oktober 2026 dokumentierten wir in rund einer Stunde 37 Profile aus dieser Kommentarserie. Wie viele es insgesamt sind, wissen wir nicht: Gezählt haben wir nur, was wir selbst belegen konnten.
Eine Meldung, fünf fast gleiche Kommentare
Am Anfang standen Screenshots, die uns eine Person schickte. Unter dem FPÖ-Beitrag vom 4. Oktober waren mehrere Kommentare fast wortgleich, aber jeweils unter einem anderen Namen veröffentlicht. Manche Konten verwendeten eine zweite, ebenfalls gleichlautende Variante. Wer uns den Hinweis geschickt hat, nennen wir nicht.
Wir haben markante Satzteile gesucht, die Fundstellen geöffnet und Profilnamen sowie Formulierungen verglichen. Aus den ersten paar Konten wurde so innerhalb von etwa einer Stunde eine Arbeitsliste mit 37 Profilen. Bei 36 davon liegt ein einschlägiger Kommentar vor, bei einem war der Text nur teilweise sichtbar.
Eine Stunde – ohne jeden Spezialzugang
Für diese Recherche brauchten wir nichts, was nicht jeder hat. Wir nutzten Google-Suchen, öffentlich sichtbare Beiträge und Kommentarbereiche auf Facebook und Instagram sowie öffentlich einsehbare Profilangaben. Auf interne Daten von Meta hatten wir keinen Zugriff, ebenso wenig auf technische Informationen, mit denen sich die Betreiber der Konten identifizieren ließen.
Gezählt haben wir nur Profile, deren Kommentare wir direkt dokumentiert haben – per Screenshot, Link oder kopiertem Text. Bloße Google-Treffer sind nicht mitgezählt, sie dienten uns nur als Spur zu weiteren Fundstellen. Die Zahlen beschreiben also eine Arbeitsliste aus einer Stunde, keine Gesamtzahl. Die tatsächliche Zahl kann höher sein.
So funktioniert die Vorlage
Die Kommentare folgen fast immer demselben Bauplan. Zuerst kommt etwas, dem viele zustimmen würden: Altersarmut, Menschen, die im Alter jeden Cent umdrehen müssen. Dann folgt der Schwenk zu einer angeblichen Bevorzugung von Juden oder Israelis bei staatlichen Förderungen. Für diese Behauptung nennen die Kommentare weder Programme noch Beträge noch irgendeinen Nachweis. Außerdem werfen sie jüdische Menschen und israelische Staatsangehörige in einen Topf.
„Ein Leben lang arbeiten und im Alter trotzdem jeden Cent umdrehen müssen – das darf nicht normal sein. Gleichzeitig bekommen 🧃 teils hohe staatliche Förderungen.“
Warum die Saftpackung? Im antisemitischen Online-Milieu steht 🧃 als Code für Juden – das englische „juice“ klingt wie „Jews“. Die Anti-Defamation League beschreibt diesen Gebrauch ausdrücklich. In unserem Material ist der Bezug eindeutig, weil andere Fassungen derselben Erzählung „Juden“ oder „Israelis“ ausschreiben. Das Emoji allein wäre noch kein Beweis.
Nicht alle Fassungen verstecken sich hinter einem Code. In den Google-Suchergebnissen unserer Recherche tauchen auch offenere Varianten derselben Erzählung auf. Dort ist ausdrücklich von „Juden“ und „Israelis“ die Rede, teils auch von „radikalen Juden“, „jüdischen Terroristen“ oder „terroristischen Israelis“.
Vom Oktoberfest bis zum Fußballtrikot
Was diesen Fund so auffällig macht: Die Vorlage taucht unter Beiträgen auf, die mit Pensionen oder Förderungen nichts zu tun haben.
- FPÖHartberger Oktoberfest
- Kronen ZeitungSPÖ-Führungsdebatte
- eXXpressSPÖ-Führungsdebatte
- HeutePolizei-Großeinsatz
- oe24 (Instagram)teuer verkauftes Harry-Kane-Trikot
- Danielle SperaNEWS-Magazin zum Thema „Jüdisches Leben 2026“
- Die PresseKickl beim FPÖ-Frühschoppen in Hartberg
- Alexander Van der Bellenschwache Obsternte
Unter dem Beitrag von Danielle Spera standen gleich mehrere Fassungen der Erzählung untereinander. Dort passt der Bezug zwar zum Thema. Entscheidend ist aber, dass dieselben Muster zur gleichen Zeit auch unter völlig sachfremden Beiträgen erschienen.
Wie breit die Vorlagen gestreut sind, zeigte sich schon bei einfachen Google-Suchen. Wir suchten nach markanten Begriffen aus den Kommentaren und schränkten die Suche auf Facebook ein. Die Treffer führten uns zu weiteren Beiträgen, unter denen dieselben Textbausteine angezeigt wurden.
Wer kommentiert da?
Einige Profile geben öffentlich Wohnorte weit außerhalb Österreichs an – in den USA, in Bangladesch, in Thailand. Wir haben diese Angaben nicht überprüft. Sie sagen nichts Verlässliches darüber, wer die Konten tatsächlich betreibt. Ein ausländischer Wohnort, ein fremder Name oder ein gesperrtes Profil beweisen keine Täuschung. Auffällig ist etwas anderes: dass Konten mit Sitz in Minnesota oder Udon Thani wortgleich über österreichische Pensionen schreiben.
Öffentlich angegebene Orte – ausgewählte Beispiele
| Profil | Angabe im Profil | Geprüft? |
|---|---|---|
| Profil A | Marshall, Minnesota, USA | nein |
| Profil B | Seattle; Herkunft San Germán, Puerto Rico | nein |
| Profil C | Rajshahi, Bangladesch | nein |
| Profil D | Udon Thani, Thailand | nein |
Keine Länderstatistik und keine Aussage darüber, wer die Profile betreibt. Namen haben wir nicht veröffentlicht, weil auch gekaperte Konten realer Personen betroffen sein könnten.
Die zweite Serie: „dein Mann“ unter einem KI-Artikel
Parallel fielen uns in zwei Kommentarbereichen von eXXpress 15 weitere Konten auf. Sie wiederholen in leicht abgewandelten Sätzen eine Anschuldigung gegen Alexander Schütz im Zusammenhang mit Jeffrey Epstein. Mehrere sprechen dabei jemanden direkt mit „dein Mann“ an – auch unter einem Nachrichtenbeitrag über künstliche Intelligenz, wo diese Anrede keinerlei Sinn ergibt. Das spricht stark für eine wiederverwendete Vorlage. Die Anschuldigung selbst haben wir nicht geprüft, wir geben sie hier nicht als Tatsache wieder. Beide Stränge haben wir getrennt ausgewertet. In unserer Arbeitsliste taucht kein Profil in beiden Serien auf. Eine gemeinsame Quelle ist damit aber nicht ausgeschlossen.
✓ Das ist belegt
- Dieselben oder fast gleiche antisemitische Texte erscheinen unter unterschiedlichen Namen.
- Sie tauchen auf Facebook und Instagram auf, unter Partei-, Medien- und Politikerseiten.
- Oft haben sie mit dem kommentierten Beitrag nichts zu tun.
- Für die behaupteten Förderungen nennen sie keinen einzigen Nachweis.
? Das ist offen
- Wer die Konten betreibt – Menschen, Bots oder gekaperte Accounts.
- Ob es einen gemeinsamen Auftraggeber gibt.
- Ob die beiden Serien zusammenhängen.
- Wie viele Menschen die Kommentare gesehen haben und ob Meta eingegriffen hat.
- Für eine Beteiligung einer Partei oder der Seitenbetreiber gibt es keinen Beleg. Dass ein Kommentar unter einem Beitrag steht, heißt nicht, dass die Seite ihn verfasst, beauftragt oder unterstützt hat.
Warum Copy-Paste-Kommentare wirken können
Wer eine Kommentarspalte liest, zählt unbewusst mit. Schreiben zehn verschiedene Namen dasselbe, wirkt das wie eine verbreitete Meinung, die unabhängig voneinander entstanden ist. Ist so etwas organisiert, spricht man von Astroturfing. Ob das hier zutrifft, können wir nicht sagen – wohl aber, dass der Eindruck entsteht.
Dazu kommt die Wiederholung. Gordon Pennycook, Tyrone D. Cannon und David G. Rand zeigten 2018 in Experimenten, dass eine falsche Schlagzeile glaubwürdiger wirkt, wenn man ihr schon einmal begegnet ist. Das lässt sich nicht eins zu eins auf Facebook-Kommentare übertragen. Es erklärt aber, warum eine unbelegte Behauptung an Gewicht gewinnen kann, je öfter sie auftaucht. Und schließlich kapern solche Kommentare Diskussionen: Wer unter einem Bericht über ein Fußballtrikot plötzlich über angebliche Förderungen für Israelis liest, hat die eigentliche Debatte schon verlassen. Ob das in diesem Fall Einstellungen verändert hat, lässt sich ohne Reichweiten- und Wirkungsdaten nicht beurteilen.
Kurz erklärt
- Astroturfing
- Organisierte Unterstützung, die wie spontane Meinung aus der Bevölkerung aussehen soll. Benannt nach einer Kunstrasen-Marke.
- Illusory-Truth-Effekt
- Was man öfter hört oder liest, hält man eher für wahr – auch wenn es falsch ist.
- Coordinated Inauthentic Behavior
- So nennt Meta verdeckte Netzwerke, die mit falschen Konten gezielt täuschen. Für diesen Nachweis reichen Textübereinstimmungen allein nicht aus.
Ein Muster ohne Absender
Die Kommentare bedienen ein altes antisemitisches Feindbild: Eine angeblich bevorzugte jüdische Gruppe wird für die Not anderer verantwortlich gemacht. Dieses Motiv findet sich auch in extrem rechten Erzählungen. Über die politische Haltung einzelner Kommentierender sagt das trotzdem nichts aus. Denkbar ist eine organisierte Aktion genauso wie Menschen, die Texte aus denselben Gruppen übernehmen, oder missbrauchte Konten.
Bemerkenswert ist, wie wenig es brauchte, um das sichtbar zu machen: eine Meldung, ein paar Screenshots, eine Stunde gezielte Suche mit öffentlichen Mitteln. Meta hat als Plattformbetreiber ganz andere technische Möglichkeiten. Ob die Kommentare dort automatisch erkannt, von Nutzern gemeldet oder bereits moderiert wurden, wissen wir nicht. Zum Zeitpunkt unserer Dokumentation waren sie jedenfalls öffentlich auffindbar.
Unsere Fragen an Meta
- Erkennen Facebook und Instagram nahezu wortgleiche antisemitische Kommentare, die von verschiedenen Konten unter sachfremden Beiträgen erscheinen, als mögliches Spam- oder Manipulationsmuster?
- Welche Rolle spielen Wiederholung und leicht abgewandelte Varianten bei der Erkennung?
- Wie geht Meta mit Kommentaren um, die einzeln weniger auffallen als in ihrer Gesamtheit?
Für alle, die Kommentarspalten lesen, bleibt eine einfache Erkenntnis: Zehn ähnlich klingende Kommentare sind nicht zehn unabhängige Meinungen.
So erkennst du Copy-Paste-Kommentare
- Passt der Kommentar zum Beitrag? Pensionen unter einem Fußballtrikot sind ein Warnsignal.
- Satz in die Suche kopieren. Einen auffälligen Teil in Anführungszeichen suchen – taucht er öfter auf, ist er vermutlich eine Vorlage.
- Nicht mitdiskutieren, sondern melden. Antisemitische Kommentare über die Meldefunktion der Plattform als Hassrede melden.
- Uns Bescheid geben. Diese Recherche begann mit einer einzigen Meldung. Melden geht auch ohne Account: mitmachen.mimikama.org – denn Tausende sehen mehr als drei.
Quellen
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
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