Gefälschte Medienberichte: Wenn uns der Vorwurf gerade recht kommt

Ein neuer CeMAS-Bericht dokumentiert Medienfälschungen bei deutschen Regionalwahlen. Aus Mimikama-Sicht stellt sich auch die Frage: Wie genau prüfen wir Vorwürfe, die zur eigenen Meinung passen?

Das Wichtigste in Kürze

Worum geht es?
Ein CeMAS-Bericht vom 29. Oktober 2026 dokumentiert gefälschte Medienberichte rund um deutsche Regionalwahlen. Wir ordnen ein, was die Methode für den Umgang mit politisch passenden Vorwürfen bedeutet.

Was haben wir herausgefunden?
CeMAS erfasste bei Operation Overload 196 gefälschte Videos und 20 Titelseiten, bei Doppelgänger 72 Beiträge mit Wahlbezug. Die Fälschungen übernehmen die Aufmachung bekannter Medien. Eine Wirkung auf Wahlentscheidungen ist damit nicht nachgewiesen.

Wo liegt die Gefahr?
Ein vertrautes Logo und hohe Aufrufzahlen können eine Prüfung nicht ersetzen. Das gilt gerade dann, wenn ein Vorwurf die eigene politische Meinung bestätigt.

„Dem würde ich das sofort zutrauen.“ Als Reaktion auf einen politischen Skandal mag der Satz verständlich sein. Zur Prüfung, ob der Skandal überhaupt stattgefunden hat, trägt er nichts bei. Genau diese Unterscheidung lohnt sich bei den gefälschten Medienberichten, die CeMAS im neuen Bericht „Wahlen im Visier“ untersucht: Ein Vorwurf kann zum eigenen Bild eines Politikers passen und trotzdem vollständig erfunden sein.

Die Untersuchung von Julia Smirnova und Anna Meyer erschien am 29. Oktober 2026. Sie führt Aktivitäten mehrerer von CeMAS Russland zugerechneter Kampagnen rund um die Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sowie die Kommunalwahlen in Niedersachsen zusammen. Für uns bei Mimikama ergibt sich daraus auch eine Frage an die eigene Leserschaft: Prüfen wir eine Geschichte ebenso sorgfältig, wenn sie jemanden trifft, den wir selbst ablehnen?

Ein Logo ist noch keine Redaktion

Bei Operation Overload, auch als Matryoshka bekannt, dokumentierte CeMAS vom 30. Juni bis zum 16. September 196 gefälschte Videos mit Medienlogos und 20 nachgeahmte Titelseiten mit Deutschlandbezug. Die Forschenden ordnen das Material der Kampagne mit hoher Wahrscheinlichkeit zu. Es enthält erfundene Vorwürfe gegen Politiker und Parteien sowie Falschbehauptungen über Wahlbetrug.

Die nachgeahmte Gestaltung soll den Eindruck journalistischer Arbeit erzeugen. Ein Logo steht normalerweise für eine Redaktion, die einen Beitrag verantwortet und für Rückfragen erreichbar ist. In einer solchen Fälschung wird das Zeichen übernommen, ohne dass diese Redaktion den Inhalt veröffentlicht hat. Wer nur die Gestaltung erkennt, hat den tatsächlichen Absender noch nicht geprüft.

Darin liegt ein bemerkenswerter Widerspruch: Selbst wer einem bestimmten Medium misstraut, müsste konsequenterweise erst klären, ob der angebliche Beitrag überhaupt von dort stammt. Ihn ungeprüft zu teilen, weil der Vorwurf gerade recht kommt, würde den eigenen Anspruch an Quellenprüfung unterlaufen. Ob und wie häufig Menschen in dieser Untersuchung so reagierten, hat CeMAS nicht gemessen. Das ist unsere Einordnung einer Schwachstelle, die wir beim Lesen selbst überprüfen können.

Auch ein echter Link kann falsch eingesetzt werden

Die zweite Kampagne, Doppelgänger, nutzt unter anderem nachgebaute Nachrichtenseiten. CeMAS erfasste zwischen dem 28. Juli und dem 14. September 72 Posts auf X mit Bezug zu den Landtagswahlen oder politischen Parteien in Deutschland. Rund 72 Prozent davon verlinkten auf gefälschte Auftritte in der Optik von Welt oder Spiegel. Ein Viertel führte dagegen zu echten Medienartikeln, mit denen die Botschaft des Posts gestützt werden sollte.

Für die Prüfung ergeben sich daraus zwei verschiedene Aufgaben. Zuerst muss die Internetadresse tatsächlich zum behaupteten Medium gehören. Führt sie zu einem echten Artikel, ist anschließend zu lesen, was dort steht: Belegt der Text den Vorwurf im begleitenden Post überhaupt? Die Echtheit einer Website bestätigt noch nicht jede Behauptung, die jemand mit einem Link darauf verbindet.

Die Aufmerksamkeit wird gleich mit inszeniert

Auch sichtbare Zustimmung verdient einen zweiten Blick. CeMAS beschreibt bei Operation Overload und Doppelgänger künstlich erhöhte Aufruf- und Interaktionszahlen. Zugleich fanden sich bei der Überprüfung kaum authentisch wirkende Reaktionen oder Hinweise auf unabhängige Weiterverbreitung. Die Forschenden schätzen die organische Reichweite deshalb deutlich geringer ein, als die Plattformzahlen vermuten lassen.

Damit wird neben dem Medienbericht auch dessen scheinbare Popularität hergestellt. Für unsere Bewertung einer Nachricht ist die angezeigte Zahl jedoch kein Echtheitsbeleg. Bei der ebenfalls untersuchten Kampagne Storm-1516 dokumentiert CeMAS auch Verbreitung durch reichweitenstarke Accounts und auf weiteren Plattformen. Sämtliche Aufmerksamkeit als künstlich abzutun, wäre daher ebenfalls falsch.

Warum wir nicht jeden erfundenen Skandal nacherzählen

Operation Overload betrifft die Arbeit von Faktencheck-Redaktionen unmittelbar. Laut CeMAS wurden Links zu solchen Beiträgen gezielt an eine dänische Faktencheckorganisation geschickt. Die Forschenden vermuten dahinter den Versuch, Redaktionen zu beschäftigen und über die Widerlegung zusätzliche Öffentlichkeit für die Vorwürfe zu bekommen.

Für uns stellt sich deshalb bei der Berichterstattung eine Auswahlfrage: Braucht eine konkrete Behauptung einen eigenen Faktencheck, oder hilft es den Lesern mehr, das übergreifende Vorgehen zu erklären? In diesem Artikel verzichten wir darauf, einzelne Betroffene mit den erfundenen Anschuldigungen zusammenzubringen. Das Muster lässt sich auch ohne diese Wiederholung nachvollziehen. Daraus folgt keine allgemeine Absage an Faktenchecks; eine bereits verbreitete Falschbehauptung kann eine klare öffentliche Richtigstellung brauchen.

Das Vorgehen selbst haben wir bereits im Mimikama-Beitrag über Matrjoschkas gefälschte Medienvideos beschrieben. Neu sind die zusammengeführte Untersuchung und der erweiterte dokumentierte Umfang. Das gesamte Monitoring reicht vom 30. Juni bis zum 21. September, wobei einzelne Auswertungen engere Zeitfenster haben. Es erfasst zuordenbare Aktivitäten bekannter Akteure und ist keine Vollerhebung aller Fälschungen. Ebenso wenig misst es, wer deshalb anders gewählt hat.

Für den nächsten empörenden Clip bleibt eine konkrete Handlung: Die Meldung beim angeblichen Medium selbst suchen. Fehlt sie dort, ist ihre Herkunft ungeklärt und es gibt guten Grund, sie vorerst nicht weiterzuschicken. Gerade wenn der erste Gedanke „Das habe ich mir eh gedacht“ lautet, verdient die Quelle dieselbe Prüfung wie bei einer unerwünschten Nachricht.

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