Gefälschte Medienvideos im Wahlkampf: Wie „Matrjoschka“ fremde Logos benutzt

Clips im Look von Tagesschau, ZDF oder Spiegel verbreiten schwere Vorwürfe gegen Kandidaten – jetzt auch auf Landes- und Kommunalebene. Was bekannt ist und wie man die Fälschungen erkennt.

Wie funktioniert Desinformation im politischen Kontext? Antworten finden Sie im Leitfaden Politische Desinformation.

Das Video sieht aus wie ein Beitrag der Tagesschau. Oder vom ZDF, vom Spiegel, vom MDR. Oben prangt das bekannte Logo, darunter das Foto einer Politikerin oder eines Politikers, dazu dramatische Musik und eine Zeile mit einem schweren Vorwurf. Nur hat die Redaktion, deren Logo da zu sehen ist, diesen Beitrag nie produziert.

Solche Clips kursieren seit dem Sommer rund um die Wahlen in Deutschland. Sachsen-Anhalt hat am 6. September gewählt, am kommenden Sonntag, dem 20. September, folgen die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Sicherheitsbehörden und Forschende ordnen einen großen Teil des Materials einer Kampagne zu, die unter mehreren Namen bekannt ist: „Matrjoschka“, „Operation Overload“ oder „Storm-1679“. Neu ist diesmal, wen es trifft: nicht mehr nur Spitzenpolitiker, sondern auch Kandidatinnen und Kandidaten auf Landes- und Kommunalebene.

Kurz gesagt
Das Wichtigste in drei Punkten
  • Gefälschte Kurzvideos und Titelseiten mit kopierten Logos bekannter Medien verbreiten schwere Vorwürfe gegen Politikerinnen und Politiker. Bei den ausgewerteten Vorwürfen fand der MDR keinen Hinweis darauf, dass sie zutreffen könnten.
  • Betroffen sind laut MDR und CeMAS vor allem Kandidaten von CDU, SPD, Grünen, Linken und FDP – erstmals auch auf Landes- und Kommunalebene.
  • Die echte Reichweite ist nach Einschätzung der Forschenden gering. Wer die Clips weiterschickt, auch um sie zu widerlegen, erhöht sie trotzdem.

Ein Nachrichtenbeitrag, den keine Redaktion gemacht hat

Das Rezept ist seit Jahren dasselbe, nur die Ziele wechseln. Die Fotos der betroffenen Politiker stammen laut einer Auswertung des Forschungsinstituts CeMAS aus früherer Berichterstattung, aus sozialen Medien oder anderen öffentlichen Quellen. Darunter liegt dramatische Musik oder eine KI-generierte Stimme, die wie eine Nachrichtensprecherin klingt. In mehreren Videos tauchen außerdem erfundene Zitate von Journalisten oder Behördenvertretern auf, etwa der Berliner Polizeipräsidentin, die den Vorwurf scheinbar bestätigen sollen. Laut MDR sind die Beiträge häufig KI-generiert, oft auf Englisch und durchgehend auf Empörung angelegt.

Missbraucht werden die Marken von Spiegel, ZEIT, ZDF, tagesschau.de, WELT, BILD, Handelsblatt, Deutscher Welle, t-online, Stern und MDR – teils also genau jene Medien, die selbst über die Kampagne berichtet haben. Dazu kommen gefälschte Titelseiten von Tageszeitungen. Das Logo ist dabei das eigentliche Werkzeug. Laut Sicherheitsbehörden soll es den Fälschungen möglichst viel Glaubwürdigkeit verleihen: Ein Vorwurf von einem unbekannten Konto wirkt dubios, derselbe Vorwurf im Look einer Nachrichtensendung wirkt wie etwas, das eine Redaktion geprüft hat.

So ist ein gefälschtes Medienvideo gebaut
Diese Bausteine beschreiben CeMAS und MDR bei der Kampagne „Matrjoschka“.
1
Das Logo
Kopiert von einem bekannten Medium, damit der Clip wie ein echter Bericht wirkt.
2
Das Gesicht
Ein echtes Foto aus früheren Berichten oder aus sozialen Medien.
3
Der Ton
Dramatische Musik oder eine KI-Stimme im Stil einer Nachrichtensprecherin.
4
Der Vorwurf
Schwer und persönlich: Korruption, Betrug, Gewalt, Suchterkrankung.
5
Die Bestätigung
Ein erfundenes Zitat von Journalisten oder Behörden, das den Vorwurf stützen soll.
Keines dieser Merkmale beweist für sich eine Fälschung – auch echte Beiträge haben Logos und Musik. Entscheidend ist, ob das Medium den Beitrag selbst veröffentlicht hat.
Quellen: CeMAS (4. September 2026), MDR (17. August 2026). Grafik: Mimikama

Diesmal trifft es auch die zweite Reihe

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat im August vor der Kampagne gewarnt. In einem Papier, das dem MDR vorliegt, heißt es: „2026 stehen erstmals auch Landespolitiker und sogar Kommunalpolitiker im Fokus der ausländischen Informationsmanipulation.“ Der Nachrichtendienst spricht von einer „neuen Qualität“. CeMAS hat zwischen dem 30. Juni und dem 28. August 141 unterschiedliche Videos mit Bezug zu den deutschen Wahlen dokumentiert, die mit hoher Wahrscheinlichkeit der Kampagne zuzuordnen sind, und darin Falschbehauptungen über insgesamt 53 Politikerinnen und Politiker gezählt. Die Vorwürfe reichen laut CeMAS und MDR von Korruption und Betrug über Drogen und Gewalt bis zu Sexualstraftaten und Mord.

Wir nennen hier bewusst keinen einzigen Namen und wiederholen keinen der Vorwürfe. Warum, steht weiter unten.

Einen Einblick in die Verteilung gibt ein Datensatz des anonymen russischen Kollektivs „Antibot4Navalny“, der dem MDR vorliegt. Er erfasst seit dem 24. Juli insgesamt 338 Beiträge, der Stand der MDR-Auswertung ist Mitte August. In mehr als einem Viertel davon geht es um die CDU oder ihre Politiker, 65 Beiträge zielen auf die Grünen, 41 auf die SPD, rund ein Dutzend auf die FDP und drei auf die CSU. CeMAS nennt zusätzlich Kandidaten der Linken. Beiträge über AfD oder BSW sind dem MDR bislang nicht bekannt. Der Verfassungsschutz schreibt dazu, betroffen seien „insbesondere Politikerinnen und Politiker von Parteien, die politische Positionen vertreten, die nicht im Sinne der strategischen Interessen der Russischen Föderation sind“. Einen Hinweis darauf, dass AfD oder BSW mit der Kampagne selbst etwas zu tun hätten, enthalten die ausgewerteten Berichte nicht.

Ost gegen West, Promis und angeblicher Wahlbetrug

Nicht jeder Clip richtet sich gegen eine bestimmte Person. Laut Verfassungsschutz zielen die Wellen seit Ende Juni darauf, eine Spaltung zwischen Ost- und Westdeutschland zu befeuern, im August erschienen zahlreiche Beiträge unter dem Hashtag „TimeToDivideGermany“. Im MDR-Datensatz betrifft das 107 der 338 Beiträge. CeMAS beschreibt dazu Audio-Deepfakes: Echte Videos internationaler Prominenter, die ursprünglich von der Plattform Cameo stammen, wurden mit einer mutmaßlich KI-generierten Tonspur versehen, in der die Personen angeblich zur Teilung Deutschlands aufrufen.

Andere Clips behaupten einen angeblich geplanten Wahlbetrug in Sachsen-Anhalt. Wieder andere drehen den Spieß um und stellen die Berichte über „Matrjoschka“ selbst als Desinformationskampagne einer Partei dar – diesmal auch mit kopierten Logos deutscher Regierungsstellen. Ganz neu ist das alles nicht. Dieselbe Kampagne hat laut MDR und CeMAS in den vergangenen Jahren bereits Falschinformationen über die Ukraine, die Olympischen Spiele in Frankreich und Wahlen in Polen, Moldau und Armenien verbreitet.

18 Millionen Aufrufe, die kaum jemand gesehen hat

Auf dem Papier sieht die Kampagne gewaltig aus. CeMAS hat 141 Beiträge auf X ausgewertet, die gefälschte Videos enthielten und Medienorganisationen markierten: zusammen 36.515 Reposts und mehr als 18 Millionen Aufrufe laut Plattformzählung. Diese Zahlen sind nach Einschätzung von CeMAS künstlich aufgeblasen und sagen nichts über die tatsächliche Reichweite aus. Die organische Reichweite sei sehr gering. „Antibot4Navalny“ misst laut MDR im Schnitt einige hundert Ansichten pro Beitrag und schätzt, dass ein Großteil davon auf Faktenchecker, Forschende und Behörden entfällt.

Plattformen löschen solche Konten laut Verfassungsschutz inzwischen häufiger, wenn Behörden sie melden, auf X waren viele Clips laut Tagesspiegel bereits wieder verschwunden. Entwarnung ist das trotzdem keine. In den USA erreichten einzelne Videos der Kampagne erhebliche Reichweite, nachdem große Accounts sie weiterverbreitet hatten. Und „Matrjoschka“ ist nicht allein: Eine zweite Kampagne namens „Storm-1516“ arbeitet ebenfalls mit Medienlogos, setzt aber auf ein Netz aus reichweitenstarken Accounts und Influencern. Deshalb gilt auch: Nicht jedes gefälschte Video mit Medienlogo stammt automatisch von „Matrjoschka“.

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Warum wir die Clips nicht einzeln widerlegen

Ein Detail aus der CeMAS-Analyse betrifft Redaktionen wie unsere direkt. Die Kampagne postet ihre Videos gezielt als Antwort unter Beiträge von Medien, Faktencheck-Teams und Journalisten. Links zu den Clips werden außerdem per E-Mail an Faktencheck- und Medienorganisationen verschickt, CeMAS liegen solche Mails an eine dänische Faktencheck-Redaktion vor. Das Ziel ist laut CeMAS doppelt: Die Teams sollen mit einer Flut an Hinweisen beschäftigt werden, und jede Widerlegung trägt die ursprüngliche Behauptung noch einmal weiter. So kann der Eindruck entstehen, die Kampagne sei viel erfolgreicher, als sie ist.

Für eine Faktencheck-Redaktion ist das eine unangenehme Lage. Ein eigener Artikel zu jedem Clip, der vorher ein paar hundert Aufrufe hatte, würde genau das liefern, worauf die Kampagne setzt. Deshalb erklären wir hier das Muster, zeigen keine Videos und nennen keine Betroffenen.

Wer steckt dahinter?

Hier lohnt sich eine genaue Formulierung. Julia Smirnova von CeMAS sagte dem MDR, die Kampagne werde „mit großer Wahrscheinlichkeit Russland zugerechnet. Wir wissen aber nicht genau, welches Unternehmen oder welche Organisation mutmaßlich dahintersteckt.“ Microsoft bezeichnet „Storm-1679“ als russischen Einflussakteur, die französische Behörde Viginum und der Europäische Auswärtige Dienst sprechen von einer prorussischen Kampagne. Frühere Berichte der Clemson University und der schwedischen Behörde für psychologische Verteidigung sehen Indizien für eine Verbindung zu den russischen Firmen Social Design Agency und Struktura, die im Auftrag der russischen Präsidialverwaltung Einflusskampagnen betreiben sollen.

Ein formales nationales Attributionsverfahren, mit dem die Bundesregierung eine Kampagne offiziell einem Staat zuordnet, gibt es für „Matrjoschka“ laut MDR bislang nicht. Anders bei „Storm-1516“: Diese Kampagne hat die Bundesregierung im Dezember 2025 öffentlich Russland zugeschrieben. Die vorsichtige Formulierung bei „Matrjoschka“ ist also keine Verharmlosung, sondern der aktuelle Stand der Belege.

Wenn so ein Video in der Timeline landet

Die gute Nachricht: Für die Abwehr braucht es keine Forensik-Software. Die meisten dieser Fälschungen fallen durch, sobald man sie mit dem Medium abgleicht, dessen Logo sie tragen.

Ein verdächtiges Medienvideo? So geht man vor
1
Beim Medium selbst nachsehen
Die Meldung auf der Website oder den offiziellen Kanälen des Mediums suchen, dessen Logo im Video steht. Ein schwerer Vorwurf, den nur ein Clip auf X kennt, ist ein deutliches Warnsignal.
2
Den Absender anschauen
Ein neues Konto oder eines, das jahrelang still war und plötzlich Politik postet, nennt CeMAS als typisches Warnsignal.
3
Auf Machart und Sprache achten
Ungewohnte Sprache, fehlende Quellen, dramatische Inszenierung. Vom professionellen Aussehen allein sollte man nicht auf Echtheit schließen.
4
Nicht weiterschicken
Auch nicht, um sich darüber aufzuregen oder es zu widerlegen. Wer möchte, meldet den Beitrag direkt bei der Plattform.
Ein einzelnes Warnsignal ist kein Beweis für eine Fälschung. Kein Treffer beim Medium selbst ist aber Grund genug, den Clip nicht zu teilen.

Eine Kampagne mit künstlich aufgeblasenen Zahlen ist darauf angewiesen, dass echte Menschen ihre Arbeit übernehmen: teilen, kommentieren, sich empören. Dass die Methode an keinem Wahltermin hängt, zeigt ihre Vorgeschichte. Nach dem Wahlsonntag ist sie also nicht automatisch vorbei.

Zum Mitnehmen
Drei Fragen bei Videos mit Medienlogo
  • Hat das Medium das wirklich veröffentlicht?Ein Logo im Video beweist das nicht. Die Website des Mediums schon eher.
  • Warum sehe ich das von diesem Konto?Unbekannte oder lange stille Accounts sind bei solchen Kampagnen typisch.
  • Würde ich es auch glauben, wenn es jemanden träfe, den ich wähle?Schwere Vorwürfe verdienen dieselbe Skepsis – egal, gegen wen sie sich richten.
Gefälschte Medienvideos sind darauf gebaut, dass man sie weiterschickt. Wer das nicht tut, nimmt ihnen ihr wichtigstes Werkzeug.

Quellen


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
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